Montag, 27. Juni 2016

Aus der Praxis – Von Sinn und Verzweiflung




Wenn wir zufrieden sind mit unserem Leben, wenn wir Glück empfinden, wenn es uns gut geht, denken wir nicht über den Sinn nach. Das Nachdenken über den Sinn im Leben stellt sich meist dann ein, wenn wie Erschütterungen erfahren oder eine Krise erleben.
Aber was ist Sinn? 

Das Leben wird als sinnvoll erfahren, wenn wir Ziele haben, wenn wir einverstanden sind mit dem, was ist und wie es ist. Sinnvoll erleben Menschen ihr Leben, wenn  es einen wertvollen Zusammenhang zwischen dem ICH und dem Ziel des eigenen In-der-Welt-seins gibt. 
Oder um es mit den Worten Viktor Frankls zu sagen: “Wer ein Warum im Leben hat, erträgt fast jedes Wie.“ Dieses Warum ist es, das uns hilft, auch problematische, leidvolle und krisenhafte Zeiten zu überstehen. Die Wurzel unserer seelischen Gesundheit liegt darin ein Gefühl der Kontrolle über das eigene Leben zu haben, was bedeutet, das Gefühl von Selbstwirksamkeit zu empfinden und die Erfahrung im Leben etwas zu bewirken. Dieses Gefühl stärkt das Selbstbewusstsein gegenüber Fremdbestimmung und dem Geworfensein in die Welt. Selbstwirksamkeit und Selbstkontrolle bedeuten – ich wirke von Innen ins Außen, ich gestalte mein Leben nach meinen Vorstellungen und Werten, nach meinen Anlagen und meinen Fähigkeiten, die ich habe und deren ich mir bewusst bin und - ich setze diese auch um. Der Verlust von Selbstkontrolle und der Verlust der Erfahrung von Selbstwirksamkeit in der Begegnung mit dem Leben, führt zu Ängsten und Depressionen, zu Identitätskrisen und Sinnverlust, und schließlich in die Resignation vor der scheinbaren Übermacht des Außen.

Wer sich seiner Selbst nicht bewusst ist, wer sich selbst keinen Wert zuschreiben kann, verliert sich selbst. Wer sich selbst nicht als wertvoll und als wertvollen Teil in seiner persönliche Welt empfindet, beginnt sich zu schämen, er beginnt sich selbst zu verachten und endet im Zweifel in einer Spirale lähmender Hilflosigkeit, die nach Oben immer enger wird. Er fühlt sich als Spielball des Schicksals und verhält sich so. Er lässt sich treiben im Meer der gefühlten Sinnlosigkeit, mit dem Gefühl zu ertrinken, wenn von Außen keine Rettung kommt.

Aber schafft Selbstbewusstsein allein schon Sinn?
Nein, denn unser Selbstbewusstsein ist eine labile Größe, es ist leicht zu erschüttern und manipulierbar. Wenn in Krisen oder bei Verlusten Selbstverwirklichungswünsche mit dem Erlebten kollidieren, bekommt unser Selbstwertgefühl Risse oder es geht im schlimmsten Falle verloren. Je nachdem wie hoch oder wie niedrig der Eigenwert empfunden wird, leidet der Mensch an den Brüchen in seiner Biografie. Er scheitert am Verlust des Eigenwertes, nicht aber an dem, was ihm geschieht. Wer seinen Wert als Mensch erkennt und fühlt, wird zwar in der Krise auch leiden, er wird vielleicht sogar für eine Zeit lang Sinnverlust empfinden, aber er wird den Sinn wieder herstellen den Sinn, denn er weiß -  er allein ist der Schöpfer seines persönlichen Lebensinns. Und dieser kann und darf sich wandeln. 

Sinnverlust stellt sich nicht radikal ein, er ist dann bedroht, wenn wir nichts haben, was uns von Innen hält, dann wenn alles Äußere, wegfällt. Je stärker wir den Sinn an Dinge, Geld, Status, Erfolg und andere Menschen binden, desto tiefer der Fall ins Sinnlose, wenn diese Dinge oder diese Menschen aus unserem Leben verschwinden. Dann den Sinn des Lebens wiederzufinden, heißt nichts anderes, als eine neue Vorstellung von sich selbst und dem sozialen Umfeld wiederzufinden in das wir uns selbst wirksam einbringen können. Nur die klare Vorstellung von dem, was wir sind und sein wollen, das Gewahrsein der eigenen Identität verbunden mit dem Wirken selbstständigen Handelns vermittelt uns das Gefühl von Sinnhaftigkeit, das wir daran festmachen können, dass wir uns innerlich gefüllt fühlen. Nichts was von Außen kommt, nur unsere eigene erlebte Gestaltungsmacht füllt unsere Seele. Die Welt wird dann als sinnvoll, als verstehbar- und gestaltbar erfahren, wenn wir eine klare Vorstellung von uns selbst haben, wenn wir wissen wer wir sind und was wir von unserem Sosein in die Welt geben wollen.

