Dienstag, 30. August 2016

Wir stecken in einem Dilemma

Das System kippt. Das zeigt sich an den Randgebieten als Ausdruck einer Subkultur, welche sich auf dem Bodensatz einer Gesellschaft in der Krise, in einer Vermehrung sozialer Randgruppen (Migranten, Arbeitslose, arbeitslose Jugendliche) und einer wachsenden Orientierungslosigkeit gründet. Diese Menschen ziehen ihre ungesunde Nahrung aus Perspektivlosigkeit und diffuser Angst, welche durch das Kippen des bröckelnden Sozialstaates Deutschland wächst, dessen Auffangsysteme mehr und mehr in sich zusammenfallen. Mit dem Effekt, dass Frustration, Ohnmacht und Wut wachsen, die sich mehr und mehr in der Öffentlichkeit, auf der Straße, entlädt. 

Hohe Arbeitslosigkeit, breite Verarmung, die immer weiter zunehmende Polarisierung zwischen Arm und Reich, die Perspektivlosigkeit der Jungen, die Enttäuschung derer, die sich hier Asyl und Arbeit erhofft haben, die Resignation der Alten, die doppelt gedemütigt werden, weil ihre Leistungen nichts mehr gelten und ihre Rente nicht mal zum Sterben reicht, all die Menschen, die im System keine Chance mehr haben - das ist der Nährboden für den Verlust aller Regeln, Empathie und Humanität.
Wer in der Werbung täglich vorgegaukelt bekommt, was für ein "gutes Leben" nötig ist, aber keine Chance hat dieses durch ehrliche Arbeit zu erreichen, wer gleichzeitig erlebt wie der Staat sinnlos Geld an den falschen Stellen verpulvert, wie sich durch Spekulation riesige Einkünfte Einzelner ansammeln, wie arbeitslose Menschen stigmatisiert und von Politkern über einen Kamm geschert werden, wie subtile Feindbilder geschaffen werden - wie wird der reagieren? Ein Staat, der die soziale Polarisierung immer weiter vorantreibt wird in ihrem Gefolge Korruption und Kriminalität, Extremismus, Rassismus und Gewalt finden.

Menschen deren reale Lebenssituation von Angst und Armut geprägt ist und vom lähmenden Gefühl der Ausweglosigkeit beherrscht wird, deren Realität von den Erlebensmöglichkeiten einer Konsum- und Reizkultur gefüttert wird, die ihnen vorgaukelt, dass alles möglich, spüren die Lüge und den Verrat. Die Stimmung da draußen ist aufgeladen. Die Rechten bekommen mehr und mehr Zulauf von denen, die Angst um ihr Haben haben und vor denen, die es ihnen nehmen könnten. Die Angst macht sich breit und es gibt nicht genug Liebe um sie ihr entgegenzusetzen. Jeder für sich und jeder gegen alle, das ist Zeitgeist.

Wir stecken in einem Dilemma. Wir leben in einem System, das den Menschen sichtlich und fühlbar schadet. Das ist kein Fortschritt in Erfahrung und Denken, das ist der Niedergang einer Kultur. Mir stellt sich die Frage: Ist der Menschheit Sehen und Hören vergangen?

Sonntag, 28. August 2016

Samstag, 27. August 2016

Aus der Praxis – Der Innere Kritiker und warum er so mächtig ist



Der Innere Kritiker, jenes Introjekt, dass uns immer wieder dazu treibt uns selbst schlecht zu machen, ist ein hartnäckiger Anteil unserer Psyche. Davon könnten viele von uns ein Lied in Dauerschleife singen. Diese Hartnäckigkeit ist tragisch im Zusammenhang mit Veränderungen, die für das Seelenheil eines Menschen so dringend notwendig wären, um tief verankerte Selbstwertproblematiken zu lösen.

Die als Kind verinnerlichten Überzeugungen: „Du bist wertlos!“, „Du bist nicht gut genug!“, Du bist nicht liebenswert!“, die uns der Innere Kritiker immer wieder einsagt, lassen sich nicht so leicht korrigieren und schon gar nicht einfach mal löschen indem wir ihren Wahrheitsgehalt rational überprüfen und diesen durch positive Glaubensätze oder wohlmeinende Affirmationen ersetzen. Der Innere Kritiker glaubt uns die nämlich nicht.

Der Grund: Das implizite Gedächtnis in dem dieser Kritiker haust, ist so konstituiert, dass das Selbst das Positive, das wir ihm vermitteln wollen, nicht annehmen kann. Das implizite Gedächtnis, also jener Teil unseres Gedächtnisses, der sich auf das Erleben und Verhalten auswirkt, ohne dabei ins Bewusstsein zu treten, reproduziert nämlich wie ein Automat Verinnerlichtes und Erlebtes und ist dem Bewusstsein nur schwer zugänglich.

Hat z.B. ein Mensch als Kind die Erfahrung machen müssen, dass seine Bedürfnisse oder seine Gaben nicht geachtet werden, sie im Grunde genommen also “wertlos” sind , kann das dazu führen, dass er sich eigene Bedürfnisse auch als Erwachsender nicht zugestehen und seine Gaben nicht nutzen kann.  Mit andere Worten: Was Hänschen nicht gelernt hat, lernt Hans nur sehr schwer. Ein als wertlos stigmatisierter Hans ist auch als Erwachsener nicht in der Lage sich selbst wertzuschätzen und sich Freude und Erfüllung zu gönnen, weil sein implizites Gedächtnis, das nicht zulässt. 

In jedem sinnvoll angegangenen Veränderungsprozess geht es immer auch darum Unbewusstes bewusst zu machen. Eine mühsame Arbeit, wenn wir wissen, dass das Bewusste nur 10 % der Spitze des Eisberges ausmacht und 90 % dieses Berges unter dem Wasser, im Meer des Unbewussten liegen.

Nehmen wir uns also nun bewusst vor unsere destruktiven Überzeugungen in hilfreiche und unterstützende zu wandeln, schießt automatisch die verinnerlichte Überzeugung dazwischen: „Du hast es nicht verdient, dass es dir gut geht, weil du wertlos bin!“ Die im Meer des Unbewussten gespeicherten Selbstabwertungen und insbesondere die entsprechend negativen Gefühle zum Gespeicherten überschreiben sofort das bewusste Denken mit den verinnerlichten Erfahrungen und strafen sie der Lüge. 

