Mittwoch, 30. September 2015

Lesung am 2. Oktober um 20 Uhr

Das ist eine herzliche Einladung an Euch meine lieben Leser.

An dieser Stelle möchte ich Danke sagen für Eure Wertschätzung.
Danke, dass es Euch gibt!

Das Zerrisssene Selbst 
oder von der Einsamkeit der Städter 


Ich schreibe über das, was mir im Menschen begegnet, finde Worte für das, was in mein Inneres dringt. Mit meinem Blog „Zwischen Innen und Außen“ berühre ich meine Leser. Manche mache ich sprachlos, andere bringe ich zum Sprechen. Meine Erzählungen, Essays und Gedankensplitter handeln von Liebe, von Beziehungen, von der Schwierigkeit des Seins, von der Suche nach uns selbst und vom Sinn des Daseins. Sie sind getragen von Empathie und Achtung für meine Protagonisten.

Ich freue mich über alle Menschen, die mir an diesem Abend zuhören möchten.

Ort: Praxis für Lösungsorientierte Beratung, 65183 Wiesbaden, Am Römertor 6
Eintritt 10 Euro inklusive Getränke
Anmeldung und Platzreservierung bitte unter: aw@wende-praxis.de

Dienstag, 29. September 2015

Interview mit einem Selbst


Malerei: AW

Ich finde in der Zerstörung meiner Figuren auf der Leinwand eine Befriedigung aber keine Erlösung. Im Leben bin ich nicht fähig zerstörerisch, brutal oder gewalttätig zu sein, nicht auf der körperlichen Ebene. Ich kompensiere meine Aggression indem ich male. Das wirkliche Ausmaß an Gewaltbereitschaft, das ich besitze und verdränge, ist mir nicht bekannt. Ich habe als Kind viel Aggression erlebt. Ich habe mich nicht wehren können gegen die verbale und körperliche Gewalt, die ich erleben musste. Ich habe nicht gelernt, wie man sich wehrt, ich habe nicht gelernt wie man sich abgrenzt, aber wie man überlebt, das habe ich gelernt.
Wenn du als Kind misshandelt oder missbraucht wirst, sei es körperlich oder emotional, oder beides, hast du keine Waffen, die dir helfen könnten. Du bist absolut wehrlos. Du bist fassungslos. Du hast nur diesen Gedanken: Ich verstehe das nicht!

Wie soll ein Kind verstehen, dass Menschen, die es liebt und von denen seinen Überleben abhängt, fähig sind es zu verletzen. Das versteht ein Kind von vier oder fünf Jahren nicht. Es beginnt zu glauben, dass es schlecht ist, dass es böse ist, dass es verdient hat, was man ihm antut. Um eine Entschuldigung für den oder die Täter zu finden, macht es sich selbst verantwortlich.

Es intojiziert das Böse der Täter, es verinnerlicht das Fremde als eigenes. Auf diese Weise wird das fremde Böse zum eigenen Bösen. Hier beginnt die Spaltung des Inneren. Das Kind muss das tun, um die Eltern weiter als gut empfinden zu können. Indem es selbst die Ursache des Bösen ist, das ihm geschieht, gelingt es ihm die lebensnotwenige Beziehung zu den Eltern zu erhalten. Es sagt sich, sie haben mich lieb, aber ich bin böse, darum haben sie einen guten Grund mich schlecht zu behandeln. Wenn sie mir wehtun, habe ich es verdient. Ich bin schlecht, nicht sie. Sie weisen die Schuld ja auch von sich und sagen, du bist ein böses Kind. Die Eltern haben immer Recht.

Die Tragik des Kindes liegt darin, dass es sich zum einen selbst aufgibt und zum anderen das Böse als Eigenschaft in sich selbst aufnimmt. Dort bleibt es, lebenslang, wie ein Dämon, der ihm sagt, was es tun muss, um sich selbst zu schaden. Das geschieht unbewusst.  
Mein Vater hasste sich selbst, er hasste seine Arbeit, seinen Körper, sein Leben. Er hasste uns Kinder und er hasste sich wohl selbst für seinen Hass. Er war immer aggressiv. Er sagte, ich sei schlecht, ich sei an seinem Unglück schuld. Er sagte, ich sei die Nachgeburt, die er großgezogen habe. Das Kind hätten sie bei der Geburt aus Versehen weggeworfen. Er sagte ständig solche Dinge zu mir. Er hat mir damit Angst gemacht. Das hat mein Gefühl für mich selbst zerstört. Ich blieb verwirrt, verängstigt und mit einem schlechten Gefühl zurück. Ich habe meine Mutter gefragt, was ist mein Fehler, was habe ich dir getan? Sie sagte, der Fehler ist, dass du überhaupt da bist. Du bist ist das Unglück. Sie sagte, ohne dich hätte ich deinen Vater niemals geheiratet, wegen dir habe ich meine Träume begraben müssen, wegen dir habe ich ein ungelebtes Leben. Das kannst du auf meinen Grabstein schreiben, wenn ich tot bin. Ich hatte immer eine Bringschuld, ich musste ihnen und mir selbst beweisen, dass ich es doch in irgendeiner Weise wert war zu leben, um zu überleben. Die Grundschuld, überhaupt am Leben zu sein. Du darfst eigentlich nicht leben, aber wenn du schon lebst, dann fühle dich schlecht und schuldig! Irgendwie denkst du immer es wäre besser nicht da zu sein und entwickelst Selbstzerstörungstriebe. Man muss da sehr aufpassen auf sich selbst, dem nicht nachzugeben.

Mein Vater war ambivalent. Einerseits hatte ich das Gefühl, er mag mich, weil er mich manchmal auf seinen Schoß nahm und mir Dinge erklärte, andererseits war da dieses vernichtende in seinen Worten und Blicken. Irgendwie fühlt es sich an als sei mein Empfinden für mich selbst in zwei Teile gespalten – der eine, der sich selbst zerstören will, weil er glaubt schlecht zu sein und kein Recht auf ein Leben zu haben, der andere, der rebelliert, weil er leben will, weil der Vater ihn doch irgendwie zu mögen schien. Leben, aber wie? Wie geht leben? Wie fühlt sich das an? Es gibt da keine Erlösung und immer bist du gefühlt schuldbeladen. Und manchmal ist da eben auch diese Aggression. Es war vollkommen egal, was ich machte, alle Versuche Liebe oder Anerkennung zu gewinnen, alle Anpassungsversuche bewirkten nichts. Ich konnte diese Ablehnung nicht ändern. Ich führe ständig Krieg in meinem Inneren, die Eine kämpft gegen die Andere. Ich will eine Identität finden, ein klares umrissenes Ich. 

Mein Leben? Es ist die Suche einer Frau, die in dieser Welt noch keinen sicheren Ort gefunden hat, die nicht weiß, wohin sie gehört, weil sie nicht weiß, wer sie ist. Das eine hat mit dem anderen zu tun. Wenn du keine Heimat in dir drin hast, dann bist du überall heimatlos, du bist immer auf Besuch, niemals angekommen. Wie auch? Du suchst ja dich, das ist ein ewiges Getriebensein. Das ist der Identitätszweifel, der manchmal verzweifelt macht, ein ewiges Schwanken, ein Gefühl von unvollständig sein, von falsch sein, ein Gefühl der Spaltung. Wer gelernt hat, dass er kein Recht auf Leben hat, hat auch kein Gefühl für Autonomie, denn das würde ja bedeuten für sich selbst zu stehen. Autonomie, das ist die Herausforderung für die, die nicht wissen, wer dieses Selbst ist.




