Mittwoch, 11. Januar 2023
Gedanken und Gefühle
Sonntag, 8. Januar 2023
Aus der Praxis: „Atme deine Wut nicht tief in deine Brust ein“.
„Atme deine Wut nicht tief in deine Brust ein“, schreibt die Holocaustüberlebende und Psychotherapeutin Dr. Eva Eger in ihrem Buch „In der Hölle tanzen.“ Ein Buch, das ich jedem empfehlen kann, denn es beschreibt wie es einem Menschen, der die Hölle überlebt hat, gelungen ist tiefste Erschütterungen und unfassbare Verletzungen in Kraft, Stärke und Mitgefühl zu verwandeln.
„Atme deine Wut nicht tief in deine Brust ein.“
Als ich diesen Satz las, spürte ich in mich hinein. Ich spürte nach, ob ich Wut in meiner Brust sitzen habe, die ich tief hineingeatmet habe? Und ich spürte: Ja, das habe ich. Da ist Wut in meiner Brust, alte und neue. Und sie sitzt dort fest. Puh, dachte ich, das war mir in diesem Ausmaß nicht bewusst. Natürlich weiß ich, dass ich manchmal wütend bin und warum und ich weiß auch, dass es vollkommen okay ist auch mal wütend zu sein, aber dass ich Wut in meiner Brust festhalte, war mir in dieser Tragweite nicht bewusst. Ich lerne immer dazu. Gut so.
Manchmal wissen wir nicht, ob und was wir festhalten. Da hat sich etwas in uns dermaßen festgesetzt und verklumpt, dass wir es gar nicht mehr spüren.
Es gehört zu uns, wir beachten es nicht, sind uns dessen nicht bewusst und leben damit als sei es selbstverständlich. Aber, woher wissen wir, dass wir etwas festhalten? Und woher wissen wir was genau das ist, was wir festhalten?
Darauf gibt es zunächst keine eindeutige Antwort. Das Problem ist, dass wir mit dem Kopf da nicht so einfach hinkommen. Wir kommen aber über unsere Körpergefühle dort hin. Generell üben alle unterdrückten Gefühle große Macht auf unseren Körper aus. Gefühle zu unterdrücken kostet unseren Körper Energie. Ich verwende in diesem Zusammenhang gern die Metapher, einen Ball unter Wasser zu drücken. Das geht, das geht sogar über Jahre, aber es erfordert enorme Anstrengung. Gefühle verschwinden nicht, wenn wir sie unterdrücken. Sie ploppen nach Oben, so wie der Ball, sobald wir den Druck nachlassen.
Auf lange Sicht machen unterdrückte Gefühle krank. Der Körper manifestiert und symptomatisiert, was die Seele nicht lösen kann.
Auf der körperlichen Ebene wird das Immunsystem geschwächt, wir werden anfälliger für Krankheiten. Wir haben häufig Infekte, hohen Bluthochdruck, Diabetes, Herz- Kreislaufkrankungen, Magen- Darmprobleme, Zahnprobleme. Auf der psychischen Ebene kann es zu Ängsten, Panikattacken, Zwängen, Depressionen und Süchten kommen. Bevor es soweit kommt, sollten wir in uns hineinspüren und den Ball, wenn er nach Oben ploppt, auf der glatten Oberfläche des Wassers liegen lassen und innehalten. Heißt: Neugierig Hinschauen was da vor uns liegt und negative Emotionen, die dabei hochkommen, zulassen. Es ist weitaus gesünder unsere Energie für die Auseinandersetzung mit belastenden Gefühlen zu nutzen, als dafür sie weiter zu unterdrücken.
Auch innere Wut muss sich Luft machen. Wir dürfen sie ausatmen. Wut, die tief in der Brust sitzt darf raus, muss raus, damit wir wieder frei atmen können.
Wut, die wir ausatmen, verhilft uns zur Beseitigung innerer Blockaden.
Unterdrückte Wut, die zu Angst geworden ist, die zu Resignation, zu Selbstanklage, Selbstabwertung und Selbstverurteilung geführt hat, gehört da hin, wo sie hingehört - nämlich zu der Situation, dem Erlebnis oder denen, die uns wütend gemacht haben. Damit meine ich nicht, dass wir austicken und unsere Wut anderen wahllos und unkontrolliert überkippen, sondern sie in kontrollierter Form freizusetzen, auf das wir freier atmen können.