Das führt zu einer dauerhaften Erhöhung von destruktiven Gefühlen, die den Selbstzugang erschweren und die Selbstentwicklung zum Besseren hin massiv behindern. Jede über Jahrzehnte zugrundeliegende Selbstabwertung führt zudem zu einer Dämpfung positiver Emotionen. Damit ist auch zwangsläufig die Motivation gedämpft, die wesentlich ist um persönliche Ziele, die im Veränderungsprozess formuliert werden, zu erreichen. Entsprechend zielgerichtete neue Denkmuster und hilfreiche Verhaltensweisen werden daher mit einer geringen Wahrscheinlichkeit in die Tat umgesetzt. 

Während sich das explizite Gedächtnis, auch Wissensgedächtnis oder deklaratives Gedächtnis genannt, Tatsachen und Ereignisse merkt, die bewusst wiedergegeben werden können, durch Bewusstmachung unserer Stärken, Ressourcen, Potenziale oder Erfolge positiv beeinflussen lässt, erreicht man das implizite Gedächtnis auf diese Weise nicht. Es hat die Selbstbewertung automatisiert und nimmt diese auf Grund generalisierter, unbewusster Erfahrungsmuster aus der Kindheit immer wieder neu vor. Mit anderen Worten: Der innere Kritiker hat hier die Macht und ist, wie die Erfahrung zeigt, meist der Gewinner im Kampf gegen all die destruktiven Überzeugungen, die wir verinnerlicht haben. Er ist äußerst resistent gegenüber einer Motivierung in eine andere, als die ihm vertraut, bekannte, gefühlte Erinnerung. 

Der wahre Herrscher unseres Gehirns ist, ob wir das nun wahrhaben wollen oder nicht, ein riesiges gegen uns arbeitendes Erfahrungsnetzwerk.

Nun möchte ich nicht behaupten, dass Veränderung zum Positiven hin nicht möglich ist. Ich weiß aber um die Grenzen, die uns Menschen gesetzt sind. Und ich weiß wie gefährlich es ist, wenn wir Menschen vorgaukeln wollen, wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Der Wille geht nicht so weit, dass wir alles verändern können, was uns als Mensch geprägt hat, das wir alles loswerden können, was uns nicht gut tut. Der Weg ist beschwerlich, Veränderung ist schwer und wer glaubt, dass ein paar Affirmationen und positive Gedankenreichen, damit es Menschen besser geht, ist auf dem Holzweg und vor allem: Er hat sich mit dem, was in unserem Hirn so alles passiert, ohne dass wir das merken, nicht auseinandergesetzt. 

Alles was wir von Außen aufsetzen ohne tief genug ins tiefste Innere geblickt zu haben, und dieser Blick nach Innen hat eben Grenzen, ist wirkungslos. 

Was wirkt?, frage ich mich. Was hilft um dem Inneren Kritiker und all seinen destruktiven Überzeugungen zu Leibe zu rücken? Wir können das implizite Gedächtnis nicht löschen. Das ist Fakt. Aber wir können versuchen es so gut kennen zu lernen wie es uns menschenmöglich ist. Dazu müssen wir wachsam werden, wir müssen beobachten lernen, wann der Kritiker sich ganz groß macht, mit ihm in den inneren Dialog gehen und seine Behauptungen jedes Mal neu hinterfragen. Und vor allem: Wir müssen uns die Erlaubnis geben ihm zu widersprechen.
Immer wenn er uns sagt: Du bist nicht gut genug! Könnten wir ihn fragen: Woher willst du das wissen? Und uns von dem, was wir tun wollen nicht abbringen lassen, sondern es beharrlich und standhaft gegen unseren inneren Kritiker und seine automatisierte Destruktivität immer wieder neu versuchen. Das ist schwer, das ist mühsam. Das erfordert viel Geduld und viel tägliche Übung im Umgang mit uns selbst und unseren inneren Anteilen. Das erfordert auch das Scheitern unserer bisweilen untauglichen Versuche auszuhalten, nicht aufzugeben und mitfühlend mit uns selbst jeden Tag aufs Neue für unser Seelenheil einzutreten. Das ist mühsam. Aber ist das Leben nicht viel mühsamer wenn wir es nicht versuchen?

Ja, und manchmal gilt eben ... 

Gott, gib mir die Gelassenheit,
Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.  


Reinhold Niebuhr




Donnerstag, 25. August 2016

One Lie and a Mess of Desctruction


                                                  impotent fury, aw 2016

„One lie and a Mess of Descruction“ ist der Titel meiner kommenden Ausstellung im November 2016.

Dieser Zyklus ist eine malerische Auseinandersetzung mit der Zerstörungswucht der Lüge.   
 
Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das sich ethisch mit seinem Verhalten auseinandersetzen kann. Er kann Gut und Böse unterscheiden und zwischen Wahrheit und Lüge wählen.
Warum wird trotzdem massenhaft gelogen? 
Weil es für den Lügner einen von Vorteil bringt. 
Wer sich selbst erfolgreich belügt, kann auch andere besser belügen. Selbstlüge und Lüge spielen stets Hand in Hand. Wer sich selbst betrügt, betrügt in der Folge auch andere. Lügen und Betrügen spielen stets Hand in Hand.

Lügen und Betrügen sind unfair. Lügner machen immer eine Kosten-Nutzen-Rechnung auf: Wenn sie lügen haben sie einen Nutzen, solange andere es nicht merken und ihre Lüge unentdeckt bleibt. 
Lüge und Betrug finden auch in Paarbeziehungen statt.

Warum betrügen Menschen ihre Partner, obwohl es in einer Katastrophe enden kann? 

Weil sie gierig sind, weil sie nicht genug bekommen, weil sie etwas, was sie haben wollen in der Beziehung nicht bekommen, weil sie es als Aufwertung ihres Egos brauchen, weil sie glauben, dass es ihnen zusteht, weil sie feige sind und dem anderen nicht die Wahrheit sagen über ihre unerfüllten Bedürfnisse oder weil sie einfach unmoralische Figuren sind, denen es nur um die Befriedung ihrer Triebe geht. 

Mentaler Betrug und sexuelle Aktivität außerhalb der Beziehung erfordert die bewusste Täuschung des Anderen, sie erfordert Schamlosigkeit und Kaltblütigkeit. Lügen und Betrügen entwürdigt den Partner, während der Betrüger sein Selbstwertgefühl aufpoliert.

Wird das Lügengeflecht durchbrochen findet der Lügner rationale Erklärungen für sein unmoralisches Verhalten oder er schiebt dem Partner die Schuld für seine Unmoral in die Schuhe. Er habe ihn nicht genug geliebt. Die Wahrheit aber ist: Der Betrüger liebt sich selbst nicht genug.

