Samstag, 5. November 2016

Der spirituelle Weg


Foto. AW

Viele Menschen fragen sich, besonders in der Lebensmitte: Was ist meine Lebensaufgabe? Was ist der Sinn meines Daseins? Irgendjemand soll ihnen die Antwort geben. Manche legen Engelskarten oder lesen im Tarot, um dort die Antwort zu finden, wenn sie gar nicht mehr weiter wissen. Und dann lesen sie darin die Antworten, die ihnen ihr eigenes Unbewusstes, das sich in den Karten spiegelt gibt - und machen weiter wie vorher. Sie gehen den Holzweg weiter, der mit Frust gepflastert ist.

Eine häufige Erkrankung in der Krise nach der Lebensmitte ist die Depression. Die Betroffenen spüren innerlich, dass es in ihrem Leben so nicht weiter gehen kann, dass ein Richtungswechsel erforderlich ist - und zwar: Blickrichtung nach Innen. Und genau dahin drückt dann die Depression, wenn wir es nicht freiwillig angehen.

Anstatt zu versuchen krampfhaft das Versäumte nachzuholen, was nach dem Erreichen der Lebensmitte von vielen Menschen versucht wird  - ein Nachholen steht im Widerspruch zu der notwendigen Umkehr im Leben - macht es viel mehr Sinn, das Wesentliche aus sich selbst herauszuholen. Wir aber verlängern künstlich Lebensphasen, weil wir glauben, zu kurz gekommen zu sein, oder nicht satt zu werden. Östrogengaben in der Menopause beispielsweise, sind nichts anderes als ein Festhalten an einer längst überlebten Lebensphase, der klägliche Versuch biochemisch an der Peripherie des Gewesenen zu haften. Das gleiche gilt für Botox und Co. Der natürliche Prozess des Alterns wird aufgehalten, aus dem Gefühl heraus, das Leben nicht genug gelebt zu haben und einen Nachschlag zu brauchen. Und doch spüren wir bei allen Versuchen das Alter aufzuhalten oder es zu ignorieren,  dass das Meiste gelebt ist und der Weg langsam aber sicher zum Tode hin strebt. 


C.G. Jung war der festen Überzeugung, dass Menschen, die Spiritualität nach der Lebensmitte nicht finden, in schwerste Sinnkrisen fallen. Leid wird so zum Ersatz für inneren Frieden und Dankbarkeit. Leid ist eine passive Haltung. Im Leid erstarrt die Bewegung, Leid bremst aus und blockiert den Lebensfluss.

Wo ist der Gewinn? 
Der Gewinn ist wieder eine scheinbare Sicherheit, weil alles bleibt wie es ist und wir den Ist-Zustand berechnen können und uns der Angst vor dem Blick nach Innen nicht stellen müssen, denn wem oder was könnten wir da auf die alten Tage noch begegnen? Warum bleiben Partner beieinander, die sich nicht zu geben haben? Warum machen wir weiter den Job, der uns ausbrennt, warum müllen wir uns mit Ablenkungungen und Dingen zu, die uns nicht im Geringsten gut tun, warum spulen wir das immer gleiche Muster immer wieder ab?

 Die Antwort ist höchst banal: Weil das alles bekannt, vertraut und berechenbar ist -  weil die Berechenbarkeit sicherer scheint und erträglicher anmutet, als die Angst vor Veränderung.

Das Streben nach Berechenbarkeit dominiert unser Denken und unsere Welt und vor allen sorgt es dafür, dass wir funktionieren.

Kalkulieren und Risiken ausschließen vermittelt uns Sicherheit und Stabilität. Es soll uns vor der gefühlten Bodenlosigkeit des Lebens bewahren, es soll uns schützen vor dem Unerwartbaren, vor all dem was wir nicht kontrollieren können. Aber nur aus der Instabilität heraus entsteht Stabilität in unserem Inneren. Wenn wir bereit sind, das Instabile zuzulassen, es auszuhalten und uns selbst ehrlich zu begegnen, wenn wir das Risiko eingehen unsere Schatten und Ängste anzuschauen, wenn wir bereit sind all die Illusionen und Täuschungen, denen wir anhaften zu ent -täuschen, begegnen wir der Wahrheit, und zwar der eigenen. Dann beginnen wir uns mit unserem ureigenen Wesen auseinanderzusetzen. Und das kann zu einer kleinen Höllenfahrt werden. Erst mal.