Wut entsteht im Laufe unseres Lebens auf verschiedene Weise und meist ist sie so alt wie wir selbst. Zu dieser alten Wut kommt immer wieder neue. Jede Ungerechtigkeit, jede Respektlosigkeit, jeder Angriff, jede Kränkung, jede Verletzung unseres Selbstwertgefühls, Verluste, Lüge, Betrug, Vertrauensmissbrauch, Zurückweisung, Liebesentzug, Traumata, jede Art von Gewalterfahrung - all das und mehr kann uns wütend machen. Und wir atmen es tief in unsere Brust ein. Unser Gehirn speichert die Wut wie alle Emotionen, in der Amygdala. Mit der Zeit entsteht eine explosive Mischung, die in Aggression und Autoaggression münden kann und zu all dem Oben Beschriebenen, was krank macht.
Manchmal können wir uns selbst helfen um zu genesen.
Mir hilft es, indem ich meine Wut verschriftliche, indem ich mich bewege, die Wohnung putze, sie rausschreie, wo mich keiner hört, indem ich Atemübungen mache und wenn ich mit meinem Supervisor darüber spreche. Es gibt neuen Gesprächsstoff, weiß ich, seit ich den Satz von Dr. Eva Eger gelesen habe. Hat sich der Status unserer unterdrückten Wut bereits über Jahre manifestiert oder haben wir Angst, unsere Wut zuzulassen, brauchen wir professionelle Unterstützung um herauszufinden, wann sie entstanden ist, worauf sie sich richtet, welcher alte und neue Schmerz dahinter liegt und wovor sie uns schützen will.
Wenn wir uns die Erlaubnis geben die Wut zu fühlen und sie endlich zu Wort kommen lassen, gibt es eine gute Chance, dass wir sie endgültig ausatmen.
Was man nicht fühlt, kann man nicht heilen.
Samstag, 7. Januar 2023
Aus der Praxis: Wenn du dich machtlos fühlst
Hast du einen schmerzlichen Verlust erfahren? Eine tiefe Enttäuschung? Eine bittere Kränkung? Hat man dich mies behandelt oder dich nicht wertgeschätzt? Fühlst du dich für irgendetwas schuldig oder glaubst du in deinem Leben eine Entscheidung getroffen zu haben, die dich oder andere auf einen unheilsamen Weg gebracht hat? Weißt du nicht wer du bist, was du wirklich willst, kennst deine Bedürfnisse nicht, traust dir zu wenig zu und zweifelst ständig, ob du das Richtige zu tust? Fühlst du dich fragil, traurig, vom Glück vernachlässigt? Leidest du unter starken Ängsten, die dazu führen, dass du vieles vermeidest, was du eigentlich gern tun würdest? Dann geht es dir wie vielen anderen Menschen – du fühlst dich machtlos.
Machtlosigkeit ist das Erleben von Hilflosigkeit und mangelnden Einflussmöglichkeiten im Verhältnis zu den eigenen Wünschen, subjektiv angenommenen und objektiven Notwendigkeiten oder dem Überlebenswillen. Machtlosigkeit führt zu Ohnmachtsgefühlen, die mit Angst, Wut und Frustration einhergehen. Machtlosigkeit stellt sich ein, wenn sich etwas unserer Kontrolle entzieht. Beim einen geht das schnell, schon der kleineste Kontrollverlust macht ihn ohnmächtig und hilflos. Ein anderer kann mit dem Verlust der Kontrolle gelassener umgehen und akzeptieren, dass es Dinge, Situationen, Erfahrungen und Menschen gibt, auf die er keinen Einfluss hat.
Je größer die Ängste eines Menschen, desto größer ist sein Bedürfnis Situationen und andere zu kontrollieren um die Macht zu behalten.
Das Gewahrsein: „Ich habe die Kontrolle verloren!“, ist für diesen Menschen nur sehr schwer aushaltbar, es triggert seine tiefste Angst. Kontrollverlust bedeutet dann: Das innere Ordnungssystem, das sich bemüht die Zustände in Schach zu halten, funktioniert nicht mehr. Es kommt zu einem Gefühlt traumatischen Ausgeliefertseins. Was die Angst durch das zwanghafte Kontrollieren in Schach gehalten hat, fällt weg. Halt und Sicherheit zerbröseln. Das innere System der Selbstregulation, das auf Kontrolle setzt, schaltet sich ab.
