Dienstag, 30. Juni 2015

Aus der Praxis – Ressourcen helfen, wenn es uns seelisch nicht gut geht




Es gibt Menschen, die Stress, Belastungen, schwierige Lebenssituationen, Krisen und sogar Traumata nicht nur gut überstehen, sondern sogar daran wachsen, während andere daran zerbrechen. Eine Erklärung dafür, warum das so ist liegt in der psychischen Widerstandsfähigkeit eines Menschen, die man in der Psychologie „Resilienz“ nennt. Wer Resilienz besitzt ist widerstandsfähig, er erlebt Krisen und emotionale Belastungen genau wie andere Menschen, lässt sich aber davon nicht unterkriegen. Wie widerstandsfähig ein Mensch ist, ist von vielen Faktoren abhängig, dennoch kann auch ein weniger resilienter Mensch aktiv dazu beitragen, die eigenen Stärken und Fähigkeiten, sprich seine Ressourcen, auszubauen um so an Widerstandskraft zu gewinnen.

Zu unseren wichtigsten Kompetenzen gehört die Fähigkeit zur "Selbstregulation". Wir erwerben diese Fähigkeit in der Kindheit durch das Verhalten der Eltern, die uns bei der Erfüllung unserer Bedürfnisse durch "Fremdregulation" unterstützen. Wenn dies geschieht, verinnerlichen wir das uns Vorgelebte, so dass wir uns im Laufe unserer Entwicklung "selbstregulieren" können. Aber auch wenn dies in unserer Entwicklung nicht stattgefunden hat, gibt es auch im späteren Leben noch die Möglichkeit unsere Resilienz und die dazugehörige Fähigkeit zur Selbstregulation zu entwickeln – und zwar indem wir unsere Ressourcen erkennen und sie stärken.

Was sind starke Ressourcen?
Über starke Ressoucen verfügen Menschen, die fähig sind die Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen. Sie fühlen sich nicht als Opfer der Umstände und schieben die Verantwortung für das, was sie erleben nicht auf andere. Sie leben nicht im Gefühl fremdbestimmt zu sein, sondern sind sich bewusst, dass sie ihr Leben gestalten können, auch in Krisenzeiten. Sie sind fähig, dem was geschieht einen Sinn zu verleihen.

Wer über starke Ressourcen verfügt ist sich dessen bewusst, dass Probleme lösbar sind und Krisen vorübergehen. Er nimmt seine Gefühle und Gedanken ernst und verdrängt sie nicht. Er weiß aus Erfahrung, dass er schon in der Vergangenheit Krisen gemeistert hat. Er weiß auch, dass Krisen und Probleme zum Leben gehören und in jeder Krise die Chance zum Wachstum liegt.
Studien haben gezeigt, dass Menschen, ganz gleich ob Kinder oder Erwachsene, besser mit belastenden Situationen umgehen können, wenn sie ein starkes soziales Netz haben und erleben, dass Andere in der Not für sie da sind. Umgekehrt sind sie selbst für andere da. Auch wer sich entspannen kann und gut für sich sorgen kann verfügt über hilfreiche Ressourcen. Ein entspannter Körper und ein ruhiger Geist sind die Basis dafür, dass ein Mensch gut mit Stress und Belastung umgehen kann. Deshalb ist es hilfreich sich Möglichkeiten für einen Ausgleich schaffen, indem man Dinge tut, die für Entspannung sorgen und die Freude machen.

Jeder Mensch verfügt über seine ganz persönlichen Ressourcen. Ressourcen sind in uns allen angelegt, auch wenn manche Menschen keinen optimalen Zugriff auf sie haben. Unsere Ressourcen ausfindig zu machen und sie zu kennen ist sinnvoll, besonders in schweren Zeiten hilfreich, denn sie sind unsere Kraftquellen.

Was sind Ressourcen?
Struktur ist eine Ressource. Eine sich wiederholende Tagesstruktur im Alltag vermittelt Sicherheit. Menschen die Rituale und tägliche Gewohnheiten haben und sie pflegen erleben Halt. Dabei ist es wichtig, dass hierbei nicht die Pflicht, also Job, Familie etc. dominiert, sondern auch Entspannung und angenehme Aktivitäten in den Tag eingebaut werden. Nur die Balance zwischen Spannung und Entspannung verbessert auf Dauer unsere Stresstoleranz und unsere seelisch-emotionale Belastbarkeit.

Eine nicht zu unterschätzende Ressource ist die eigene Wohnung. Wer ein Heim hat, in dem er gerne ist und sich wohl und sicher fühlt, erlebt Geborgenheit, auch wenn er alleine lebt.
Weitere Ressourcen sind unsere Gaben und Fähigkeiten, unsere Talente und unsere Leidenschaften, also die Dinge, die wir gut können und die wir leidenschaftlich gerne tun. Dazu gehört alles, was unsere Kreativität fördert und be-lebt. Aber auch Neugier, Wissen, Bildung, anderen helfen und der Beruf, wenn wir ihn gerne ausüben, gehören zu unseren Ressourcen. Und natürlich unser Glaube.
Grundsätzlich gilt: Alles was uns gut tut, kann uns stabilisieren.

Ressourcen sind umso besser verfügbar, je häufiger man sie lebt. Je besser wir unsere Ressourcen kennen und je mehr wir davon haben, umso besser sind sie abrufbar und umso größer ist unsere Fähigkeit zur Selbstregulation.

Viele meiner Klienten antworten auf die Frage: "Was tut Ihnen gut?", mit einem: "Ich weiß es nicht." Sie glauben, besonders in Krisenzeiten nichts mehr zu haben, was ihnen gut tun könnte. Ich weiß, es kostet Kraft, in schweren Zeiten Ressourcen zu finden, von denen man glaubt, sie existieren nicht – aber gemeinsam schaffen wir es immer sie zu entdecken oder sie wiederzuentdecken und sie als wichtiges und äußerst hilfreiches Mittel zu nutzen, um die Krise zu überstehen. Nicht selten sind persönliche Ressourcen einfach nur verschüttet. Darum ist es sinnvoll sich auf die Suche nach ihnen zu machen.

Wie geht das?
Ressourcen erkennen, sie annehmen, sie wichtig nehmen, sie testen, gerade wenn es uns nicht gut geht, um sie in der Krise und auch danach anwenden zu können.
Ressourcen können sein:
• Musik
• schöne Erinnerungen
• Kreativität (z.B. malen, kochen, backen, basteln, fotografieren, zeichnen etc)
• Sport
• Bewegung
• Tanzen
• Spaziergänge in der Natur
• Kunst anschauen: Eine Ausstellung besuchen oder ins Museum gehen
• Tagebuch schreiben (z.B. daneben noch ein Freudetagebuch führen, indem wir schöne und positive Erfahrungen und Erlebnisse aufschreiben)
• Lesen (besonders Biografien von Menschen, die wir bewundern oder die uns ein Vorbild sein können)
• Bücher über Menschen lesen, die Krisen gemeistert haben
• Achtsamkeitsübungen
• Imaginationsübungen
• Fantasiereisen
• Meditation
• Progressive Muskelentspannung
• Mit Freunden zusammen sein und mal nicht über das „Problem“ sprechen
• Sich schöne Filme anschauen

Um sich in Krisenzeiten nicht vollkommen zu verlieren, können wir lernen uns selbst zu helfen - und zwar auch mit Hilfe unserer Sinne.

Unsere Sinne sind große Ressourcen, sie haben nämlich die Fähigkeit uns aus dem Gedankenkarussell ins Hier und Jetzt zurückholen. Alles was wir uns bewusst anschauen, anhören, fühlen, riechen und schmecken holt uns in den Moment zurück und stoppt für diese Zeit destruktive Gedanken und Grübeleien – eine Zeit in der wir Kräfte sammeln können.
Indem wir uns auf etwas Sinnliches ganz und bewusst einlassen und konzentrieren sind wir im Jetzt und nicht mehr der Gefangene unserer Ängste, Befürchtungen, Probleme und Sorgen. Das ist natürlich keine Dauerlösung aber eine hilfreiche und kraftgebende Entlastung für Momente in der Zeit.

Etwas Angenehmes oder etwas Schönes bewusst anschauen, etwas Schönes bewusst hören, etwas Angenehmes bewusst riechen, etwas Leckeres in den Mund nehmen und achtsam den Geschmack wahrnehmen, etwas mit den Händen oder den Füßen bewusst berühren oder körperlichen Reizen aussetzen – all das sind sinnliche Erfahrungen, die uns das Gefühl geben: Da ist auch noch etwas anderes, etwas das schön und angenehm ist, bei allem Unschönen und Leidvollen, das wir gerade erleben.

Jeder findet, wenn er lange genug nachdenkt und nachspürt, etwas was er gerne tut, oder etwas was er als Kind gerne getan hat. Jeder von uns hat Ressourcen, es ist nur wichtig, sich wirklich die Zeit zu nehmen, sich ihrer bewusst zu werden und sie dann auch zu nutzen. In meinen schwersten Krisen hat mir die Kunst geholfen – sie anzuschauen und sie zu machen. Sie hat mir das Leben gerettet.

Montag, 29. Juni 2015

Jeder Schritt



Jeder Schritt, den wir tun, sollte Frieden sein.
Jeder Schritt, den wir tun, sollte Freude sein.
Jeder Schritt, den wir tun, sollte Verständnis sein.
Jeder Schritt, den wir tun, sollte Mitgefühl sein.
Jeder Schritt, den wir tun, sollte Ehrlichkeit sein.
Jeder Schritt, den wir tun, sollte Achtsamkeit sein.

Jeder Schritt, den wir tun, ist meist alles andere als das.

Angst XXI




Angst ist kein zu vermeidendes Übel. Angst ist ein wichtiger Motor für unsere Entwicklung. Die Herausforderung der Angst liegt darin, sie anzunehmen und sie zu bewältigen, denn in jeder Angst liegt die Chance genau das zu entwickeln, was die Angst zu verhindern sucht.

Sonntag, 28. Juni 2015

Die Mauer der Angst




Er hatte Angst. Sein Leben lang war da Angst. Greifen konnte er sie nicht, er schob sie weg, nach Innen, ins Außen. Er sagte sich, ich sehe sie dann nicht, dachte, sie lasse sich so vertreiben oder zumindest in Schach halten. Immer wieder sagte er sich das und die Angst grinste hämisch und blieb, sich in subtile Formen gestaltend, um ihr Dasein nicht zu verlieren.

Sie zeigte sich immer dann, wenn er den Willen spürte zu tun, was er immer schon tun wollte oder neu tun wollte. Dann baute sie sich auf wie eine dicke Wand zwischen ihm und dem Willen. Er analyiserte sie dann. Beruhigt von den Erkenntnissen der rationalen Selbstanalyse schob er sie von sich. Eine Weile versteckte sie sich und sah ihm dabei zu, wie sein Wille trotz der Erkenntnis nicht wirkte. Manchmal sprach er es aus: Ich habe Angst. Aber das half nichts. Er versenkte sich ins meditieren, fand Ruhe in diesen Momenten, nicht wissend, dass die Angst sich niemals beruhigen lässt. Ich bin kein ruhiges Gefühl, ich bin eine erdrückende, drückende Kraft, hätte sie ihm sagen können, hätte er ihr Fragen gestellt. Er stellte ihr keine Fragen.

Die Angst, immer größer werdend suchte sich Plätze der Wut und der Aggression, fand Zielscheiben und warf mit spitzen Pfeilen aus ihm heraus, traf die, die er zu lieben glaubte. Nicht gefragt gebärdete sich die Angst in immer neuen Formen und Gestalten, wehrte sich gegen die Angst anderer, die er spürte und die ihm noch mehr Angst machte. Abwehrend entschied er, das ist nicht meine Angst, nicht wissend, dass sich Angst immer zu Angst legt. Er wollte angstlos leben, zertrat die Spiegel im Außen. 

Als sie, die die Angst kannte, sagte, die Angst ist auch ein Motor, erwiderte er, er wisse es nicht.
Er könne es sehen, würde er über die dicke Wand seiner Angst hinausschauen wollen, dorthin wo die Angst sein durfte, sich formen durfte in Ausdruck, sich wandeln durfte, meinte sie und wie ignorant er doch sei.
Er wählte Wut, schrie "fick dich" und mauerte einen weiteren Stein in die Wand.








Gedankensplitter




Annehmen, was ist, fällt dem schwer, der sich bereits als Kind nicht angenommen fühlte, für das, was er ist. Wie schwer also, sich jetzt anzunehmen mit allem was er ist ... auch und gerade mit jenen Seiten, die im Schatten hausen. Annehmen was ist - kein anderer kann es für dich tun. Das ist deine Aufgabe, vielleicht eine lebenslange Aufgabe. Viele geben auf oder sie beginnen nie.

Samstag, 27. Juni 2015

Ich habe Angst ... ich hacke Holz und hole Wasser




vor der erleuchtung - hacke holz, hole wasser.
nach der erleuchtung - hacke holz, hole wasser.

aus dem ZEN

das macht sinn, denke ich am morgen nach dem tag, der etwas in mir erschüttert hat. wieder eine erschütterung, nach den erschütterungen der vergangenen tage, den erschütterungen meiner vergangenheit, die mich gelähmt haben und meine törichte hoffnung auf sicherheit als illusion entlarvt haben. nichts ist sicher, ich weiß es doch leben, du hättest es mich nicht wieder fühlen lassen müssen. ich habe sie doch gelernt diese lektion, wozu also soll sie gut sein?
vielleicht hatte die zuversicht das für einen moment vergessen und brauchte erinnerung, könnte das leben antworten.

ich war reine angst, obwohl ich mir sagte: du bist nicht deine angst, aber die angst hat mir nicht geglaubt. ich war die angst, die einer ausgelöst hat, der einem menschen, den ich sehr liebe, übles angetan hat. angst, weil die wut auf den übeltäter in der ohnmacht stecken beiben muss, weil es nicht meins ist, ihn zur verantwortung zu ziehen. ich habe das versprechen gegeben mich rauszuhalten. es zu halten fällt mir noch heute schwer. aber es nicht zu halten würde grenzüberschreitung und missachtung bedeuten, dem menschen gegenüber, den ich sehr liebe.
es ist mir nicht erlaubt zu handeln, gegen seine entscheidung zu handeln.
ich darf nicht handeln. das macht ohnmacht.
ohnmacht macht mich immer wütend, es ist eines der am schwersten auszuhaltenden gefühle für mich. ich muss sie aushalten. ich muss meine aus der ohnmacht geborene wut für mich behalten oder sie auf mein kissen schlagen, was mir nichts bringt. ich will nicht das kissen treffen, ich will den treffen, der dem, den ich liebe, übles getan hat.
ich will ihm ins gesicht sehen und ihn fragen: weißt du, was du getan hast?
und dass nichts, aber auch nichts dieses tun rechtfertigen kann. ich will ihn fragen ob es ihn reut, obwohl ich längst weiß, er fühlt keine reue.

hier sitze ich an diesem morgen und versuche weiter zu machen, trotz der ohnmacht und der wut, die keinen kanal findet. ich achte mein versprechen. ich achte damit den, der es mir abgenommen hat.
mehr kann ich nicht tun, als nichts zu tun. ich kann das üble, was geschehen ist, bedauern und meine angst anschauen, die angst vor dem, was menschen menschen antun können und die angst vor dem dem, was es mit mir macht. wie machtlos es macht.
und damit weiterleben.
und akzeptieren was geschehen ist, es nicht für gut heißen und es nicht entschuldigen, es irgendwie zu verstehen versuchen, wo kein verstehen ist, weil der schmerz zu groß ist. 
ich kann meine wut fühlen und sie aushalten, sie besänftigen und wieder verstecken in mir und die angst der ohnmacht aushalten, sie anschauen und wissen - es ist wie es ist - und trotzdem innerlich zerissen sein zwischen gefühlen, die mir weh tun, weil dem, den ich liebe weh getan wurde und mir damit auch.

weh tun sich menschen, denen die liebe und das verstehen abhanden gekommen ist, weh tun sich alle irgendwann, sich selbst oder einem anderen und damit auch sich selbst.
auch ich tue weh, auch ich verletze und auch ich bin nicht wutlos.
auch ich würde auf anderes als auf mein kissen schlagen wollen.
jetzt und am tag der erschütterung.
ich tue es nicht.
ich hacke holz und hole wasser
ich hole wasser und hacke holz.
ich mache weiter mit dem, was jetzt zu tun ist. mehr bleibt mir jetzt nicht. 

