Mittwoch, 29. April 2015

Dienstag, 28. April 2015

Wo kein klares Ziel, da kein Weg

 
Zu sich selbst finden ist ein Prozess. Es ist wie beim Schälen einer Zwiebel: Schale für Schale, die man abschält, Schicht für Schicht, kommt die nächste Schale zum Vorschein, und wieder die nächste, solange, bis man irgendwann an den Kern kommt. Wie viele Schichten abgeschält werden müssen, dafür gibt es keine Regel und keinen Zeitrahmen. Jeder Mensch hat seine eigene Gangart. 

Jeder Selbstfindungsprozess beginnt mit der Bewusstmachung der eigenen Überzeugungen, Glaubenssätze und Programmierungen.
Was denke ich über mich, wie fühle ich mich, welche Gedanken laufen unbewusst ab und welchen Mustern folge, weil ich das seit einer Ewigkeit so mache?

All das sind langjährige Programme, die unser Gehirn gespeichert hat und in den verschiedenen Lebenssituationen automatisch abspult. Wir nehmen uns selbst und Welt durch den Filter dieser Programmierungen wahr, solange bis wir sie erkennen, als das was sie sind – gelernte Überzeugungen, die nicht wahr sein müssen und es in den meisten Fällen auch nicht sind.

Bewusstmachung ist aber nur der erste Schritt. Auch wenn wir uns unsere Überzeugungen bewusst machen, die alten Gedanken, die wir über uns haben, sind noch immer da. Sie laufen weiter und zwar ohne, dass wir Einfluss darauf haben. Sie bestimmen immer noch unser Denken, Fühlen und Handeln. Aber das Bewusstmachen hilft dabei, Abstand zu den alten Mustern zu bekommen. Die gewohnte Lebensrealität, unsere Sicht von uns selbst und Welt bekommt Risse, sie wird hinterfragt und damit neu gesehen.

Mit jedem Hinterfragen der alten Überzeugungen verlieren diese an Macht. Zugleich aber sind wir unsicher, weil wir noch keine neuen Überzeugungen haben, die alten ersetzen können. Wir brauchen neue Gedanken, hilfreichere.

Ein Beispiel: Es genügt nicht zu wissen: wenn ich mich klein denke, wenn ich mich ständig selbst klein mache, mir nichts zutraue, ist das nicht hilfreich. Man muss auch wissen wie man sich größer denkt um sich größer zu fühlen und zu handeln.

Mit anderen Worten – wenn ich zwar weiß, dass ich ein geringes Selbstwertgefühl habe und, dass mir das in meinem Lebensalltag schadet, aber nicht weiß, was ich brauche, um mich wertvoller zu fühlen, bleibt eine wirkliche Veränderung im Denken, Fühlen und Handeln aus.

Aus unseren Mustern und Prägungen herauszufinden bedeutet also nicht nur sie zu erkennen, indem wir unsere Gedanken über uns selbst identifizieren, hinterfragen und überprüfen, ob sie für uns hilfreich oder nicht hilfreich sind -  es bedeutet neue Muster zu erlernen. Dazu gehört auch eine Vorstellung dafür zu bekommen, wer wir überhaupt im Tiefsten sein wollen, um zu der werden, der wir sind.

Das heißt: Wir brauchen ein klares Bild von dem Menschen, der wir sein wollen. Es ist wie mit jedem Ziel, das Menschen erreichen wollen – kennen wir es nicht, haben wir keine vollständige, klare, bildhafte Vorstellung von unserem Ziel - wandern wir im Nebel. Wir finden den Weg nicht.

Sonntag, 26. April 2015

Über die Zerstörung



Abspaltung AW

Die brachiale Zerstörung des Alten ist immer ein Akt der Verzweiflung und der radikalen Abwehr jener Teile des Unbewussten, die psychisch nicht integriert werden können. Zwischen Zerstörung und Entstehung aber liegen vielfältige Möglichkeiten zum Wandel.
Die Seele kann ihre Vermittlerrolle zwischen Bewusstem und Unbewusstem allerdings nur dann erfüllen, wenn es ihr gelingt beide zu vereinen. Dazu gehört auch die Integration des Schattens, des Minderwertigen und Abgelehnten, also alles, was der Mensch als Teil seiner selbst nicht wahrhaben möchte. Erst im Erreichen dieser Verbindung erlangt ein Mensch sein höheres Bewusstsein. Im radikalen Abspalten, mittels der Zerstörung, bleibt er in sich selbst gespalten.

Samstag, 25. April 2015

zwischen innen und außen ... immer ich

Foto: AW

Reden zur Kunst: Der Kölner Maler und Konzeptkünster R.J. Kirsch

 

Kunst und Statistik haben auf den ersten Blick eigentlich nichts miteinander zu tun. Und ehrlich gesagt, ich mag auch keine Zahlen. In Bezug auf die Arbeiten des Kölner Malers und Konzeptkünstlers Rolf Kirschs aus dem Zyklus „Rhythmus der Statistik“ habe ich entschieden: hier machen Zahlen Sinn. Erst mal.

2014 war ein schwarzes Jahr für die Luftfahrt. In diesem Jahr sind fast tausend Menschen bei Flugzeugabstürzen ums Leben gekommen - vier Mal mehr als im Vorjahr. Weltweit meldeten Versicherungen zwischen 2002 und Ende 2013 den Verlust von 1673 Schiffen. In der Nacht vom 18. auf den 19. April 2015 kenterte ein überladenes Flüchtlingsboot auf dem Weg von Libyen nach Italien. Vermutlich ertranken 700 Menschen. Das gefährlichste Verkehrsmittel ist das Auto. Die Zahl der Verkehrstoten in Deutschland ist im Jahr 2014 im Vergleich zum Vorjahr um 0,9 Prozent auf 3368 gestiegen.  Die Gefahr bei einem Busunglück ums Leben zu kommen ist schon deutlich geringer, es sind zwischen 6 und 19 Tote jährlich. Die Schiene ist relativ sicher. Es gab in diesem Zeitraum zwischen einem und 7 Tote pro Jahr.

 


Was geschieht, wenn weltweit die "Unfallkurve" in erschreckender Weise ansteigt, wenn die sichersten Verkehrsmittel der Moderne an Vertrauenswürdigkeit einbüßen, wenn das Trugbild der uns versicherten Sicherheit moderner Fortbewegungsmittel zudem auch noch dahingehend psychologisch verzerrt wird, das man von jedem größeren Unfall auf der Welt in den Medien in aller Intensität und Schrecklichkeit informiert wird? Dem Unfall wird ein Museum errichtet, in dem die Katastrophen konserviert und ausgestellt werden. Das hat natürlich eine psychologische Wirkung: Die ständige Wiederkehr dieser schrecklichen Ereignisse und ihrer Bilder gehört zu unserer Lebenswirklichkeit. Sie füttern einerseits die Angst der Menschen, andererseits machen sie emotional taub gegenüber dem Leid anderer. Mittels der Distanz des Bildschirms wird das Leid als ein Fremdes abgespalten. Die Möglichkeit der Katastrophe, die den Zuschauer selbst jeden Moment in der Zeit treffen kann, wird psychisch abgewehrt, um das Grauen mental zu bewältigen, bzw. es zu kompensieren, so dass die seelische Verfassung des Einzelnen weitgehend konfliktfrei bleibt und vor dem bedrohlichen Einfluss des Schrecklichen geschützt ist. Anders ausgedrückt: Wir werden überflutet mit Bildern von Unfällen, doch, wie die Bilder dieser Ausstellung, bleiben diese abstrakt, solange das Unglück uns selbst nicht trifft. Jedoch, die spektakulären Unglücksketten, wir sie seit dem vergangenen Jahr weltweit erfahren, lassen immer lautere Zweifel an der Sicherheit unserer hochtechnisierten Fortbewegungsmittel aufkommen. Die Angst selbst Opfer zu werden wirft bei immer mehr Menschen die Frage auf: "Sind die sicheren Zeiten vorbei?"

Diese und viele andere Fragen zum Phänomen „Unglück“ im Kontext mit technischen Beförderungsmitteln, stellen sich auch beim Betrachten der Arbeiten R.J. Kirschs. 


Unter dem Titel „Moto Park“ sehen wir neben Blaupausen, parodierten, neu montierten und collagierten Bedienungsanleitungen von technischen Geräten in skurriler Formsprache, Bilder von zerbeulten Autowracks, untergegangenen Schiffen, umgekippten Zügen, von Fahrzeugen und den Zeichen ihrer Deformation nach dem Unglück. Kirsch macht die Wucht der Zerstörung zum Sujet der Malerei, er seziert und inszeniert das Phänomen des Unfalls. Und hierbei sind es nicht nur die tatsächlich physischen Bewegungen sondern auch die Kinetik des Virtuellen, die den Maler interessiert. Dabei entstehen malerische und filmische Arbeiten, die sich gegenseitig durchdringen. Das Prinzip der Störung, die Verformung des Blechs durch die kinetische Energie, sprich - die Änderung der Bewegungsgrößen wie Geschwindigkeit und Beschleunigung unter der Einwirkung von Kräften im Raum, die Dynamik, die sich mit der Wirkung von Kräften befasst – das, so Kirsch, fasziniert ihn und daraus resultierend, im Akt des Malens, die Konzentration auf die Frage: Wie kann ich malerisch einen riesigen Schrotthaufen bewältigen, wie kann ich die Verformung des Gegenstandes mit malerischen Mitteln verfolgen im Sinne einer adäquaten Umsetzung, die dem Thema Unfall angemessen ist ? Und so sortiert er die Trümmer und räumt sie auf der Leinwand auf. Um was zu erreichen? Das Herstellen einer neuen Ordnung auf dem Grund der Zerstörung? Was entsteht, sichtbar für den Betrachter? Eine Ästhetik des Grauens, die weckt, was der Mensch fürchtet: Das Unglück.

An einem Tag ist das Leben die Ansammlung der Dinge, die wir tun und plötzlich kommt das Unerwartbare - ein Unfall, ein Unglück. Das Unglück, das ist der Moment der das Leben in zwei Teile bricht, der Moment in dem alles, was es vorher gegeben hat, zur Erinnerung an eine blasse Vergangenheit ohne Konturen wird. Das ist der Moment, indem es dich herausschleudert aus dem Raum, den du bewohnt hast. Ein Schlag stoppt dich und beendet was war. Der Augenblick löst sich, im Verlust dessen, was wachsen sollte, auf. Das ist sie, die Katastrophe, die wie ein Blitz aus heiterem Himmel über dich kommt und dich trifft mit der Wucht der Zerstörung. Ich habe es so erlebt.

In jedem Leben ist immer auch die Möglichkeit des Unglücks, im Leben jedes Einzelnen von uns. Menschen, die ein Unglück trifft, gibt es jeden Tag, jede Minute, in diesem Moment. Das Unglück ist immer und überall auf der Welt. Es gibt viel Unglück. Das Unglück schafft Schmerz, es macht fassungslos, es lähmt, es macht wütend und immer hat es die Frage nach dem Warum zur Folge. 

Das Unglück hat am 19. April wieder viele Menschen getroffen. Es hat uns alle getroffen, uns, die ganze Welt und die ganze Welt ist fassungslos über das schreckliche Unglück, weil es so überraschend kam, so unvorstellbar grausam ist, so unvorstellbar unmenschlich und so unvorstellbar groß. Das Unglück ist geschehen und die Welt hält für einen kurzen Moment den Atem an. Die Bilder des Unglücks gehen um die ganze Welt und die Welt sieht sich die Bilder an, gibt ihnen Raum im Alltag, ist schockiert und voller Wut auf die, die das Unglück vermeintlich erschaffen haben. Die Welt sucht Zeichen und Spuren, will Schuldige und Verantwortliche, will wissen, wann es denn angefangen hat und fragt sich, warum es denn nicht gesehen wurde, beizeiten, das kommende Unglück - und Antworten finden sich keine. 


Was an Materie bleibt, nachdem die Toten unter der Erde liegen, die Verletzten in Krankenhäusern versorgt werden und die Seelen der Überlebenden und Angehörigen traumatisiert sind, sind Mahnmale des Unglücks, stumme Zeugen einer Havarie zu Schaden gekommener und in Mitleidenschaft gezogener Fahrzeuge – das, was wir in Rolf Kirschs Bildern sehen. Die in den Fahrzeugen beförderten Menschen, die Schaden erlitten oder gar den Tod fanden, sehen wir in diesen Bildern nicht. Das Verhältnis des Malers zum Unfall ist ungefähr so wie das Verhältnis des Rechtsmediziners zum Mordopfer: So wie den Forensiker die Todesursache und nicht der Mensch interessiert, so interessiert Kirsch sich für den Schaden an sich. Die Vorlage des Malers: die tagtägliche Wirklichkeit des Verunfallens, die in den Bildern der Medien festgehalten wird, die er dann von der Fotografie stilistisch in die Malerei überträgt.

Was in diesen Bildräumen aufeinandertrifft sind künstlerische Mittel und die Fragwürdigkeit moderner Technik. Dem Künstler geht es in seinen Ölskizzen um die malerische Erfassung kinetischer Verformung, er studiert die Wucht ihrer Deformation. Dabei erfahren wir nichts über die Ursachen der Zerstörung, nichts über den Hergang des Unglücks, nichts über die Folgen für das Individuum. Was der Betrachter sieht sind malerisch in Szene gesetzte Bilder technischer Destruktion: Zerbeulter Stahl und Blechschrott, kaputte Fragmente hochentwickelter technologischer Objekte. Stills gleich, festgehalten in Raum und Zeit ihrer Deformation – eine künstlerische Inszenierung des scheinbar stabilen beschleunigten Gegenstandes und seiner ihm immanenten Brüchigkeit. Nahezu kathartisch mutet diese Aneinanderreihung des Zerstörten an. Die stummen Zeugen der Destruktion zeichnen aber weitaus mehr: Was wir sehen ist ein Abbild der Fragilität unserer hochtechnisierten Fortbewegungsmittel, das durch die Übersetzung kinetischer Verformungen in einen malerischen Duktus die außer Kontrolle geratene Bewegungsenergie des zunehmenden Beschleunigungswahns der Moderne sichtbar und spürbar macht. Die Philosophin Hannah Arendt sagte einmal: „Der Fortschritt und die Katastrophe sind zwei Seiten der selben Medaille. Man kann die Substanz nicht vom Unfall trennen. Je mächtiger die Substanz ist, das technische Objekt, je mächtiger die Energie, desto mächtiger ist die Katastrophe. Das Gute des Fortschritts und das Verhängnisvolle des Unfalls hängen eng zusammen, sie bedingen einander.


Aber was will Kirsch uns sagen? Nun, ich denke nicht, dass hier ein Künstler einen chiliastischen Katastrophismus propagieren will. Ihm geht es nicht um eine Hervorhebung des Tragischen des Unfalls zum Zweck der Verängstigung, wie das die Massenmedien tun, sondern darum, den Unfall ernst zu nehmen, sprich: das Eigentliche, das in ihm verborgen liegt, anzurühren. Angesichts dieser Bilder, begreifen wir, dass die Beschleunigung an sich eine Erklärungspotenz des Phänomen Unfalls besitzt. Der französische Fortschrittsskeptiker Paul Virilio stellt das Phänomen des Unfalls in der Moderne in den Mittelpunkt eines Essays und stellt die Frage: Was ist ein Unfall?
Von der biblischen Erbsünde und dem Urknall über Naturkatastrophen und Industrieunfällen bis zum aktuellen Phänomenen der Beschleunigung in der Gesellschaft ruft Virilio polemisch zu einer neuen Sichtweise auf: Anstatt uns, wie bisher, als dem Unfall ausgesetzt zu begreifen, sollten wir den Spieß umdrehen und den Unfall unserem analytischen Blick aussetzen. Unfälle sind die notwendigen Konsequenzen unserer beschleunigten Lebensweise. Das Wesen des Unfalls, diese These übernimmt Virilio von Paul Valéry, ist jedoch nicht etwa seine Unerwartetheit, sondern – im Gegenteil – seine Notwendigkeit. Der “Unfall der Erkenntnis”, wie Virilio ihn nennt, basiert auf einer dialektischen Wendung des “Normalfalls”. Im Unfall wird das Ding erst erfahrbar, die Wahrscheinlichkeit des Unfalls wird zur Gewissheit, proportional zu dem Maße, wie die moderne Kultur Dinge hervorbringt. Der Flugzeugunfall ist erst möglich durch die Erfindung des Flugzeuges. Im Fliegen ist der Unfall bereits als Möglichkeit angelegt, wie im Auto, im Schiff und in jedem anderen “Fall”. Die Akzidens, in der Nähe des Aristotelischen Begriffs  “accident” lat: das nicht Wesentliche, ist es, welches die Substanz erst zum Erscheinen bringt. Die Zerbrechlichkeit unserer Gesellschaft, die auch eine Zerbrechlichkeit des sich selbst überholenden Fortschritts der Beschleunigung ist, ist so groß, dass der Unfall eine Erscheinung genau dieses Fortschritts ist. Die Produktion des immer schneller, immer mehr, trägt den Unfall in sich. Die Frage, die sich dann stellt, und genau diese Frage stellt sich den Menschen angesichts der letzten Katastrophen ist: Wie können wir uns vor der neuen Form der Bedrohung schützen?
Gar nicht, denn: Der Fortschritt und das Verhängnisvolle des Unfalls bedingen einander. So sehr der Mensch auch versucht, Maschinen zu konstruieren, die perfekt funktionieren, es gibt das Perfekte nicht, es gibt sie nicht, die perfekte Maschine. Wie auch? Der Mensch selbst ist nicht perfekt, er hat nicht alles in der Hand. Es gibt etwas, das größer ist als er. Das zu akzeptieren fällt einer Welt, die von narzisstischen Größenfantasien geradezu überwuchert ist, schwer. Was also, wenn der Unfall, der ein bestimmter Punkt auf dem Weg durch Zeit und Raum ist, sich nicht verhindern lässt, sondern einfach ist? Was wenn die abrupte Beendigung, der Stillstand, an dem Kirsch ein solches Interesse hat, einfach unvermeidbar ist – so wie der abrupte Stillstand unser aller Leben unvermeidbar ist? Dann ist die Phänomenologie des Verkehrsunfalls mit ihrem von außen gesetzten Schlusspunkt, der Phänomenologie des Todes gleichzusetzen - dem Nullpunkt des Lebens.


