Mittwoch, 11. Januar 2023

Gedanken und Gefühle

 



"Oft genug habe ich im Lauf meines Lebens getan, wofür ich mich nicht entschieden hatte, und nicht getan, wofür ich mich entschieden hatte. Es, was immer es sein mag, handelt; es fährt zu der Frau, die ich nicht mehr sehen will, macht gegenüber dem Vorgesetzten die Bemerkung, mit der ich mich um Kopf und Kragen rede, raucht weiter, obwohl ich mich entschlossen habe, das Rauchen aufzugeben, und gibt das Rauchen auf, nachdem ich eingesehen habe, dass ich Raucher bin und bleiben werde. Ich meine nicht, dass Denken und Entscheiden keinen Einfluss auf das Handeln hätten. Aber das Handeln vollzieht nicht einfach, was davor gedacht und entschieden wurde. Es hat seine eigene Quelle. Das Schreibt Bernhard Schlink in „Der Vorleser“
Was Schlink hier beschreibt kennen wir alle.
Wir haben eine Entscheidung getroffen, wir haben eine Absicht, wir haben einen Willen und wir handeln dagegen.
„Es“ handelt dagegen.
»Es« nennt Schlinks Erzähler das Unbestimmbare. In der Psychologie spricht man vom Unbewussten – das, was uns zu über neunzig Prozent beeinflusst und steuert, trotz des Verstandes, trotz besseren Wissens, trotz Wollen und trotz der Gedanken, die wir denken sollten und/oder wollen. 
 
Unsere Gedanken erschaffen unsere Gefühle?
Das stimmt nur begrenzt. Wir können mit unseren Gedanken unsere Gefühle wahrnehmen, beobachten und sie beeinflussen, aber wir können sie nicht wegdenken und schon gar nicht wegfühlen.
Unser Gehirn ist ein hochkomplexes Organ, vollgepackt mit Erinnerungen, voll gepackt mit Erfahrungen, mit Prägungen, mit Überzeugungen, Wahrnehmungen, Gedanken und eben auch mit Gefühlen. Es speichert alles. Unsere Erfahrungen, die wiederum mit den dazugehörenden Gefühlen verknüpft sind, unsere unterbewussten Überzeugungen und Verhaltensmuster bleiben erhalten, unsere Traumata bleiben erhalten, wir können nur mit der Ratio versuchen sie zu zähmen um so damit zu leben, dass es zu unserem Besten ist. Und das geht eben nur begrenzt.
 
Das limbische System färbt jede Absicht, jedes Wollen, jeden Gedanken mit Emotionen. Ständig sendet es Botenstoffe als Informationen zu den bewussten Teilen des Gehirns, färbt sie mit Emotionen ein und beeinflusst so unser bewusstes Denken.
Die Hirnforschung und die Neurologie haben längst bewiesen, dass Gefühle und Gedanken untrennbar miteinander verbunden sind. Was bedeutet: Unser bewusstes Denken geht nicht so weit, dass es uns gelingt emotional ungefärbte Entscheidungen zu treffen. Also nicht unsere Gedanken erschaffen unsere Gefühle, es ist beides: Gedanken und Gefühle sind untrennbar miteinander verbunden.
Ein Beispiel: Immer wenn sich mein Klient in einem engen Raum befindet, steigt ein beklemmendes Gefühl in ihm hoch, das sich bis zur Panikattacke steigert. Im Kopf weiß er genau, dass es keinen Grund für seine Angst gibt. Sie ist absolut unangemessen. Er weiß auch, woher seine Angst kommt, er kennt die Ursache, die in seiner Kindheit liegt, er wurde zur Strafe in die Besenkammer gesperrt. Er weiß auch, dass er den Raum jederzeit verlassen kann, wenn er das will. Trotzdem kriecht die Angst nach Oben. Er kann das Gefühl mit seinen Gedanken nicht „wegdenken“. 
 
Warum?
Weil die alte Angst in seinem ganzen System, also auch im Körper gespeichert ist. Fühlt mein Klient die Enge, kommt die alte Angst ins Jetzt und überflutet sein System. Da hilft ihm der willentlich und bewusst gedachte Gedanke: „Ich kann jetzt hier raus. Ich bin kein hilfloses Kind mehr“, zunächst gar nichts. Erst nach vielen Expositionsübungen kann es gelingen diese Angst in den Griff zu bekommen. Und zwar nicht über den Gedanken: Ich kann hier raus, sondern über die „gefühlte“ Erfahrung: Ich kann raus, mir passiert nichts.
In seinem Buch „Illusion des bewussten Willens“, auf der Basis der neuesten Forschung der Kognitionswissenschaften und Neurophysiologie, befasst sich der Harvard-Psychologe Daniel M. Wegner mit der Verknüpfung von Gedanken, Gefühlen und bewusstem Willen. Er kommt zu dem Schluss: „Jedem von uns erscheint es so, als ob wir bewussten Willen besäßen. Es scheint, wir hätten ein Selbst. Es scheint, wir hätten Verstand. Es scheint wir seien Handelnde. Es scheint, wir bewirkten, was wir tun. Obwohl es ernüchternd, aber letztlich korrekt ist, das ist eine Illusion zu nennen.“
Heißt das jetzt, wir sind auf Gedeih und Verderb unseren Gefühlen ausgeliefert?
Nein, heißt es nicht. Es bedeutet aber: "Unsere Gedanken bestimmen unsere Gefühle", ist schlicht und einfach zu einfach gedacht.