Samstag, 26. September 2015

Aus der Praxis – Über die Trauer und die Traurigkeit



Malerei: A. Wende

Ich kenne es gut, dieses schwermütige Gefühl. Es ist als läge ein Schleier über meinem Innersten, der alles in ein trübes Licht taucht. Alles scheint grau und trostlos, was Freude machte ist eine blasse Erinnerung, die sich nicht willentlich herstellen lässt. Dann ist es wieder so weit: Die Melancholie tritt in mein Leben. Und nein, mit ihr ist es nicht immer so wie Victor Hugo einst schrieb: „Melancholie ist das Vergnügen traurig zu sein“. Manchmal ist sie kein Vergnügen, sondern eine schwere Last, die mich niederdrückt, eine bleierne Müdigkeit, die meine Tage begleitet und Gehen zu einer großen Anstrengung macht. Am Liebsten möchte ich dann die Zeit anhalten, so lange bis sie wieder von mir geht, diese tiefe Traurigkeit, die kommt, wenn ich wieder einmal erkenne: Ich bin allein, im Tiefsten bin ich allein. 

Melancholie ist manchmal schön, dann macht sie mich kreativ und ich male Bilder, die mein Innerstes ausdrücken und es geht mir gut damit. Manchmal ist sie nicht schön, dann wenn sie einen Auslöser hat in der realen Welt, wenn ich etwas aufgeben muss und damit verliere, was mir viel bedeutet. Ich habe viel aufgeben müssen in meinem Leben, und jedes Mal war es schwer und auch wenn ich weiß, es geht vorbei dieses Gefühl, es ist ein schmerzhaftes Vorbeigehen, dessen Zeitdauer ich nicht bestimmen kann und das Geduld, Demut und Nachsicht mit mir selbst fordert.

Traurigkeit ist ein intensives Gefühl, ein Gefühl, das uns stark belasten kann, auch wenn wir wissen, dieses Gefühl ist eine ganz normale und gesunde Reaktion, beispielsweise auf einen Verlust. Wie Freude oder Zorn gehören Trauer und Traurigkeit zu den grundlegenden Emotionen unseres Menschseins. Sie sind absolut natürliche Reaktionen auf einen Verlust. Wir sind traurig, wenn eine Beziehung scheitert, wenn uns jemand, den wir lieben, zurückweist, verletzt oder gar verlässt oder wenn wir ihn verlassen, weil wir keinen anderen Weg mehr sehen. Wir sind traurig, wenn wir an einer Aufgabe scheitern, die wichtig für uns war, wenn wir einen Traum begraben müssen, wenn wir einen Ort verlassen müssen, an dem wir zuhause waren, wenn wir unseren Arbeitsplatz verlieren, wenn wir aufgrund einer Krankheit aus dem gewohnten Leben gerissen werden und am traurigsten sind wir, wenn wir ein Wesen, das wir lieben, durch den Tod verlieren. Wenn diese Dinge geschehen ist traurig zu sein ein Zeichen seelischer Gesundheit. Trauer ist Teil eines Verarbeitungsprozesses und sie ist der erste Schritt auf dem langen und mühsamen Weg zur Akzeptanz, denn nur ihr folgt ein Neuanfang.

Traurig zu sein ist ein Teil von uns wie Freude, Glück und all die anderen schönen Emotionen, die wir so sehr lieben. Und dennoch, Traurigkeit ist ein ungeliebtes Gefühl. Auch wenn sie eine natürliche Grundstimmung des Menschen ist, wir empfinden sie nicht so, auch wenn wir das wissen. Bereits Babys und kleine Kinder haben ihre melancholischen Momente und sogar der Hund, der lange Zeit mein Begleiter war, hatte seine traurigen Phasen, wo ihn nicht einmal der Ball, dem er so gern hinterher rannte aus seiner Melancholie reißen konnte. Er lag da und ab und zu schnaufte er so tief und herzerweichend, als sei sein Leben ein armseliges Hundeleben. Ich erinnere mich an meine Melancholie aus Kindertagen als ich plötzlich erkannte, dass es das Sterben gibt und wie unsagbar traurig mich der Gedanke machte, dass ich einmal nicht mehr sein könnte. Ich erinnere mich an den Tag an dem meine Großmutter starb, bei der ich aufgewachsen bin bis ich Fünf war, und wie starr und fassungslos es mich machte, als man sie auf einer Bahre aus der Wohnung trug und Großvater stumm und keine Hilfe in meiner Angst. Ich erinnere mich an diesen unendlichen Schmerz über das verzweifelte Erkennen, dass Oma nie mehr wiederkommen würde um mich in ihre warmen Arme zu schließen und ich nicht mehr den Geruch ihrer frisch gestärkten Schürze einatmen würde, der mir das Gefühl von Zuhause und Geliebtsein gab. Es war verloren mit ihrem Verlust und die Trauer darüber begleitet mich noch heute. 

In unserer Spaßgesellschaft ist Traurigkeit nicht sonderlich beliebt, sie hat schon fast etwas Uncooles und passt so gar nicht in das „Lebe, Liebe, Lache Konstrukt“ einer Gesellschaft, die Selbstausbeutung und Funktionieren zu ihrer Maxime gemacht hat. Wer traurig ist hat dafür zu sorgen, dass dieses Gefühl schnell mit allen Mitteln aktiv bekämpft wird. Es hagelt geradezu von guten Ratschlägen, die meisten nach dem Motto: "Tu Dir was Gutes, dann geht es Dir wieder besser!"

Ich erinnere mich an eine Klientin, deren Beziehung gescheitert ist. Sie saß in ihrer berührenden Traurigkeit vor mir und alles was sie wollte war, dass das ganz schnell weg geht. Ich sagte ihr, dass das, was da schnell weg gehen soll, wichtig ist, dass es normal ist über den Verlust zu trauern, dass sie sich dafür entscheiden könne die Trauer auszuhalten, weil sie eine natürliche Reaktion ist, und dass es doch eine Ursache für ihren Blues gibt – verlassen worden zu sein nämlich. Ich erinnerte sie daran, dass ihre Seele Ruhe braucht und Zeit um den Verlust zu verarbeiten und ich fragte sie, wie sie diese Zeit nutzen könne um ihre eigene Mitte wieder zu finden. Es war vergeblich. Die Traurigkeit musste weg und sie entschied sich dafür sich schnell Männerbekannschaften zu suchen, die ihr die Gefühle der Trauer wegmachen sollen. 

Aber wenn ich zu ihnen komme, schrecken sie zurück. Sie fürchten sich vor mir und meiden mich wie die Pest", lautet eine Zeile aus einer Geschichte über die Traurigkeit.
Und weiter: „Sie haben Sätze erfunden, mit denen sie mich bannen wollen. Sie sagen: Papperlapapp, das Leben ist heiter. Ihr falsches Lachen führt zu Magenkrämpfen und Atemnot. Sie sagen: Gelobt sei, was hart macht, und dann bekommen sie Herzschmerzen. Sie sagen: Man muss sich nur zusammenreißen, und sie spüren das Reißen in den Schultern und im Rücken. Sie sagen: Nur Schwächlinge weinen, und die aufgestauten Tränen sprengen fast ihre Köpfe. Oder aber sie betäuben sich mit Alkohol und Drogen, damit sie mich nicht fühlen müssen."
 
Das Vermeiden schmerzhafter Gefühle ist menschlich, aber sie haben einen Sinn und das zu begreifen ist auch menschlich, für mich ist es menschlicher. Denn in der Traurigkeit begegnen wir uns selbst zutiefst menschlich. Unsere Traurigkeit zeigt uns, was wirklich wichtig für uns ist. Sie macht uns bewusst, wonach wir uns sehnen und was uns so schmerzhaft fehlt. Vor allem aber - die Traurigkeit bringt uns dahin, uns mit der Vergänglichkeit der Dinge und unseres Lebens zu beschäftigen. 