 http://www.r-j-kirsch.de

© Angelika Wende R.J. Kirsch, Kunstverein Eisenturm 24. April 2015


Dienstag, 21. April 2015

Nicht willkommen



Das Grundgefühl nicht willkommen zu sein ist so alt wie du, so alt, wie der Tag, an dem du nicht mit liebenden Augen willkommen geheißen wurdest.
Das wächst mit, das verlässt dich nicht, vielleicht niemals, dich, den von Anfang an Verlassenen.
Da ist immer das Gefühl dir niemals sicher sein zu können, dass die Zuneigung, die man dir schenkt, wirklich echt ist.
Vertrauen ist schwer. Es scheint leichter, dich hinter einer Mauer in Sicherheit zu bringen.
Nähe ist eine Gefahr, auch wenn dazu kein Grund besteht.
Du hast keine Strategien gelernt um Nähe und Distanz zu regulieren.
Deine Angst vor Nähe lässt deine Sehnsucht nach Liebe und Zärtlichkeit, Sehnsucht bleiben.
Woran dich halten, wo dich keiner halten konnte?
Der rote Faden früher Ablehnung zieht sich durch dein Leben.
Wer nicht willkommen ist, ist verletzbar, ist misstrauisch und sehr allein.
Dann doch lieber die Mauer.
Ein Schutzschild gegen den Schmerz, von dem du längst weißt, dass er alt ist.
Aber das Kind in dir weiß es nicht.
Du könntest es umarmen, ihm sagen: Du bist willkommen bei mir.
Es kann dauern, bis es dir vertraut.

Montag, 20. April 2015

Gewisse Leute






Es gibt gewisse Leute, die kennen wir alle. Ich spreche von Leuten, die sagen, dass wir ihnen sehr am Herzen liegen und dass wir ganz wundervolle Menschen sind und dass sie unendlich froh sind, uns in ihrem Leben zu haben und wie wichtig wir ihnen sind. Wir alle haben diese gewissen Leute in unserem Leben. Leute, die gewisse Dinge immer wieder sagen, um uns zu vergewissern, wie wertvoll wir (für sie) sind. Vergewisserung schafft Vertrauen, auch wenn die Wirklichkeit bei manchen dieser gewissen Leute in einem, ich möchte es einmal so ausdrücken -  irritierenden Widerspruch zu dem steht, wessen sie uns permanent vergewissern. Deutlicher ausgedrückt: all das, wessen sie uns vergewissern, steht im Widerspruch zu dem, wie sie sich uns gegenüber verhalten.

Eine zeitlang, manchmal sogar jahrelang sind wir geneigt diesen Vergewisserungen Glauben zu schenken, auch wenn das Vertrauen immer wieder auf die Probe gestellt wird und wir mehr als einmal enttäuscht werden und wir längst mit Gewissheit sagen können, irgendwie stimmt da etwas nicht oder es stimmt nicht mehr. Wir versuchen es trotzdem weiter mit dem Vertrauen, auch wenn die Handlungen dieser Leute immer weniger mit dem übereinstimmen, dessen sie uns vergewissern, auch wenn wir uns immer öfter fragen: Wie kann einer so etwas mit gutem Gewissen immer wieder tun, so ganz anders handeln als er redet? Nun, ganz einfach: Weil Worte die wunderbare Eigenschaft haben, dass sie gefügig sind, und man sie zu allem benutzen kann. Worte haben Macht über Menschen.

Diese gewissen wissen um die Macht der Worte. Sie sagen uns wie wundervoll wir sind und sie sagen das so oft, damit sich das auch in unserem nach Zuneigung hungernden Gehirn verankert, damit wir ihnen auch dann noch glauben, wenn wir längst Zweifel hegen müssten gegenüber den wundervollen Worte, denen selten wunderbare Taten folgen. Für letztere sind wir zuständig, schließlich sind wir doch der wundervolle Mensch. Dem Wundervollen gegenüber hat man auch eine Verantwortung und damit auch die Aufgabe diese zu erfüllen, nehmen wir sie denn ernst, die Verantwortung des Wundervollen. Tun wir das, dann tun wir das auch immer und immer wieder, denn wir wollen diese Leute auf keinen Fall enttäuschen. Ja, weil diese Leute uns stets vergewissern, dass wir so wundervoll sind, wollen wir sie nicht enttäuschen. Sie liegen uns ja auch am Herzen, also kümmern wir uns um sie und tun das Menschenmögliche damit es ihnen gut geht. Gewiss, das ist in der Tat wunderbar, wer wünscht sich das nicht in seinem Leben, Leute, die uns brauchen, uns, den wundervollen Menschen.

Das Auffällige aber ist, dass diese gewissen Leute uns ständig brauchen. Wann immer es diesen Leuten schlecht geht, rufen sie: "Hilfe, rette mich. Du wundervoller Mensch kannst das!"
Zack, sind wir da, mit dem Zauberstab oder dem Feenzepter, um die kleinen und größeren Dramen, die im Leben dieser gewissen Leute an jeder Ecke immer wieder aufflackern, zu (er)lösen. Wir sind da, wenn es ihnen mal wieder schlecht geht und das Drama in ihrem Leben Einzug hält. Bei diesen gewissen Leuten, ist das ziemlich oft der Fall. Und deshalb sind wir auch ziemlich oft im Einsatz und vergessen darüber ziemlich oft, welche aufkeimenden Dramen wir im eigenen Leben im Auge behalten sollten oder welches Glück wir schmieden sollten, um weiterzukommen mit dem, was uns wertvoll und wichtig ist, und sei es nur der Schutz unserer kostbaren Lebenszeit.
Aber es ist doch so wundervoll, so viel Wunder tun zu dürfen. Und wir fühlen wir uns damit auch wundervoll. Bis ...
Bis der Moment kommt, ich meine der wirklich entscheidende Moment, wo wir diese gewissen Leute mit Gewissheit brauchen, weil bei uns das Drama Einzug hält. Und dann rufen wir sie...
Und dann sagen diese Leute: "Mach kein Drama draus, mach ein Weinchen auf und entspann dich!"
Ups! Das macht sprachlos.
Das muss man erst einmal einatmen und für ein paar Sekunden auf den Zwischenraum achten vor dem Ausatmen ...
Und genau da könnte es geschehen, das Wunder, dass wir das Wundervolle in uns selbst spüren. Und dann können wir ganz entspannt ausatmen und diesen gewissen Leuten mit absoluter Gewissheit sagen: "Ich bin mir gewiss, dass ich dich gewiss nicht mehr in meinem wundervollen Leben haben will."




Sonntag, 19. April 2015

Regretting Motherhood oder warum Kinder als Schuldige für ein unerfülltes Leben herhalten müssen




Seit Tagen wird im Netz über eine Studie diskutiert, in der Frauen offen bekennen, ihre Mutterschaft zu bereuen. Der Anlass für die Diskussion ist die Studie einer jungen israelischen Soziologin, die 23 Mütter befragte, ob sie es bedauern ihre Kinder geboren zu haben.

Die Studie an sich ist fragwürdig, denn um ein eindeutiges Bild jener Frauen zu zeichnen, die ihre Mutterschaft bereuen, bedarf es weitaus mehr Profilen, um daraus einen fundierten soziologischen Erkenntniswert abzuleiten. Aber sie ist nicht umsonst, denn so einige jener Mütter, die es bereuen ihre Kinder in die Welt gesetzt zu haben, nehmen selbige nun als Unterstützung um ihr ungeliebtes Leben mit Kind zu verargumentieren, vor sich selbst und anderen.