Sonntag, 8. Januar 2023

Aus der Praxis: „Atme deine Wut nicht tief in deine Brust ein“.


„Atme deine Wut nicht tief in deine Brust ein“, schreibt die Holocaustüberlebende und Psychotherapeutin Dr. Eva Eger in ihrem Buch „In der Hölle tanzen.“ Ein Buch, das ich jedem empfehlen kann, denn es beschreibt wie es einem Menschen, der die Hölle überlebt hat, gelungen ist tiefste Erschütterungen und unfassbare Verletzungen in Kraft, Stärke und Mitgefühl zu verwandeln. 

 

„Atme deine Wut nicht tief in deine Brust ein.“

Als ich diesen Satz las, spürte ich in mich hinein. Ich spürte nach, ob ich Wut in meiner Brust sitzen habe, die ich tief hineingeatmet habe? Und ich spürte: Ja, das habe ich. Da ist Wut in meiner Brust, alte und neue. Und sie sitzt dort fest. Puh, dachte ich, das war mir in diesem Ausmaß nicht bewusst. Natürlich weiß ich, dass ich manchmal wütend bin und warum und ich weiß auch, dass es vollkommen okay ist auch mal wütend zu sein, aber dass ich Wut in meiner Brust festhalte, war mir in dieser Tragweite nicht bewusst. Ich lerne immer dazu. Gut so.

 

Manchmal wissen wir nicht, ob und was wir festhalten. Da hat sich etwas in uns dermaßen festgesetzt und verklumpt, dass wir es gar nicht mehr spüren. 

Es gehört zu uns, wir beachten es nicht, sind uns dessen nicht bewusst und leben damit als sei es selbstverständlich. Aber, woher wissen wir, dass wir etwas festhalten? Und woher wissen wir was genau das ist, was wir festhalten?

Darauf gibt es zunächst keine eindeutige Antwort. Das Problem ist, dass wir mit dem Kopf da nicht so einfach hinkommen. Wir kommen aber über unsere Körpergefühle dort hin. Generell üben alle unterdrückten Gefühle große Macht auf unseren Körper aus. Gefühle zu unterdrücken kostet unseren Körper Energie. Ich verwende in diesem Zusammenhang gern die Metapher, einen Ball unter Wasser zu drücken. Das geht, das geht sogar über Jahre, aber es erfordert enorme Anstrengung. Gefühle verschwinden nicht, wenn wir sie unterdrücken. Sie ploppen nach Oben, so wie der Ball, sobald wir den Druck nachlassen.

 

Auf lange Sicht machen unterdrückte Gefühle krank.  Der Körper manifestiert und symptomatisiert, was die Seele nicht lösen kann.

Auf der körperlichen Ebene wird das Immunsystem geschwächt, wir werden anfälliger für Krankheiten. Wir haben häufig Infekte, hohen Bluthochdruck, Diabetes, Herz- Kreislaufkrankungen, Magen- Darmprobleme, Zahnprobleme. Auf der psychischen Ebene kann es zu Ängsten, Panikattacken, Zwängen, Depressionen und Süchten kommen. Bevor es soweit kommt, sollten wir in uns hineinspüren und den Ball, wenn er nach Oben ploppt, auf der glatten Oberfläche des Wassers liegen lassen und innehalten. Heißt: Neugierig Hinschauen was da vor uns liegt und negative Emotionen, die dabei hochkommen, zulassen. Es ist weitaus gesünder unsere Energie für die Auseinandersetzung mit belastenden Gefühlen zu nutzen, als dafür sie weiter zu unterdrücken.

 

Auch innere Wut muss sich Luft machen. Wir dürfen sie ausatmen. Wut, die tief in der Brust sitzt darf raus, muss raus, damit wir wieder frei atmen können. 

Wut, die wir ausatmen, verhilft uns zur Beseitigung innerer Blockaden.

Unterdrückte Wut, die zu Angst geworden ist, die zu Resignation, zu Selbstanklage, Selbstabwertung und Selbstverurteilung geführt hat, gehört da hin, wo sie hingehört -  nämlich zu der Situation, dem Erlebnis oder denen, die uns wütend gemacht haben. Damit meine ich nicht, dass wir austicken und unsere Wut anderen wahllos und unkontrolliert überkippen, sondern sie in kontrollierter Form freizusetzen, auf das wir freier atmen können.

 

Wut entsteht im Laufe unseres Lebens auf verschiedene Weise und meist ist sie so alt wie wir selbst. Zu dieser alten Wut kommt immer wieder neue. Jede Ungerechtigkeit, jede Respektlosigkeit, jeder Angriff, jede Kränkung, jede Verletzung unseres Selbstwertgefühls, Verluste, Lüge, Betrug, Vertrauensmissbrauch, Zurückweisung, Liebesentzug, Traumata, jede Art von Gewalterfahrung - all das und mehr kann uns wütend machen. Und wir atmen es tief in unsere Brust ein. Unser Gehirn speichert die Wut wie alle Emotionen, in der Amygdala. Mit der Zeit entsteht eine explosive Mischung, die in Aggression und Autoaggression münden kann und zu all dem Oben Beschriebenen, was krank macht.