Das Leben schuldet uns nichts, nicht einmal einen Sinn, aber wir „schulden“ dem Leben etwas - ihm einen Sinn zu geben.  
Tun wir das nicht machen wir uns an uns selbst „schuldig“, in dem Sinne, dass wir uns selbst verwehren oder zerstören, was uns der Schöpfer geschenkt hat – unser Leben. In der Sinnkrise verachtet der Mensch sein Leben – im Sinne von, er achtet es nicht mehr. In der Missachtung des eigenen Daseins wird die eigene Identität konturlos oder sie löst sich gänzlich auf, in der Depression beispielsweise und schließlich in der Verzweiflung, dem schlimmsten Affekt. Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard wagte um die Mitte des 19. Jahrhunderts die Behauptung, kein Mensch lebe oder habe gelebt, ohne dass er verzweifelt gewesen sei. Daher sei es keine Seltenheit, dass jemand verzweifelt, sondern - im Gegenteil - das Seltene, ja sogar das sehr Seltene sei, dass jemand nicht verzweifelt ist. Und er behauptete weiter: „Sich nicht bewusst zu sein, dass man verzweifelt ist, heißt noch lange nicht, nicht verzweifelt zu sein.“

In der Sinnkrise wird die Verzweiflung ins Unbewusste verlagert. Die Leere, die gefühlt wird, ist nicht anderes als schiere Verzweiflung am Verlust des Lebenssinns, die Verzweiflung am eigenen Sein, das wirkungslos in der Welt erstarrt und als nutzlos empfunden wird. 

„Zweifeln“ heißt zweifachen Sinnes sein, sich in der Schwebe zwischen zwei oder mehreren Möglichkeiten halten. So mündet zweifelndes Denken im besten Falle aus dem wogenden Meer der Möglichkeiten in den sicheren Hafen. Das Ziel des Denkens geht vom Ungewissen über das Mögliche zum Ziel hin. Wer aber am Leben verzweifelt erlebt den Verlust aller Möglichkeiten und damit den Lebenssinn.

Wir alle können den Sinn verlieren, auch ich kenne das. Immer wieder gibt es Momente in meinem Leben in dem die Verzweiflung wie eine riesige Welle über mir zusammenbricht. Momente, in der die Ohnmacht jeden Glauben an den Sinn wie ein schwarzer Schatten überfällt. Dann schwimme ich um aus der Tiefe der Wellen wieder nach Oben zu kommen. Leicht ist es nicht, es erfordert Kraft und führt auch immer zu Kraftlosigkeit, aber es heißt auch: Überleben, trotz und mit der Schwäche, die immer noch ausreicht um einen Sinn zu finden, auch da wo der alte verloren ist.

Sinnsuche und Sinn geben, das können nur wir selbst für uns tun. Wir finden ihn nicht indem wir Vorgedachtes und Vorgelebtes übernehmen.  
Den Sinn des Lebens muss jeder selbst für sich suchen und finden, und im Zweifel auch wieder verlieren und wieder neu finden. Der Mensch ist Schöpfer, der sich zu jedem Zeitpunkt seiner Biografie selbst aus der Taufe hebt, wenn er sich dessen bewusst ist. Es ist an uns selbst den Sinn in das eigene Leben hineinzulegen, um ihn dann herauslesen zu können. Das ist Sinngebung und das ist Sinnempfinden. Den Sinn des Lebens finden, heißt nichts anderes, als sich in bestimmte Zusammenhänge hinein zu denken. Dem eigenen Leben Sinn zu geben heißt, die Zusammenhänge in unserem Leben erkennen, den roten Faden zu erforschen, ihn weiter zu spinnen und zwar an unserem eigenen Spinnrad und nicht die Fäden den Händen anderen zu übergeben. 
 
Kierkegaard behauptet nicht, dass der Zweifel notwendigerweise zur Verzweiflung führt. Er behauptet nur, dass der Zweifel sich dann in Verzweiflung ergibt, wenn er an einen Punkt gelangt, an dem er nicht mehr weiter weiß. Solange wir noch zweifeln, verzweifeln wir nicht, dann gibt es noch Alternativen und Möglichkeiten. Erst wenn diese restlos ausgeschöpft sind, macht sich die Verzweiflung breit, dann ist der Mensch erschöpft – es kommt zum Bruch zwischen Ich und Welt.

Das ist der Moment wo wir alleine nicht mehr weiterkommen. Der Moment in dem es Sinn macht sich Hilfe zu holen, um mit dieser Hilfe nach dem Sinn zu suchen, der uns aus dem tiefen Meer der Verzweiflung nach oben zieht, Hilfe, die uns Denk- und Handlungsalternativen anbietet die uns zu einer zu einer neuen existentiellen Einstellung verhelfen. Meine Gewordenheit erkennen, Eigenverantwortung übernehmen und Konsequenzen für den weiteren Lebensweg zu ziehen, das bedeutet, Sinngebung für mich. Denn erst wenn es uns gelingt die Vergangenheit anzuerkennen und sie produktiv und sinngebend auf unsere Gegenwart zu beziehen, können wir lernen, angemessener mit der Gegenwart und der Zukunft umzugehen. Sinn wird von uns selbst gegeben. Wie das Glück, können wir den Sinn nicht herbeiwünschen. Eine solche Einstellung dem Leben gegenüber ist zum Scheitern verurteilt.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen