Sonntag, 10. Mai 2020

Der Schatten der Mutter

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Wissen Sie, sagt meine Klientin, es gibt Tage, da leide ich noch immer unter den vernichtenden Worten meiner Mutter. Seit ich denken kann hat sie meine Selbstachtung in den Boden gestampft. Ihre harten Worte klingen mir in den Ohren, immer dann, wenn ich doch eigentlich glücklich sein könnte. Es ist mir bis heute nicht gelungen mich dem Käfig der Erinnerungen zu entziehen. Ein Teil von mir glaubt ihr, und ein anderer weiß, dass sie Unrecht hatte. Meine Mutter kann gut vergessen. Wenn ich ihr die Glaubenssätze wiederhole, die sie mir eingeimpft hatte, die mich klein und kleiner gemacht haben, weigert sie sich mich zu verstehen. Sie legt sich alles zurecht, wie es in ihr Bild von Leben passt. Meine Worte haben für sie keinen Wert. Sie bleibt bei ihren Überzeugungen und so muss sie nichts einsehen, was ihre Realität ins Wanken geraten lassen könnte. Manchmal bedauere ich, dass ich diese Gabe nicht besitze.

Es ist ein Kampf jeden einzelnen Tag. Ich glaube zu wissen was ich will, aber ich tue es nicht, ich glaube zu wissen, wer ich bin, aber ich bin es nicht, ich glaube zu wissen, wohin ich gehen will, aber ich vertraue dem Weg nicht. Ich bin mir in nichts sicher, das macht mich schwach. Ich stelle mir vor, wie es sein könnte, wenn ich endlich erwachsen wäre, ihr entwachsen wäre und ich frage mich, was ich dazu brauche, um diesem Schatten zu entkommen. Ich bin ein Unglücksrabe, der ein Adler hätte sein können, hätte man ihn in ein anderes Nest gelegt. 

Sie wurden aber in genau dieses Nest gelegt. Haben Sie schon einmal überlegt, dass sie vielleicht genau diese Mutter gebraucht haben, um die zu werden, die sie sind?, frage ich sie. Sie konnten sich ihre Mutter nicht aussuchen, aber jetzt können sie wählen, wie sie mit dem umgehen was sie als Kind erleben mussten. Sie können sich ewig beklagen über die gute Mutter, die sie nicht hatten, sie können sie ewig verantwortlich machen für das, was ihnen nicht gelingt, es hilft ihnen nichts. Sie behandeln sich damit nur weiter so wie man sie als Kind behandelt hat. Sie führen zwei Kämpfe. Den gegen die Mutter und den gegen sich selbst. Sie werden keinen davon jemals gewinnen.
Wollen sie das?


Nein, aber meine Mutter ist der dunkle Schatten in meinem Leben. Ich bin wütend auf sie, noch immer. Ich würde ihr gern mal sagen: Mutter, wenn du wüsstest, wie schmerzhaft deine harten Kanten mein Leben in zwei Teile spalten.
Gut, und was wäre anders?, antworte ich.
Nichts wäre anders, sie würde es nicht verstehen.
Also was nützt es Ihnen?
Nichts.
Eine Träne rollt über ihre Wange.

Was könnten sie sich selbst sagen, damit es ihnen besser geht, frage ich sie.
Sie schweigt einen Moment.
Ich könnte mir sagen: Du bist jetzt erwachsen, du kannst dich lösen, von dem, was dich festhält und klein macht. Du kannst den Schatten sein lassen und dich dem zuwenden, was du sein willst. Du kannst dich selbst gut behandeln. Aber ich kann nicht. Sie soll endlich begreifen was sie mir angetan hat!

Doch sie können, sage ich.
Sie können es, wenn sie die Bereitschaft dazu haben und die Geduld diesen Weg zu gehen und wenn sie es wirklich wollen. Sie können ihre Wut anschauen, sie fühlen, sie da sein lassen und sie können ihre Trauer anerkennen und da sein lassen. Es ist bedauerlich, was geschehen ist. Ja. Aber es hilft ihnen nicht es weiter geschehen zu lassen und das tun sie, wenn sie weiter gegen etwas kämpfen, was sich nicht lösen lässt. Sie können lernen sich selbst eine hinreichend gute Mutter zu sein.

Kann man das?
Ja, sage ich, man kann.
Wie denn, verdammt?
Indem man aufhört vom anderen zu erwarten, dass er einen erlöst, auch wenn es die eigene Mutter ist.

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