 

Manchmal können wir uns selbst helfen um zu genesen.  

Mir hilft es, indem ich meine Wut verschriftliche, indem ich mich bewege, die Wohnung putze,  sie rausschreie, wo mich keiner hört, indem ich Atemübungen mache und wenn ich mit meinem Supervisor darüber spreche. Es gibt neuen Gesprächsstoff, weiß ich, seit ich den Satz von Dr. Eva Eger gelesen habe. Hat sich der Status unserer unterdrückten Wut bereits über Jahre manifestiert oder haben wir Angst, unsere Wut zuzulassen, brauchen wir professionelle Unterstützung um herauszufinden, wann sie entstanden ist, worauf sie sich richtet, welcher alte und neue Schmerz dahinter liegt und wovor sie uns schützen will.

Wenn wir uns die Erlaubnis geben die Wut zu fühlen und sie endlich zu Wort kommen lassen, gibt es eine gute Chance, dass wir sie endgültig ausatmen. 

Was man nicht fühlt, kann man nicht heilen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Samstag, 7. Januar 2023

Aus der Praxis: Wenn du dich machtlos fühlst

 


Hast du einen schmerzlichen Verlust erfahren? Eine tiefe Enttäuschung? Eine bittere Kränkung? Hat man dich mies behandelt oder dich nicht wertgeschätzt? Fühlst du dich für irgendetwas schuldig oder glaubst du in deinem Leben eine Entscheidung getroffen zu haben, die dich oder andere auf einen unheilsamen Weg gebracht hat? Weißt du nicht wer du bist, was du wirklich willst, kennst deine Bedürfnisse nicht, traust dir zu wenig zu und zweifelst ständig, ob du das Richtige zu tust? Fühlst du dich fragil, traurig, vom Glück vernachlässigt? Leidest du unter starken Ängsten, die dazu führen, dass du vieles vermeidest, was du eigentlich gern tun würdest? Dann geht es dir wie vielen anderen Menschen – du fühlst dich machtlos.

 

Machtlosigkeit ist das Erleben von Hilflosigkeit und mangelnden Einflussmöglichkeiten im Verhältnis zu den eigenen Wünschen, subjektiv angenommenen und objektiven Notwendigkeiten oder dem Überlebenswillen. Machtlosigkeit führt zu Ohnmachtsgefühlen, die mit Angst, Wut und Frustration einhergehen. Machtlosigkeit stellt sich ein, wenn sich etwas unserer Kontrolle entzieht. Beim einen geht das schnell, schon der kleineste Kontrollverlust macht ihn ohnmächtig und hilflos. Ein anderer kann mit dem Verlust der Kontrolle gelassener umgehen und akzeptieren, dass es Dinge, Situationen, Erfahrungen und Menschen gibt, auf die er keinen Einfluss hat.

 

Je größer die Ängste eines Menschen, desto größer ist sein Bedürfnis Situationen und andere zu kontrollieren um die Macht zu behalten.

 

Das Gewahrsein: „Ich habe die Kontrolle verloren!“, ist für diesen Menschen nur sehr schwer aushaltbar, es triggert seine tiefste Angst. Kontrollverlust bedeutet dann: Das innere Ordnungssystem, das sich bemüht die Zustände in Schach zu halten, funktioniert nicht mehr. Es kommt zu einem Gefühlt traumatischen Ausgeliefertseins. Was die Angst durch das zwanghafte Kontrollieren in Schach gehalten hat, fällt weg. Halt und Sicherheit zerbröseln. Das innere System der Selbstregulation, das auf Kontrolle setzt, schaltet sich ab.

Verbaut in dem starken Bedürfnis nach Kontrolle sind immer innere Zustände, Affekte, traumatische Erlebnisse und Gefühle, die so in Schach gehalten werden sollen. Meist geschieht das unbewusst. Im Kern geht es um die Angst vor dem Ich-Verlust, wenn all dies nach Oben kommt. Der Zwang zur Kontrolle ist quasi der Behälter für das Unaushaltbare, das man in sich trägt. Er fungiert als Selbstschutz vor dem befürchteten Zusammenbruch. Löst sich dieser Schutz auf, kommt Machtlosigkeit und mit ihr frei flottierende Angst.

 

Kein Mensch will „ohne Macht“ sein. Um uns diesem Gefühl von Machtlosigkeit nicht aussetzen zu müssen, haben wir schon als Kind unterschiedliche Strategien entwickelt mit dem das Gefühl der eigenen Machtlosigkeit abgewehrt wird.

Aber es gibt im Leben Situationen, in denen sind wir einfach machtlos. Dann dürfen wir uns ehrlich eingestehen, dass wir nichts machen können. Es gilt das zu akzeptieren und angemessen damit umzugehen. Das ist schwer für jeden Menschen. Wie schwer es ist hängt aber maßgeblich von unserem Bedürfnis zu kontrollieren ab.