Eine Lüge kann ein Chaos der Zerstörung anrichten.
 „One Lie and a Mess of Descruction“

Die schlimmste aller Lügen ist die Selbstlüge. Sie zieht alle anderen Lügen nach sich.
Menschen, die der Selbstlüge verhaftet sind, lügen in Folge immer. Sie kennen keine Grenzen wenn es um ihre Gier und ihren Vorteil geht. Sie sind Narzissten, das ist die extreme Form der Selbstverherrlichung. Narzissten halten sich für ganz besonders und einzigartig. Ihr Selbstbild im Hinblick auf Macht ist gut, bei Empathie und Moral ist es miserabel. 

Der Anteil der Narzissten in unserer Gesellschaft nimmt zu. Die „selbstzentrierte Blindheit“ dieser Menschen ist erschreckend. Sie stellen sich nicht infrage, ihre Lügen haben Methode, ihre Einbildungen sind hartnäckig. Sie glauben an ihre Lügen noch dann, wenn sie längst überführt sind. Ihr System der Selbstverherrlichung ist außer Kontrolle geraten. Sie sind Meister darin das virtuos zu überspielen. Der Narziss ist ein Januskopf, dem nicht zu trauen ist. Er spielt mit Menschen wie mit Figuren auf dem Schachbrett. Er schert sich nicht um die Verletzungen und die Zerstörung, die seine Lügen nach sich ziehen. Für  ihn sind Menschen Bauernopfer. Er kennt weder Scham, noch Schuld noch Reue. Selbstbezogen lebt er in einem Kosmos der Selbsttäuschung. In diesem Kosmos herrschen Chaos und Zerstörung.

Wann wird Selbsttäuschung gefährlich?
Wenn die Realität zu weit wegrückt.


Mittwoch, 24. August 2016

portrait of a no name

                                 AW 2016

Aus der Praxis – Der Kern der Wut

Es gibt keinen Menschen, der frei ist von schmerzlichen Gefühlen, der frei von Wut und Zorn durchs Leben kommt. Auch der Erleuchtete kennt diese Gefühle, bis er gelernt hat sich davon zu lösen, wenn das überhaupt möglich ist, was ich zu bezweifeln wage. Diese Gefühle sind menschlich. Aber es kann geschehen, dass ein Mensch sich bis auf den Grund der Seele verletzt fühlt. So verletzt, dass er sich in einer Wut gefangen fühlt, die so groß ist, dass er unfähig ist sie abzustellen, unfähig ist sich zu besänftigen, unfähig ist, dieses Gefühl, das sich wie eine sich immer und immer wieder aufschäumende Welle durch den Körper schiebt und nicht abflacht, zu beruhigen. 
Es gibt sie, diese Wut, die uns nicht verlässt und nach und nach beginnt ein Eigenleben zu entwickeln, das ein Leben vollkommen beherrscht. Diese Wut ist so groß und so unbändig und wird schließlich so unaushaltbar, dass sie nach einer Handlung schreit. Man muss etwas tun, man muss dem, der diesen Schmerz der Wut auslöst, genau diese Wut überkippen, man muss zurückschlagen, den Schmerz der Wut dahin schlagen wo er seinen Ursprung hat. Diese Wut will es dem anderen heimzahlen. Sie will Rache um jeden Preis, sie findet kein Ende bis sie eskalieren darf, bis dem anderen der Schaden zugefügt wird, der einem selbst zugefügt wurde. Diese Wut ist zu Hass geworden, zu einem mörderischen Hass, der kein Halten mehr kennt und nur noch eins will: Den Anderen vernichten. Dieses Gefühl ist der Grund für viele Morde in der Welt.

Ein Mensch, der sich in dieser Wut-Hass-Spirale verfangen hat kann zum Täter werden. Er ist in seiner Aggression gefangen, unfähig einen Schritt zurückzutreten oder sich zurückzuhalten. Wie von einem Autopiloten gelenkt ist sein Ziel die Zerstörung dessen, was er hasst. Ihm bleibt keine Wahl mehr für Einsicht oder eine andere Reaktion. Der Raum für Alternativen ist vollkommen ausgeblendet. Ist er nicht mehr in der Lage den Autopiloten abzustellen und das Steuer über seine Gefühle wieder in die Hand zu nehmen, endet diese hochexplosive Wut-Hass-Spirale in unendlichem Leid.

Dieser Mensch sitzt in der Falle. Er weiß das und er weiß meist auch, dass er aus dieser Falle herausfinden muss, damit sein Leben nicht auf eine Katastrophe zusteuert. Er braucht Hilfe um keinen Schaden anzurichten, der nicht wieder gut zu machen ist.
Aber wie ist diesem Menschen zu helfen?

Hilfe ist nicht die Erkenntnis, dass es sich nicht lohnt, sein eigenes Leben wegen eines Anderen zu zerstören, der uns Leid angetan hat. Hilfe ist nicht, zu üben die Wut in den Griff zu bekommen, denn das ist nicht möglich. Es funktioniert nicht erst gar keine Wut aufkommen zu lassen, es funktioniert nicht Wut zu unterdrücken, es funktioniert nicht anders denken zu wollen, es funktioniert nicht sich abzulenken, es funktioniert nicht auf ein Kissen zu schlagen und die Wut herauszuschreien, anstatt auf den, gegen den die Wut gerichtet ist. Wer es probiert hat, weiß das. Gefühle lassen sich nicht abstellen und nicht auf Knopfdruck kontrollieren. Sie sind da, ob wir das wollen oder nicht und ob sie uns lieb sind oder nicht. Was wir aber lernen können ist unsere Reaktion auf destruktive Gefühle zu verändern. Wir können lernen diesen destruktiven Gefühlen den schmerzhaften Stachel zu nehmen, ihnen die zerstörerische Kraft zu entziehen und uns der Herausforderung stellen, die dieses Gefühl an uns heranträgt. Diese Herausforderung heißt: Verständnis und Mitgefühl mit uns selbst.
Was bedeutet das? 

Es bedeutet, wir erlauben uns genau das zu empfinden, was wir empfinden, egal wie schlimm oder wie destruktiv es ist. Es heißt wir lassen zu, was wir an aggressiven Gedanken haben und akzeptieren, dass wir sie haben. Wir hören auf sie wegdenken oder weghaben zu wollen, wir lernen damit zu leben und übernehmen die Verantwortung für unsere Gefühle, genau wie sie sind. Wir hören auf dagegen anzukämpfen. Damit akzeptieren wir, was wir ohnehin erleben. Damit beenden wir den inneren Kampf gegen unerwünschte Gefühle und destruktive Gedanken. Wir betrachten sie mit akzeptierendem Interesse und zwar genau so lange, bis sie uns wieder loslassen.