Gut, es gibt diese Studie und es gibt diese Mütter. Auch ich habe den Beitrag dazu im Fernsehen gesehen( Link unter meinem Artikel). Das Ergebnis der Studie ergab: Einige der Mütter bekannten, wenn sie ehrlich seien, hätten sie ihre Kinder lieber niemals zur Welt gebracht. Die Begründung lautete: ihr Leben drehe sich fast ausschließlich um die Kinder und sie selbst und ihre Bedürfnisse blieben auf der Strecke. So weit so gut. Letzteres kennen alle Mütter: Hast du ein Kind, bist du nie mehr allein, denn auch wenn es längst erwachsen ist - es ist in deinem Herzen und in deinem Kopf. Den Wunsch, das Kind lieber nicht zur Welt gebracht zu haben, kennen weniger Mütter.

Was sind das für Mütter, die so etwas behaupten?

Wir erfahren in den Berichten der Medien nichts über die Lebensumstände, psychologische, soziale und familiäre Hintergründe oder über die dazugehörigen Väter, weder sonst etwas, das ein klares Profil der interviewten Frauen zeichnet, aber  - die Welt hat ein neues Modewort: "Regretting Motherhood", genauer:  Regretting Motherhood - A Sociopolitical Analysis über das Bedauern, Mutter geworden zu sein.

In den sozialen Netzwerken gab es dafür jede Menge Beifall: Ein längst überfälliger Tabubruch, mutig, ehrlich, dass sich endlich mal ein paar Mütter trauen zuzugeben, dass sie keinen Bock auf ihre Kinder haben. Anonym allerdings die Meisten, so weit her ist es also nicht mit dem Mut zur Wahrhaftigkeit, muss die regretting mother doch nicht einmal Gesicht zeigen.

Es ist ja auch nicht leicht, den eigenen Kindern postnatal ihre Existenz im mütterlichen Leben als Vorwurf hinzuschmettern. Dazu gehört nicht allein Mut, sondern vor allem eine gehörige Portion an emotionaler Kälte, wie wir sie von der narzisstischen Persönlichkeit und anderen Persönlichkeitsstörungen her kennen. Ich bete zu Gott, dass die Kinder dieser Frauen niemals hören, was ihre Mütter über ihre Existenz auf dieser Erde sagen, wobei, ich bin mir sicher, sie spüren es alle, dass sie nicht gewünscht sind, dass sie lieber nicht da sein sollen, dass sie besser nicht leben sollten, damit es Mama besser geht.

Ich kenne das und daher triggert mich das. Ich selbst bin bei einer solchen Mutter Kind gewesen. Einer Mutter, die mir schon als Kleinkind ihr ungelebtes Leben vorwarf, an dem meine Existenz die Schuld trug, eine Mutter, die mir entgegenschrie, wenn du nicht wärst, wäre mein Leben anders verlaufen, ich wäre glücklich geworden. Damals hat mich das in eine tiefe Ohnmacht versetzt und mir eine Schuld auf die Schultern gelegt, an der ich mich bis ins höhere Alter abgearbeitet habe, bis ich begriff, wie tief verletzt meine Mutter doch gewesen sein muss, wie hilflos und ohnmächtig, um so zu fühlen. Ich begriff, wie unreif und unbewusst die Frau war, die mich nur geboren hatte, weil sie ohne Kondom gevögelt hatte und den Mut nicht aufbrachte mich abzutreiben. Eine kurze Freude und ich, das lange Leid. Ich bekenne, es schmerzt mich noch heute, denn zu allem Übel hat mich meine regretting mother, als ich eine Frau war und selbst Mutter, aus ihrem Leben entfernt, indem sie mir sagte: Für mich bist du gestorben. Getroffen hat mich das nicht mehr, denn ich wusste, in Wahrheit war ich für sie schon immer tot, am Liebsten jedenfalls. Sie hätte Hilfe gebraucht, aber damals sah sie das anders.

Was ist mit den Kindern?

Die Kinder dieser Mütter, die behaupten, wenn ich heute noch einmal entscheiden könnte, hätte ich keine Kinder, sind in vielen Fällen Kinder wie ich eines war: Kinder, denen man auf irgendeine Art und Weise vermittelt, sie hätten das Leben an sich nicht verdient. In meiner Praxis arbeite ich mit Menschen, die genau dieses Lebensgefühl vermittelt bekamen, manche offen, andere auf eine subtilere Weise. Alle tragen das Gefühl: "Ich habe es nicht verdient zu leben", mit sich herum, wie eine erdrückende Last, die sie an ihrer Lebensbejahung und ihrer Selbstentfaltung hindert.

Die gefühlte und erlebte Erfahrung als Kind das Leben der Mutter versaut zu haben, ist eine tief introjizierte Überzeugung, die die Selbstliebe und das Selbstwertgefühl eines Menschen schwer beeinträchtigt. Sie lautet: Ich bin nicht liebenswert und nicht wertvoll. Diese Menschen sind traumatisiert.

Die Argumente der bedauernden Mütter klingen so: Ich bereue nicht mein Kind. Ich bereue meine Mutterschaft. Ich bin unfrei. Ich fühle mich gefangen in diesem Käfig namens Mutterschaft, der sicherlich noch 15 Jahre anhält.

Im Käfig sitzt nur der, der aufgrund eigener kindlicher Traumata oder destruktiver Programmierungen darin gelandet ist, dessen inneres Kind verletzt und ungeliebt ist. Dieses verletzte, ohnmächtige, eingeschlossene Kind bleibt im eigenen Seelenhaus sitzen, auch wenn es selbst Mutter wird. Aber für manche dieser nie erwachsen gewordenen weiblichen Kinder, ist es ist einfacher mit dem Finger auf die scheinbar Schuldigen, in diesem Falle die eigenen Kinder, zu zeigen, als sich im eigenen emotionalen Käfig umzublicken und zwar direkt in den Keller der eigenen Psyche, denn genau da haust das, was Menschen in den Käfig bringt.

Was ist eigentlich das Problem?

Frauen die ihre Mutterschaft als Käfig empfinden, haben in der Tat ein Problem und meist nicht nur eins. Aber eins ist sicher, verantwortlich für das innere Gefängnis, das sie in Unkenntnis der eigenen Psyche auf ihre Mutterschaft und die Kinder projizieren, sind nicht ihre Kinder, sondern die eigene Kindheit, die unverarbeitet ist.

Die ganze Verantwortung hat mich so übermannt. Ich kann keine Entscheidungen mehr ohne Hintergedanken treffen, so ein Statement einer Regretting Mother.

Konnten sie denn vorher Entscheidungen treffen?, wäre die Frage, die ich stellen würde und ich bin mir sicher, die Antwort wäre kein eindeutiges: Ja. Diese Frauen haben ein Problem mit Verantwortung, weil sie die Verantwortung für ihr eigenes Leben niemals übernommen haben oder es aufgrund der eigenen Biografie nicht konnten. Soll ich sie jetzt bedauern? Ich kann ihr Leid mitfühlen, wenn ich sie mir als Kinder vorstelle, ich kann es aber nicht als Rechtfertigung dafür akzeptieren, dass sie es deshalb mit den eigenen Kindern genauso machen, wie man es mit ihnen gemacht hat. Eine beschissene Kindheit ist keine Rechtfertigung dafür ein verantwortungsloser Erwachsener zu sein und es zu bleiben.

Natürlich würden sie ihre Kinder lieben, das stehe außer außer Frage, so die Frauen in der Studie, dennoch hätten sie sie lieber nicht bekommen.

Ist das wahr?
Das ist eine Paradoxie: Wer sein Kind liebt, wünscht sich nicht, es sei nie geboren worden. Wer so etwas sagt, hat keinen Begriff von Liebe, denn Liebe will nicht zerstören und auch nicht im Nachhinein einem geliebten Wesen das Leben absprechen.

Es ist tragisch was in diesen Frauen vor sich geht. Ich würde jeder Einzelnen von ihnen gerne ans Herz liegen eine Therapie zu beginnen, anstatt ihre Kinder psychisch zu schädigen, aber wie so oft im Leben werden aus Opfern, die in der Opferrolle stecken bleiben, TäterInnen, nicht selten sogar TäterInnen am eigenen Fleich und Blut, wenn eine Einsicht fehlt.

Hätte ich die Kinder nicht gehabt, wäre mein Leben besser gewesen, so eine Mutter. 
Hätte, wäre? Ist das wirklich wahr?

Oder ist es die Rechtfertigung für die eigene Unfähigkeit seine Entscheidungen nicht so treffen zu können, das sie den eigenen Bedürfnissen entsprechen? So sprechen Menschen, die der Opferrolle verhaftet sind, die andere für ihre Handlungen und Gefühle verantwortlich machen, für all das, was ihnen fehlt um das eigene Leben nach ihren Vorstellungen zu gestalten.

Es fehlt: Eigenverantwortung. Es fehlt die Einsicht, dass jedes "hätte" beinhaltet: ich habe nicht. 