 

Anstatt zu kontrollieren dürfen wir kapitulieren.  

So wie der Alkoholiker, der im ersten Schritt des Zwölf Schritte Programms der AAs anerkennt: „Wir gaben zu, das wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind.“

Das Bekenntnis des absoluten Kontrollverlustes. Das Ende eines hoffnungslosen Kampfes. Dieses Annehmen ist notwendig. Erst dann gelingt ein Anfang, der bedeutet: Die Verantwortung dafür zu übernehmen, das, was im eigenen Einflussbereich liegt (hier die Bereitschaft trocken zu werden) zu wandeln - im Vertrauen auf sich selbst und eine Höhere Macht.

 

Wir sind niemals vollkommen machtlos, auch wenn es sich so anfühlt. Macht ist die Fähigkeit die Dinge mit Hilfe unseres Willens und unserer Bereitschaft zu beeinflussen, oder wie Viktor Frankl sagt: „Es gibt etwas, was ihr mir nicht nehmen könnt: meine Freiheit, zu wählen, wie ich auf das, was ihr mir antut, reagiere.“ 

 

Hier einige Fragen, die ich mir selbst stelle, wenn ich mich machtlos fühle.

Kann ich es ändern?

Gibt es eine Änderungsmöglichkeit, die in meinem Einflussbereich liegt?

Kann ich meine Haltung zu dem was ist, ändern?

Was muss ich tun um meine Haltung zu verändern?

Kann ich das, was ist, anders bewerten? So, dass es einen Sinn macht?

 

Wenn nichts davon geht, mache ich mir klar, dass ich absolut nichts tun kann – ich muss das jetzt hinnehmen. Und dann fühle ich bewusst meine Ohnmacht. Ich lasse sie zu. Ich gehe da durch, auch wenn es verdammt schmerzt. Ich halte sie aus, ich weine sie raus, ich schreie sie raus, ich tanze sie raus, ich schreibe sie raus.

Ich weiß, Gefühle wandeln sich, wenn sie da sein dürfen.

 

 

Dienstag, 3. Januar 2023

Vision - Was uns von Innen hält

 

                                                           Foto: www

 
Wir alle haben Wünsche und Lebensträume, doch sehr oft bleibt unser Lebenstraum nur ein Traum, der sich nicht erfüllt. Wenn man Menschen nach ihren Träumen fragt, dann kommen unterschiedliche Wünsche ans Licht. Doch der Grund, warum die meisten Menschen ihre Träume nicht verwirklichen, ist gleich: Zeitmangel ist der häufigste Grund, der genannt wird, wenn es darum geht, dass Träume nicht in die Realität umgesetzt werden. Dabei verschwenden viele Menschen viel Zeit mit sinnlosen, unwichtigen Dingen. 
 
Welche Träume Menschen so haben, wollte einmal ein norwegischer Bekleidungshersteller wissen. Er befragte 2000 Personen und ermittelte die 50 größten Träume. Auf Platz 1 stand der Wunsch, Millionär zu werden, weiter hinten kam auf Platz 38 eine Familie gründen und ganz hinten auf Platz 49, man glaubt es kaum: eine militärische Ausbildung machen.
Bei den Meisten der Befragten ging es ums Haben statt ums Sein - das Vorherrschen der Besitzorientierung, Dinge anhäufen und besitzen wollen. Nur dass Besitz keine wirklich identitätsstiftende Bedeutung hat, auch wenn das viele glauben und sich dann wundern wie leer sie innen sind, obwohl sie doch so viel haben. 
 
Das Verlangen nach Besitz und Konsum, die Gier nach immer mehr, immer besser, treibt viele Menschen an. Gesund ist sie allerdings nicht. 
Im Gegenteil, der ausschließlich mit Haben und Besitz beschäftigte Mensch ist schon nach Sigmund Freud, neurotisch. Zitat: „Daraus folgt, dass eine Gesellschaft, in der die anale Charakterstruktur überwiegt, psychisch krank zu nennen ist.“ „Wenn Haben die Basis meines Identitätsgefühls ist, weil „ich bin, was ich habe“, dann muss mein Wunsch zu haben zum Verlangen führen, viel, mehr, am meisten zu haben. Mit anderen Worten, Habgier ist die natürliche Folge der Habenorientierung. Was auch immer diese Gier entfacht – der Mensch, der von ihr befallen ist, wird nie genug haben, er wird niemals zufrieden sein“, schreibt Erich Fromm in seinem Werk „Haben oder Sein – Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft“.
 
Mehr „Sein“, weniger „Haben“ - mehr Sinn, denn was auch immer ich „habe“, das „bin“ ich nicht.
Das merken viele Habenmenschen erst dann, wenn alles Äußere wegfällt, denn dann finden sie nichts, was sie von Innen hält. Und damit bin ich beim Thema: Vision.
Eine Vision ist etwas, das uns von Innen hält. Eine starke Vision hat immer ein starkes Warum, das unserem Leben Sinn verleiht. Sinn empfinden wir, wenn wir etwas tun, was wir für uns selbst und die Welt für wichtig halten, was uns am Herzen liegt.
Gestern fragte ich eine Klientin, was ihrem Leben Sinn gibt. Sie fand keine Antwort.
Dabei liegt das Sinnvolle liegt häufig direkt vor uns. Wir müssten nur einen Schritt nach vorn gehen anstatt uns ständig um uns selbst zu drehen, uns in der Selbstbespiegelung selbstbeobachtend von der Welt und unseren Mitmenschen abzuwenden und uns in unseren Gefühlen des Mangels zu vergraben und uns damit zu identifizieren. 
 