Wir spüren wie zerbrechlich wir sind, wie zerbrechlich dieses Leben ist. Und wenn wir ganz nah bei uns sind, bei unserer Zerbrechlichkeit, begegnen wir uns selbst in unserer ganzen Tiefe. Wir schauen in unser Gesicht ohne die Maske, die wir tragen um uns zu schützen vor dem, was wir nicht fühlen oder zeigen wollen. Unsere Haut ist hauchdünn wenn wir traurig sind, unsere Nerven hoch empfindsam für das, was uns in unserem Innersten wirklich ausmacht und für das, was uns fehlt um uns ganz zu machen. In der Trauer begegnen wir unserer eigenen Wahrheit. Sie zeigt uns unsere Grenzen, sie macht uns bewusst, dass wir nicht alles haben können, nicht alles erreichen können, nicht alles verändern und nicht alles kontrollieren können, schon gar nicht andere Menschen oder das Schicksal.

In der Trauer bricht manches alte Leid wieder auf, sie zeigt uns die Wunden, die nicht verheilt sind und wir erkennen, was noch zu heilen ist, was noch unerledigt ist und was uns wirklich berührt. Wenn wir die Trauer zulassen und all ihre Tränen weinen, kommt etwas in den Fluss - das Schmerzhafte fließt aus uns heraus und liegt vor uns damit wir es sehen. Nur was wir sehen kann geheilt werden. Nur wenn wir sie spüren und anerkennen können unsere Wunden zu heilen beginnen, wenn wir die Schleusen öffnen um all die Knoten der Verdrängung zu lösen, die sich in uns festgesetzt haben. Doch viele Menschen wollen gar nicht, dass sie sich lösen, sie wollen wie meine Klientin, dass das schnell weggeht. Sie suchen den Ausweg, anstatt den Weg nach Innen zu gehen. Sie begreifen nicht, dass sie, wenn sie bereit sind ihre Traurigkeit anzunehmen und sie aushalten lernen, sich selbst annehmen. Wenn unsere Traurigkeit sein darf und wir Ja zu ihr sagen, spüren wir: genau in diesem Ja steckt die Kraft die Traurigkeit auszuhalten und eine große Wahrheit über uns selbst.




Deine Traurigkeit ist der dunkle Samt, auf dem die Juwelen deines Lebens leuchtend funkeln. So wird dir sichtbar, über welch reiche Schätze du verfügst.“
Helen Ambach


Donnerstag, 24. September 2015

Notiz an mich selbst

krise, im griechischen - entscheidung.
ich soll mich entscheiden, fordert die krise von mir.
ich entscheide und noch immer ist sie da die krise.
also, frage ich mich, was hat es dir jetzt geholfen, eine entscheidung zu treffen?
nichts ist mehr wie es war und da neue ist noch nicht.
fazit: die entscheidung allein beendet keine krise, sie beendet den zustand, der zur krise geführt hat.
das weitere ist dein leben nach der entscheidung, anders wird es sein.
wie anders?
das wirst du erfahren ...

Gedankensplitter

es gibt tage, die alles, aber auch alles verändern. du gehst über den asphalt und deine schritte unsicher und ein flattern im bauch, und nein, das sind keine schmetterlinge, auch wenn dir das um so vieles lieber wäre. und du fragst dich: wie geht es weiter, wenn alles abbricht, was halt war und gewohnt.
und du gehst weiter, weil stehen bleiben ist keine option. und das einzige, was du wirklich weißt ist: es geht ins unbekannte.

Mittwoch, 23. September 2015

Gedankensplitter

all die teilpersönlichkeiten, die einander entgegen streben. 
die, die für uns sind und die, die gegen uns sind. 
das macht es so schwer rund zu werden, die kugel zu sein, die aufhört vergeblich die andere hälfte zu suchen, die uns ganz machen soll.

Dienstag, 22. September 2015

Signalrot




Ihr Lippenstift war rot. Signalrot. Er gab ihr Schutz der rote Mund, wie die Kriegsbemalung des Indianers Mut, den sie brauchte um trotz der Angst zu leben. Manchmal wünschte sie sich, sie hätte diesen Mund schon rot malen können als sie ein Mädchen war. Signalrot als Zeichen für die unausgesprochene Wut gegen die Demütigungen des Vaters. Schweigend und fest zusammengepresst, aber signalgebendes Nein gegen das Böse in seinen Worten, das Böse gegen sie Gewandte, das keine Widerrede duldete. Signalrote stumme Widerrede über verschlossene Lippen gemalt, die aushalten hätte helfen können gegen das Unaushaltbare. Es war vorbei, es war alt. Sie wusste es und dennoch, etwas davon war nicht vorbei, wollte nicht vorbei gehen.

Da war diese schmale Spalt zwischen den Lippen, den das Rot nicht färben konnte. Dieser schmale Spalt durch den der gedrungen war, der das Alte aufriss, sie mit Wucht nach hinten warf in die kindliche Ohnmacht. In diesem Moment begriff sie nicht, konnte nichts dagegen setzen, in die alte Ohmacht geworfen war sie Kind. Sie hätte ihm über das Signalrot sonst Worte entgegenwerfen können, die erwachsen waren und abgrenzend. Aber sie klebte fest in der Vergangenheit und das Jetzt war das Gestern und alles eins und nur das alte Gefühl der Scham, nicht zu sein, wie sie sein hätte sollen in den Augen des Vaters, fühlbar. Besser, ein besseres Kind, ein Kind das am Besten gar nicht war im väterlichen Leben. Dieses im Jetzt Gesagte: "Haha, du hast Lippenstift auf der Backe, du hast wohl den Mund zu weit aufgerissen!" traf wie ein Hieb die Erinnerung. Und sie, fassungslos über sich selbst und stumm. Er, mit aufgerissenem Mund, eine Maske der Niedertracht, hatte an des Vaters statt zugeschlagen.


Herbst





seit wochen fühlte sie sich müde. auch wenn sie geschlafen hatte, am morgen war da diese müdigkeit, die sie wie eine schwere decke mit sich über den tag schleppte. sie versuchte es mit kaffee, mit spaziergängen an der frischen luft. es half nichts. sie war müde, todmüde.

das wort gefiel ihr nicht, aber es drückte aus, was sich in ihr ausbreitete. ein ich will nicht mehr weiter machen wollen, das sich schwerfällig gegen ein weitermachen sollen drückte. weitermachen, womit eigentlich, fragte sie sich. mit dem leben, gab sie sich selbst die antwort.

das leben ist kostbar. das wusste sie. eine kostbarkeit, denn man hat nur eins. anna glaubte nicht an eine wiedergeburt, schloss sie aber nicht aus, aber auch wenn sie wiedergeboren werden würde, sie würde es nicht wissen, nichts wissen von ihrem alten leben, das sie aufgebraucht hatte und nichts von dem, was sie mit hinüber nehmen würde in ein fremdes neues leben.

sie hatte nur ein leben. anna sah aus dem fenster des zuges. hinter der verschmierten scheibe raste das außen vorbei, schob sie vehement in ihr innerstes. sie wollte, dass der zug anhielt, wollte aussteigen, ankommen in einem irgendwo wo es anders war als es war.

