Samstag, 16. Dezember 2017

Es gibt nicht auf alles Antworten



Zeichnung: AW

Im gestrigen Türchen meines Adventskalenders auf Facebook schrieb ich, dass es nicht auf alles Antworten gibt. Diese Erkenntnis ist so alt wie wir Menschen. Und es nicht anerkennen zu wollen, dass es so ist, dass wir oft antwortlos zurückbleiben, ist ebenso alt. Neulich sagte eine Klientin zu mir, wenn ich wüsste, dass es auf alle meine Fragen eine Antwort gibt, wenn ich wüsste, dass alles, was mir geschieht, auch wenn ich es nicht verstehe, einen Grund hat, einen Sinn macht, dann wäre das Leben rund. Das ist ein hoher Anspruch eines Menschen, der Antworten sucht, nach Gründen, nach Begründungen für das, was ist.

Es ist schwer zu akzeptieren, dass wir bisweilen antwortlos bleiben, dass alles Fragen nach dem Warum kein Licht ins Dunkel unserer Gedanken bringt. Wir können nicht verstehen warum ein geliebter Mensch viel zu früh von uns geht, wir suchen eine Antwort, die uns die Trauer erleichtern soll. Aber würde eine Antwort das wirklich tun, würde das Verstehen unsere Trauer kleiner machen, das Gefühl verändern? Wäre es leichter den Verlust zu verschmerzen? Ich behaupte, nein würde es nicht. Würde es uns leichter fallen eine Trennung vom Geliebten zu verkraften, wenn er uns sagt, warum er uns verlässt? Wäre die Diagnose einer schweren Krankheit leichter anzunehmen, wenn wir wüssten, warum wir sie haben? Würden Demütigungen und Verletzungen weniger schmerzen, wenn wir um das Warum wüssten? Tut es weniger weh, als Kind nicht geliebt worden zu sein, wenn wir wissen, warum man uns nicht lieben konnte? Ich behaupte: Nein. Unser Ego wäre zufrieden, denn es würde sich nicht mehr so ohnmächtig fühlen. Es wäre zufrieden, weil es sich die Illusion der Macht des Wissens um die Dinge vorgaukeln könnte. Es könnte sich weiter vorgaukeln die Kontrolle zu haben, denn Kontrollverlust macht Angst und die will es ums Verrecken vermeiden. Weil Angst hilflos macht und klein und uns daran erinnert , dass wir nicht die Herrschaft und die Allmacht über die Dinge, das Leben und uns selbst haben. Das Gefühl aber würde sich ob des Wissens um ein Warum nicht verändern.

Es sind die Gefühle, die uns mehr als alles andere ausmachen. Ein Klient, der irgendwann weiß warum er wie tickt, wo seine wenig hilfreichen Gedanken und Handlungen herkommen, versteht sich selbst zwar zunächst einmal besser, seine Gefühle ändern sich durch das Wissen seines Warum nicht wesentlich. Und Veränderung gelingt nun einmal nur über das Gefühl. Sicher beeinflussen unsere Gedanken unsere Gefühle, aber wer einmal versucht hat seine Gedanke zu kontrollieren um bessere Gefühle zu haben, weiß wie unendlich schwer das ist. Da können wir jahrelang „The Work“ machen und uns in die eigene Tasche lügen, dass wir allein die Macht über unsere Gedanken haben und für alles was uns im Leben widerfährt selbst verantwortlich sind, und dann geschieht etwas Schlimmes und aus ist es mit der Gedankenkontrolle, wir fühlen Schmerz und Wut und Trauer. Und nix mehr mit: Ich habe es unter Kontrolle. Wir sind Gefühlswesen. Wir werden mit Gefühlen geboren und nicht mit Gedanken. Wir schreien als Baby wenn wir Hunger haben und denken uns den Hunger nicht. Wir schreien nach Zuwendung und denken uns nicht: ich will Zuwendung. Nur mal so als Gedankenanstoß.

Sicher ist es hilfreich zu wissen warum die Dinge sind wie sie sind, aber es ist ebenso wichtig zu wissen, dass das Warum erst einmal nichts nützt. Also kommt die nächste Frage: Warum kann ich nicht ändern was ich nicht haben will und was nicht sein soll? Warum kann ich mich nicht verändern, weil ich jetzt weiß warum ich so bin? Nun, auch das könnte man mit Hilfe der Hirnforschung dann noch weitgehend erklären und begründen, aber nützt das etwas?

Das Wissen um das Warum tut nur eins, es scheint zu entlasten. Bis die Last wieder spürbar wird. „Insofern, als wir auf die Tatsachen des Lebens erst zu antworten haben, stehen wir stets vor unvollendeten Tatsachen“, schreibt der Neurologe und Psychiater Viktor Frankl, der Jahre seines Lebens im KZ in Auschwitz verbringen musste. Er selbst hat es überlebt, seine Familie nicht. Er hat sich nach dem Warum gefragt, er hat sogar ein Buch geschrieben in dem er sich fragt, was genau es ist , was die Einen überleben ließ und die anderen nicht. Er suchte Antworten, er suchte Trost in seinem Schmerz über die Verluste, er wollte verstehen. Hat er verstanden, warum er und nicht seine Liebsten überlebten? Nein. Seine Gedanken haben Konstruktionen gemacht um Antworten zu finden. Konstruktionen aber sind keine Antworten, es sind Möglichkeiten warum etwas wie sein könnte.
Wir Menschen machen Konstruktionen um uns an etwas halten zu können, das ist zutiefst menschlich und es macht Sinn, denn wo kämen wir hin, wenn wir uns an nichts halten könnten? Wir kämen dahin wo Frankl schließlich hinkam: „Wir stehen vor unvollendeten Tatsachen ...“
Und dann kämen wir endlich dahin wo wir sagen könnten: Ja, so ist es. Es ist wie es ist.
Es gibt nicht auf alles Antworten, denn es gibt Tatsachen, die unvollendet sind, die nicht erklärbar sind und nicht verstehbar für uns. Das meine ich, wenn ich sage: „Ich erkenne an, dass es nicht auf alles eine Antwort gibt.“ Ja, das hat mit Demut zu tun. Eine der schwersten Übungen für uns, die wir auf alles Antworten wollen oder gar so vermessen sind, zu meinen sie zu haben.

Der Psychoanalytiker C.G. Jung in einem Aufsatz "Über das Leben" schrieb: „Ich bin über mich erstaunt, enttäuscht, erfreut. Ich bin betrübt, niedergeschlagen, enthusiastisch. Ich bin das alles auch und kann die Summe nicht ziehen. Ich bin außerstande, einen definitiven Wert oder Unwert festzustellen, ich habe kein Urteil über mich und mein Leben. In nichts bin ich ganz sicher. Ich habe keine definitive Überzeugung - eigentlich von nichts. Ich weiß nur, dass ich geboren wurde und existiere, und es ist mir, als ob ich getragen würde. Ich existiere auf der Grundlage von etwas, das ich nicht kenne.“
Ein weiser Mann, der das Leben begriffen hat.

Namaste Ihr Lieben
Angelika Wende
www.wende-praxis.de

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