Und zwar - weil ich es nicht konnte. Dafür kann niemand etwas, wir können nicht immer können, was wir wollen. Das ist in Ordnung, wenn wir akzeptieren, dass wir eben nur Menschen sind und nicht alles können müssen. Aber kann es sein, dass für ein Nichtkönnen ein Kind die Schuld tragen muss? Es ist möglich, diese Studie zeigt es uns.

Ich bin selbst Mutter. Ich habe meinem Sohn das Leben geschenkt und ja, ich habe manchaml gedacht, ich könnte ihn an die Wand klatschen.

Ich habe es gedacht, wenn er mir als Baby den Schlaf geraubt hat, wenn er als Kleinkind die Luft angehalten hat bis er blau anlief, wenn er seinen Willen durchsetzen wollte, wenn ich nicht zur Arbeit konnte oder die ganze Zeit auf der Arbeit ein schlechtes Gewissen hatte, weil er einen Auftstand gemacht hat, weil er nicht bei der Tagesmutter sein wollte, oder wenn er mal wieder so radikal gegen das war, was ich mir für ihn gewünscht habe und lieber in die Scheiße gegriffen hat, anstatt auf mich zu hören. Ich habe meinen Sohn aber keinen einzigen Tag aus meinem Leben weggewünscht, egal welchen Kummer er sich selbst und mir bereitet hat. Mein Kind hat mich nicht gebeten auf die Welt kommen zu dürfen, ich habe es eingeladen, indem ich mich für sein Leben entschieden habe. Ich bin dankbar für jeden einzelnen Tag in dem mein Sohn in meinem Leben ist, auch wenn wir es nicht immer leicht miteinander hatten. Ich war oft verzweifelt und ich kenne die Überlastung, die Verzweiflung, das Zurückstellen meiner Bedürfnisse und die Schuldgefühle keine gute Mutter gewesen zu sein, aber das ist allein meine Verantwortung und nicht die Schuld oder die Verantwortung meines Sohnes. Ich bin verantwortlich für meine Gefühle und nicht mein Kind. Ich habe mit meinem Kind, als alleinerziehende Mutter, Karriere gemacht, ich war Fernsehmoderatorin und habe Bücher geschrieben, ich habe gemalt und niemals hatte ich das Gefühl, es geht nicht, weil mein Kind da ist.

Was sind das für Mütter, die sich selbst verwirklichen wollen und sich von dem kleinen Menschen, den sie geboren haben, gehindert fühlen? 

Ich kenne viele Mütter, die sich mit Kind und sogar mit mehr als einem Kind selbst verwirklicht haben, die Geschichte ist voll von erfolgreicher Frauen, die Mütter waren und Mütter sind. Was zeigt uns das? Es sind nicht die Kinder, die Frauen an ihrer Selbstverwirklichung hindern, sondern sie sind es selbst.  

Was da in den Medien unter dem Motto "Regeretting Motherhood" hochgejazzt wird, ist ein weiterer sichtbarer Auswuchs einer zunehmend narzisstischer werdenden Gesellschaft, in der der Mensch erschöpft und zermürbt von sich selbst, andere für seinen Mangel an Lebensglück verantwortlich macht.

Der Mensch der Moderne ist erschöpft vom Drang nach Selbstverwirklichung und dem gücklichen und sorglosen Leben, das ihm die  Medien vorgaukeln. Immer mehr, immer besser, immer glücklicher! Sei du selbst! In einer Welt, in der uns alles als möglich und machbar verkauft wird, in einer Welt, die die Illusion erschafft, draußen wartet irgendwo das absolute Glück, wächst die Angst, sich mit dem zufriedenzugeben was da ist. In einer Welt, die alle Hindernisse wegräumt, die sich ihrer gnadenlosen Gier nach dem guten Leben in den Weg stellt, wächst das Ego, das immer mehr will und immer mehr nicht will und wenn es die eigenen Kinder sind, die man nicht mehr will.

Das Drama allerdings ist, die meisten von denen, die all das glauben, stecken im Ego fest wie diese Mütter, sie wissen gar nicht wer sie sind und sie sind sich ihrer wahren Fähigkeiten und auch ihrer eigenen Begrenzheit nicht bewusst. Aber anstatt Eigenverantwortung zu übernehmen und herauszufinden, was ihnen möglich ist und was nicht, suchen sie die Schuld für ihr ungelebtes Leben im Außen. Und wenn nichts anderes als Grund für das eigene Dilemma herhält, werden die eigenen Kinder schuldig gesprochen, wenns mit der Selbstverwirklichung nicht so klappt, wie Mutter es gern hätte.


P.S.  Und ja, hier muss ich bewerten.
Ich kann es vor mir selbst und dem Schöpfer verantworten, dass ich es in diesem Fall tue. 





http://www.heute.de/frauen-diskutieren-die-mutterrolle-und-stellen-in-frage-ob-es-richtig-war-mutter-zu-serden-regrettingmotherhood-38021100.html

Samstag, 18. April 2015

Gedankensplitter





Der Abgrund des Anderen, in den du blickst, 
ist immer auch dein eigener,
egal wie sehr du die Augen zuzudrücken versuchst.

Freitag, 17. April 2015

Herzblut



wissen ansammeln 
und es weitergeben, 
ist blutleer. 
wissen sammlen, 
es im eigenen leben umsetzen,
es erfahren
und es dann weitergeben, 
ist herzblut.

Montag, 13. April 2015

Jetzt

Gedankensplitter





Wann immer du etwas in deinem Leben nicht verwirklichen kannst, 
liegt es daran, dass etwas anderes in dir noch immer stärker wirkt
als das, was du verwirklichen willst.

Sonntag, 12. April 2015

Aus der Praxis – Resonanzen erkennen und sie zu unserem Besten deuten


Dort, wo wir verletzt oder traumatisiert sind, verharren wir emotional in der Vergangenheit. Der verletzte Teil in uns wächst nicht mit, er entwickelt sich nicht und er beherrscht immer wieder das Ganze. Die Aufmerksamkeit und die Energie hängen in der alten schmerzhaften Erfahrung. Wir reinszenieren auf unendlich vielen Ebenen, was nicht bewältigt ist und leiden die immer gleichen Schmerzen.

Jede bewusst erkannte Reinszenierung aber ist eine Möglichkeit das Alte noch einmal anzuschauen um es zu verarbeiten. Was im Keller unserer Erfahrungen liegt, kann verdrängt, aber nicht vergessen werden.  Ein "ich will nicht mehr zurück schauen", löst das Alte niemals auf. Es bleibt wo es schon lange ist, es erstarrt. Etwas auflösen bedeutet es zu lösen, es aus der Starre in Bewegung bringen. Tun wir das nicht, kommt es uns in den unterschiedlichsten Formen und Gestalten entgegen, oft so gut verpackt, dass wir es erst gar nicht als solches erkennen. 

Die Auseinandersetzung mit unseren Verletzungen und Traumata bedeutet nicht, dass wir ständig darin herumstochern, es geht vielmehr um einen ein aktiven, schöpferischen Prozess, bei dem wir die Reinszenierung als das erkennen, was sie ist: eine von uns selbst künstlich am Leben erhaltene Szene in unserem Lebensfilm, die wir wieder und wieder aufführen müssen, bis wir erkennen –  der ganze Film ist nicht nur diese eine Szene. Sie ist nur ein Teil des ganzen Films, der seither weiter läuft. Solange wir aber diese schmerzhafte Szene wie ein eingefrorenes Bild in uns tragen und es ständig anstarren, wird sich Ähnliches in unserem Leben wiederholen. Solange ein Teil von uns gefühlsmäßig in dieser Energie stecken bleibt, treten wir im Außen mit ähnlicher oder gleich schwingender Energie in Resonanz.

Resonanz (von lateinisch resonare „widerhallen“) ist in der Physik das verstärkte Mitschwingen eines schwingfähigen Systems, wenn es einer zeitlich veränderlichen Einwirkung unterliegt. Dabei wirkt von außen genau die Schwingung auf das System ein, die der Eigenschwingung entspricht.

So geht Verletzung mit Verletzung, Wut mit Wut, Hass mit Hass, Ohnmacht mit Ohnmacht, Schmerz mit Schmerz, Lähmung mit Lähmung, Angst mit Angst, Trauer mit Trauer, innere Leere mit innerer Leere, Chaos mit Chaos in Resonanz. Nicht immer eins zu eins, sondern in den vielfältigsten Ausprägungen, Variationen und Formen. Der Philosoph Georges Bataille beschrieb es einmal so: „Es gibt kein größeres Verlangen als das eines Verwundeten nach einer anderen Wunde.“ Mit anderen Worten: Die Wunde sucht ein mitschwingendes Gegenüber und weil sie diese Schwingung aussendet, wird sie diese empfangen.