ein leben, dachte anna, und dass sie in dieses eine leben viele gepackt hatte. so war es gewesen und so würde es sein, bis es zu ende war. es war ein automatismus geworden. eins nach dem anderen und jedes anders. in jedem teile dessen, die sie ausmachten, entfaltet und erlebt. sie war mehr als eine, das machte es ihr schwer sich für eine zu entscheiden. sie hatte sich immer wieder neu erfunden, nach zusammenbrüchen neue konstruktionen ihrer person geschaffen, sie gelebt eine weile, um wieder eine andere zu sein, die dem neuen standhielt und dann wieder verworfen, was ausgelebt war. es war anstrengend so zu leben.

in jeder neuen konstruktion hatte sie neues gelernt, mit jedem verlust einen gewinn gemacht. jetzt, im rückblick, verstand sie. du bist stark, sagten die, die sie kannten, zu kennen glaubten. keiner kennt den anderen, dachte anna, und dass sie sich selbst nicht kannte. sicher, da war dieses etwas, das gleich blieb und sich jedem wandel beharrlich verweigerte. es war der kern. den kern finden, darauf kam es an, dessen war sie sich sicher. es musste ihn geben diesen kern, der unbeeindruckt von konstruktionen überlebt, der die radikalsten wechsel übersteht, die idee des eigenen wesens die alles überlebt, die feste größe, die form, die halt gibt. manchmal glaubte sie zu erkennen. dann war es wieder weg dieses vermeintliche verständnis ihrer selbst, überbordet von dem, was das leben forderte.

sie war müde vom suchen und finden, vom neuerfinden und vom verlieren. müde von dem, was erwartet wurde, von sich selbst und von anderen. es fiel ihr schwer sich abzugrenzen, zu oft ließ sie sich in die gefühle und gedanken anderer hineinziehen. vielleicht war es das, was sie von sich selbst ablenkte - das andere im anderen und das etwas in ihr, das nicht fähig war bei sich selbst zu bleiben.

seltsam dachte anna, und dass es immer nur die annäherung an die dinge war, welche das denken über sie prägen. das identische, ein rätsel? in bezug auf sich selbst fehlten antworten. das material ändert sich. aber blieb die form bestehen und konnte sie es überhaupt? war es möglich in eine eindeutige form gegossen zu sein? ihre gedanken überschlugen sich, schlugen gegeneinander.

die müdigkeit überflutete sie. anna hatte mühe die augen aufzuhalten. nur nicht einschlafen, sonst würde sie den ausstieg verpassen. draußen zogen regennasse bäume vorbei. sich auflösen, in wasser zerfließen. die bäume taten es nicht, sie konnte es nicht.es roch nach herbst. sie hatte den duft eingeatmet am morgen, als sie das haus verlassen hatte. ein neuer herbst, der sich zu ihrem herbst legte. wie viele wechsel würde sie noch erleben? gut, dass sie es nicht wusste.

sie sah es, spürte es, die materie, der stoff aus dem sie war, wurde ein anderer, streifte zellen ab, verlor hormone, ließ andere überschiessen, veränderte seine flüssigkeiten, jeder quadratzentimeter haut, anders, als er gewesen war. sie mochte das neue material nicht, mochte es nicht, sich dem eigenen verfall gewahr zu sein und wusste, dass ihr das nichts nützte. aus ihrem herbst würde nur ein winter werden. der frühling, für immer verloren. das veränderte material musste in die form integriert werden, heimisch werden in ihrem körper, ihrem geist und ihrer seele. anna musste den kern finden dieses mal, nicht sich neu erfinden, wieder einmal. aber sie war so unendlich müde.


Sonntag, 20. September 2015

Anerkennen was ist




Es macht keinen Sinn, den Schrecken über das eigene Schicksal klein zu reden, es macht keinen Sinn die Wucht dessen, was angesichts eines traumatischen Erlebnisses passierte zurücknehmen zu wollen. Was war muss bleiben dürfen was es ist: schrecklich, unfassbar, schmerzhaft, wuchtig.

Es macht keinen Sinn einem Menschen die seelische Last eines Schicksalschlages nehmen zu wollen, ihm zu sagen: Es ist vorbei, vergiss endlich. Es ist als würde man ihm sein Recht auf sein Entsetzen, seine Trauer, seine Verletztheit und seinen Schmerz nehmen.Traumatisierte Menschen wollen nicht auf Symptome reduziert werden, die sich nach dem Trauma einstellen, was sie wollen ist, dass ihr Leid anerkannt wird. Sie wollen nicht, dass man ihnen ihre Verletztheit ausredet. Sie wollen, dass sie geachtet wird und nicht klein geredet oder eliminiert. Es geht darum anzuerkennen was war und was es mit diesem Menschen gemacht hat und das geht nicht, indem man sein Leid nicht anerkennt und ihm damit einen Teil seiner Würde nimmt.

Das Schreckliche was geschehen ist wird nicht bewältigt, indem man sich distanziert, also nicht von der Entfernung dessen was war, sondern in einem sich Hinwenden zu dem, was war und durch die Erlaubnis dem Verlust, der erlitten wurde, nah zu sein. Indem wir sprechen dürfen, alles aussprechen dürfen, hört das Verstummen durch die erfahrene Ohnmacht auf.

Und du Maria, hast an deinen Sohn geglaubt, immer ...

Madonna Mischtechnik auf Leinwand, 2015

“Wo standest du? Unter dem Kreuz?
Nein, du littest wie dein Sohn, nur mit dem Unterschied, dass bei ihm die Wunden über den Körper verteilt waren, bei dir aber im Herzen gebündelt”.

Freitag, 18. September 2015

Jämmerliche Schwäche




Ich habe für vieles Verständnis. Für sehr vieles, vor allem habe ich Verständnis für Menschen, hätte ich es nicht, könnte ich meine Arbeit nicht mit ganzem Herzen machen. Aber es gibt etwas, wofür mir das Verständnis fehlt, etwas, was mich immer wieder in eine ohnmächtige Wut versetzt. Das ist Schwäche. Ich meine nicht die Schwäche, die aus seelischen Problemen resultiert, ich meine die Schwäche der Jämmerlichkeit. Diese jämmerliche Schwäche von ansonsten klar denkenden, psychisch relativ gesunden Menschen oder jenen, die sich dafür halten, die Schwäche ihre ewig gleichen Versprechen sich selbst und anderen gegenüber nicht zu halten.

Diese Schwäche zeigt sich in den immer gleichen Versprechungen, die sie machen, der immer gleichen Einsicht, die sie vertönen, meist laut und mit dem Brustton der Überzeugung: Aber dieses Mal mache ich das! Aber sie machen es nicht. Sie beginnen mehr oder weniger lustlos mit dem was sie jetzt endlich machen wollen, halten das Wollen ein zwei Tage durch, bereits am dritten Tag schwächelt das Wollen und am vierten Tag übernimmt das die Regie, was schon immer da war: leere Versprechen, sich selbst gegenüber.

Diese Menschen sind auf eine Weise schwach, die sie selbst immer wieder neu produzieren, aus sich selbst heraus. Sie finden tausend Entschuldigungen für sich selbst, am beliebtesten dabei ist die beschissene Kindheit, die sie hatten. Hatten, wohlgemerkt, denn auch eine beschissene Kindheit ist keine Rechtfertigung dafür später ein beschissenes Erwachsenenleben zu führen. Ich selbst bin das beste Beispiel dafür, meine Kindheit war ziemlich beschissen und wenn ich geglaubt hätte, was man mir über mich sagte, wäre ich vor Schuld und Scham mit fünf Jahren in den Boden versunken und das auf Nimmerwiedersehn. Aber jeder Mensch kann an sich arbeiten und viele Menschen tun das. Ich habe ein Herz für diese Menschen, ich hab eine Herz für die, die alles ihnen mögliche tun um ihre gebrochenen Flügel und ihre verwundeten Seelen zu heilen. Und die, die das wollen schaffen es auch, zeigt meine Erfahrung.