Dienstag, 23. Juni 2015

Der Boden der Nichtliebe


Zeichnung AW

hätte man uns von klein auf gelehrt, uns selbst zu achten,
hätten wir gelernt auf andere ebenso zu achten.
hätte man uns von klein auf liebe und aufmerksamkeit geschenkt,
hätten wie gelernt, dass wir liebenswert und wertvoll sind.

dann hätten wir gelernt, uns selbst und andere wertzuschätzen.
alles leid entsteht auf dem boden der nichtliebe.

Montag, 22. Juni 2015

KRAFT


Malerei A. Wende

Nimm deine Gefühle und deine Intuition ernst und lebe danach, denn sie allein sind der Wegweiser zu deinem innersten Kern, dem unzerstörbaren Kern in dir, der weiß was wahr ist und was unwahr.
Höre nicht auf die Stimmen im Außen, sie verwirren dich nur.

Suche nicht nach Ratschlägen, sondern nach dem, der dir hilft deine eigenen Antworten zu finden.
Vertraue dem, was du siehst und lass dich nicht vom Licht anderer blenden. Das ist nur Schein.

Frag nicht WARUM, diese Frage gibt dir keine Antwort.
Frage WOZU und du wirst Antworten finden.

Suche dein eigene Wahrheit und lebe sie, egal was andere sagen.
Sie wissen NICHTS von dir.

Geh deinen Weg, den keiner für dich gehen oder weisen kann, denn jeder geht in seinen eigenen Schuhen. Die der Anderen passen dir nicht.

Suche nach Pfaden, die deine sind und vermeide es den ausgetretenen zu folgen.

Wer dich wirklich liebt und wer dich wirklich achtet, wird nicht versuchen dich von deinem Weg abzubringen.

Suche nicht im Außen nach Liebe, denn dort findest du sie nicht, wenn du sie dir nicht selbst geben kannst. Du weißt, wann es soweit ist –  dann, wenn du zu suchen aufhörst.

Schwimme ruhig gegen den Strom, denn er bringt dich zur Quelle.

Ertrage Einsamkeit und Unverständnis, auch wenn du glaubst innerlich zu zerbersten, es wird dir helfen deine Ängste zu überwinden.

Sieh deinen Ängsten ins Gesicht, denn dann bist du mit ihnen auf Augenhöhe und nicht mehr kleiner als sie.

Wisse, dass kein Mensch dich tragen kann, und lerne dich selbst zu tragen.

Du kannst es, wenn du dir Gottes Kraft bewusst bist. Sie wird dich vielleicht nicht tragen, aber sie wird dir die Kraft geben, es für dich selbst zu tun.








Gedankensplitter

es verstehen heißt nicht -  es zu verzeihen.
es verzeihen heißt nicht - es gut heißen.

Sonntag, 21. Juni 2015

Lessons to learn



ich habe gelernt zu wissen, was ich will und was ich nicht will.
ich habe gelernt, was mir wichtig ist und was nicht.
ich habe gelernt, dass man es hin und wieder vergessen kann und dass das nicht bedeutet, es nicht mehr wiederzufinden.
ich habe gesucht, was es ist, was mir etwas bedeutet.
manches habe ich gefunden und wieder verloren.
manches habe ich gefunden und behalten.
manches suche ich noch immer.
ich habe gelernt mit mir selbst auszukommen und meine schwächen ebenso anzuschauen wie meine stärken. im spiegel fand ich mich, wie ich war, wie ich bin und wie ich sein will, alles was ich bin und nicht bin und nie sein werde und alles was ich sein könnte.
ich habe gelernt, mich auszuhalten, auch in der angst, der selbstanklage und dem selbstmitleid.
ich habe gelernt menschen zu lieben auch wenn sie weit entfernt sind oder mich nicht mehr brauchen. ich habe gelernt menschen auch dann noch zu lieben, wenn sie mich nicht mehr lieben.
ich habe gelernt, dass ich liebe nicht erzwingen kann.
ich habe gelernt weiter zu träumen, wenn träume an der realität zerbrechen.
ich habe gelernt weiter zu machen auch wenn es unmöglich schien.
ich habe für mich gesorgt, auch wenn ich schwach war.
ich habe gelernt, was die ohnmacht ist, wut und verzweiflung und habe sie ausgehalten.
ich habe gelernt, dass freunde sich in der not zeigen und wie es ist wenn sich keine zeigen.
ich habe gelernt, dass leben nur dann einen sinn hat, wenn ich ihm einen sinn gebe.
ich habe gelernt, dass jeder dunklen nacht ein heller tag folgt.
ich habe gelernt zu zu fühlen, was ich sage und zu sagen, was ich fühle.
ich habe gelernt geduld zu haben auch wenn es mir schwer fiel.
ich habe gelernt, dass es schuld gibt und unschuld.
ich habe gelernt danke zu sagen für alles, was ich habe.
ich habe gelernt, dass ich keine bindung will, sondern eine verbindung.
ich habe gelernt, dass es keine sicherheit gibt.
ich habe gelernt, trotz der angst weiter zu gehen.
ich habe gelernt zu achten, was unveränderbar ist.
ich habe gelernt, dass hinter meiner wut und meiner trauer schmerz ist.
ich habe gelernt, dass dieser schmerz unteilbar ist.
ich habe gelernt, dass ich alleine bin mit dem, was ich fühle und dass keiner fühlen kann, was ich fühle.
ich habe gelernt, dass ich auch damit leben kann.
ich habe gelernt, dass die veränderung zum leben gehört und jeder widerstand sie schwerer macht.
ich habe gelernt mir selbst zu vertrauen und wie es ist, dieses vertrauen zu verlieren und es wieder zu finden.
ich habe gelernt, mir selbst treu zu bleiben.
ich habe gelernt, dass jede entscheidung und jedes handeln konsequenzen hat.
ich habe gelernt, dass ich gut und böse bin.
ich habe gelernt, dass es etwas gibt, das größer ist als ich.
ich habe gelernt, dass es nichts gibt, dessen ich wirklich sicher sein kann.
ich habe gelernt, das zu akzeptieren.
ich weiß, dass ich niemals allein bin und das mich etwas trägt.

Samstag, 20. Juni 2015

Gedankensplitter





das 
ende 
der 
konstruktionen 
im 
kopf 
ist 
der 
anfang 
des 
fühlens 
was
wirklich
ist.

Freitag, 19. Juni 2015

dialog 1

sie: es ist möglich mehr als ein halbes leben lang am eigenen leben vorbei zu leben.
er: wie fühlt sich das an?
sie: verloren.




Donnerstag, 18. Juni 2015

Vom Sinn der Sinnkrise





Sinnverlust resultiert aus dem Kontrollverlust über das eigene Leben. Gesellen sich dazu Hilflosigkeit und Ohnmacht stellt sich der Mensch als gesamte Person in Frage – alles verliert den Sinn, bis hin zur eigenen Existenz. Schwere Sinnkrisen können zur Aufgabe jeglicher Ziele im Leben führen.
Sinnkrisen sind, so schrecklich sie sich anfühlen, ein Weckruf, das eigene Leben zu überdenken, neue Prioritäten zu setzten, herauszufinden was man wirklich will und seine wahren Interessen zu erforschen. So gesehen sind kritische Lebensereignisse, die oft in die Sinnkrise führen, immer auch Entwicklungsaufgaben. Sind wir dazu bereit, ist der Bewältigungsprozess der Sinnkrise die Quelle der Sinnfindung.

Dienstag, 16. Juni 2015

AUS DER PRAXIS – "Sie konnten nicht anders ..."