Verbaut in dem
starken Bedürfnis nach Kontrolle sind immer innere Zustände, Affekte, traumatische
Erlebnisse und Gefühle, die so in Schach gehalten werden sollen. Meist geschieht das unbewusst. Im Kern geht es um
die Angst vor dem Ich-Verlust, wenn all dies nach Oben kommt. Der Zwang zur
Kontrolle ist quasi der Behälter für das Unaushaltbare, das man in sich trägt. Er
fungiert als Selbstschutz vor dem befürchteten Zusammenbruch. Löst sich
dieser Schutz auf, kommt Machtlosigkeit und mit ihr frei flottierende Angst.
Kein Mensch will „ohne Macht“ sein. Um uns diesem Gefühl von Machtlosigkeit nicht aussetzen zu müssen, haben wir schon als Kind unterschiedliche Strategien entwickelt mit dem das Gefühl der eigenen Machtlosigkeit abgewehrt wird.
Aber es gibt im Leben Situationen, in denen sind wir einfach machtlos. Dann dürfen wir uns ehrlich eingestehen, dass wir nichts machen können. Es gilt das zu akzeptieren und angemessen damit umzugehen. Das ist schwer für jeden Menschen. Wie schwer es ist hängt aber maßgeblich von unserem Bedürfnis zu kontrollieren ab.
Anstatt zu kontrollieren dürfen wir kapitulieren.
So wie der Alkoholiker, der im ersten Schritt des Zwölf Schritte Programms der AAs anerkennt: „Wir gaben zu, das wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind.“
Das Bekenntnis des absoluten Kontrollverlustes. Das Ende eines hoffnungslosen Kampfes. Dieses Annehmen ist notwendig. Erst dann gelingt ein Anfang, der bedeutet: Die Verantwortung dafür zu übernehmen, das, was im eigenen Einflussbereich liegt (hier die Bereitschaft trocken zu werden) zu wandeln - im Vertrauen auf sich selbst und eine Höhere Macht.
Wir sind niemals vollkommen machtlos, auch wenn es sich so anfühlt. Macht ist die Fähigkeit die Dinge mit Hilfe unseres Willens und unserer Bereitschaft zu beeinflussen, oder wie Viktor Frankl sagt: „Es gibt etwas, was ihr mir nicht nehmen könnt: meine Freiheit, zu wählen, wie ich auf das, was ihr mir antut, reagiere.“
Hier einige Fragen, die ich mir selbst stelle, wenn ich mich machtlos fühle.
Kann ich es ändern?
Gibt es eine Änderungsmöglichkeit, die in meinem Einflussbereich liegt?
Kann ich meine Haltung zu dem was ist, ändern?
Was muss ich tun um meine Haltung zu verändern?
Kann ich das, was ist, anders bewerten? So, dass es einen Sinn macht?
Wenn nichts davon geht, mache ich mir klar, dass ich absolut nichts tun kann – ich muss das jetzt hinnehmen. Und dann fühle ich bewusst meine Ohnmacht. Ich lasse sie zu. Ich gehe da durch, auch wenn es verdammt schmerzt. Ich halte sie aus, ich weine sie raus, ich schreie sie raus, ich tanze sie raus, ich schreibe sie raus.
Ich weiß, Gefühle wandeln sich, wenn sie da sein dürfen.
Dienstag, 3. Januar 2023
Vision - Was uns von Innen hält
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Samstag, 31. Dezember 2022
Lektionen 2022
Freitag, 30. Dezember 2022
Purification Process: Bewusstsein, Bereinigung, Loslassen und inneres Gleichgewicht.
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Montag, 26. Dezember 2022
Aus der Praxis: Das Gefühl von Getrenntsein überwinden und Verbundenheit erleben
Ebenso wie das Autonomiebedürfnis ist Verbundenheit ein in uns angelegtes zutiefst menschliches Bedürfnis. Wir verbinden Verbundenheit mit Verständnis, Geborgenheit, Sicherheit, Zugehörigkeit, Zuneigung, Resonanz und Liebe. Wenn wir verbunden sind, fühlen wir uns nicht allein, nicht getrennt von anderen oder von uns selbst. Die Sehnsucht nach Verbundenheit ist im Grunde der Wunsch nach unserem ursprünglichen Sein. Denn in Wahrheit sind wir mit allem verbunden.
Das Bedürfnis nach Bindung und Verbundenheit und Bindung beginnt mit dem Moment in dem wir in diese Welt geboren werden.