Ich weiß, man kann nicht alles wollen wollen, wenn etwas Unbewusstes in einem selbst das Wollen verhindert, ich weiß aber auch, dass ein Wille erlernbar ist.

Die jämmerliche Schwäche aber will im Grunde nicht und sie will auch nicht lernen. Sie will jammern. Der sekundäre Gewinn der Schwäche erscheint ihr um einiges profitabler als Stärke zu gewinnen. Die tiefe innere Überzeugung dieser Menschen ist: Wenn ich schwach bin muss ich keine Verantwortung übernehmen, nicht für mich selbst und in der Folge nicht für mein Leben und nicht für die, die mein Leben teilen. Diese Schwäche ist aus Bedürftigkeit geboren, einer kindlichen Bedürftigkeit, die damals ihre absolute Berechtigung hatte, aber nicht erfüllt wurde und der daraus resultierenden Wut, sie nicht erfüllt bekommen zu haben. Es ist kindlicher Trotz, eine ewig währende Verweigerung den lieblosen Eltern gegenüber, die das aber längst nicht mehr interressiert, egal ob sie tot oder noch lebendig sind. Der jämmerlich Schwache straft sie im Nachhinein ab. Glaubt er, aber in Wahrheit straft er sich nur selbst. Er füttert etwas Ungutes indem er unbewusst Rache will. Blind für sein Tun füttert er etwas, was ihn allmählich zerstört, er verliert seine Würde im steten Akt dieser Zerstörung. Er baut sein Selbstvertrauen nach und nach und immer wieder ab, das wonach er sich im Grunde eigentlich sehnt. Er nimmt sich immer wieder Dinge vor und tut sie nicht.
Dabei ignoriert er, dass man sich nur die Dinge vornehmen sollte, die man dann auch wirklich tut.
All die Dinge, die wir uns immer wieder vornehmen und nicht tun, schwächen unser Selbstvertrauen. Und genau das macht der jämmerlich Schwache, denn seine Bedürftigkeit will das ums Verrecken nicht zulassen. Dabei übersieht er - Bedüftigkeit ist unattraktiv. Sie runiert unsere ganze Ausstrahlung. Sie führt dazu, dass andere uns als Bittsteller sehen. Wenn wir die Bestätigung anderer brauchen, betteln wir um ihre Aufmerksamkeit, wir betteln darum, dass sie für uns sorgen, stellvetretend für die Eltern, die das damals nicht taten, aus welchem Grund auch immer.
Das schwächt, einen selbst und jegliche zwischenmenschliche Beziehung. Selbstvertrauen bedeutet schließlich, sich auf sich verlassen zu können, es bedeutet das zu tun, was wir entschieden haben. Und nichts schwächt das eigene Selbstvertrauen so sehr, wie leere Worte, denen keine Taten folgen. Es schwächt zudem das Vertrauen anderer in uns.

Der jämmerliche Schwache ist kein Vorbild, weder für sich selbst, noch für seine Kinder, wenn er welche hat. Ich kenne Mütter, die ihren Kindern Ohren und Seelen volljammern, die rücksichtslos nach ihrer eigenen Bedürftigkeit agieren und dafür sogar ihre Kinder missbrauchen. Ich kenne Väter, die von ihren Söhnen gute Noten fordern und tausend andere Erwartungen wie sie zu sein haben, an sie stellen und selbst nicht viel auf die Reihe kriegen oder sich sogar langsam zu Tode saufen und dann immer noch lallen: Zeig mir erst mal, dass du was auf die Reihe kriegst, dann hab ich Achtung vor dir! Ich kenne aber auch Menschen, wie eine Klientin, die ein schweres Leid trägt und im Grunde wirklich bedürftig ist und zu mir sagt: Wissen Sie, egal was ist, das Wertvollste was ich meinen Kindern vorleben kann sind Anstand und Würde. Diese Frau ist stark in ihrer Schwäche.
Davon kann der jämmerlich Schwache nicht einmal träumen.

Dienstag, 15. September 2015

Verwundet


verwundbar
weil verwundet 
zu früh verwundet
und immer wieder




wunden, die wund machen innen und außen
nicht heilen
trotz aller versuche 
schmerz, der ist.

ein leben
wie viele ...

Sonntag, 13. September 2015

Aus der Praxis – Leugnen was ist




"Realität ist das, was nicht verschwindet, wenn man aufhört daran zu glauben", lautet ein Zitat von
Philip K. Dick.

Ich höre schon den Aufschrei einiger meiner lieben Leser: "Nein, das stimmt nicht. Niemand kann beweisen, dass es tatsächlich eine Realität gibt!"

Nun, es kann durchaus lustvoll sein, sich vorzustellen, dass überhaupt nichts außerhalb unseres eigenen Bewusstseins existiert. Man kann sogar soweit gehen, zu sagen, dass die Sonne gar nicht existiert, wenn ich sie nicht sehe, man kann sogar sagen, wir alle leben in einer Matrix, an die unser Gehirn angeschlossen ist, auch das habe ich schon gehört. Der gleichnamige Film setzt das ja auch deutlich in Szene. Allerdings, wer nach dem Motto: Es gibt keine Realtität!, durchs Leben geht, der könnte sich konsequenterweise die Frage stellen: Wenn es sowieso keine Realtität gibt, warum sollte ich dann überhaupt noch irgendetwas machen oder entscheiden? Er könnte sich auch fragen: Warum, wenn die Realität außerhalb meiner Selbst nicht existiert, treffen mich Dinge, Situationen und Menschen, die ich in meinem Bewusstsein ums Verrecken nicht haben will?
Warum? Weil die Realität das ist, was nicht verschwindet, wenn man aufhört daran zu glauben.

Sie existiert eben doch, wir müssen zur Arbeit, wir müssen Geld verdienen um unsere Wohnungen und unser Essen zu bezahlen, wir müssen zum Arzt, wenn wir krank sind und wir müssen Steuern zahlen, wir müssen unsere Kinder in die Schule schicken, wir müssen den Garten pflegen, wenn er gedeihen soll, und und und ...

Unfassbar was wir in dieser Realtität doch alles müssen, dafür, dass sie in den Köpfen mancher nicht gibt, und angeblich auschließlich ein Konstrukt des eigenen Bewusstseins ist. Natürlich ist es bei all dem Müssen verständlich, dass das Akzeptieren der Wirklichkeit kein leichtes Unterfangen ist. Die Wirklichkeit akzeptieren zu lernen ist das Ziel jeder Therapie. Es ist ein Zeichen von seelischer Gesundheit, wenn ein Mensch fähig ist, die Wirklichkeit zu erkennen und sie zu akzeptieren wie sie jetzt, in diesem Moment in der Zeit, in seinem Leben ist.

Viele Menschen belügen sich ob der Realität, die in ihrem Leben herrscht. Sie belügen sich selbst, manchmal weil das Erkennen der Realität mehr ist als ein Mensch ertragen kann. Das Leugnen ist ein Behelf der Psyche wenn es Probleme gibt, die wir glauben nicht meistern zu können. Wichtig Leugnen ist kein Lügen, es lässt uns nur nicht erkennen, was Realität ist. Leugnen ist wie schlafen, sagt der Psychiater Noel Larson. Im Leugnen verschließen wir unsere Augen und unser Bewusstsein vor dem was ist. Wir sind uns nicht einmal bewusst darüber, dass wir das tun. Wir machen einfach dicht, schauen nicht hin und wenn wir aus diesem Schlaf einmal kurz erwachen kommt dieses: "Nein, das kann nicht sein!" Wenn wir leugnen weigern wir uns hinzuschauen. Es ist ein geistiges Ausweichen, wenn Verluste, massive Veränderungen oder unüberwindbare Probleme in unser Leben treten. Leugnen ist im Prozess der Trauer die erste Phase. Wir leugnen das Unerträgliche, wir unterdrücken damit unsere Gefühle, aus Angst von ihnen überwältigt zu werden. Leugnen ist dazu gut, das Dilemma nicht sehen zu müssen.