 



„Sie konnten nicht anders“, wie oft sagen Menschen das, wenn es darum geht, als Erwachsener  anzuschauen was die eigenen Eltern dem Kind angetan haben. Und auch wenn es wahr ist, dass sie nicht anders konnten, so ist diese Haltung des Verstehens, wenn es um die Verarbeitung kindlichen Missbrauchs geht, egal ob körperlich oder emotional, niemals heilsam, denn sie verschleiert die Wahrheit – nämlich, die geschehene, an eigenem Leib und Seele erfahrene Tat.

Diese Solidarisierung mit den Eltern führt dazu, dass das Kind noch als erwachsener Mensch in der Perspektive der Eltern denkt und fühlt. Es begreift ihr schlechtes Handeln gegen sich selbst als sein eigenes Versagen, als seine Schuld und fühlt sich damit schuldig. In der Solidarisierung mit den Eltern versucht das Kind zu verstehen, warum sie sind wie sie sind, weil es sie liebt und der Verlust dieser Liebe für es selbst den seelischen Tod bedeuten würde. Deshalb ist auch das missbrauchte, misshandelte und gedemütigte Kind bereit alles zu verstehen und zu verzeihen. Nur sich selbst kann es nicht verstehen und nicht verzeihen. Es darf es nicht, denn das würde bedeuten, sich von der Bindung zu den geliebten Eltern zu trennen und sie als das zu erkennen was sie wirklich sind, nämlich keine Opfer des „nicht anders Könnens", sondern Täter, Täter am Seelenheil des eigenen Kindes. Diese Erkenntnis würde die oft lebenslang unterdrückte, in Schmerz oder Trauer verwandelte Wut auslösen, die missbrauchte und misshandelte Kinder in sich tragen, eine Wut, die unausgedrückt wuchert wie eine giftige Pflanze bis sie den erwachsenen Menschen vollends vergiftet. Diese Wut gegen die geliebten Eltern aber darf nicht sein. Sie ist ein Tabu, das unangetastet bleiben muss.

Die unterdrückte Wut aber ist hoher Preis für eine Liebe, die immer nur einseitig war, eine Liebe, die Kinder missbrauchender und misshandelnder Eltern, aber nicht aufgeben können, denn diese Wut endlich zu fühlen und zuzulassen würde bedeuten, diese Liebe zu hinterfragen, sie vielleicht sogar aufgeben zu müssen und das heißt – der schrecklichen Wahrheit ins Gesicht zu sehen ein ungeliebter Mensch zu sein. Dieses Gewahrsein bedeutet einen zunächst einen Sturz in die absolute Leere, ins Nichts. Vor nichts aber haben Menschen so sehr Angst wie vor dem Nichts.

Montag, 15. Juni 2015

AUS DER PRAXIS – Der Teufelskreis der Selbstbeschuldigung

 
"Under Pressure", Acryl auf Leinwand, AW 2015


Das Leben besteht Tag für Tag aus Entscheidungen, die wir zu treffen haben und nur selten gibt es bei schwierigen Entscheidungen keine Zweifel an dem, was wir schließlich wählen. Letztlich kann eine Entscheidung nur dann getroffen werden, wenn nach dem Abwägen des Für und Wider ein Für übrig bleibt, nach dem wir uns richten und nach dem wir handeln. Das Leben zieht uns für das zur Verantwortung, was wir entscheiden. Es zeigt uns die Konsequenzen auf, die unseren Taten und Handlungen folgen. Somit hat jede Entscheidung Folgen mit denen wir konfrontiert werden. Manchmal entscheiden wir richtig und manchmal sind unsere Entscheidungen folgenschwer, im Sinne von – sie schaden uns oder anderen Menschen.

Wenn wir glauben, in der Vergangenheit falsch entschieden zu haben machen wir uns Vorwürfe. Wir haben Schuldgefühle und schämen uns. Wir verurteilen uns und quälen uns mit Selbstvorwürfen. Ich kenne Menschen, die noch nach Jahren unter den Folgen einer Entscheidung leiden, besonders dann wenn diese Entscheidung für sie selbst oder andere ungute oder sogar fatale Folgen hatte. 


Dabei wissen wir alle, es macht wenig Sinn, sich ewig etwas vorzuwerfen, was man früher einmal entschieden hat. Grundsätzlich tut jeder vernünftige Mensch das, was er im Moment der Entscheidung für richtig hält. Was er für richtig hält hängt davon ab über welches Wissen er zum Zeitpunkt der Entscheidung verfügt und an was er glaubt. Wenn der Mensch, der wir damals waren, so entschieden hat, wie er es tat, dann allein deshalb, weil er bei seinem damaligen Wissensstand der Überzeugung war: So ist es für mich richtig. Er hätte nicht anders handeln können, denn hätte er es „besser“ gewusst, hätte er es besser gemacht. Selbst wenn der unerfahrene Mensch, der wir damals waren, hätte besser entscheiden können, bringt es nichts, ihm das in der Gegenwart nachzutragen, denn damit ändert sich nichts, von dem was geschehen ist.

Haben wir im Heute erkannt, dass wir damals einen Fehler gemacht haben können wir ihn bereuen oder uns ewig mit Schuldvorwürfen quälen. Es ist ein großer Unterschied ob wir etwas bereuen oder ob wie uns etwas vorwerfen. Während Reue die Frage nach der Verantwortungsübernahme stellt, fragt Schuld immer nach Strafe.


Das Gefühl von Reue macht uns klar, wohin es führen kann, wenn uns Wissen fehlt. Hält man dieses Gefühl aus, ohne es abzuwehren, stärkt es das Gewissen für zukünftige Entscheidungen. Man trägt die Konsequenzen, bis sie ausgetragen sind. Der Vorwurf aber ist ein mentaler Akt, der dem Entscheidungsträger Schuld zuweist. Im Vorwurfmachen liegt die Gefahr, dass ein Mensch in Schuldgefühlen steckenbleibt. Beim Vorwurf sind Selbstanklage, Selbstbestrafung und Selbstabwertung der Subtext des Lebens. Das schlechte Gewissen wird zum Instrument der Strafe, wir selbst werden zum Ankläger, zum Richter und zum Verurteilten, der für seine unrechte Tat büßen muss.


Das Gewissen ist aber kein Instrument der Strafe, seine Aufgabe liegt darin, bessere, sprich bestmögliche, sinnvolle Entschei­dungen zu treffen. Wer dem unwissenden Menschen, der er damals gewesen ist, Schuld vorwirft, handelt nicht gewissenhaft, denn er weigert sich die Verantwortung zu tragen, die er im Jetzt übernehmen kann. Ein schlechtes Gewissen ist demnach keine mentale Institution die Fehler bestraft, sondern es bemüht sich um die Wiedergutmachung vergangener Fehler und um die Vermeidung neuer Fehler. 

Manches ist nun aber nicht wieder gut zu machen, es ist geschehen und verloren und zwar unwiederbringlich. Dann sprechen wir von schwerer Schuld. Schwere Schuld besteht, wenn wir einem anderen einen Schaden zugefügt haben, der nicht mehr gut zu machen ist.  
Es ist geschehen und hat dem Leben eines anderen durch unsere falsche Entscheidung Leid zugefügt. Wir müssen damit leben, ob wir das wollen oder nicht. Und wir müssen mit unserem Leid leben, weil es uns leidtut, weil wir leiden am Leid, welches wir einem anderen, auch ohne es zu wollen, zugefügt haben.

Was auch immer geschehen ist: Die Zuweisung von Schuld ist destruktiv, denn mit der Schuldzuweisung wird dem Schuldigen kein Wert mehr zugeschrieben, vielmehr wird er ihm aberkannt. Wir sehen nicht mehr das Gute was ein Mensch tun oder geben kann, wir sehen nur noch den Schaden, dem wir ihm zur Strafe seines Unwerts zufügen wollen.
In dem wir an uns selbst Schuld vergeben, (und das gilt auch, wenn wir sie anderen geben) stufen wir das Gute, das auch da ist, herab. Wir sehen nur noch das Schlechte in uns selbst (oder im anderen), und wenn wir nur noch das sehen, fühlen wir uns schlecht und im Zweifel handeln wir auch so – gegen uns selbst und/oder andere.