Eine starke Vision ist das Gegenteil von Mangel. Sie erfüllt uns. 
Im Prinzip ist sie nichts anderes als ein Ziel. Im Idealfall eins, das über uns selbst hinausgeht, im Sinne von Selbst-Transzendenz. Selbst-Transzendenz ist definiert durch den Umstand, dass der Mensch erst dann ganz Mensch wird, wenn er aus sich heraustritt und in der Hingabe an eine Sache oder an einen Menschen aufgeht“, schreibt Viktor Frankl in „Wille zum Sinn“. Und weiter: "Zum Wesen des Menschen gehört das Hingeordnet-und Ausgerichtetsein, sei es auf etwas, sei es auf jemanden.“ Mit diesem Menschenbild ergibt sich, dass sich der Mensch nicht selbst zum alleinigen Gegenstand der Erfahrung machen soll. Bleibt er in der egozentrierten Selbstbespiegelung stecken, verfehlt er sich und seine Möglichkeiten, etwas in die Welt zu geben und damit Sinn zu schaffen. Die Folge davon ist die Erfahrung einer inneren Leere, ein existentielles Vakuum. Wer eine Vision hat fühlt kein Vakuum. Er ist erfüllt und erfüllt davon sie umzusetzen. Eine Vision ist wie der Nordstern, dem wir folgen - mit ganzem Herzen und gegen alle Widerstände.  
 
Eine Vision dient uns als Wegweiser in welche Richtung wir streben möchten und wie wir leben wollen.
Wenn du bereits eine Lebensvision hast, wunderbar!
Wenn du für eine Vision für dich entwickeln willst, dann könntest du dich Folgendes fragen:
Was ist meine Vision?
Was tue ich mit ganzem Herzen dafür, dass sie wahr wird?
Welcher Mensch bin ich in meiner Lebensvision? Für was stehe ich? Was macht mich aus? Beschreibe die Eigenschaften, die du verkörperst, deine Werte, dein Auftreten.
Welche Berufung spüre ich und will ihr endlich nachgehen?
Wie fühle ich mich in meiner Vision?
Welches Mindset bestimmt mein Fühlen, Denken und Handeln?
Welche Verbindung fühle ich zu dem, was ich tue?
Wer sind meine Gefährten?
Was macht diese Menschen aus, welche Eigenschaften haben die, die zu dem Weg passen, auf dem ich gehe und zu dem Ziel, wo ich hin möchte?
Gibt es diese Menschen in meinem Umfeld schon?
Was besitze ich in meiner Vision?
Und damit meine ich alles, was dein Herz bewegt und deine Seele berührt. Eine Vision die sich nur an materiellen Dingen und am Haben wollen ausrichtet, wird dir keine Erfüllung schenken.
 
Wenn du magst, mach ein Vision Board. Such dir passende Bilder und Zitate für deine Vision. Schneide sie aus und klebe sie auf Papier oder Karton. Oder zeichne sie, wenn du gerne zeichnest oder malst. Häng dein Vison Board an enen Platz, wo du es jeden Tag sehen kannst. 
 
Wenn du jetzt deine Vision fühlen kannst, wundervoll!
Wenn nicht, frag dich: Wenn alles möglich wäre, was würde ich verändern? 
Das Beantworten dieser Frage ist ein Hinweis auf deine Vision. 
 
Wir brauchen Visionäre mehr denn je. Bleib dran! Mach weiter. Jeden Tag einen kleinen Schritt. Der Weg ist das Ziel!
 
 
„Für eine wahre Vision gäbe ich allen Reichtum der Welt hin und alle Taten der Großen.“
Henry David Thoreau
 
Meine Vision in einem Satz:
"Wir brauchen eine langfristige Vision, die Vision der Seele." 
Rabindranath Tagore

Samstag, 31. Dezember 2022

Lektionen 2022

 