Warum sollten wir das tun? Ganz einfach, weil alle anderen Strategien um Wut oder Hassgefühle loszuwerden nicht funktioniert haben und nicht funktionieren werden. Ganz einfach ist das Akzeptieren dessen was ist allerdings nicht. Es ist Arbeit. Arbeit, die von uns selbst eine große Portion Willenskraft, Mut, Entschlossenheit und viel Geduld erfordert. Es ist Arbeit, die einem Kampf gegen einen Dämonen fordert, den wir erst einmal nicht in den Griff bekommen. Aber allein die Entschlossenheit den Kampf aufzunehmen ist der erste Schritt auf dem Weg zur Akzeptanz, den Kampf gegen unser eigenes Innere zu beenden. 

Diese Arbeit beginnt damit, dass wir uns selbst akzeptieren, mit genau den Gefühlen, als genau den Menschen, der wir zu diesem Moment in der Zeit sind. Sie beginnt damit anzuerkennen, wer wir jetzt gerade sind. Auch wenn wir das, was wir gerade sind, nicht mögen. Wir erkennen an, was ohnehin ist und beenden den Kampf gegen das Unerwünschte in uns selbst.

Zurück zur Wut. Die biologische Funktion von Wut liegt in der Regulation von Schmerz und emotionalem Stress. Wut ist die natürliche Reaktion des Individuums auf Bedrohung. Wut ermöglicht es uns zu kämpfen und uns zu verteidigen, wenn wir angegriffen werden. Insofern ist Wut durchaus überlebensnotwendig. Aber das bedeutet nicht notwendigerweise, dass wir deshalb diese Wut unmittelbar ausagieren müssen. Mit anderen Worten: Wut haben heißt nicht, Wut ausleben. Die alte Theorie, man müsse Dampf ablassen um die Wut loszuwerden hat sich längst überholt. Es ist nicht gesünder seine Wut abzureagieren. Wut zum Ausdruck zu bringen schafft zwar eine kurzfristige Entlastung, führt aber nicht dazu, dass die Wut verfliegt. Im Gegenteil. Forscher haben herausgefunden, dass wütende Gefühle sich nach einem Wutausbruch nicht in Luft auflösen, sondern weiter anhalten und sich sogar verfestigen. Wir geraten in einen Teufelskreis von Wut und Zorn. Wir geraten darüber hinaus in einen Teufelskreis von wütender Ohnmacht, die uns lähmt und unser Leben vergiftet. Mit der Wut gegen andere vergiften wir uns selbst, denn dem anderen ist unsere Wut meist egal.

Wut, die ausbricht, ändert also nichts. Trotzdem ist sie da. Ja, und das darf sie auch sein. Unsere Wut ist nicht unser Feind. Sie will uns etwas sagen. Sie will, dass wir hinter sie blicken, auf das, was sie auslöst. Sie will, dass wir sie erforschen, sie zeigt uns, dass da etwas in uns ist um das wir uns kümmern müssen. Daher ist es so sinnvoll sie zu akzeptieren. Wut ist der Versuch unseres Unterbewussten uns vor etwas noch schmerzhafterem zu schützen. Etwas, das sehr zart und verletzt ist. Wut verdeckt all unsere Gefühle von Scham, Kränkung, Demütigung, Zurückweisung, Missachtung, Entwürdigung,Verlassenheit und Ungeliebtsein. Wie ein Schutzschild legt sie sich vor dieses zerbrechliche Selbst, das genau diese Gefühle nicht spüren will, weil sie weh tun, viel weher als Wut. Mit Wut können wir uns vor unseren wahren Gefühlen schützen, wir schützen uns vor der Bloßlegung unserer Verwundbarkeit. Ohne die Wut wären wir enttarnt, vor uns selbst und dem, der uns verletzt hat. 

Darin liegt der Kern der Wut. Dorthin führt der Weg im akzeptierenden Umgang mit unserer Wut: Zu dem, was wir wirklich fühlen. Und das zeigt sich dann, wenn wir aufhören gegen unsere Wut anzukämpfen, wenn wir aufhören sie hinauszuschreien und anfangen sie zu beobachten, solange bis sie uns verlässt und uns da lässt wo wir wirklich stehen: Vor unserer eigenen Verletzlichkeit.
Das ist kein leichter Weg, denn es ist schmerzhaft zu spüren, wie zerbrechlich wir im Tiefsten sind, wenn wir alle Schutzmechanismen fallen lassen. Aber es ist der einzige Weg um dort zu beginnen wo wir ehrlich und aufrichtig mit uns selbst werden. Und wenn wir das werden, beginnen wir vielleicht endlich Mitgefühl mit diesem verletzten und lebenslang verletzbaren Wesen zu empfinden, das wir sind und ihm das zu geben, was es am Nötigsten braucht: Unsere Liebe und unsere Fürsorge.












Dienstag, 23. August 2016

maul couché

                                                             Malerei AW 2016


                        .... les "je t'aime" un brouillon

Guilt

Malerei AW

Freitag, 19. August 2016

Gedankensplitter

im außen schauen in der gewissheit nichts verändern zu können. wie sinnlos das ist. wieviel kraft das bindet, wieviel energie das verbraucht. es nützt nichts zu hinterfragen, wenn es von vornherein nur eine antwort gibt: nichts im außen kannst du verändern. 
das liegt nicht in deiner macht.

was deine versuche des hinschauens bewirken? nichts. wenn du veränderung anstrebst, so gilt: nur im eigenen inneren kannst du es tun. damit hast du genug zu tun. 
nur das liegt in deiner macht.

Donnerstag, 18. August 2016

Aus der Praxis – Süchtige Beziehung

Foto AW

Sucht ist die Anhaftung an eine Substanz oder ein Objekt, körperlich, geistig oder seelisch. Jede Art von Sucht spaltet den Süchtigen von seinem Selbst ab, von seinen Gefühlen, seiner Wahrnehmung und seiner Lebensenergie. Die meisten Süchtigen haben oder finden Jemanden, der ihnen hilft die Sucht aufrecht zu erhalten: den Co-Abhängigen. Der Co-Abhängige sitzt im selben Boot wie der Süchtige. Er schwimmt mit dem Süchtigen auf dem Fluss, auf dem sein Boot dahintreibt und in den meisten Fällen im Sumpf des Siechtums strandet.

Sucht ist Siechtum und weit entfernt von der Romantisierung so mancher Süchtiger, die sich ihre Sucht mit der Sehnsucht nach einer besseren Welt oder einer schöneren Existenz in dieser Welt erklären, rechtfertigen oder sich schön reden.