Die Kette der Schuldvorwürfe bekommt so immer mehr Glieder und zurrt sich fest um uns bis sie Leben erstickt. Wer in der Schuld lebt, lebt in der Verdammnis. Er gibt sich keine Chance mehr, weil er sich selbst nicht vergibt. Und wer sich selbst keine Chance gibt, kann sie anderen nicht geben. Schuldvorwürfe führen zum Rückzug ins Eigene, sie schließen durch das Ausschließen des Lebendigen, Lebendigkeit aus. Wer in der Schuld stecken bleibt gibt sich selbst lebenslänglich.

Wenn wir unser eigener Schuldner sind stehen wir vor der Aufgabe, diese Schuld zu tilgen – bei uns selbst. Wir versuchen diesem immensen Anspruch zu genügen und die Schuld abzutragen. Wir sind uns selbst der gnadenloseste Richter, hart, unverzeihlich und niemals zufrieden zu stellen. Beim Versuch die Schuld zu begleichen legen wir uns Buße und Sühne auf. Wir brennen aus, wir verbrennen innerlich an dem, was uns nicht gelingen kann, denn eine Schuld, die abgetragen werden muss, lässt keine Vergebung zu. Alle Widergutmachungsversuche sind untauglich, denn im Tiefsten wissen wir: Was geschehen ist, ist unwiderruflich geschehen – es ist nicht mehr rückgängig zu machen. In der Schuld liegen Scham und Wut über die moralische Verfehlung, die wir begangen haben, eine Wut, die sich gegen uns selbst richtet und uns angesichts der Vergeblichkeit der Wiedergutmachung von innen zerfrisst.

Aber woraus speist sich Schuld und Schuldgefühl?
Es speist sich aus einem Gedankenkonstrukt – und zwar aus dem, was in unserer Vorstellung von Gerechtigkeit sein soll und den daraus entstehenden Ansprüchen an uns selbst. Schuld speist sich aus dem, was wir als Gut ansehen und was wir als Schlecht verdammen und zwar aus unserer eigenen Annahme über Moral und Werte. Aber vor allem speist sie sich aus dem Gefühl wie etwas für uns zu sein hat um gut oder richtig zu sein, wie wir zu sein haben um gut und richtig zu sein. Fehler sind in diesem Gedankenkonstrukt verboten oder sogar verdammungswürdig. Wer in einem solchen Konstrukt gefangen ist, für den hinterlässt jede falsche Entscheidung eine schmutzige Spur in dem Bild, das er von sich selbst hat. Je nachdem, welches Bild wir von uns haben, zieht das Folgen für das eigene Leben nach sich.

Wo ist der Ausweg aus diesem Teufelskreis der Selbstbeschuldigung.
Es macht Sinn sich Folgendes zu fragen: Nicht: Wer ist schuld? Sondern: Was ist schuld?
Damit nehmen wir eine völlig andere Sicht ein. Wir machen uns selbst nicht mehr zum Maß und alleinigem Verursacher dessen, was geschehen ist, sondern fragen: Wie konnte es dazu kommen, dass wir uns schuldig gemacht haben? Denn allzu oft besteht zwischen dem Maß des Schuldgefühls und der tatsächlichen Schuld keine objektive Verbindung.
Wir können uns fragen: Wie waren die damaligen Lebensumstände, was habe ich damals gefühlt, was habe ich geglaubt und was war mir einfach nicht klar, was konnte ich nicht sehen, was nicht voraussehen und was nicht beurteilen, ganz einfach weil mir die nötigen Informationen und das nötige Wissen dazu gefehlt haben? Wer war da um mich bei meiner Entscheidung zu unterstützen, mit wem konnte ich mich abgleichen und war da überhaupt jemand, der mir half um zu reflektieren? Wer war an der Sache sonst beteiligt?
All das sind Fragen, die dazu führen, dass sich die fatale Identifikation mit der Schuld relativieren und am Ende vielleicht sogar auflösen kann.


Auch das Eingeständnis an uns selbst, dass wir fehlerhaft sind, dass wir Menschen sind und nicht Gott, der alles weiß und alles richtig macht, ist hilfreich um uns zu entlasten, auch wenn eine Wiedergutmachung unser folgenschweren Entscheidung nicht mehr möglich ist.
Auf diese Weise übernehmen wir nicht nur die Verantwortung für die Vergangenheit, wir übernehmen auch und vor allem die Verantwortung für die Gegenwart. Die Zuweisung von Verantwortung ist immer konstruktiv. Sie sieht das Thema, das gelöst werden soll. Sie nimmt den Verantwortlichen in die Pflicht und schreibt ihm die Fähigkeit zu künftig Gutes zu tun. Während leichte Schuld aus dem beglichen werden kann, was man hat, begleichen wir schwere Schuld nur aus dem, was wir sind, unabhängig davon, was wir einmal getan haben. Das Leben versucht niemals uns zu schaden. Die Konsequenz, mit der es uns zur Verantwortung zieht, ist immer konstruktiv. Das Leben stellt uns immer vor die Wahl. Das bedeutet, wir können entscheiden, ob wir die Verantwortung erneut zu umgehen versuchen oder ob wir uns ihr stellen. Stellen wir uns der Verantwortung wird das Leben uns belohnen. Umgehen wir sie, wird es uns vor Herausforderungen stellen, die noch schwerer zu lösen sind.

 
Triffst du einen Schuldigen, frag dich, ob die eigene Unschuld nicht Zufall ist.



















Samstag, 13. Juni 2015

Anziehung





"Was einem Menschen widerfährt, und wann es ihm widerfährt, ist charakteristisch für ihn", schreibt C. G. Jung. Hinter jedem Zufall verbirgt sich die unbewusste Bereitschaft, ein bestimmtes Ereignis oder eine bestimmte Erfahrung auf sich zu ziehen.

Ist es nicht seltsam, dass wir bei angenehmen Zufällen sofort bereit sind, sie mit unserer Veranlagung oder unseren Fähigkeiten in Verbindung zu bringen?  Haben wir Pech oder widerfährt uns ein Unglück, weigern wir uns den Zusammenhang zu sehen. Meine Erfahrung zeigt mir – auch die unschönen Ereignisse sind kein Zufall.

Gedankensplitter




Sich selbst erkennen heißt: Sich an sich selbst erinnern  –
und zwar an das, was von Beginn an dir ist.

Freitag, 12. Juni 2015

AUS DER PRAXIS – Wie wir destruktive Glaubenssätze über uns selbst entmachten





Wir alle kennen sie, diese destruktiven Selbstgespräche, in denen wir uns selbst sagen, wie blöd wir sind, wie dumm, wie egoistisch, wie unfähig, wie unbelehrbar usw. In unseren Köpfen hausen Gedanken über uns selbst die nur einen Sinn haben – uns klein zu machen.

"Du bist nicht liebenswert", "du bist nicht gut genug", "du bist wertlos", "du wirst niemals glücklich sein", "du bist ein Versager" ...

Das ist die Stelle wo ihr das hinzufügen könnt, was Ihr so den lieben langen Tag immer wieder zu Euch selbst sagt. 

All diese destruktiven Sätze sind „Du Botschaften“, die aus unserem eigenen Inneren kommen, die unser Denken über uns selbst beherrschen und damit unsere Wirklichkeit beeinflussen. Sie schreiben den Text für das Drehbuch unseres Lebens und wir spulen über Jahrzehnte den gleichen Film ab, einen Film, in dem wir Regisseur und Darsteller in Personalunion sind. Eine Komödie ist das selten, eher eine Tragikkomödie, wenn nicht gar ein Drama, bei dem die Katharsis jeoch meist ausbleibt. Die Katharsis - nach Aristoteles die seelische Reinigung als Wirkung der antiken Tragödie, genau darum geht es im Grunde, wenn wir beginnen zu überdenken, was wir über uns denken.