Es ist einfach herauszufinden, welche Lebensgefühle in uns vorherrschen, wir müssen uns dafür nur in unserer unmittelbaren persönlichen Außenwelt umsehen, sprich, das entdecken womit wir in Resonanz sind, besonders die Energie der Menschen mit denen wir zu tun haben, ihre Eigenschaften, ihre Emotionen, die sie uns entgegenbringen oder die sie in uns auslösen. Sich das bewusst zu machen ist ein guter Hinweis auf das Ungelöste in uns selbst, auf die Themen, die wir noch nicht bearbeitet haben. Tragen wir beispielsweise unterdrückte Wut in uns wird uns diese in der unterdrückten oder in der offenen Aggression eines anderen bewusst gemacht, oder wir bekommen es immer wieder mit dem Thema Aggression und Gewalt im Außen zu tun. Tragen wir eine tiefe Trauer in uns, ziehen wir traurige, melancholische Naturen an. Wir empfinden Sympathie füreinander (lateinisch sympathia, altgriechisch „Mitgefühl"), weil wir ähnlich fühlen. Wir fühlen mit, weil wir es kennen, wir können mitfühlen, weil wir auch so fühlen oder so gefühlt haben.

Was aber, wenn wir unsere Themen weitgehend bearbeitet haben oder uns im Prozess befinden und uns diese Resonanzen im Außen immer noch oder sogar verstärkt begegnen?

Diese alte Energie bleibt ein Leben lang in unserem System gespeichert. Wir sind Erinnerung. Trigger, (Reizauslöser) sprich ähnlich Schwingendes im Außen, löst diese Energie wieder aus, wenn auch nicht in gleicher Stärke, je nach dem Grad der Entwicklung in dem wir uns befinden.

Resonanz sorgt auch dafür, dass wir Partner anziehen, die ähnliche Verletzungen und Prägungen wie wir selbst haben.

Dies kann zu Irritationen und zu schwerwiegenden Problem führen, wenn die Partner gegenseitig an ihre verletzlichen Anteile gelangen. Je intensiver Nähe aufgebaut wird, desto intensiver und stärker sind wir im emotionalen Kontakt mit diesen Anteilen in uns selbst. Wir kommen tiefer in Kontakt mit den eigenen Verletzungen und den Mängeln. Hier ist es extrem wichtig, mit sich selbst in Kontakt zu bleiben, bei sich zu blieben, anstatt Gefühle von Verletzung oder Angst vom Partner zusätzlich zu den eigenen Gefühlen zu übernehmen. Man spricht hier auch von Überspiegelung, also einem zu viel an „Gutem“.

Die Resonanz verstärkt sich, sie unterliegt dem Prozess des sich selbst Verstärkens, was die Heilung des Einzelnen für sich erschwert, weil er, auch wenn er selbst im Prozess der Loslösung vom Alten ist, mit den Gefühlen des anderen in steter Resonanz bleibt. Wenn also einer in der Beziehung persnliche Entwicklungsarbeit macht, der Andere dies jedoch nicht im gleichen Maße tut oder kann, muss dieser Eine die Wunden und Schwächen des Partners ausgleichen. Das ist Schwerstarbeit, die jeden Menschen überfordert. Jeder braucht in solch sensiblen Beziehungen seine Kraft zuerst für sich selbst. Wird die Diskrepanz des jeweiligen Entwicklungsstatus zu groß, oder hat einer der Partner sein Resonanzfeld stark verändert, so dass er nicht mehr gleich mit dem anderen schwingt, kommt es zu ernsthaften Krisen. Der Partner wird zum Schwellenhüter für das Weitergehen. Er muss überwunden werden um das eigene Schmerzhafte zu überwinden.



Manchmal spüren wir das, wenn auch nicht unbedingt beim Partner, so doch bei anderen Begegnungen sehr intensiv, dann zum Beispiel, wenn wir uns ruhig, ausgeglichen und leicht fühlen und plötzlich mit unseren alten Themen in Form der Emotionen und Handlungen anderer in Berührung kommen. Wir sind verwirrt und denken: "Wieso denn jetzt schon wieder, ich dachte, ich habe dieses Thema gelöst?"

Auch wenn wir unsere Themen weitgehend gelöst haben, ihre alte Energie ist da und weil sie da ist, erinnern wir uns –  wir gehen immer wieder in Resonanz, aber wenn wir Bewusstseinsarbeit gemacht haben, merken wir, dass das, was sich da plötzlich nicht gut anfühlt, etwas ist, was das Alte in uns triggert. Haben wir unsere Arbeit gemacht oder sind wir dabei sie zu machen, sind wir achtsamer Beobachter des Ganzen und das heißt: Wir können uns schützen, indem wir uns von dieser Energie fernhalten, bevor sie uns nach Hinten zieht, wir wissen: was sich nicht gut anfühlt, ist nicht gut! Wir ziehen unsere Konsequenzen und schützen uns selbst, denn auch das haben wir gelernt.

Selbstschutz ist immer auch Selbstliebe und sie ist eine große Hilfe um Reinszenierungen, die durch äußere Reize und Begegnungen getriggert werden, im Keim zu ersticken. 



Es ist, wie wenn wir ein Haus bauen, indem wir Stein für Stein aufeinanderlegen, damit es wächst. Betreten wir den Resonanzboden eines alten Schmerzes in Gestalt anderer Menschen und umgekehrt, betritt ein Mensch mit ähnlicher Schwingung, den unseren, so ist es, als würden mühsam aufgerichtete Steine wieder abgetragen. Darum ist es hilfreich dieses Energiefeld zu verlassen, um unser Haus in Frieden weiter bauen zu können.

Samstag, 11. April 2015

Das Beste was ich kann



Ich habe etwas Entscheidendes auf meinem Lebensweg gelernt. Ich habe gelernt, mich von Niederlagen nicht unterkriegen zu lassen, ich habe gelernt, sie als Lerngeschenke zu sehen. Solange ich mich weiterentwickeln kann, weiß ich, dass ich mein Potenzial noch nicht voll ausgeschöpft habe.

Ich habe gelernt, jedes Scheitern, jeder Rückschlag, jeder Verlust, jede Niederlage, jeder Schmerz, ist nichts anderes als eine Lernaufgabe. Sie ist dazu da, mich zum Wesentlichen zu führen – zu meinen Werten, zu meiner ureigenen Wahrheit, zu dem, was mir wirklich wichtig ist, zu meiner Kraft, zu meiner inneren Stärke und zu einem unerschütterlichen Selbstbewusstsein. Denn das ist da, tief drinnen, auch wenn es manchmal ein bisschen angeknackst ist. Ich lerne gerade, dass ich mich von Menschen trennen muss, die mich runter ziehen und mich Lebensenergie kosten. Ich entscheide mich dazu, das zu tun, was mir Kraft gibt und mich mit Menschen zu umgeben, die mir Kraft geben. Ich bin mir jeden Tag bewusst, dass es etwas gibt, das größer ist als ich und dass mein Leben kostbar und endlich ist. Ich tue jeden Tag das Beste, was ich zu diesem Zeitpunkt meines Lebens tun kann.



Donnerstag, 9. April 2015

Aus der Praxis – Vaterlos

Für das Kind ist die Mutter die Heimat, sie gibt ihm Sicherheit, Geborgenheit und bedingungslose Liebe. Im Kleinkindalter bestimmt das Kind, hat es die Möglichkeit, selbst den Radius, mit dem es sich aus dem Schutzk dieser Geborgenheit nach und nach herauswagt um die Welt und sich selbst zu entdecken. Das Kind muss, um sich zu einer eigenständigen Persönlichkeit entwickeln zu können, lernen Sicherheit und Halt außerhalb der mütterlichen Geborgenheit zu finden. Ein Prozess der für Mutter und Kind ein stetiges schrittweises Loslassens bedeutet. Gelingt dieser Prozess, hat das Kind erfahren, seine Sicherheit außerhalb des mütterlichen Schutzraumes zu finden, im besten Falle findet es Geborgenheit in sich selbst.

Welche Rolle fällt dem Vater zu?
Die Aufgabe des Vaters ist es diesen Prozess zu begleiten. Er ist es, der den Übergang in das eigenständige Leben begleitet. Es ist seine Aufgabe, das Kind aus der Mutter-Kind-Symbiose heraus, in die Welt und schließlich zu sich selbst zu führen. Man nennt das Initiation. Außerhalb unserer modernen westlichen Gesellschaft wurden und werden noch heute junge Männer von den älteren Männern in die Mysterien und Geheimnisse des Lebens eingeweiht, sie werden initiiert. Der hinreichend gute Vater hilft, diese Initiation, sprich den Übergang in die Erwachsenenwelt des Mannes, zu bewältigen. Er steht seinem Sohn bei, ohne es aber für ihn zu tun. Fehlt die väterlich-männliche Unterstützung und Orientierung, muss der Heranwachsende diesen Übergang alleine bewältigen. Das gelingt in den wenigsten Fällen. Die Erfahrung der Initiation macht einen Jungen zum Mann. Bedauerlicherweise gibt es in unserer westlichen Welt keine Initiationsriten mehr. Stattdessen gibt es jede Menge Pseudobilder die wir vom Mann haben.