Sucht ist nicht schön. Sucht ist zerstörerisch. Zerstörerisch für den Süchtigen, der der Substanz, an der er hängt, vollkommen ausgeliefert ist. Sein Wille ist gebrochen, er leidet unter Kontrollverlust, was jede Art von Sucht letztlich kennzeichnet. Sein Leben entgleitet ihm wie das dahintreibende Boot im Fluss. Ausgeliefert, wie der Süchtige seiner Sucht, leidet der Co- Abhängige ebenso am Kontrollverlust. Mit anderen Worten: die Substanz hat die Kontrolle über das Subjekt und nicht umgekehrt. Sucht führt zum Verlust der Klarheit und der Selbstkontrolle und schließlich zum Verlust der Kontrolle über das eigene Leben.

Die Beziehung zwischen dem Süchtigen und den Co-Abhängigen basiert auf gegenseitiger Abhängigkeit.
Sie brauchen sich. Ihr Leben ist ineinander verflochten und gaukelt ihnen die Illusion der Sicherheit. vor. Es herrscht Kontrolle auf vielen Ebenen: Die Substanz hat die Kontrolle über den Süchtigen, der Süchtige mit seinem Suchtleiden hat Kontrolle über den Co-Abhängigen, der Co-Abhängige kontrolliert den Süchtigen.
Wo Kontrolle herrscht gibt es keine Individualität.
Dieses Arrangement führt dazu, dass keiner mehr ohne den anderen leben kann – und das ist Sucht.

Die Art Frau, die sich in eine solche Beziehung begibt, bezieht ihre Identität von außen, sie hat keine Selbstachtung und kein Selbstwertgefühl, meist sie ist abgespalten von ihren Gefühlen und unfähig ihre eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen.
Sie lebt für andere. Sie definiert sich über andere. Immer geht es darum zu sein, wie andere sie haben wollen und deren Erwartungen erfüllen. Das gibt ihr das Gefühl etwas wert zu sein. Im Tiefsten ist sie einsam, weil sie sich selbst nicht findet und damit keinen Halt in sich selbst. Das Haltlose des Süchtigen wirkt wie ein Magnet auf ihren inneren seelischen Kompass, der immer in Richtung „ich muss gebraucht werden“ ausschlägt.

Der Typ Mann, der sich in eine solche Beziehung begibt ist meist schwach, er ist gierig und maßlos, ob im Trinken und/oder im Essen oder sexuell. Er ist maßlos weil das Loch in seinem Innersten mit nichts zu füllen ist.
Der Co-Abhängige Mann belügt sich selbst, er belügt andere, er lügt in der Beziehung. Im Grunde ist sein ganzes Leben ist auf einer Lüge aufgebaut. Er lebt nur scheinbar und betreibt Selbstzerstörung auf Raten. Angezogen von der Maßlosigkeit der Süchtigen fühlt er sich geborgen, findet er seine "Seelenverwandte", die ihm Halt vorgaukelt, wo er sich selbst nicht halten kann.

Beide schwanken. Beide sind haltlos. Beide haben keine klar formierte Ich-Identität. Frauen und Männer, die in einer Suchtbeziehung zueinander finden, werden in dieser Beziehung zugrunde gehen, sie siechen dahin an einer höchst unromantischen Krankheit, die man Suchtprozess nennt.

Mittwoch, 17. August 2016

Aus der Praxis – Borderline

Zeichnung: AW

Sie ist voller Lebensangst und zugleich will sie nur leben. Sie sehnt sich nach Nähe und Zärtlichkeit und zugleich ist sie nach innen und außen abgeschottet. Sie sehnt sich nach Zuneigung und Liebe und zugleich hat sie panische Angst fallen gelassen zu werden. Ihr Bedürfnis nach Halt kippt um in die Angst vor Einengung. Ihr Bedürfnis nach Anlehnung kippt um in die Angst vor Ablehnung und Zurückweisung. Ihre Angst vor Zurückweisung mündet in das Zerstören jeder Beziehung.

Sie ist eine kluge, aufrichtige, starke, mitfühlende, stolze Frau und gleichzeitig wohnt ein kleines trauriges Mädchen in ihr, das resigniert hat und sich vor der Welt, dem Leben und den Menschen fürchtet. Sie sehnt sich nach Menschen und wagt es nicht, sich auf sie einzulassen. Sie fürchtet sich vor Nähe, weil Nähe erfahrungsgemäß immer Verletzung bedeutet. Sie führt Freundschaften nur zaghaft, weil sie es nicht ertragen kann zu tief in das Fremde hineingezogen zu werden. Sie kann reale Gefahren und das Gefühl von Angst nicht trennen. Sie hält es nicht gut mit sich alleine aus und kann sich selbst kaum aushalten. Sie steht unter permanenter innerer Spannung, die sich nur beruhigt, wenn sie sich körperlich auspowert. Sie kann sich schwer selbst beruhigen. Ihr Mangel an innerer Geborgenheit treibt sie von einer Stimmung in die nächste. Sie ist ständig am Kippen und fällt von einem Extrem ins andere. Es fällt ihr unsagbar schwer aus destruktiven Stimmungen wieder herauszufinden.

Sie weiß nicht, wie sie mit dem Leben umgehen soll und oft denkt sie, sie wird daran zerbrechen. Sie braucht jemanden, der ihr hilft, kann aber Hilfe nicht zulassen. Sie nimmt die Welt zutieftst widersprüchlich und fragmentarisch wahr, das schafft Verwirrung und Orientierungslosigkeit. Unfähig die Wirklichkeit in all ihren Facetten einzuschätzen, ist sie gefangen in ihrem zerstückelten Bild von Welt. Sie ist voller Angst, weil es ihr nicht gelingt die widersprüchliche Welt zu erfassen, sie zu verstehen und die Dinge angemessen einzuordnen. Für sie ist das Leben eine Ansammlung von Splittern, die keinen Zusammenhang ergeben.

Sie ist ständig in Hab-Acht-Stellung vor allen möglichen Missklängen und Gefahren. Sie hat eine erhöhte Sensibilität und ein ausgeprägtes Frühwarnsystem seit sie klein ist. Sie hat es gebraucht um zu überleben. Dass sie es heute nicht mehr braucht weiß sie nicht.