Ich habe gelernt, dass es keinen Sinn macht an etwas festzuhalten, auch nicht an einem Menschen, wenn er sich selbst zerstört und keine Heilung sucht. Ich weiß jetzt, was Vergeblichkeit ist und dass Liebe nicht alles heilt.
Ich habe gelernt aufzuhören darauf zu warten, dass ein anderer sich ändert. Ich fange bei mir selbst mit der Veränderung an.
Ich habe gelernt alle Gefühle da sein zu lassen und sie nicht zu bekämpfen.
Ich habe gelernt meiner eigenen Wahrheit noch tiefer zu vertrauen, gegen alle Widerstände und Ausgrenzung vom Außen.
Ich habe gelernt was es heißt autonom und auf mich allein gestellt zu sein, auch wenn es nicht leicht ist und bisweilen einsam.
Ich habe gelernt mich selbst auszuhalten.
Ich habe gelernt gehen zu lassen, was gehen will, weil ich weiß, es würde bleiben, wenn es zu mir gehört.
Ich habe gelernt den Worten der Menschen keinen Glauben zu schenken sondern allein ihren Handlungen.
Ich habe gelernt was wahre Gefährten sind und wer nur da ist, wenn er etwas von mir braucht oder wenn ich ihm etwas nütze.
Ich habe gelernt, dass Liebe viel mehr ist als Partnerschaft.
Ich habe gelernt, dass Frieden und innere Kraft niemals außerhalb, sondern nur in mir selbst zu finden sind.
Ich habe gelernt, dass jedes Ankämpfen, jeder innere Widerstand gegen das was ist, mir Kraft raubt, meinen Geist, meine Seele und meinen Körper schwächt und mir Energie raubt, die mir an anderer Stelle fehlt.
Ich habe gelernt hinzunehmen, was ich nicht ändern kann.
Ich habe gelernt, dass Menschen denen ich vertraut habe, mein Vertrauen verraten und missbraucht haben und mich von ihnen verabschiedet, auch wenn es schmerzt.
Ich habe gelernt, dass ich nichts kontrollieren kann.
Ich habe gelernt, dass es möglich ist auch tiefe Verletzungen zu verzeihen und dass Verstehen und Liebe der Weg ist um das zu tun.
Ich habe gelernt, dass es nur eine sinnvolle Bewegung gibt wenn ich mit dem Rücken zur Wand stehe – mich an sie anzulehnen.
Ich habe gelernt, dass meine Angst nicht immer ungesund ist, sondern eine Wächterfunktion hat, die mir die Kraft gibt „Stopp“ zu sagen, wenn ich spüre, dass mir etwas schadet.
Ich habe gelernt mich auszuruhen, wenn ich erschöpft bin, mich nicht weiter anzutreiben und über meine Grenzen zu gehen.
Ich habe gelernt was körperliche Schwäche ist und wie zerbrechlich ich geworden bin.
Ich habe gelernt Schwäche zuzugeben und um Hilfe zu bitten. Sie kam von da, wo ich sie niemals erwartet hätte.
Ich habe gelernt, das Älterwerden für mich eine Herausforderung ist und übe angemessen damit umzugehen.
Ich habe gelernt Loszulassen von dem, was ich denke zu wollen und zu akzeptieren, dass ich bekomme, was ich brauche um zu wachsen.
Ich habe gelernt in mich selbst zu vertrauen und in das Leben, das es gut mit mir meint, wenn ich es gut mit mir selbst und dem Leben meine.
Ich habe gelernt, dass ich nur den Moment habe, dass alles im Leben fragil und unberechenbar ist. Deshalb richte ich meinen Focus auf das Heute und was ich im Heute bewirken kann.
Ich habe gelernt, dass Dankbarkeit ein hoher Wert ist.
Ich habe gelernt, das Hoffnung eine starke Kraft ist und ich habe gelernt zu unterscheiden wo sie vergeblich ist und wo sie hilfreich ist.
Ich habe gelernt, dass meine Handlungen eine Wirkung über mich selbst hinaus haben und darauf zu achten, ob sie dem Ganzen dienen.
Ich habe gelernt, dass es nur eins im Leben gibt worauf ich Einfluss habe - das bin ich selbst.
 
Möget Ihr einen guten Übergang in ein weiteres Jahr haben.

Freitag, 30. Dezember 2022

Purification Process: Bewusstsein, Bereinigung, Loslassen und inneres Gleichgewicht.

 

                                                         Foto: www

 
Uns für einen Neuanfang öffnen gelingt umso besser, wenn wir uns zuvor dem Ballast zugewendet haben, den wir mit uns herumschleppen, den wir verdrängen, oder durch Vermeidung und Abwehr in uns anhäufen bis die inneren Turbulenzen sich in psychischen oder körperlichen Symptomen zeigen.Wenn wir uns all dem Unheilsamen öffnen, erfahren wir wie befreiend es ist, belastende Dinge ins Licht der eigenen Wahrnehmung zu bringen. Diese Dinge wollen, dass wir ihnen Aufmerksamkeit schenken und uns ihnen zuwenden. Sie wollen da sein dürfen. Sie wollen erkannt, benannt und akzeptiert werden, denn nur was wir erkennen, benennen und akzeptieren kann sich wandeln. 
 