Unsere Gesellschaft ist zwar voller Volljähriger, in Wahrheit aber ist sie voller unerwachsener, unreifer Menschen. Die meisten Jungen, Mädchen ebenso, hatten oder haben einen schwachen Vater, der zwar körperlich anwesend, dafür aber emotional und geistig abwesend war, weil er mehr damit beschäftigt war, alles andere zu erreichen, als seine Rolle als Vater zu erfüllen. Wie auch, er hat wie die meisten Männer ja selbst nicht erfahren, was Väterlichkeit ausmacht. Für viele Männer, die selbst Väter werden, hat eine Initiation niemals stattgefunden. Es gab keine Begleitung in die Welt ihrer männlichen Rolle, ja, sie haben nicht einmal eine Ahnung davon, was das ist, ein Mann sein. Die wenigsten Männer sind mit Vätern aufwachsen, die ihnen ein Vorbild waren.

Wohin kann der Mann blicken, woran sich orientieren, wo findet er ein gesundes Vorbild für Männlichkeit? Es gibt kaum eines. Was es gibt, ist eine Gesellschaft voller ewiger Jünglinge
Der Psychoanalytiker C.G. Jung prägte den Begriff vom “Puer-Aeturnus-Komplex”, nach der Mythologie des gleichnamigen antiken Gottes, der in Ovids Metamorphosen beschrieben wird. Puer-Aeturnus bezeichnet Männer, die auch in der Mitte ihres Lebens innerlich nicht über die Reife eines Jungen hinausgekommen sind. Der ewige Jüngling ist nach Jung ein Mann, der in seiner geistigen und emotionalen Entwicklung innerlich ein Kind geblieben ist und nicht erwachsen werden will. Er kann es auch nicht, denn unbewusst hat er Angst Verantwortung für sich selbst und für andere zu übernehmen, er will haben ohne zu geben, er nimmt Einschränkung als persönliche Bedrohung wahr, er hat Angst vor Bindung oder klammert in Beziehungen, oder er sucht er rastlos seinen Platz im Leben ohne sich dessen bewusst zu sein, dass er ihn in sich selbst suchen muss. Im tiefsten Inneren sucht er in jeder Frau der er sich zuwendet die gute Mutter, die ihm all das gibt, wie einst die Mutter oder all das, was die Mutter ihm verweigert hat oder nicht geben konnte. Der ewige Jüngling hat keine Heimat, er hat nichts, was ihn von Innen hält, er hat keine Wurzeln. Wer keine Wurzel hat ist ein ewig Suchender. Unfähig, sich selbst ein Halt zu sein, ist er innerlich gespalten und zerrissen. Zum Einen sucht er die Heimat in der mütterlichen Frau, zum anderen eine starke Vaterfigur, an der er sich orientieren kann und die ihm Halt und Sicherheit gibt. Aber wo findet er diese Leitbild gebende Vaterfigur in Nachhinein, wo ist er, der den Lehrer, den er als Kind so nötig gebraucht hat? Was bleibt sind unreife unsichere Männer, die ihre in Ermangelung eines hinreichend guten Vatervorbildes die verlorene mütterliche Heimat in der Frau suchen, egal ob es eine gute oder eine unschöne Heimat war, Hauptsache sie ist bekannt und vertraut. 


Welche Frauen ziehen solche schwachen Männer an?
Die Bedeutung, die das Thema Vater und Mutter in der Kindheit und Adoleszenz für unser erwachsenes Leben hat, für unsere ganze Art und Weise durchs Leben zu gehen und Beziehungen zu knüpfen, wird immer noch bei vielen von uns verdrängt oder abgewehrt. Je bewusster sich ein Mensch mit seiner Biografie auseinandersetzt, desto klarer wird ihm, was er in der Gegenwart tief in sich fühlt und warum er wie handelt. Es ist so, wir sind das Kind unseres Vaters und unserer Mutter, ob wir das nun gut finden oder nicht, ob sie gut für uns waren oder nicht, und das wirkt sich auf allen Lebensbereichen und eben besonders in unseren Liebesbeziehungen aus. Die Kindheit hat uns geprägt und sie bestimmt nicht zuletzt auch unsere Beziehungsmuster, zu uns selbst und mit anderen.

War der Vater in Kindheit abwesend oder emotional nicht erreichbar, ziehen Frauen, die ihr Vaterthema nicht verarbeitet haben später mit großer Wahrscheinlichkeit Männer an, die emotional nicht erreichbar sind, oder sie werden immer wieder verlassen. Frauen die einen schwachen Vater erlebt haben finden sich immer wieder in Beziehung mit dem ewigen Jüngling. Er fungiert quasi als Stellvertreter für den schwachen Vater, den sie als Kind, stärken, helfen oder sogar ‚retten’ wollten. Der schwache Vater lässt sie als Frau später, nach dem Gesetz der Resonanz schwache Männer anziehen, denen sie helfen will, Stärke und Größe zu finden, sprich ein Mann zu werden, den sie im Vater nicht finden konnte. Wer als Mädchen erfolglos versucht hat, die väterliche Schwäche auszugleichen, sucht sich als Frau genau jene Männer als Partner aus, die an irgendetwas schwächeln, z.B. an einer Sucht, einer Persönlichkeitsstörung, an einer Depression, an mangelndem Durchsetzungsvermögen, oder an einer tiefen Unfähigkeit ihr Leben eigenverantwortlich und proaktiv zu meisten. Sie tut bis zur Selbstverleugnung alles um diesen Mann aus seinem Dilemma zu befreien und ihn emotional zu füttern und zu versorgen. Was beim Vater nicht gelang, wird in einem endlosen Wiederholungsversuch nahezu zwanghaft bearbeitet, denn das Unbewusste ist noch immer davon überzeugt: Wenn es mir gelingt einen einzigen Mann zu retten, rette ich meinen Vater. Unsere Beziehungen sind, bis wir unsere Beziehung zu Vater und Mutter und ihre prägenden Muster erkannt und aufgelöst haben, der ewige Versuch  das Drama der Kindheit zu reinszenieren. Erst wenn eine Frau erkennt, dass sie sich noch immer in der destruktiven Kindheitsbeziehung zum schwachen Vater befindet, wird sie begeifen, dass sie den Mann durch ihr Retter-Verhalten nicht erlöst, sondern nur weiter schwächt und sich selbst auch, nämlich indem sie ihre Energie auf den untauglichen Versuch verschwendet, kann sie sich aus dieser destruktiven Verstrickung befreien. Die Befreiung unserer Selbst gelingt nicht, indem wir versuchen den Partner zu retten oder zu verändern, sondern indem wir uns uns selbst zuwenden und uns die Beziehung zum Vater und zur Mutter der Kindheit anschauen und schließlich versuchen diese Verstrickungen lösen. Für eine Frau, die sich immer wieder schwachen Männern zuwendet ist es hilfreich sich klar zu machen, was einen Mann ausmachen könnte. Das gilt ebenso für schwache Männer, die kein hinreichend gutes männliches Vorbild hatten. Und dann zu schauen, woran es im eigenen Leben an männlichen Atrributen mangelt und was wir beim anderen suchen und unbewusst in einem untauglichen Selbstheilungsversuch an inneren Mängeln und Sehnsüchten ausgleichen wollen. Die Welt ist voll mit Frauen, die Männer retten und voll mit Männern, die Frauen retten wollen. Retten wollen ist der infantile Wunsch des Inneren Kindes, der uns suggeriert: Wenn du den anderen rettest, rettest du deine unvollkommene Kindheit. Wenn wir uns in unserem Beziehungsverhalten verstehen wollen, kommen wir nicht umhin den Vater und die Mutter der illusionistischen Verklärung oder der wütenden Anklage zu entheben und ehrlich zu uns selbst zu sein und klar zu erkennen, was es war, was sie uns nicht geben konnten, denn das ist es, was wir in uns selbst zu entwickeln haben um aus den destruktiven Beziehungsverstrickungen in unserer  Gegenwart zu lösen. Der ewige Jüngling muss begreifen, dass es Zeit wird ein Mann zu werden und die Frau, die ihn stark machen will, muss sich das geben, was sie dem schwachen Mann vergeblich anträgt – inneren Halt.



Nachtrag: Nur wer sich selbst halten kann, kann andere halten. Hält einer den anderen, kann keiner mehr alleine und selbstbestimmt gehen. Das ist Verstrickung, die Menschen bindet und zwar nicht in reifer Liebe, sondern in kindlicher Abhängigkeit.