Aber das Leugnen verändert nicht was ist. Vielmehr bleibt das, was ist, durch das Leugnen genau das, was es ist. Aber, nur indem wir annehmen was ist, ist Veränderung überhaupt möglich. Das ist leicht gesagt. Wie so vieles leicht gesagt ist, was von uns den Willen zur Veränderung fordert.

Ich kenne Menschen, die seit Jahren die gleichen Probleme haben und sich vormachen, dass sie gar nicht existieren. Den meisten dieser Menschen geht es nicht gut, es geht ihnen sogar immer schlechter. Aber sie leugnen weiter beharrlich die Realität und leben mehr schlecht als recht in ihrer eigenen Illusion von Wirklichkeit, die an der Realität da draußen immer wieder aneckt oder gar scheitert. Unter Stress verschließen wir uns gefühlsmäßig, intellektuell und manchmal sogar körperlich dem Erkennen. Es scheint als habe die Psyche einen eingebauten Mechanismus, der automatisch negative Informationen abschirmt und uns daran hindert überflutet zu werden. Das erleben wir auch in traumatischen Situationen. Es macht irgendwo im Hirn "Klick" und das Bewusstsein schaltet um, es kommt zur Dissoziation, das heißt - wir spalten die Unerträglichkeit dessen, was geschieht, ab. Es ist eine Art unbewusster Schutzmechanismus, den das Gehirn anwendet, um bedrohliche Situationen oder Angst zu vermindern. Dazu ist dieser Mechanismus sinnvoll, dann nämlich, wenn er eine instinktive Realtion auf unerträglichen Schmerz, schrecklichen Verlust und kathastrophalenVeränderung ist. Hier schützt er uns, er wirkt wie ein Stoßdämpfer der Seele. Ein Stoßdämpfer, der aber irgendwann seine Schuldigkeit getan hat, denn auch Traumata können sich nur dann auflösen, wenn wir sie uns mit professioneller Hilfe sanft bewusst machen und sie aufzulösen versuchen.

Nicht sinnvoll aber ist das bewusste Leugnen, das Menschen dann anwenden, wenn sie etwas nicht wahrhaben wollen, wenn sie trotz besseren Wissens die Augen vor dem verschließen, was sie nicht in ihrem Leben haben wollen. Wer leugnet was ist, belügt sich selbst und damit andere. Beim Leugnen geht die ganze Energie in die Selbstlüge, wir weigern uns Verantwortung für unser Leben zu übernehmen. Wenn wir leugnen sagen wir nein zu unserer momentanen Realtität, wir verschwinden dort, wo alle Probleme ihren Anfang haben -  im Verschließen vor der Wirklichkeit, der äußeren und der inneren. Etwas leugnen heißt: Etwas nicht wahr haben wollen, es sich schön oder wegreden oder erst gar nicht hinschauen wollen.

Wenn sich aber etwas in unserem Leben verändern soll müssen wir nun einmal ganz genau hinschauen, was es ist, bevor es das kann - sich verändern. Wenn etwas anders werden soll müssen wir die Realität anschauen und vor allem - wir müssen sie annehmen. Wenn wir seelisch gesund werden wollen müssen wir begreifen, was uns daran hindert. Und nicht selten ist es das Leugnen, dessen was ist. Annehmen ist das Zauberwort, dessen Zauber sich uns nur dann offenbart, wenn wir hellwach sind. Annehmen heißt dabei nicht etwas duldsam hinnehmen, es bedeutet nicht zu resignieren und sich dem zu ergeben was ist. Annehmen heißt - was jetzt ist, die Situation oder den Zustand, indem wir uns jetzt befinden, zu erkennen, anzuerkennen und zu akzeptieren. Nur indem wir annehmen was ist und uns nichts mehr vormachen übernehmen wir Verantwortung für uns selbst, finden wir die Ruhe und die Kraft unsere Probleme zu bewältigen und sie zu lösen. Wer leugnet hält das Problem aufrecht, er bleibt im Status quo stecken. Ein Mensch beispielsweise, der ein Alkoholproblem hat, wird zur Heilung seiner der Krankheit die notwendige Entscheidung erst dann treffen, wenn er sein Alkoholproblem erkennt und bejaht. Er hört auf sich etwas vorzumachen, er hört auf die Existenz seines Problems zu leugnen, er hört auf Ausreden, Entschuldigungen und Gründe zu suchen um weiter zu trinken.

Wenn wir aufhören zu leugnen hören wir auf unsere Seele zu traktieren und unser Bewusstsein zu betäuben, wir quälen uns nicht länger damit uns über die Realtität hinwegzutäuschen. Das ist der erste Schritt um zu uns selbst ehrlich zu sein. Solange wir aber die Realität nicht annehmen, solange wir nicht in jedem Moment in der Zeit die Tatsachen unseres Lebens annehmen mit einem: "Ja, so ist es, auch wenn ich das ganz und gar nicht gut finde, aber so ist es!", solange wir uns weigern, uns  der Situation zu stellen und uns die Wahrheit nicht eingestehen, kann sich nichts ändern. Mit anderen Worten: Erst dann, wenn wir die Realität anerkennen stellen wir uns auf ihre Seite, anstatt uns ihr entgegenzustellen, und nur auf dieser Seite ist Veränderung möglich. Die Realität verschwindet nämlich nicht, wenn wir nicht an sie glauben.


Samstag, 12. September 2015

Lilith ... die schwarze Mondin




Lilith, Angelika Wende, 2015

Und Gott schuf an Adams Seite eine Frau namens Lilith. 
Sie war ihm ebenbürtig, sie war ein freies Wesen. 
Sie weigerte sich Adam zu dienen. 
Adam, seiner Dominanz beraubt, verstieß Lilith. 
Lilith sprach den geheimen Namen des Herren "Schem Hammeforasch", aus 
und verschwand.
Adam, auf sich selbst reduziert, bat Gott um Hilfe.
Auf Adams Flehen hin sandte Gott drei Engel, um Lilith zurückzuholen. 
Lilith aber brach in schallendes Gelächter aus, ob Adams Schwäche.
Längst war sie an der Küste des Roten Meeres in Liebe mit dem Dämon Djinns verbunden, mit dem sie viele Kinder zeugte.
Gott, der Adam als sein Ebenbild sah, erhörte Adams Klage.
Und Gott strafte Lilith für ihren Ungehorsam und ließ jeden Tag hunderte ihrer Kinder töten.
Wahnsinnig vor Leid und Schmerz über ihre toten Kinder wurde Lilith selbst zur Kindermörderin.

Freitag, 11. September 2015

notice to myself

alot of sadness and solitude that you experience in life is one of the things that makes the creative people ... something has to turn you inwards ...