Am Ende des alten Jahres möchte ich dich dazu einladen neugierig deiner inneren Stimme zu lauschen und in ehrliche Kommunikation mit dir selbst zu gehen. Auch die Gefühle und Gedanken, die dir nicht gefallen, dürfen Raum haben.
Vielleicht erzählt deine innere Stimme dir, was in deinem Leben aus dem Gleichgewicht geraten ist, was dir Unbehagen bereitet, was dich traurig, ängstlich oder wütend macht, was dich nervt, was dich anwidert, was dir nicht gut tut. Vielleicht ist da etwas, was dich schon lange blockiert, was bereinigt werden will, damit du innerlich gelöster wirst und in dein seelisches Gleichgewicht kommst um Leichtigkeit und Lebensfreude zu verspüren. Vielleicht gibt es etwas, dem du zu distanziert und/oder oberflächlich begegnest und was mehr Aufmerksamkeit verdient. Vielleicht gibt es etwas, das du bereinigen willst – einen Konflikt, einen Streit, Verletzungen, die du anderen oder dir selbst zugefügt hast. Vielleicht ist da etwas, was du dir selbst nicht verzeihen kannst. Vielleicht erkennst du, wenn du ehrlich zu dir selbst bist, eine unheilsame Verstrickung oder das Unheilsame einer toxischen Beziehung an und die Notwendigkeit dich endlich daraus zu lösen und danach zu handeln.
Vielleicht zeigt sich dir ein Schatten, den du schon lange verdrängst. Vielleicht gelingt es dir, diesem Schatten mit Neugier und Liebe zu begegnen, anstatt wie du es oft tust, davor wegzulaufen oder ihn zu verteufeln. Vielleicht möchtest du nachspüren, welche inneren Anteile für ein Ungleichgewicht sorgen und welchen unbewussten Programmen und Prägungen du noch immer folgst. Vielleicht möchtest du dich fragen, was du an giftigem Zeug in deinem Leben konsumierst und/oder welche Süchte, dich und dein Leben unfrei und leidvoll machen.
 
All diesen Aspekten von Verunreingung kannst du dich heute im besonderen Maße zuwenden und dir Klarheit verschaffen.
Schreib alles auf.
Wenn du fertig bist, nimm ein paar tiefe Atemzüge und sei stolz auf dich. Genieße das Gefühl der inneren Befreiung. Alles Unheilsame steht jetzt schwarz auf weiß auf Papier. Welcher Impuls kommt hoch? Möchtest du das Papier zerreißen, es verbrennen? Dann tu das. Wenn du es aufheben willst um dich immer wieder daran zu erinnern? Dann tu das.
Natürlich wirst du jetzt nicht alles schlagartig erkennen, schon gar nicht sofort lösen, aber du wirst dir bewusster was genau das entscheidende Thema ist, das jetzt ansteht und bereinigt werden will. Dann darfst du dich darum kümmern und dir Hilfe suchen, wenn du es alleine nichts schaffst. 
 
„Alle Disharmonie ist Unwahrheit“, schreibt Bettina von Arnim
Alles was nicht in Harmonie ist, ob im Innen oder im Außen, will bereinigt werden um ins Gleichgewicht zu kommen. Alles Unbereinigte ist wie eine Fessel, die uns unsere Lebendigkeit abschnürt. Je enger die Fessel, desto beschwerlicher ist unser Weiterkommen. Wir verbrauchen viel Kraft, denn wir kämpfen gegen einen Widerstand. Wir kommen nicht weiter, wir sind in unserer inneren und äußeren Bewegungsfreiheit eingeschränkt und führen ein beschränktes Leben. 
 
Be-reinigung ist eine Art Entgiftung – auch Purifikation Process genannt.
Wir reinigen unsere Seele, unseren Körper und unser Leben von all dem toxischen Müll, der sich darin angesammelt hat. In diesem Prozess, der Geduld und Zeit braucht, geht es im Tiefsten um das Aussteigen aus dem Rad des Leidens - und das bedeutet: Das Bewusstsein für uns selbst zu erhöhen indem wir uns selbst achtsamer begegnen. Wir erkennen tiefer was in uns passiert und lernen mit der Zeit bewusste Entscheidungen für unser Wohlergehen zu treffen und danach zu handeln. Wir entwickeln die Bereitschaft die Konsequenzen für unser Handeln zu tragen, auch wenn es zunächst nicht angenehm ist.
Bereinigung braucht Mut, Akzeptanz, Geduld und Vertrauen in den Prozess und sie braucht Zeit. Der Weg ist das Ziel. Und der Weg beginnt wie jeder Weg, mit dem ersten Schritt. Diesen Schritt, egal wie klein oder wie groß er ist, kannst du heute machen. Lösen wir uns von allen unheilsamen Blockaden und lassen sie in Frieden gehen. 
 
Alles was es braucht ist unser Bewusstsein zu erhöhen um innere Harmonie zu erlangen. 
 
Du könnst dich fragen:
Was darf ich bewusst anschauen?
Welchen Schatten möchte ich ins Licht einladen?
Was ist meine größte Fessel?
Was darf ich bereinigen?
Was braucht einen Abschluss?
Woran halte ich fest, obwohl es mir schadet?
Wovon darf ich mich befreien?
Was habe ich mir selbst und anderen nicht vergeben?
Womit oder mit wem will ich mich versöhnen?
Welchen Schritt der Bereinigung möchte ich als ersten machen?
Wann will ich ihn machen? Setze dir ein Datum. 
 
„Wer Leben ins Leben bringen will, muss das Festhalten-Wollen aufgeben.“
Ernst Ferstl

Montag, 26. Dezember 2022

Aus der Praxis: Das Gefühl von Getrenntsein überwinden und Verbundenheit erleben

 

 

Ebenso wie das Autonomiebedürfnis ist Verbundenheit ein in uns angelegtes zutiefst menschliches Bedürfnis. Wir verbinden Verbundenheit mit Verständnis, Geborgenheit, Sicherheit, Zugehörigkeit, Zuneigung, Resonanz und Liebe. Wenn wir verbunden sind, fühlen wir uns nicht allein, nicht getrennt von anderen oder von uns selbst. Die Sehnsucht nach Verbundenheit ist im Grunde der Wunsch nach unserem ursprünglichen Sein. Denn in Wahrheit sind wir mit allem verbunden.