Erfahren wir im Mutterleib und nach der Geburt Verbundenheit und gesunde Bindung nicht, nur sehr wenig, oder Bindung als verletzend und schmerzlich, sind unsere Bezugspersonen emotional nicht erreichbar, erleben wir keine Resonanz auf unser Sein, können wir Verbundenheit nicht oder nur sehr begrenzt fühlen.
Ich bin in all den Jahren meiner Arbeit vielen Menschen begegnet, die sich mit nichts und niemanden tief verbunden fühlen. Auch wenn sie ausreichend soziale Kontakte haben, einen Partner, eine Familie, Kinder - sie fühlen sich nicht verbunden. In ihnen herrscht ein kaum zu begreifendes Gefühl der inneren Einsamkeit und Leere, selbst, wenn die Dinge gelingen und das Leben eigentlich in Ordnung ist. Es ist als wäre im Zentrum der Seele etwas wie ein tiefe Sinnlosigkeit, als würde alles ins Leere laufen. Ein andauerndes Gefühl der Sinnlosigkeit und Vergeblichkeit beherrscht das Selbst, als wäre Bindung und Liebe nur für andere möglich.
Das wonach sich diese Menschen sehnen scheint ihnen unerreichbar, eine innere Beteiligung stellt sich nicht ein. Das kann sie auch nicht, weil sie es ja nicht kennen, nicht wissen, wie sich Verbundenheit anfühlt, nicht wissen, wie Bindung gelingt. Da ist eine Leerstelle in der Seele und zugleich ein tiefer Schmerz der Ohnmacht und der Verlassenheit. Dies führt nicht selten zur Unfähigkeit sich auf etwas oder Jemanden wirklich einzulassen oder im anderen Falle zu einer ständigen Suche nach dem Du, das die Leerstelle füllen soll, was nicht selten in eine unheilsame emotionale Abhängigkeit, bzw. Co-abhängigkeit führt.
Was kann uns helfen das Gefühl von Getrenntsein zu überwinden und Verbundenheit zu erleben?
„Schon die Sehnsucht nach Liebe ist Liebe“, schreibt Antoine de Exupery.
"Schon die Sehnsucht nach Verbundenheit ist Verbundenheit", könnte man meinen.
So einfach ist es nicht.
Allein die Sehnsucht nach Verbundenheit und Bindung stellt sie nicht her.
Auch wenn wir diese schmerzhafte Sehnsucht annehmen und uns mit uns selbst emotional verbinden, stellt sich nicht Verbindung ein. Denn das ist ja genau das Grundthema: Wer Verbundenheit nicht erfahren hat, kann sie in sich selbst nicht herstellen. Das wäre zwar wundervoll, ist aber nicht oder nur sehr begrenzt möglich, auch wenn so manche spirituelle Berater und Coaches uns das weismachen wollen.
Es funktoniert nicht.
Die Frustrationserfahrungen sind zu tief verankert. Sie sind zutiefst traumatisch, die frühen Beziehungen zu leblos, weil resonanzlos.
Die eigene Lebendigkeit, die Liebe und die Verbindung, nach der sich gesehnt wurde, ist hinter einer undurchdringlichen Mauer verkümmert – ein kaum erträglicher traumatischer Schmerz, der außerordentlich beharrlich ist.
Was kann helfen diesen Schmerz zu lindern?
Wir müssen fühlen wie verletzt wir sind, wie enttäuscht wir sind von unseren Bezugspersonen. Wir müssen uns frei machen von dem, was wir verinnerlicht haben, nämlich: Leere ist Beziehung.
Wir müssen anerkennen, dass die Verbundenheit, die wir ersehnt haben, niemals existierte. Wir müssen uns in einem schmerzvollen Trauerprozess von der kindlichen Sehnsucht nach den liebenden Bezugspersonen und der unheilsamen inneren Verstrickung mit ihnen lösen.
Alleine schafft das kaum jemand von uns. In den meisten Fällen braucht es eine vertrauensvolle, lange, geduldige und mitfühlende Beziehungserfahrung – eine stabile Verbindung mit einem professionellen Gegenüber. Es braucht hoffnungsvolle Trauer- und Traumaarbeit, denn was in Beziehung verletzt wurde kann nur in Beziehung heilen. Es braucht den Glauben, dass es etwas in uns gibt, was sich entwickeln will, ein Ja zum Leben und die Entwicklung hin zu unserem wahrem Selbst, durch die Loslösung von einer unerfüllten Sehnsucht eines falschen Selbst, das sich durch die destruktive Beziehungserfahrung herausgebildet hat.