Mittwoch, 9. September 2015

Sich selbst kennen

Viele Menschen wünschen sich ein stabiles Selbstwertgefühl. Dieser Wunsch und der Wunsch nach einer tiefen und dauerhaften Beziehung sind meiner Erfahrung nach die zwei Hauptgründe warum Menschen psychologische Hilfe suchen. Das erste ist die Vorraussetzung für das Gelingen des zweiten. Das erste erreicht ein Mensch dann, wenn es ihm gelingt, sich selbst zu erkennen und sich genau so wie er ist, anzunehmen, was nicht bedeutet, dass er sich dann nicht verändern kann, um mit sich selbst besser auszukommen und damit auch mit anderen.
Sich selbst erkennen heißt: mehr über sich selbst herausfinden als das, was uns über uns selbst bekannt ist und was wir anderen von uns zeigen. Es heißt - hinter die Maske zu blicken, die wir "persona" nennen, es heißt, den Teil zu ergründen, der uns selbst nicht bewusst ist (Eigenwahrnehmung), aber anderen bekannt ist (Fremdwahrnehmung) und es heißt, den Teil kennen zu lernen, der uns selbst und anderen nicht bekannt ist. Je mehr Eigen- und Fremdwahrnehmung sich decken, desto näher ist ein Mensch sich selbst - und in der Folge auch anderen Menschen.

Dienstag, 8. September 2015

Bruch





wenn vertrauen gebrochen ist
ist es gebrochen
gebrochen
gebrochen

es ist gebrochen

hörst du wie dein herz es hämmert?
es ist
g e b r o c h en 

Montag, 7. September 2015

Der Weg geht nach Innen


Ich habe mich oft gefragt, warum manche Menschen von äußeren Konflikten, Unfällen und Schicksalsschlägen verschont bleiben. Es hat nichts mit Glück zu tun. Vielmehr sind diese Menschen  innerlich so klar,  dass sie die ins Materielle gefallenen Konflikte, Projektionen und Spiegelungen ihrer Umwelt nicht (mehr) anziehen. Sie haben ihre Konflikte und Erfahrungen aus der Vergangenheit aufgearbeitet. Weil sie mit sich selbst im Reinen sind, sind sie es auch mit der Welt.

Umgekehrt wirkt jedes nicht ausgeheilte oder bearbeitete Problem wie ein Magnet. Es zieht resonante Probleme im äußeren Leben an. Das ist kein Unglück, es ist eine Chance, ein wertvoller Hinweis darauf, dass noch etwas zu tun ist, dass hier noch Entwicklungsbedarf besteht.

Auf eine Krise können wir auf zweierlei Art reagieren.
1.   wir können uns wehren und dabei unter Umständen sogar überreagieren, so dass es wieder nicht zu einem Ausgleich kommt, oder
2.   wir können in einen inneren Prozess kommen, in dem die Persönlichkeit reifen und das Thema ausheilen kann.       
Bei einer rein nach außen gerichteten Abwehrreaktion bleibt das innere Problem bestehen. Es kann sich sogar vergrößern und das Thema umso mehr und in immer neuen Formen anziehen. Wenn wir unsere Aufmerkamkeit aber nach innen richten und das Problem reflektieren, verkleinern wir es. Wir „integrieren“ das Thema: Im Inneren kann der eine Pol zum anderen kommen. So werden wir   „runder“ – und ziehen das Thema in der Außenwelt nicht mehr an.
Sogar Vergangenes können wir noch einmal anders gefärbt und in einem größeren Zusammenhang beleuchten und erleben, indem wir neue Perspektiven zulassen. Dadurch empfinden wir bereits Erlebtes auf andere Weise und können es in diesem neuen Licht, in dieser anderen Wahrnehmung neu bewerten. Dabei wird uns vielleicht bewusst, dass ein bestimmtes Erlebnis zwar unangenehm, aber nötig war, um unser Selbstbild und unsere Handlungsweisen zu korrigieren. Oder wir erkennen, dass es in einer Situation, in der wir schuldig fühlten, gar nicht um Schuld ging, sondern darum, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen.
Bevor wir wirklich frei sind, drängen Spiegel und Projektionen uns auf unseren Weg in eine uns gemäße Richtung. Das ist das Geheimnis, warum das Uniersum uns richtig führt – immer. Denn was wir im Außen sehen, ist die nur Spiegelung unserer selbst.

Sonntag, 6. September 2015

Alkohol


Er ist Alkoholiker.
Er ist nicht für sich selbst da.
Er ist nicht für andere da.
Er ist für den Alkohol da.
Er schluckt bis er von ihm verschluckt wird.

Samstag, 5. September 2015

Ausgleich




Viele Menschen wundern sich, wenn ihnen geschieht, was durch ihr Handeln Anderen geschehen ist. Sie stürzen in eine tiefe Krise, wenn ihnen genommen wird, was sie Anderen einst genommen haben, sie verzweifeln an der Angst, die andere ihretwegen gefühlt haben, und die sie jetzt selbst fühlen.
Sie fragen sich: Warum ich?
In ihrer Klage vergessen sie ein Gesetz des Lebens: Was Du Anderen tust, kommt auf dich selbst zurück. Jedes Tun und jedes Unterlassen hat Konsequenzen. Das Universum sorgt immer für Ausgleich, im Guten wie im Unguten.

Freitag, 4. September 2015

Donnerstag, 3. September 2015

Wege

Der sicherste Weg um sich selbst unglücklich zu machen, ist sich in das Leben anderer einzumischen. Der sicherste Weg um ein gutes Leben zu führen ist, sich um sein eigenes Leben zu kümmern.

Wenn wir das begreifen, wenn wir aufhören Andere glücklich machen oder retten zu wollen, anstatt uns erst einmal selbst glücklich zu machen und uns zu retten, dann haben wir Verantwortung für uns selbst übernommen. Wir begreifen, dass es nicht die anderen sind, die uns unglücklich machen oder uns schwächen, wir begreifen, dass wir uns mit unserer anmaßenden Haltung es für andere gut zu machen, Energie rauben, die wir so nötig brauchen um unser eigenes Lebensschiff zu steuern.

Das eigene Leben führen ist für viele Menschen keine attraktive Aussicht, warum sonst kümmern sich so viele mehr um Andere als um sich selbst?

Sie wollen für Andere da sein, für andere funktionieren und für Andere leben. Sie wollen tun, was richtig für die Anderen ist, sie wollen Probleme für Andere lösen und Andere glücklich machen.
Sie tun das in Wahrheit für sich selbst.
Sie nennen es Liebe.
Aber Liebe ist nicht anhängen, sie ist nicht Selbstaufgabe, sie ist nicht alles für den Anderen tun.
Das ist Angst, Unsicherheit und innere Einsamkeit, aber nicht Liebe.
Und so sind sie das Anhängsel Anderer ohne sich dessen bewusst zu sein, dass das, dem sie wirklich anhängen, sie selbst und ihre Sehnsucht gebraucht zu werden ist.
Dabei vergessen sie wie man lebt und das Leben liebt und es genießt.

Dienstag, 1. September 2015

Der rote Faden oder Karma?




Es gibt unheilvolle Situationen, in die wir verstrickt sind oder die wir beobachten und  wir wissen beim besten Willen nicht, wie wir uns verhalten sollen. Der Freund zum Beispiel, der tatenlos dabei zusieht wie er seine finanzielle Existenz ruiniert, das erwachsene Kind, dass sich ständig selbst Probleme macht, weil es den Kopf in den Sand steckt, die beste Freundin, die immer noch am gleichen Mann hängt, obwohl er sie schlecht behandelt, der Vater, der ein schweres Alkoholproblem hat und sich langsam zu Tode säuft oder die Bekannte, die ihren sekundären Krankheitsgewinn derart unbewusst auslebt, dass sie immer kränker wird, anstatt sich endlich um ihre Heilung zu kümmern und etwas für ihre kranke Seele zu tun.