Aus Selbstschutz trägt sie eine Rüstung im Wissen, dass sie voller Risse ist und sie nicht schützen kann Sie führt ständig einen inneren Kampf zwischen Liebe und Hass in sich selbst und mit der Welt. Sie kann Gut und Böse nicht zusammenbringen. Sie lebt in der Spaltung und sieht und fühlt nur Schwarz oder Weiß. Ein Grau gibt es für sie nicht. Das kostet unheimlich viel Kraft und verbraucht unsagbar viel Energie. In ihrer Zerrissenheit weiß sie nicht, was sie braucht und was sie nicht braucht. Sie weiß nicht wo die Grenze zwischen sich selbst und den Anderen beginnt und wo sie endet. Sie kann sich oft selbst nicht spüren und dann verletzt sie sich selbst. Sie leidet darunter wie zerstörerisch ihr Leben war und ist. Am Meisten leidet sie unter dem zersetzenden Gefühl in sich selbst keinen Halt zu finden. Sie ist eine Verlorene in sich selbst. Unsicherheit, Wertlosigkeit, Misstrauen, Angst und der Schmerz grenzenloser Einsamkeit sind ihre Begleiter.

Es schmerzt mich die tiefe innere Verlassenheit und die ohnmächtige Wut der Verzweiflung dieses zutiefst beschädigten Selbst zu spüren. Es rührt mich in die Augen dieses einsamen kleinen starken Mädchens zu blicken, das, seit es geboren ist, unermüdlich seinen Platz in der Welt sucht, den Platz dem man ihm nicht geben wollte. Es rührt mich zu sehen, wie dieses verletzte Menschenkind trotz allem, eine scheinbar unzerstörbare Widerstandfähigkeit in sich trägt.
Sie ist eine Grenzgängerin. Man nennt das Borderline.


Samstag, 13. August 2016

Über das Glück





Wir alle wollen Glück haben. Aber was heißt das: "Glück haben"?
Glück haben bedeutet, durch einen glücklichen Zufall begünstigt zu sein. Zum Beispiel: Es fällt uns etwas Glücklichmachendes zu: Ein Lottogewinn, ein schöner Vorteil, den wir erreichen, die Tatsache, dass wir gesund sind oder vom Unglück verschont sind. Glück haben heißt, vom Leben begünstigt zu werden.

Aber da ist noch ein anderes Glück - das Glück der Empfindung, im Sinne von Glück empfinden, es fühlen, egal wie begünstigt wir vom Leben sind, egal ob wir gerade Glück haben oder nicht. Und dieses Glück ist ein viel tieferes als das "Glück haben".

Glück empfinden ist unabhängig von äußeren Umständen oder objektiven Tatsachen, die unser Leben schöner machen. Die Empfindung von Glück hängt einzig und allein von unserem subjektivem Erleben ab. Es ist so wenig was als Glück empfunden werden kann gegen das Viel, was das "Glück haben" ausmacht. Sicher, wenn wir unglücklich sind wollen wir wieder Glück haben und so mancher setzt alles daran es zu erreichen, ganz nach dem Motto: Du bist deines Glückes Schmied!

Glück haben und Glück schmieden. Beides beinhaltet etwas dafür zu tun, damit das Glück ins Haus kommt. Und dann macht man es so wie der Hans im Glück, der auszieht um sein Glück zu finden. Nehmen wir an, eine Liebe hat uns verlassen, welch ein Unglück! Und schwups setzt so ein Unglücklicher alles daran wieder eine neue Liebe zu bekommen. Er will wieder Glück haben, weil er das Unglück nicht haben will. Er tut viel dafür um schnell wieder Glück zu haben. Was für ein Glück ich habe!, denkt er sich dann, wenn er es in menschlicher Gestalt in eine Singelebörse oder sonstwo, wo er sucht, findet.

Das ist das zu habende Glück, das Glück, das wir an äußeren Umständen, an Dingen und an anderen Menschen festmachen. Aber ist das Glück, wenn wir unser Wohlbefinden an Dingen oder gar an einem Anderen festmachen? Der Andere, der dann für unser Glück sorgen soll, dass wir selbst und alleine mit uns nicht empfinden können? Das Ding, das uns glücklich machen soll, weil wir es ohne es nicht sein können? "Glück haben" kann man auch kaufen. Viele Leute kaufen sich viele Dinge um sich glücklicher zu fühlen. Oder sie machen eine Reise um sich glücklicher zu fühlen. Menschen tun viel um das Glück zu haben, das sie nicht haben. Und dann, nach einer Weile, wenn sie das Glück haben, merken sie, dass es sie gar nicht viel glücklicher macht, als sie es vorher waren oder dass sie  genauso unglücklich sind wie vorher, dann, wenn der erste Glückhabenrausch vorbei ist. Ja, so ist das mit dem zu habenden Glück, es macht nicht dauerhaft glücklich. Es ist eine Hatz nach immer mehr und schafft niemals das Gefühl genug zu haben.

Glück kommt zu dem, der warten kann. Zu dem, der ihm nicht hinterherjagt. Es lässt sich nicht jagen und nicht erreichen. Glück ist bei dem, der es empfinden kann, auch wenn er gerade nicht viel von dem hat, was er gern hätte. Die Fähigkeit Glück zu empfinden ist etwas, das in uns selbst angelegt ist oder nicht. Glück ist auch, wenn wir uns unserer Sorgen und Entbehrungen bewusst sind und dennoch Freude und Dankbarkeit verspüren können. Da reichen kleine Dinge um Glück zu empfinden. Wer Glück empfindet braucht nicht immer mehr, um immer größere Glücksgefühle haben zu müssen oder um Glück überhaupt zu bemerken. Er weiß, das Glück wohnt nicht da draußen, es wohnt auch nicht in einem anderen, es wohnt in der eigenen Seele. Und darum kann man es auch nicht schmieden oder es haben wollen und man kann es schon gar nicht erzwingen oder festhalten. "Sich glücklich fühlen, auch ohne Glück - das ist Glück", schrieb Marie-Ebner-Eschenbach einst. Sie hat Recht.

Freitag, 12. August 2016

Vom Denken was andere über uns denken




Viele Menschen sind mit ihrem Denken immer im Außen. Sie beziehen sich auf das Außen und sie beziehen ihr Selbstbild aus dem Abgleich mit dem Außen. Sie machen sich Gedanken über das, was andere über sie denken könnten. Sie machen sich Gedanken, wie andere sie wahrnehmen und beurteilen, sie glauben zu erkennen, wenn sie gut Acht geben, wie andere auf sie reagieren und sie glauben so zu sein, wie man sie wahrnimmt und auf sie reagiert.

Um all das machen sie sich Gedanken, aber sie machen sich kaum Gedanken darüber wie sie selbst sich wahrnehmen, wie sie sich selbst fühlen und sich behandeln. So leben sie in der Abhängigkeit von den gedachten Gedanken über andere und den Gedanken, von denen sie denken, dass andere sie über sie haben.
 