 

Das Bedürfnis nach Bindung und Verbundenheit und Bindung beginnt mit dem Moment in dem wir in diese Welt geboren werden. 

Erfahren wir im Mutterleib und nach der Geburt Verbundenheit und gesunde Bindung nicht, nur sehr wenig, oder Bindung als verletzend und schmerzlich, sind unsere Bezugspersonen emotional nicht erreichbar, erleben wir keine Resonanz auf unser Sein, können wir Verbundenheit nicht oder nur sehr begrenzt fühlen. 

Ich bin in all den Jahren meiner Arbeit vielen Menschen begegnet, die sich mit nichts und niemanden tief verbunden fühlen. Auch wenn sie ausreichend soziale Kontakte haben, einen Partner, eine Familie, Kinder - sie fühlen sich nicht verbunden. In ihnen herrscht ein kaum zu begreifendes Gefühl der inneren Einsamkeit und Leere, selbst, wenn die Dinge gelingen und das Leben eigentlich in Ordnung ist. Es ist als wäre im Zentrum der Seele etwas wie ein tiefe Sinnlosigkeit, als würde alles ins Leere laufen. Ein andauerndes Gefühl der Sinnlosigkeit und Vergeblichkeit beherrscht das Selbst, als wäre Bindung und Liebe nur für andere möglich.

Das wonach sich diese Menschen sehnen scheint ihnen unerreichbar, eine innere Beteiligung stellt sich nicht ein. Das kann sie auch nicht, weil sie es ja nicht kennen, nicht wissen, wie sich Verbundenheit anfühlt, nicht wissen, wie Bindung gelingt. Da ist eine Leerstelle in der Seele und zugleich ein tiefer Schmerz der Ohnmacht und der Verlassenheit. Dies führt nicht selten zur Unfähigkeit sich auf etwas oder Jemanden wirklich einzulassen oder im anderen Falle zu einer ständigen Suche nach dem Du, das die Leerstelle füllen soll, was nicht selten in eine unheilsame emotionale Abhängigkeit, bzw. Co-abhängigkeit führt.

 

Was kann uns helfen das Gefühl von Getrenntsein zu überwinden und Verbundenheit zu erleben?

„Schon die Sehnsucht nach Liebe ist Liebe“, schreibt Antoine de Exupery.

"Schon die Sehnsucht nach Verbundenheit ist Verbundenheit", könnte man meinen.

So einfach ist es nicht.

Allein die Sehnsucht nach Verbundenheit und Bindung stellt sie nicht her. 

Auch wenn wir diese schmerzhafte Sehnsucht annehmen und uns mit uns selbst emotional verbinden, stellt sich nicht Verbindung ein. Denn das ist ja genau das Grundthema: Wer Verbundenheit nicht erfahren hat, kann sie in sich selbst nicht herstellen. Das wäre zwar wundervoll, ist aber nicht oder nur sehr begrenzt möglich, auch wenn so manche spirituelle Berater und Coaches uns das weismachen wollen.

Es funktoniert nicht. 


Die Frustrationserfahrungen sind zu tief verankert. Sie sind zutiefst traumatisch, die frühen Beziehungen zu leblos, weil resonanzlos.  

Die eigene Lebendigkeit, die Liebe und die Verbindung, nach der sich gesehnt wurde, ist hinter einer undurchdringlichen Mauer verkümmert – ein kaum erträglicher traumatischer Schmerz, der außerordentlich beharrlich ist. 

Was kann helfen diesen Schmerz zu lindern?

Wir müssen fühlen wie verletzt wir sind, wie enttäuscht wir sind von unseren Bezugspersonen. Wir müssen uns frei machen von dem, was wir verinnerlicht haben, nämlich: Leere ist Beziehung. 

Wir müssen anerkennen, dass die Verbundenheit, die wir ersehnt haben, niemals existierte. Wir müssen uns in einem schmerzvollen Trauerprozess von der kindlichen Sehnsucht nach den liebenden Bezugspersonen und der unheilsamen inneren Verstrickung mit ihnen lösen.

 

Alleine schafft das kaum jemand von uns. In den meisten Fällen braucht es eine vertrauensvolle, lange, geduldige und mitfühlende Beziehungserfahrung – eine stabile Verbindung mit einem professionellen Gegenüber. Es braucht hoffnungsvolle Trauer- und Traumaarbeit, denn was in Beziehung verletzt wurde kann nur in Beziehung heilen. Es braucht den Glauben, dass es etwas in uns gibt, was sich entwickeln will, ein Ja zum Leben und die Entwicklung hin zu unserem wahrem Selbst, durch die Loslösung von einer unerfüllten Sehnsucht eines falschen Selbst, das sich durch die destruktive Beziehungserfahrung herausgebildet hat.