Dienstag, 29. September 2015

Interview mit einem Selbst


Malerei: AW

Ich finde in der Zerstörung meiner Figuren auf der Leinwand eine Befriedigung aber keine Erlösung. Im Leben bin ich nicht fähig zerstörerisch, brutal oder gewalttätig zu sein, nicht auf der körperlichen Ebene. Ich kompensiere meine Aggression indem ich male. Das wirkliche Ausmaß an Gewaltbereitschaft, das ich besitze und verdränge, ist mir nicht bekannt. Ich habe als Kind viel Aggression erlebt. Ich habe mich nicht wehren können gegen die verbale und körperliche Gewalt, die ich erleben musste. Ich habe nicht gelernt, wie man sich wehrt, ich habe nicht gelernt wie man sich abgrenzt, aber wie man überlebt, das habe ich gelernt.
Wenn du als Kind misshandelt oder missbraucht wirst, sei es körperlich oder emotional, oder beides, hast du keine Waffen, die dir helfen könnten. Du bist absolut wehrlos. Du bist fassungslos. Du hast nur diesen Gedanken: Ich verstehe das nicht!

Wie soll ein Kind verstehen, dass Menschen, die es liebt und von denen seinen Überleben abhängt, fähig sind es zu verletzen. Das versteht ein Kind von vier oder fünf Jahren nicht. Es beginnt zu glauben, dass es schlecht ist, dass es böse ist, dass es verdient hat, was man ihm antut. Um eine Entschuldigung für den oder die Täter zu finden, macht es sich selbst verantwortlich.

Es intojiziert das Böse der Täter, es verinnerlicht das Fremde als eigenes. Auf diese Weise wird das fremde Böse zum eigenen Bösen. Hier beginnt die Spaltung des Inneren. Das Kind muss das tun, um die Eltern weiter als gut empfinden zu können. Indem es selbst die Ursache des Bösen ist, das ihm geschieht, gelingt es ihm die lebensnotwenige Beziehung zu den Eltern zu erhalten. Es sagt sich, sie haben mich lieb, aber ich bin böse, darum haben sie einen guten Grund mich schlecht zu behandeln. Wenn sie mir wehtun, habe ich es verdient. Ich bin schlecht, nicht sie. Sie weisen die Schuld ja auch von sich und sagen, du bist ein böses Kind. Die Eltern haben immer Recht.

Die Tragik des Kindes liegt darin, dass es sich zum einen selbst aufgibt und zum anderen das Böse als Eigenschaft in sich selbst aufnimmt. Dort bleibt es, lebenslang, wie ein Dämon, der ihm sagt, was es tun muss, um sich selbst zu schaden. Das geschieht unbewusst.  
Mein Vater hasste sich selbst, er hasste seine Arbeit, seinen Körper, sein Leben. Er hasste uns Kinder und er hasste sich wohl selbst für seinen Hass. Er war immer aggressiv. Er sagte, ich sei schlecht, ich sei an seinem Unglück schuld. Er sagte, ich sei die Nachgeburt, die er großgezogen habe. Das Kind hätten sie bei der Geburt aus Versehen weggeworfen. Er sagte ständig solche Dinge zu mir. Er hat mir damit Angst gemacht. Das hat mein Gefühl für mich selbst zerstört. Ich blieb verwirrt, verängstigt und mit einem schlechten Gefühl zurück. Ich habe meine Mutter gefragt, was ist mein Fehler, was habe ich dir getan? Sie sagte, der Fehler ist, dass du überhaupt da bist. Du bist ist das Unglück. Sie sagte, ohne dich hätte ich deinen Vater niemals geheiratet, wegen dir habe ich meine Träume begraben müssen, wegen dir habe ich ein ungelebtes Leben. Das kannst du auf meinen Grabstein schreiben, wenn ich tot bin. Ich hatte immer eine Bringschuld, ich musste ihnen und mir selbst beweisen, dass ich es doch in irgendeiner Weise wert war zu leben, um zu überleben. Die Grundschuld, überhaupt am Leben zu sein. Du darfst eigentlich nicht leben, aber wenn du schon lebst, dann fühle dich schlecht und schuldig! Irgendwie denkst du immer es wäre besser nicht da zu sein und entwickelst Selbstzerstörungstriebe. Man muss da sehr aufpassen auf sich selbst, dem nicht nachzugeben.

Mein Vater war ambivalent. Einerseits hatte ich das Gefühl, er mag mich, weil er mich manchmal auf seinen Schoß nahm und mir Dinge erklärte, andererseits war da dieses vernichtende in seinen Worten und Blicken. Irgendwie fühlt es sich an als sei mein Empfinden für mich selbst in zwei Teile gespalten – der eine, der sich selbst zerstören will, weil er glaubt schlecht zu sein und kein Recht auf ein Leben zu haben, der andere, der rebelliert, weil er leben will, weil der Vater ihn doch irgendwie zu mögen schien. Leben, aber wie? Wie geht leben? Wie fühlt sich das an? Es gibt da keine Erlösung und immer bist du gefühlt schuldbeladen. Und manchmal ist da eben auch diese Aggression. Es war vollkommen egal, was ich machte, alle Versuche Liebe oder Anerkennung zu gewinnen, alle Anpassungsversuche bewirkten nichts. Ich konnte diese Ablehnung nicht ändern. Ich führe ständig Krieg in meinem Inneren, die Eine kämpft gegen die Andere. Ich will eine Identität finden, ein klares umrissenes Ich. 

Mein Leben? Es ist die Suche einer Frau, die in dieser Welt noch keinen sicheren Ort gefunden hat, die nicht weiß, wohin sie gehört, weil sie nicht weiß, wer sie ist. Das eine hat mit dem anderen zu tun. Wenn du keine Heimat in dir drin hast, dann bist du überall heimatlos, du bist immer auf Besuch, niemals angekommen. Wie auch? Du suchst ja dich, das ist ein ewiges Getriebensein. Das ist der Identitätszweifel, der manchmal verzweifelt macht, ein ewiges Schwanken, ein Gefühl von unvollständig sein, von falsch sein, ein Gefühl der Spaltung. Wer gelernt hat, dass er kein Recht auf Leben hat, hat auch kein Gefühl für Autonomie, denn das würde ja bedeuten für sich selbst zu stehen. Autonomie, das ist die Herausforderung für die, die nicht wissen, wer dieses Selbst ist.




1 Kommentar:

  1. Liebe Angelika.
    Du schreibst hier einen Text, den man eigentlich nicht kommentieren sollte - denn die richtigen, individuellen Worte für jemand anderes sind wahrscheinlich nicht zu finden.
    Hier deshalb nur ein Zusatz.
    Bei manchen Menschen setzt das Nachdenken erst ziemlich spät ein. Dies geschieht vielleicht, wenn der eigene Vater in seinen letzten Wochen oder Monaten sagt, wenn er nochmal leben würde, würde er alles nochmal genauso machen, wie gemacht.
    Auch wenn man im Hinterkopf bisher vieles mit sich rumgetragen hat, fängt erst jetzt der wirkliche innere Auseinandersetzungsprozess an.
    Die lebenslange Egozentrik der Eltern (die bauten z.B. mit 72 noch ein Haus, nur um einem zu Zeigen, dass man es besser kann), die Prügel - alles ist wieder da.
    Man kann nur froh sein, wenn man es nicht an die eigenen Kinder weitergegeben hat.
    Danke, dass Du diesen Text geschrieben und veröffentlicht hast, liebe Angelika!
    Mit herzlichen Grüßen,
    Michael

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