So ein Denken ist wie der Satz, der über diesem steht, man muss ihn zwei Mal lesen, um ihn zu begreifen, und so viel Verwirrung wie dieser Satz schafft, schafft solch ein Denken in den Köpfen von Menschen, die ständig darüber nachdenken was andere über sie denken, und sich dann genauso fühlen wie sie denken, dass man über sie denkt. 

Es ist klar, wie wenig klar wir mir diesem Denken in unserem Sein sind, wie wenig selbstabhängig und wie fremdbestimmt wir mit einem solchen Denken durch das Leben gehen. Und tief drinnen ist da der Wunsch: Ich will ich sein, ich will mich entfalten und ich will frei sein für all das, was in mir lebt und was sich ausdrücken will. Ein frommer Wunsch, ein Wunsch, der sich nicht erfüllen wird für die, die so sehr vom Außen abhängen und vor lauter Abhängigkeit vom möglichen Denken anderer über sie das Denkstübchen ihn ihrem eigenen Kopf mit so viel Unsinnigem überfrachten, dass das, was es für sie über sich selbst zu denken gibt, keinen Raum findet.

Raum finden im Denken für sich selbst, sich abwenden vom fremden Denken und sich dem eigenen Denken zuwenden und damit ins Fühlen kommen. Und dann: Denken und Fühlen, was das Eigene ausmacht. 

Man hat uns diese Art des Denkens nicht beigebracht. Darum ist es so schwer und so eine große Herausforderung. Ich denke, es macht Sinn sie anzunehmen um aus dem Hamsterrad der tausendfachen Abhängigkeiten vom Außen herauszuspringen, es macht Sinn anzufangen selbst zu denken, um dann anzufangen uns selbst zu verstehen, um dorthin zu gelangen wo wir uns erlauben unsere eigenen Gefühle zu fühlen und jedes einzelne davon ernst nehmen und achten, um irgendwann bei uns selbst anzukommen. Wenn das gelungen ist, gelingt es das Außen als das zu begreifen, was es ist: Ein Spiegel dessen, was wir denken und was wir aufgrund dieses Denkens wahrnehmen. Und je respektvoller wir über uns selbst denken, je mehr wir uns selbst Beachtung und Achtung schenken, desto mehr können wir anderen davon zurückgeben. Dann erst werden wir etwas von dem bekommen, was wir uns wünschen.

...

Der Mensch hat verlernt zu handeln, er reagiert bloß noch. Er ergreift die Möglichkeiten des Lebens nicht, sondern lässt sich von ihm treiben. Er passt sich den Verhältnissen an, statt sie zu zwingen. Er lässt sich vom Leben formen, statt es wie ein Kunstwerk zu gestalten. Der moderne Mensch ist dekadent geworden, beherrscht von der Krankheit des Ressentiments, des reaktiven Gefühls schlechthin. 

Friedrich Nietzsche


Montag, 8. August 2016

Aus der Praxis – Ein großer Kummer

"Aber ich kann es einfach nicht aushalten. Ich gehe daran zugrunde. Ich wünsche mir so sehr Veränderung, aber es geht nicht, ich habe keine Kraft mehr!" 

Ich kenne diese Aussagen und ich kenne das Gefühl dahinter gut. Ich weiß, wie sehr Menschen leiden können. Ich erfahre es in meiner Arbeit mit Menschen, ich erlebe es mit Menschen, die ich kenne und ich erlebe es mit Menschen, die mir nahe stehen. All diese Menschen verbindet ein großer Kummer, ein Kummer, der so unendlich groß ist, dass er durch nichts zu trösten oder zu heilen ist.

Ja, das gibt es. Und all die Stimmen, die jetzt widersprechen – mögt ihr das tun, mögt ihr glauben auch der größte Kummer ist heilbar. Ich weiß, es ist nicht wahr. Unser Unterbewusstsein ist so mächtig und bei einem großen tiefen Kummer so unbelehrbar, dass alles was wir in die obere Schicht unseres Bewusstseins gießen mögen, alle Hilfen, alle therapeutischen Interventionen, alle spirituellen Konzepte und Übungen daran scheitern können. Auch das universelle Heilversprechen: Geh in die Liebe und du wirst gesunden!, kann machtlos sein. Ja, so traurig es ist, auch die Liebe kann machtlos sein, wenn ein Herz erfroren ist.

Ein Herz erfriert nicht durch einen einzigen Kälteschock von Außen. So ein Herz ist warm, sehr warm und deshalb braucht es viele dieser Schocks bis es nach und nach einfriert und schließlich im Eis erstarrt. Es sind die warmen Herzen, die ganz weichen Herzen, die irgendwann nicht mehr auftauen, weil es unerträglich für sie wäre, all das noch einmal spüren zu müssen, was sie in die ewige Eiswüste gebracht hat. All das Leid, all die schlimmen Erfahrungen, all die Erschütterungen. Nein, nie mehr wieder!, sagen sich diese Herzen und verharren in der eisigen Landschaft grenzenloser Trauer. 

Nach und nach verliert so ein armes Herz seinen Lebenswillen. Es wird müde vom Frieren, müde vom Aushalten und müde nach Veränderung zu suchen oder sie zu erhoffen. Ach, es hat doch alles schon versucht, aber der Kummer ist nicht weggegangen. Es wurde nicht besser, nur weil ihm jemand die Hand gereicht hat, es getröstet hat und ihm hilfreiche Worte geschenkt hat.  Es wurde nicht besser auch wenn es für einen Moment in der Zeit einmal besser war, es wurde nicht besser, weil es nicht besser werden kann. Das Unterbewusstein hat all das Bessere nicht verstanden, weil es nicht durch den Verstand zu erreichen ist, weil es taub ist gegenüber Worten, weil es fühlt, was es gefühlt hat und immer noch so fühlt, ganz gleich was ihm gesagt wird.

Veränderung geht niemals über den Kopf, das weiß ich. Sie geht über das Gefühl und dafür muss noch ein Rest an Glaube, ein Rest an Zuversicht, Hoffnung und Liebe übrig sein, damit der Verstand mit seinen Werkzeugen etwas ausrichten kann. Ein erfrorenes Herz fühlt nichts mehr, außer kaltem Schmerz und stummer Verzweiflung. Es ist nicht aufzuwärmen, auch nicht wenn ihm in Gestalt eines anderen Menschen die Wärme begegnet, denn es vertraut nicht mehr, es hat es zu oft getan und es ist zu oft enttäuscht und zu tief verletzt worden. Das Gefühl hat gelernt und das ist die Wahrheit des Herzens.