Gedanken über uns selbst sind Überzeugungen über uns selbst, die uns irgendwann einmal beigebracht wurden zu einer Zeit als wir nicht fähig waren sie zu hinterfragen und sie geglaubt haben. Diese Überzeugungen verfestigen sich zu Glaubenssätzen und diesen Sätzen glauben wir meist ein Leben lang, jedenfalls solange bis wir uns fragen: Ist das wirklich wahr? 

Die Tatsache, dass Gedanken unser Leben beeinflussen, ist nicht neu. Schon in der Bibel steht: „Dir geschieht nach deinem Glauben“. Der Satz: „Wir sind das Ergebnis unserer Gedanken“, ist von Marc Aurel
 und die Erkenntnis: „Alles, was wir sind, ist das Ergebnis dessen,
was wir gedacht haben“, ist von Buddha. Obwohl zwischen diesen Worten über 2000 Jahre liegen, haben sie nichts von ihrer Wahrheit eingebüßt. Die Qualität und die Beschaffenheit dessen, was wir denken, führt uns in die gedachte Lebenslage. Genau hier liegt der Ansatzpunkt für die große Chance, uns selbst von der Macht unserer destruktiven Gedanken über uns selbst zu befreien.


Wie aber kommen wir den Glaubenssätzen, die wir über uns selbst haben auf die Spur?  
Viele von uns sind sich gar nicht bewusst, was da in ihrem Kopf herumspukt, denn diese Gedanken sind so verinnerlicht, so vertraut, das wir sie gar nicht mehr als das wahrnehmen was sie sind: Gift für unsere Existenz, Blockaden für unsere Entwicklung und Verursacher unseres Leidens.
Wenn ich sitze um zu meditieren, kommt bei mir zum Beispiel jedes Mal der Gedanke hoch: „Das schaffst du sowieso nicht, du bist viel zu hippelig, du kannst nicht still sitzen!“

Wer sagt denn das? Meine Mutter sagt das, sprich - sie hat das zu mir gesagt, als ich klein war und die Große glaubt das noch immer und macht sich das meditieren schwer oder lässt es sogar bleiben, obwohl sie es möchte. Nein, dieser Gedanke ist nicht hilfreich! Und es ist nicht meiner. Es ist ein Glaubenssatz aus meiner Kindheit, dem ich noch heute glaube und der noch heute mein Handeln, in diesem Falle mein Nichthandeln, bestimmt. Ich bin ihm aber endlich auf die Spur gekommen.

Den Glaubenssätzen, die wir über uns selbst haben kommen wir auf die Spur, wenn wir ganz bewusst unseren Selbstgesprächen und unseren inneren Monologen lauschen, wenn wir aufmerksam auf das hören, womit wir uns selbst beschimpfen, beleidigen oder runtermachen bis wir ziemlich klein gedacht sind.

Wir hören sie dann, wenn wir uns sagen, was wir zu tun und zu lassen haben und damit verhindern was wir eigentlich so gerne tun oder erleben möchten.

Glauben wir diesen Glaubenssätzen versuchen wir automatisch sie zu bestätigen und, so paradox das klingt – wir nehmen nur das wahr, was sie bestätigt. In meinem Beispiel: Ich denke ich bin zu hippelig, also nehme ich nur noch wahr wie hippelig ich da sitze, wenn ich sitze, und werde noch hippeliger. Ich denke: Siehste, stimmt, du bist zu hippelig! Das Ende vom Lied – ich breche meine Meditationsversuche regelmäßig frustriert ab. Dadurch halte ich meinen Glaubenssatz nicht nur aufrecht, ich verstärke ihn sogar durch mein Handeln, nämlich durch den Abbruch meiner Handlung. Nicht hilfreich. So wird das nix.
Um dieser sich selbst bestätigenden Falle zu entkommen müssen wir lernen Erlebnisse, Erfahrungen und Gegenbeweise zu suchen oder zu schaffen (was noch schwerer ist als das Suchen, denn das fordert unsere Aktivität), die unsere destruktiven Glaubenssätze NICHT bestätigen.

Ich könnte ich mir sagen: Schau, du kannst ruhig sitzen, gerade tust du es doch, du sitzt hier auf dem Stuhl und schreibst. Das kannst du auch ohne zu schreiben – ruhig sitzen. Und es dann machen und schauen was mit dem neuen Gedanken: „Ich kann ruhig sitzen“ passiert.

Wir durchbrechen unsere Glaubenssätze dann, wenn wir lernen unsere Gedanken und Überzeugungen über uns selbst zu beobachten, anstatt durch ihren Filter die Welt zu betrachten. 
Wir müssen Distanz schaffen zwischen dem, was uns denkt und uns selbst und zwar solange, bis es uns gelingt uns von dem, was wir denken zu disidentifizieren. Solange das schädliche Gequatsche in unserem Kopf unbeobachtet vor sich hin plappert, nicht beobachtet und nicht hinterfragt wird, beherrscht es uns, unsere Beziehungen und unser Leben.

Viele von uns wissen das. Und trotzdem funktioniert es nicht.

Warum nicht?

Weil dies eine Übung ist, die Achtsamkeit, Regelmäßigkeit, Geduld und Zeit von uns verlangt, im Grunde ähnlich wie beim Erlernen der Meditation. Von nichts kommt nämlich nichts, auch so ein Glaubenssatz, einer der der Überprüfung auf seine Wahrheit (für mich), aber standhält. 

Wie soll etwas funktionieren, wenn wir es nicht üben, wenn wir nicht die Mühe aufwenden etwas immer wieder zu tun, weil wir erst einmal lernen müssen?  
Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Wir lernen durch Wiederholungen. Im Guten wie im Unguten. Was wir wiederholen verfestigt sich, so wie sich die alten Glaubensätze durch ihre ewige Wiederholung in Jahrzehnten verfestigt haben, braucht es Zeit sie zu erkennen, sie zu hinterfragen und sie zu entmachten, indem wir sie und durch neue hilfreichere ersetzen.

Jedes Mal, wenn ein destruktiver Gedanke auftaucht macht es Sinn einen Augenblick innezuhalten und uns zu fragen: Wie alt ist dieser Gedanke? Ist dieser Gedanke wirklich wahr und das Entscheidende: Ist dieser Gedanke hilfreich?

Diese Übung ist nicht so einfach wie es sich anhört und es braucht in der Tat Zeit und Geduld bis wir sie beherrschen. Wer es versucht hat weiß das. Aber es ist sinnvoll zu trainieren, denn am Ende stellt sich bei den meisten Glaubenssätzen heraus, dass wir nicht der oder das sind, was wir zu sein denken.

Ein höchst befreiendes Gefühl und ein Weg von der inneren Fremdbestimmung in die Selbstbestimmung.

So, ich gehe jetzt meditieren üben ...






















Mittwoch, 10. Juni 2015

Gedankensplitter



mixed media, aw


Die Selbstaufrichtung des Subjekts ist ein Widerstand gegen die Herrschaft der allgemeingültigen Realitätsdefinitionen. Es wehrt sich gegen die Dingwerdung oder Verdinglichung seines Seins durch die Bewegungen, die Sinn- und Wertstiftungen der Geschichte, mit dem Ziel sich von dieser Geschichte lösen ohne den allgemeinen Geschichtsraum, dem es angehört, verlassen zu können, aber um der eigenen inneren Wahrheit Ausdruck zu verleihen, ihr zu folgen und sich als Mensch zu individuieren. Was Foucault Subjektivierung nennt zielt auf dieses Werden, das sich Selbstwerden, das Subjektwerden, die Autokonstitution des Individuellen – die Authentizität der Persona.

Dienstag, 9. Juni 2015

Mut








Es genügt nicht, sich von der Vergangenheit zu lösen, es ist auch nötig die Veränderung willkommen zu heißen. Nicht indem wir verhindern, verändern sich die Dinge, sondern indem wir Neues ausprobieren und etwas wagen. Nur so öffnen wir die Tür für Wachstum.