Viele von uns haben das schon erlebt, erleben es gerade oder erleben es immer wieder: Situationen im Leben Anderer, in denen all unsere gut gemeinten und aus tiefstem Herzen kommende Hilfsangebote beharrlich ignoriert oder gar vehement zurückgewiesen werden, mit den Worten: „Das ist meine Sache“, oder „lass mich in Ruhe, ich mach das schon, das ist mein Leben!“
Ja, was soll man da machen?
Es ist schmerzlich tatenlos dabei zuzusehen, dass trotz des „Ich mach das schon!“, das Problem des Anderen hartnäckig weiter besteht oder sich sogar verschlimmert, es ist schmerzlich zu erfahren, dass all unsere Liebesmüh für die Katz ist und wir selbst vor lauter Angst um den Anderen irgendwann selbst Angst bekommen oder in eine ohnmächtige Wut geraten, weil wir absolut nicht begreifen können, was Menschen sich selbst antun und was, würden sie (in unseren Augen) anders denken und anders handeln,  zu verhindern oder zu lösen wäre.
Je hartnäckiger und manifester die Probleme der Anderen werden und je beharrlicher sie unsere Hilfe verweigern, desto beharrlicher stellt sich uns irgendwann die Frage: Muss ich dem Anderen weiter meine Hilfe anbieten oder mische ich mich da gar in übergriffiger Weise in sein Leben ein, ein Leben, das er, so wie es scheint, für sich selbst ja will? Stellt sich da nicht auch die Frage: Steht es mir zu, ihm dabei zu helfen, das Leben zu leben, das ich mir für ihn wünsche?
Mischen wir uns da nicht in etwas ein, was seine Seele genauso erfahren will oder muss?
Und müssen wir uns dann nicht wirklich raushalten?
Die ohnmächtige Wut sagt irgendwann: Der oder die ist selbst schuld  an seinem Dilemma, also ist es nicht mehr meine Angelegenheit. Wer sich nicht helfen lässt ist selbst schuld oder kann nicht anders. Das Mitgefühl will helfen und der Verstand, ja, was sagt er, wenn alle Hilfsangebote versagen? Meiner sagt: Ich verstehe das einfach nicht!

Ich habe mich schon oft gefragt, ob es so etwas wie Karma gibt. Karma, bedeutet nach dem Sanskrit: „Wirken, Tat“, es ist ein spirituelles Konzept, nach dem jede Handlung – physisch wie geistig unweigerlich Folgen hat. Diesen Folge müssen nicht unbedingt in unserem  gegenwärtigen Leben wirksam werden, sie können sich auch erst in einem zukünftigen Leben manifestieren.
Gibt es demnach karmische Gründe weshalb ein Mensch genau das erlebt, was er erleben muss? Mein Verstand glaubt nicht so recht an Karma. Er glaubt an einen Plan, den es für jeden von uns gibt, einen göttlichen Plan, der in uns angelegt ist, der grob vorgibt wohin unsere Lebenspur uns führt, den roten Faden des Selbst, wie ich ihn nenne, der rote Faden, der sich aus all den Erfahrungen ergibt, die wir von Geburt an machen und aus denen heraus wir denken, fühlen und handeln. Erfahrungen, die uns prägen, die uns zu dem machen, als der wir gemeint sind und der uns Lektionen aufgibt um daraus zu lernen und um daran zu wachsen und den Sinn unseres Lebens zu begreifen, um dann unser Leben diesem Sinn nach zu gestalten. Wenn ich auf mein eigenes Leben zurückschaue erkenne ich jetzt erst warum ich genau der Mensch bin, der ich während sich mein roter Faden entspinnt, geworden bin. Heute erkenne ich, wenn ich mich an meinem roten Faden zurückhangele, was all die Erfahrungen für meinen Weg bedeutet haben und ich sehe, dass ich alle diese Erfahrungen und Begegnungen brauchte, um das zu tun, was ich mit ganzer Liebe tue, um der Mensch zu sein, der in mir angelt ist von Anfang an. Ich bin meinem roten Faden gefolgt, auch wenn er mir manchmal scharf in die Seele geschnitten hat, immer im Bewusstsein – es macht Sinn, es ist eine Lektion, es ist ein Schritt auf deiner Lebenspur, den du da gehst, auch wenn du diesen oder jenen absolut und ums Verrecken gerade nicht gehen willst. Und so ist dieser Faden für mich absolut stimmig. Er hat mich geführt und ich habe ihn nicht abgeschnitten, ich habe mich nie von ihm losgelöst, indem ich mich den Erfahrungen eben nicht tatenlos ergeben habe, sondern immer alles getan habe um aus meinem Schicksal ein Machsal zu machen und das geht nur, wenn ich dem, was mir widerfährt Sinn verleihe. Und das werde ich weiter tun, egal was kommt, ich weiß, ich werde damit fertig.

Aber was wenn der, der sich selbst sehenden Auges zugrunde richtet, den roten Faden nicht sieht, niemals gesehen hat und ihn nicht sehen will oder kann? Was wenn er sich davon abschneidet, indem er tatenlos dabei zusieht, wie er in sein eigenes Unglück rennt? Was wenn ein Mensch immer wieder das Gleiche nicht Hilfreiche fühlt, denkt, tut oder eben nicht tut indem er das hilfreiche Tun unterlässt? Wenn er wie eine Marionette an seinem roten Faden hängt, immer kurz davor, dass er sich von ihm ablöst und ins Nichts stürzt oder in die Katastrophe? Sind das Abstürzen und das Fallen dann sein roter Faden oder eben doch sein Karma?
Und ist dann das Raushalten der Weisheit meines Verstandes letzter Schluss?
Steht es mir einfach nicht zu, das Leid meiner Mitmenschen zu verhindern, wenn sie meine Hilfe nicht annehmen? Und wenn es denn Karma gibt, ist es dann nicht so, dass alle Verhinderungsversuche sowieso nichts nützen können, weil der Plan es für diesen Menschen anders vorgesehen hat, der Seelenplan, der sich durchsetzt, egal wogegen? Und habe ich das mit dem Plan nicht verstanden, wenn ich anderen meinen Plan aufdrücken will, den nämlich, den ich für sie, aus meinen Erfahrungen heraus, für sinnvoll halte? 
Anderen helfen ist unsere menschliche Pflicht. Helfen ohne Ansehen der Person, helfen ohne zu bewerten oder zu urteilen, was diese Person ist oder was sie tut.
Ist da nur eine Mühe vergebens?
Und ist es nicht so, dass, wenn ich an dieses Karma dann doch glauben will, ein Mensch erst durch sein Verhalten all die karmischen Bedingungen erzeugt, indem er nämlich den roten Faden ignoriert oder ihn nicht sehen will.
Ist es nicht so, dass nicht das Karma das Leid und die Problem schafft, sondern der Mensch selbst in seiner ignoranten Denkhaltung, mit der sich unbewusst in die Katastrophe katapultiert? Ist nicht er es selbst, der in seinen destruktiven Gefühls, Denk -und Handlungsmustern gefangen ist und sich damit selbst im Wege steht? Ist es dann nicht doch unsere humane Pflicht immer und immer wieder unsere Unterstützung anzubieten, um ihm zu helfen, endlich aufzuwachen und seinen Teufelskreis zu durchbrechen und endlich hinzuschauen was er sich da antut?
Ich weiß es nicht, ich weiß oft nicht was richtig und was falsch ist. Ich weiß aber: Keine Mühe ist je vergebens, zumindest nicht aus karmischer Sicht für den, der sie sich immer wieder macht, falls es denn dieses Karma gibt. Na gut ich weiß eins: Das Unterlassen von Hilfe, wenn sie nicht gewollt ist, ist eine Option, aber sicher nicht der Weisheit letzter Schluss.