Eine traurige Wahrheit, die diese armen Herzen in sich tragen. Und so leben sie Tag für Tag in ihrem ewigen Eis, das ihren Kummer umschließt und nichts, aber auch nichts kann das ändern. Sie leben und sind innerlich längst gestorben.

Es verlangt Demut das zu akzeptieren. Aber, könnten meine Tränen diese Herzen schmelzen lassen, ich würde einen Ozean für sie weinen. Was mir bleibt ist die Ohnmacht. Und die macht mir Kummer.

Worte





Wie gerne glauben wir den Worten, wie gerne glauben wir Versprechungen. Dabei vergessen wir, es ist so leicht sich die Worte gefügig zu machen. Es ist leicht Versprechungen zu machen, es ist leicht mit Worten zu beeinflussen, zu manipulieren, zu kontrollieren, zu schmeicheln, zu lügen und zu täuschen. Wir alle tappen irgendwann oder immer wieder aus Neue in die Wortfalle.

Aber früher oder später werden wir erkennen, wann das Verhalten und das Handeln eines Menschen mit seinen Worten übereinstimmt oder nicht. Früher oder später werden wir die Wahrheit erkennen, weil wir sie sehen und erfahren. Wenn wir beginnen mit all unseren Sinnen achtsam zu sein, können wir mehr und mehr lernen uns nicht mehr durch bloßes Gerede manipulieren und beeinflussen zu lassen.

Wir können nicht kontrollieren was andere sagen, aber wir können lernen uns nicht mehr von Worten blenden zu lassen, auch wenn manche Worte uns genau das sagen, was wir so gerne hören wollen, damit wir uns besser fühlen.

Sonntag, 7. August 2016

Gedankensplitter


Foto: AW

Manchmal ist das Beste was du tun kannst, nicht denken, dich nicht wundern, nicht verstehen wollen, keine Erklärungen suchen, sondern atmen. 
Einatmen, ausatmen und vertrauen, darauf, dass es so ist, weil es so das Beste für dich ist.



Donnerstag, 4. August 2016

Aus der Praxis – Selbstmitgefühl



 Foto: AW


Sei dir selbst dein bester Freund, eine gute Mutter und ein fürsorglicher Vater.
Behandle dich respektvoll, verständnsivoll, rücksichtsvoll und einfühlsam.
Sei nachsichtig dir selbst gegenüber - nobody is perfect!
Pflege einen liebevollen Umgang mit dir selbst.
Glaub an dich und steh dir motivierend zur Seite, besonders wenn die Dinge nicht so gut laufen.
"Du schafftst das!" ist eine hilfreiche Affirmation.
Tröste dich wenn es dir nicht gut geht, du traurig, wütend oder verzweifelt bist.
Schenke dir Wertschätzung, besonders dann, wenn du wieder einmal denkst, dass du nichts Gutes verdient hast.
Arrangiere dich mit deinen Schatten. Auch sie machen dich zu dem Menschen, der du bist.
Verurteile dich nicht für Fehler - es ist menschlich Fehler zu machen.
Hab Mitgefühl mit dir, wenn dir Veränderungen nicht so schnell gelingen, wie du sie dir wünscht.
Konzentriere dich auf deine Stärken und arbeite geduldig an deinen selbstschädigenden Gedanken.
Lerne zu schätzen, was du hast und hör auf zu vermissen, was du nicht hast.
Ersetze Hoffung durch Zuversicht. Sie ist kraftvoller.
Vergleiche dich nicht mit anderen - Du bist einzigartig!
Hör auf dich schlecht zu behandeln und verzeih dir augenblicklich, wenn du es wieder einmal tust.
Hör nicht auf das Urteil anderer, sie wissen nichts über dich, sie meinen nur zu wissen.

Wenn du diesen liebvollen, mitfühlenden Umgang mit dir pflegst, fühlst du dich mehr und mehr gut aufgehoben bei dir selbst.
Sei dir bewusst, dass all das nicht einfach ist, aber sei dir gewiss - die Mühe lohnt sich.

Möget Ihr glücklich sein!

Mittwoch, 3. August 2016

Über den Wert der Geduld




Foto. AW

Geduld kann warten und Wünsche zurückstellen.
Geduld sagt ja zu dem was ist, im Wissen, dass nichts bleibt wie es ist.
Geduld erträgt Mühen und kann Schmerz aushalten.
Geduld kann Rückschläge einstecken, dran bleiben, durchhalten und weiter auf etwas hinarbeiten.
Geduld kann auch unschöne Gefühle annehmen und sagen: So ist es.
Geduld kann Impulse kontrollieren, sie treibt sich nicht an.
Geduld hat gelernt sich nicht unter Stress zu setzen um alles sofort haben oder schaffen zu müssen.
Geduld kann zuwarten und abwarten.
Geduld weiß um den Wert von kleinen Erfolgen und Teilzielen.
Geduld verschwendet keine Energie an Unrast und Eile.
Geduld kennt den Wert von Entschleunigung und Stille.
Geduld weiß um den Sinn von Achtsamkeit.
Geduld vertraut in den Prozess des Lebens.
Geduld steuert nicht auf das ferne Endziel, sondern agiert aufmerksam im Jetzt.
Geduld hat gelernt nicht auf das Ziel zu starren, sondern die Reise zu schätzen.
Geduld weiß: Der Weg ist das Ziel.



Montag, 1. August 2016

Schattenkind


Foto: AW


Jedes Kind braucht bedingungslose Liebe. Es braucht wohlwollende Eltern, es braucht die Gewissheit willkommen zu sein auf der Welt, es braucht das Gefühl angenommen zu sein, es braucht das Gefühl sich verlassen zu können und gehalten zu werden, es braucht das Gefühl den Erwachsenen vertrauen zu können. So gelangt es zu Urvertrauen. 
Gelingt das nicht, vertraut es weder der Welt, noch lernt es sich selbst zu vertrauen. 
Seiner Seele wird Schaden zugefügt. 
Es wächst zu einem innerlich zerrissenen Menschen heran für den die Welt ein unsicherer, ja vielleicht sogar ein feindlicher Ort ist, der es nicht gut mit ihm meint. 
Und es wird es nicht gut mit sich selbst meinen, wie auch? 
Man hat ihm nicht gezeigt, wie das geht. 
Der Schmerz darüber wandert in den Schatten.
In den Schatten wandert all das, was im Außen nicht willkommen ist oder von dem wir glauben, dass es nicht willkommen ist - im Zweifel sogar wir selbst.