Die Angst, etwas zu verändern führt zu Schonhaltung und zu Kompensation. Menschen kompensieren um sich für das zu entschädigen, was man ihnen verwehrt (hat) oder was sie nicht bekommen. Dadurch vermeiden sie Situationen, in denen sie mit dem konfrontiert werden, wovor sie Angst haben. Sie verstecken ihre Angst vor sich selbst und anderen. Das ist eine anstrengende Arbeit, denn die Vermeidung und Unterdrückung der Angst führt dazu, dass die Angst umso stärker wird. Die Folge: Die Komfortzone wird immer kleiner.
Was hilft gegen die Angst?
Mut!
Mut ist nicht wie viele glauben, die Abwesenheit von Angst. Mut ist die Fähigkeit zu denken, zu fühlen was ist und zu handeln, trotz der Angst. Mut bedeutet zu handeln und zwar gerade dann, wenn man Angst hat. Die Angst erst ermöglicht den Mut.
Feigheit dagegen ist der Kampf gegen die Angst.

Sonntag, 7. Juni 2015

Stumm



Zeichnung O.T. AW

Es sind die Stummen, die die schweigen und andere für sich sprechen lassen.
Es sind die Stummen, die aus Feigheit ihre Stimme zu erheben, anderen ihre Stimme geben.
Es sind die Stummen, die niemals sagen, was es ihnen missfällt, bis andere ihr Missfallen für sie ausdrücken. 
Es sind die Stummen, die sich verstecken hinter scheinbarer Gelassenheit, aus Angst zu sagen, was sie sagen wollen.
Es sind die Stummen, denen der Mut fehlt für sich selbst zu stehen und andere für sich stehen lassen.
Es sind die Stummen, die ersticken am Ungesagten
dann,
wenn
da
niemand
mehr ist,
der
für
sie
spricht.

Eine mörderische Wut


Zeichnung: AW

Da war diese Wut, diese mörderische Wut, die keinen Grund fand.
Eine Wut, die sich gegen sie selbst richtete, eine Wut, die zerriss, innen.
Diese Wut, die zwischen ihr und ihr und dem Leben stand.

Wann war es, dass sie zusammengefallen war in ein Nichts, das niemand sah und niemand hörte, das zertrampelt wurde, bis es nicht mehr schmerzen durfte und Taubheit sich breit machte, da wo Schmerz nicht sein sollte.

Sie erinnerte sich.
Und sah die Wut, die alte, die sie niemals ausprechen, niemals rauschreien, niemals hatte rauschlagen dürfen.

Sie sah sich als Kind, zusammenbrechend in ein Nichts.
Sie sah das Böse und zum ersten mal sah sie - es war das ihre.
Geboren aus dem Bösen, das man ihr zuschrieb.

Sie spürte den Moment in dem es sie zerrrissen und in zwei Teile gespalten hatte.
Sie erinnerte sich an die Geburt des Bösen als Schutz nach Außen und Beschützer des Inneren.
Sie fühlte die Hilflosigkeit, die nur das Böse vertreiben konnte.
Sie erkannte das verlassene, gedemütigte Kind, das sich wehrte mit Hass und Ablehnung.
Sie spürte die Anhäufung der Wut, die niemals ausgedrückt werden durfte.
Sie begriff das erlittene Unrecht und den Schrei nach Wiedergutmachung, der in ihr steckte.
Sie fühlte sich zerbrechen an der Vergeblichkeit ihres stummen Schreis.

Diese Wut, diese ohnmächtige Wut, die sie in all den Jahren hinter tiefer Trauer sicher versteckt zu haben glaubte, sie war da, immer da gewesen, noch da ...

Bis einer kam, der ihr die Erlaubnis gab, sie endlich zu benennen.

Samstag, 6. Juni 2015

Willst du gut sein oder ganz?




Es ist unvorstellbar wie wir unbewusst einen großen Teil unserer Aufmerksamkeit und damit unserer Energie verbrauchen, um unsere ungewollten inneren Anteile vor uns selbst und anderen Menschen zu verbergen. Dabei vergessen wir: Die Energie folgt immer der Aufmerksamkeit. Wenn wir also viel Energie aufwenden um bestimmte Anteile unser Persönlichkeit zu leugnen und zu unterdrücken, kommt es unweigerlich dazu, dass wir im Außen Situationen, Erlebnisse oder Menschen anziehen, die uns exakt diese unterdrückten oder verleugneten Eigenschaften wie in einem Spiegel vorführen. Der Partner, unsere Kinder, Freunde, Kollegen, Nachbarn oder die böse Welt da draußen, führen uns vor, was wir nicht sehen wollen – und zwar in uns. Es ärgert uns wenn der Andere faul, unordentlich, gierig, neidisch ist, aggressiv, dumm, unbelehrbar ist usw. Es regt uns auf und wir verurteilen den Anderen dafür. Wir glauben, so sind wir nicht, wir glauben es besser zu wissen, zu können, zu leben. Und eine ganze Weile fühlt sich das auch ganz gut an. Aber irgendwann kommt bei jedem Menschen, der sich wahrhaftig und ernsthaft auf den Weg zu sich selbst macht, der alles entscheidende Punkt wo er begreift: Wahr ist – ich verurteile mich selbst. 

Wir verurteilen am Anderen, was wir an uns selbst nicht sehen wollen, was wir nicht sein wollen, was wir nicht fühlen wollen, was wir glauben nicht sein und nicht haben zu dürfen.

Erst wenn wir uns dessen gewahr werden und uns all das Ungeliebte in uns selbst bewusst machen, es dann liebevoll anerkennen, als ein unabdingbar zu uns Gehörendes, auch wenn es uns ganz und gar nicht gefällt, sind wir im Frieden. Dann werden wir aufhören andere zu bewerten und zu verurteilen.Wir beginnen unsere Schatten zu integrieren.Tun wir das nicht bleiben unsere verdrängten Eigenschaften im Schatten unserer Selbst. Sie sind dort unten aktiv und agieren automatisch und von uns unbemerkt. 

Nehmen wir die Wut als Beispiel. Bekenne ich mich nicht zu meiner Wut, wird sie sich immer wieder in kleinen Ausbrüchen entladen, meist dort wo sie nicht hingehört oder sie entlädt sich in sogar einem großen Knall, der zerstörerisch wirken kann, oder sie begegnet mir immer wieder im Außen, indem ich es mit aggressiven Menschen zu tun bekomme. 

In dem wir akzeptieren und bejahen was wir auch sind, sind wir unseren Schattenanteilen nicht mehr hilflos ausgeliefert, wir können den vollen Ausdrucks unseres gesamten Seins sehen, erfahren und leben. Das bedeutet, im Falle der Wut nicht, sie an anderen auszulassen, es bedeutet einen adäquaten Kanal zu finden um sie auszudrücken, ohne uns selbst und anderen zu schaden.


Wir können unsere ungeliebten Anteile annehmen und integrieren, indem wir das Geschenk darin finden, denn jede "ungute" Eigenschaft hat auch einen positiven Aspekt, eine Qualität, die uns hilfreich und nützlich sein kann. Nehmen wir wieder das Beispiel mit der Wut: Ihre hilfreiche Qualität ist, dass sie ein Motor für mehr Durchsetzungsvermögen und die gesunde Aggression sein kann, die es braucht um unsere Bedürfnisse anzumelden, sie ernst zu nehmen und sie uns zu erfüllen, sie kann hilfreich sein um uns die Kraft zu geben längst überfällige Veränderungen durchzuführen und sie kann uns helfen, uns nicht mehr alles gefallen zu lassen und uns besser abzugrenzen demgegenüber was uns vereinnahmen will.

C.G. Jung sagte einmal: Das Gold liegt im Schatten eines jeden Menschen. 
Und er fragte: Willst du gut sein oder ganz?  







Freitag, 5. Juni 2015

AUS DER PRAXIS – Das Leid Angehöriger von seelisch kranken Menschen





Es gibt kaum ein unerträglicheres Gefühl, als den Menschen, den man liebt, leiden zu sehen und nichts, aber auch nichts tun zu können, um sein Leid zu beenden. Angehörige von seelisch kranken Menschen sind immer mitbetroffen, dennoch wird ihre emotionale Not oft nicht gesehen. Eine Studie belegt, dass Angehörige psychisch kranker oder suchtkranker Menschen, einer enormen Belastung ausgesetzt sind, die in etwa dem Stresspegel wie er bei einem Staatsexamen vorkommt, entspricht  - allerdings mit lebenslanger Perspektive. 