Wenn uns auf den spirituellen Weg machen sind wir blutige Anfänger. So blutige Anfänger, dass wir oftmals gar nicht wissen was das ist – Spiritualität. Schauen wir uns das Wort doch mal an: Spirituell kommt aus dem Lateinischen spiritus: Geist, bzw. spiro ich atme.

Und was soll uns das jetzt sagen, diese zwei Worte: Geist und Atmen.
Es sagt zumindest mir: Der spirituelle Weg beinhaltet die bewusste Hinwendung auf Geistiges und die aktive Praktizierung des bewussten Atmens.
Da geht es hin auf dem spirituellen Weg.  Und nicht in die Arme eines Gurus, der dir sagt, wo es seiner Ansicht nach lang geht oder sonst wohin, wo man dir Frieden, Glück und Erleuchtung verspricht. Nach Innen geht die Reise, wie C.G. Jung wusste und alle, die sie jemals angetreten sind.

Willkommen im eigenen Haus! Und das will erst mal geputzt werden. Und das ist erst der Anfang. Ohne inneren Hausputz geht nichts.  
Wir werden vielleicht eine Menge Gerümpel aus dem Keller holen müssen und er wird uns ankotzen, der Anblick dessen, was wir da alles haben vergammeln lassen und dann werden manche ganz schnell wieder aus dem Keller nach Oben ins saubere Wohnzimmer rennen, wo die schöne alte Welt der scheinbaren Ordnung wartet und nichts geschieht und alles bleibt beim Alten.
Nein, der spirituelle Weg ist nichts für Feiglinge und ich kann jeden verstehen, der sich dagegen entscheidet, weil dieser Weg mühsam ist und beschwerlich und angstbesetzt. Es ist ein Weg auf dem wir bei allem Guten was wir erfahren dürfen, auch alle dunklen Seiten unserer Person und unseres bishierigen Lebens kennen lernen, sie verfluchen werden, sie beweinen werden, vor Wut über sie fast platzen werden, vor Angst am Liebsten davonrennen werden und dann irgendwann mit ihnen leben lernen und im besten Falle -  liebend annehmen lernen. Und das heißt nicht, dass wir unsere dunklen Anteile toll finden, sondern, dass wir sie achten und integrieren, als einander bedingende Teile des ganzen Menschen, der wir sind und der sich endlich echt anfühlt und nicht wie der Maskenträger, der wir ein dreiviertel Leben lang waren. 
Und was dann?
Dann folgt Authentizität, was nicht anderes bedeutet, als dass unsere Gedanken, Gefühle und Handlungen übereinstimmen. Das kennzeichnet das Ende der Selbstlüge und den Beginn eines spirituellen Lebens. 


In diesem Sinne ...
Namaste Ihr Lieben

1 Kommentar:

  1. Guten Tag, Frau Wende,
    ich lese Ihren Blog von Zeit zu Zeit, oft mit Gewinn und und oft auch mit Herzbrennen. Das hilft mir, wenn schon nicht mich selbst, so doch meine Frau und ihre Probleme besser zu verstehen.
    Zu diesem Blogeintrag möchte ich einen Gedanken loswerden: Mir scheint, dass Ihre Abwertung geistlicher Führung ("Guru") zu pauschal ist. Natürlich muss ein spiritueller Führer selbst authentisch sein, und solche Menschen zu finden ist fast unmöglich. Aber wenn wir unsere Seele im Spiegel betrachten wollen, dann geht das doch gar nicht ohne die Seele des Anderen? Wenn kein Guru, dann eben der ärgste Feind oder ein echter Freund oder (sakramentale Goldrandlösung, leider auch selten) der Ehepartner. Mit der Empfehlung, allein sich auf den Weg zu machen, wäre ich persönlich zurückhaltend. Das ist ein Weg für ganz Wenige. Alle mir bekannte (vorwiegend christliche) spirituelle Tradition warnt davor, Novizen mit sich allein zu lassen.

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