Mittwoch, 8. April 2015

Aus der Praxis - Die giftige Galle Invidia oder warum Neid krank macht

Neid, dieses Gefühl kennen alle Menschen. Neid in der milden Form ist per se nichts Ungutes. Wie alle Todsünden, dazu gehört der Neid (lat. Inividia), hat auch der Neid seine helle und seine dunkle Seite. Ein bisschen Neid ist anspornend, er kann uns dazu verhelfen, Dinge, die wir an anderen beneiden zu erkennen, als Spiegel dessen, was wir noch nicht verwirklicht haben, sprich - wenn der Neid dazu führt, unser Streben zu fördern, etwas im Leben zu erreichen, hat er durchaus auch seine gute Seite. Wir nehmen uns dann das Beneidete am Anderen als Antrieb etwas in uns zu entfalten, was der Andere uns vorlebt. Dennoch Spaß macht der Neid nicht.

Wenn wir neidisch sind, stellt sich im Neidgefühl immer die Frage: Was beneide ich am Anderen, was ich für mich nicht verwirkliche? Und die zweite Frage könnte lauten: Was will ich im Leben verwirklichen und was brauche ich, um das zu tun? So wirkt der Umgang mit Neid konstruktiv.

Ein Mensch aber, der von Neid zerfressen ist und dessen ganzes Fühlen auf Neid basiert, lebt die Schattenseite von Invidia. Er wird nichts und niemanden in seinem dirketen Umfeld neidlos zugestehen können, was er selbst nicht auch hat oder besitzt. Er entwickelt einen abgrundtiefen Hass auf alles was ihm verwehrt bleibt und sieht sich als Opfer einer ungerechten Welt, in der er der ewig Benachteiligte und der Verlierer ist. Diese Form des Neides ist eine Pathologie, wie wir sie oft auch im Krankheitsbild des Narzissmus finden.

Was bewirkt krankhafter Neid im Gehirn?

Neuropsychologen stellten fest: Neidgefühle zeigen in jenen Hirnregionen starke Aktivität, die auch das Schmerzempfinden auslösen, psychisch als auch physisch. Diese Aktivitäten spielen sich im dorsalen Kortex, dem Pfad im Hirn ab, der bewegte Objekte und für die eigene Handlung relevante visuelle Informationen verarbeitet. Des weiteren in der Inselrinde, dem assoziativen Zentrum, das für unser auditives, insbesondere unser sprachliches Denken, den Gleichgewichtssinn, sowie zur Wahrnehmung chemischer Reize (Geruchssinn, Geschmackssinn) und zur emotionalen Bewertung von Schmerzen fungiert und, wie neuere Forschungen zeigen, an unseren empathischen Fähigkeiten beteiligt ist. Diese widerum spielen sich im somatosensorischen Kortex ab, dem Teil der Großhirnrinde, der der zentralen Verarbeitung unserer haptischen Wahrnehmung dient.

Neid tut weh wie diese Untersuchungen zeigen und zwar auf vielen Ebenen unseres organischen und emotionalen Systems und er zerfrisst im wahrsten Sinne des Wortes das Hirn des Neiders - genauer die Dendronen, die sensible Struktur des Gehirns. Diese wird nachhaltig zerstört wie etwa auch bei Dauerstress. Wenig verwunderlich, dass krankhafter Neid in vielen Fällen zu Depressionen führt. Somit ist die Depression ein neuropsycholgisches Korrelat des Neides.

Der Neidmensch macht sich selbst krank. Er macht sich krank, indem er die Wahrnehmung nur auf das lenkt, was er nicht hat, anstatt auf das, was er hat. Er zerstört damit nicht nur sein Gehirn, sondern auch seine Lebensenergie und seine Freude am Sein. Sein Sein definiert sich über das Haben,  genauer gesagt - über das Nichthaben. Der Neid ist die Hybris des Habenmenschen, der glaubt, dass er nichts hat und daher auch nichts geben kann, weil das, was er hat, niemals reicht, nicht für sich selbst und also nicht, um von dem bisschen etwas zu geben Er will mehr haben und er vergibt sich nichts, weder sich selbst, noch anderen. Der Mangel an Emapthie für sich selbst und in der Folge damit auch für Andere führt zu einem Leben in dem Gefühllosigkeit, der Lähmung, der Dumpfheit der Affekte und schließlich die Depression hausen. Ein solcher Mensch ist nicht fähig sein Sein zu erfahren und den Focus vom Haben wollen abzuwenden auf das, was schon längst da ist.

Sein selektives Ignorieren dessen was er hat, verengt seine Sicht auf die reale Lebenssituation, er sitzt, wie der Narziss im Eisenofen und verliert den emotionalen Kontakt zum eigenen Inneren und zum Außen. Sein Drang ist das Begehren. Und das findet kein Ende. Es ist wie eine Sucht, eine Sehn-Sucht die keinen Namen hat und sich auf alles und jedes richtet, was andere haben und er selbst nicht. Gefühlt vom Leben betrogen und benachteiligt wird er feindselig, er missachtet die Anderen für alles, was sie haben und tun und sucht darin das Schlechte, was er dann verdammen kann. Er macht andere verantwortlich für sein begrenztes Dasein und meint im Tiefsten, sie nehmen ihm all das, was er so sehr begehrt. Diese Gefühl des niemals - genug - Habens führt dazu, dass sich depressiv-lähmender Neid ausbreitet und zwar über das Gehirn in jede Zelle des Körpers.

Der Neider ist der Gefangene seiner Selbstsabotage, die nur er selbst beenden kann. Aber wie?

Eine Neidtherapie lässt sich bis heute nicht finden. Die Neidforscherin Julie Exline betont, dass in diese Richtung noch kaum Forschungen angestellt wurden und die Jungianerin Verena Kast schreibt: "Neid ist in der Therapie ein Tabu." Damit meint sie, dass der Neid nicht zugegeben wird, weil er als gesellschaftlich verpöntes Gefühl tabuisiert wird. Nicht umsonst nennt man ihn die Schlimmste aller Todsünden. So schreibt Kast: "Wir ziehen es daher vor, diese negativen Emotionen zu verdrängen, auf andere zu projizieren und sie dort zu bekämpfen." Verena Kast legt überzeugend dar, daß wir eine große Chance vertun, die wir nutzen können um auf unserem Individuationsweg weiterzukommen. Wenn es gelingt den eigenen Neid bewusst zu machen und die Auseinandersetzung damit als Herausforderung zu sehen, hilft er die eigenen Grenzen wahrzunehmen und ungelebte Potenziale zu entwickeln.

Wird der Neid nicht bearbeitet und aufgelöst, folgt ihm nicht nur der Tod der Seele, denn Kreativität und Lebendigkeit werden dauerhaft und nachhaltig gedämpft, Neid führt immer auch zu massiven  Beziehungsproblemen, denn er begrenzt die vielfältigen Interaktionsmöglichkeiten mit anderen auf Augenhöhe deutlich. Der Neidkranke sieht sich immer als Verlierer, er wird immer unversöhnlicher mit seinen Nächsten und dem eigenen Leben und isoliert sich dadurch schließlich vollends.

Neidgefühle, auch wenn sie meist maskiert sind, sind extrem aggressive Gefühle, sie sind der Dauerbeschuss auf das eigenes Selbstwertgefühl und auf das Selbstwertgefühl Anderer.  

"Der Neid ist sodann ein Fehler der sittlichen Natur. Es ist eine Krankheit, die die Seele gleichmäßig durchfrisst; nicht wie es manche Schwächen gibt, die das gute Herz im Ganzen unangetastet lassen und nur äußere Schäden zu sein scheinen, Folgen krankhafter Körperanlagen oder geistiger Verstimmungen; Neid ist mit Liebe nicht vereinbar, und ohne Liebe gibt es keinen guten Charakter. Neid ist vielmehr in vieler Beziehung ein Gegensatz der Liebe, mehr noch als der Hass", formuliert es Friedrich Nietzsche. Und er hat Recht, denn der pathologische Neider spürt keine Liebe, weder in sich selbst, noch für andere. Dazu ist in seinem selektiven System kein Platz. Der Neid, so Kant, gehört zur abscheulichen Familie der Undankbarkeit und der Schadenfreude. Genau darin liegt die Loslösung vom Neid - in der Dankbarkeit. Etwas, was dem neidischen Menschen gänzlich abgeht. Es braucht Demut um zur Dankbarkeit zu kommen, ein Wort, bei dem der Neider Gift und Galle spuckt. Solange er das aber tut, wird die giftige Galle in ihm ständig neu produziert, solange, bis sie ihm sein Hirn gänzlich zerfrisst.


Literatur: Bucher, Psychologie der Todsünden
Verena Kast, Neid und Eifersucht