Die Angehörigen seelisch Kranker sind hinsichtlich psychischer und psychosomatischer Störungen doppelt so hoch belastet wie die Durchschnittsbevölkerung. Sie  fühlen sich mit der Situation total überfordert und hilflos im Wissen, dass sie nichts tun können. Sie sind sich zwar bewusst, dass sie sich um ihrer Selbstfürsorge Willen emotional distanzieren müssten, aber das sagt sich so leicht.

Gefangensein ist das passende Wort für diese Lebenssituation. Ihr zu entkommen bedarf es in den meisten Fällen Hilfe von Außen.

Es gibt drei wesentliche Beziehungsmuster, bei denen Angehörige seelisch kranker Menschen ein Gefühl von Gefangen-Sein und Vergeblichkeit erleben:

1. Das Verhalten hat einen “distanzierten und entziehenden Effekt”. Der seelisch Kranke zeigt kein Interesse, er wirkt starr und reaktionslos, das Gespräch mit ihm erscheint meist sinnlos und hoffnungslos. Der Betroffene will allein gelassen werden und empfindet die Fragen und angebotenen
--> Hilfeleistungen der anderen, als überfordernd. Die Angehörigen fühlen sich immer wieder zurückgestoßen, sie erleben widersprüchliche Gefühle von Hilflosigkeit, Ohnmacht, Wut und Mitleid. Die Folge: Sie geraten in einen Annäherungs-Vermeidungs-Konflikt.

2. Die Abwehr der Einsicht und der daraus resultierenden  Verantwortungsübernahme des Kranken sich professionelle Hiulfe zu suchen ruft mit der Zeit sogar Gefühle von Feindseligkeit hervor. Die als Vergeblichkeit erfahrene angebotenen Hilfe, die rigide verweigert wird, nimmt diesen Menschen nach und nach die Kraft um gegen die trostlose und aussichtslose Stimmung anzukämpfen. Die Angehörigen fallen in ein Gefühl von Sinnlosigkeit, das sich auf das eigene Leben ausweiten kann.

3. Die geäußerte Verzweiflung und Hilflosigkeit des Betroffenen wecken Mitgefühl und Anteilnahme. Angehörige können jedoch weil sie den Betroffenen nicht noch zusätzlich belasten wollen, eigene Gefühle wie Wut, Ärger, Angst, Schuld, Scham oder Mitleid nicht zeigen, auch weil sie glauben, dass die Situation sich sonst weiter verschlechtert. Das führt zu einem permanenten Stresserleben. Sie empfinden nach und nach Kontrollverlust über ihrer eigenen Gefühle, indem sie versuchen sich in den Betroffenen hineinzuversetzen und beginnen schließlich mitzuleiden.

Nachdem alles ohne Erfolg versucht wurde um dem geliebten Menschen zu helfen wie z.B: aufmuntern, Durchhalteparolen, Appelle an den Willen, usw. bleibt am Ende eine depressive Gefühlslage, die es erschwert das eigene Leben zu führen. Kommt noch Feindseligkeit des Betroffenen hinzu führt dies schlussendlich zu Schuldgefühlen des Angehörigen. 
Am Ende sind sie selbst seelisch krank.

Was ist hilfreich?

Loslassen, aber das sagt sich so einfach. Wer einmal in dieser Situation steckt, kann nicht einfach loslassen, auch nicht wenn er weiß: Du hast keine Macht über andere Menschen.
Am hilfreichsten ist es, sich selbst therapeutische Hilfe zu suchen und zusätzlich eine Selbsthilfegruppe zu besuchen um sich mit Mitbetroffenen auszutauschen und sich gegenseitig zu unterstützen.

Mittwoch, 3. Juni 2015

Aus der Praxis – Angst und Freiheit




Zerrissen, A. Wende
Die Angst unseren Träumen Raum zu geben ist gespeist von Verlustangst. Wenn wir träumen und unsere Träume in die Tat umzusetzen versuchen, wenn wir versuchen, sie in die Realität zu bewegen, bewegen wir uns. Und zwar auf unsicherem Terrain. Angst ist immer da präsent, wo wir ins Unbekannte gehen, bei allen Menschen.

Das Fatale ist: Unsere Gehirn interpretiert die Angst als Alarm zum Rückzug und nicht als grünes Licht um voran zu schreiten. Die Kunst wäre zu gehen - trotz der Angst. Das bedeutet, Mut schöpfen und der steht hinter der Angst. Je mehr wir uns zutrauen, desto öfter werden wir erleben, dass unser Mut uns die Kraft gibt mit der Angst zu leben und trotzdem zu handeln. Jeden Tag ein bisschen. Das ist schon viel. Und viel vom bisschen ist immer mehr als wir uns zutrauen.

Verlustangst hindert am Gewinnen.
Wenn wir beginnen unseren Träumen Raum zu geben, glauben wir, wir verlieren etwas. Etwas, das mit Sicherheit zu tun hat. Und dabei ist es scheinbar völlig unwichtig, ob wir emotional wirklich so sicher sind, oder nur an scheinbar sicheren Gewohnheiten haften.

Aber - wie sicher macht uns unsere Sicherheit? So sicher, dass wir Angst haben sie zu verlieren? Also überhaupt nicht sicher. Wahre Sicherheit denkt nicht an Unsicherheit. Sie schließt sie aus.
Was nehmen wir für unsere scheinbare Sicherheit alles in Kauf? Das sollte uns Angst machen.

Die Angst vor dem Neuen, dem Unbekannten, ist keine angeborene Angst. Sie ist eine konditionierte Angst. In seinem innersten Wesen trägt der Mensch die Sehnsucht nach schöpferischer Freiheit und Selbstverwirklichung in sich. Und doch sind wir seit Jahrhunderten darauf konditioniert uns freiwillig in Käfige zu begeben. Der Käfig ist ein geschlossener berechenbarer Raum, der uns das Gefühl von Sicherheit vermittelt. Da drinnen ist alles übersichtlich. Berechenbar eben. Der Käfig verspricht uns Sicherheit, weil er einen Rahmen vorgibt. Er bietet uns Schutz, uns, die wir Angst vor der freien Wildbahn und ihren potentiellen Gefahren haben. Was uns da draußen erwartet ist in der Tat unsicher und nicht berechenbar, die Gitterstäbe unserer Käfige aber sind es. Aber das ist eine Illusion. Es gibt keine Sicherheit, auch da drinnen wird passieren, was passieren soll. Nur, dass wir dann die Verantwortung nicht tragen müssen, für das, was uns passiert - denn es kommt ja von Außen.

Aber bleiben wir in unseren selbstgewählten Käfigen verzichten wir auf unsere schöpferische Freiheit, die Freiheit nämlich unser Leben zu gestalten.

Freiheit bedeutet nicht vogelfrei sein, nicht alles zu tun, wonach uns gerade der Sinn steht. Freiheit bedeutet sich selbst finden, si e bedeutet, der zu werden, der wir sein wollen und sie zu leben bedeutet nun mal Risiken einzugehen, etwas zu wagen.

Wir allein tragen die Verantwortung dafür, ob wir es wagen oder nicht. Diese Verantwortung kann keiner abnehmen. Diese Verantwortung können wir keinem in die Hände legen oder in die Schuhe schieben. Nicht unseren Eltern, nicht der Gesellschaft und schon gar nicht Gott.

Wir sind in der Lage selbstständig zu denken. Dazu gehört, dass wir unterscheiden können, dazu gehört, dass wir lernen können, dazu gehört, dass wir wählen können. Ein reifer Erwachsener empfindet sich nicht als Opfer. Er ist kein Opfer der Umstände, ein Opfer der Erziehung, ein Opfer des sozialen Umfelds. An der Rolle es OPfers festzuhalten ist wie der griff nach dem Grashalm an dem wir uns festhalten, wenn wir nichts ändern und unsere Angst siegen lassen.