Dienstag, 1. September 2015

Der rote Faden oder Karma?




Es gibt unheilvolle Situationen, in die wir verstrickt sind oder die wir beobachten und  wir wissen beim besten Willen nicht, wie wir uns verhalten sollen. Der Freund zum Beispiel, der tatenlos dabei zusieht wie er seine finanzielle Existenz ruiniert, das erwachsene Kind, dass sich ständig selbst Probleme macht, weil es den Kopf in den Sand steckt, die beste Freundin, die immer noch am gleichen Mann hängt, obwohl er sie schlecht behandelt, der Vater, der ein schweres Alkoholproblem hat und sich langsam zu Tode säuft oder die Bekannte, die ihren sekundären Krankheitsgewinn derart unbewusst auslebt, dass sie immer kränker wird, anstatt sich endlich um ihre Heilung zu kümmern und etwas für ihre kranke Seele zu tun.

Viele von uns haben das schon erlebt, erleben es gerade oder erleben es immer wieder: Situationen im Leben Anderer, in denen all unsere gut gemeinten und aus tiefstem Herzen kommende Hilfsangebote beharrlich ignoriert oder gar vehement zurückgewiesen werden, mit den Worten: „Das ist meine Sache“, oder „lass mich in Ruhe, ich mach das schon, das ist mein Leben!“
Ja, was soll man da machen?
Es ist schmerzlich tatenlos dabei zuzusehen, dass trotz des „Ich mach das schon!“, das Problem des Anderen hartnäckig weiter besteht oder sich sogar verschlimmert, es ist schmerzlich zu erfahren, dass all unsere Liebesmüh für die Katz ist und wir selbst vor lauter Angst um den Anderen irgendwann selbst Angst bekommen oder in eine ohnmächtige Wut geraten, weil wir absolut nicht begreifen können, was Menschen sich selbst antun und was, würden sie (in unseren Augen) anders denken und anders handeln,  zu verhindern oder zu lösen wäre.
Je hartnäckiger und manifester die Probleme der Anderen werden und je beharrlicher sie unsere Hilfe verweigern, desto beharrlicher stellt sich uns irgendwann die Frage: Muss ich dem Anderen weiter meine Hilfe anbieten oder mische ich mich da gar in übergriffiger Weise in sein Leben ein, ein Leben, das er, so wie es scheint, für sich selbst ja will? Stellt sich da nicht auch die Frage: Steht es mir zu, ihm dabei zu helfen, das Leben zu leben, das ich mir für ihn wünsche?
Mischen wir uns da nicht in etwas ein, was seine Seele genauso erfahren will oder muss?
Und müssen wir uns dann nicht wirklich raushalten?
Die ohnmächtige Wut sagt irgendwann: Der oder die ist selbst schuld  an seinem Dilemma, also ist es nicht mehr meine Angelegenheit. Wer sich nicht helfen lässt ist selbst schuld oder kann nicht anders. Das Mitgefühl will helfen und der Verstand, ja, was sagt er, wenn alle Hilfsangebote versagen? Meiner sagt: Ich verstehe das einfach nicht!

Ich habe mich schon oft gefragt, ob es so etwas wie Karma gibt. Karma, bedeutet nach dem Sanskrit: „Wirken, Tat“, es ist ein spirituelles Konzept, nach dem jede Handlung – physisch wie geistig unweigerlich Folgen hat. Diesen Folge müssen nicht unbedingt in unserem  gegenwärtigen Leben wirksam werden, sie können sich auch erst in einem zukünftigen Leben manifestieren.
Gibt es demnach karmische Gründe weshalb ein Mensch genau das erlebt, was er erleben muss? Mein Verstand glaubt nicht so recht an Karma. Er glaubt an einen Plan, den es für jeden von uns gibt, einen göttlichen Plan, der in uns angelegt ist, der grob vorgibt wohin unsere Lebenspur uns führt, den roten Faden des Selbst, wie ich ihn nenne, der rote Faden, der sich aus all den Erfahrungen ergibt, die wir von Geburt an machen und aus denen heraus wir denken, fühlen und handeln. Erfahrungen, die uns prägen, die uns zu dem machen, als der wir gemeint sind und der uns Lektionen aufgibt um daraus zu lernen und um daran zu wachsen und den Sinn unseres Lebens zu begreifen, um dann unser Leben diesem Sinn nach zu gestalten. Wenn ich auf mein eigenes Leben zurückschaue erkenne ich jetzt erst warum ich genau der Mensch bin, der ich während sich mein roter Faden entspinnt, geworden bin. Heute erkenne ich, wenn ich mich an meinem roten Faden zurückhangele, was all die Erfahrungen für meinen Weg bedeutet haben und ich sehe, dass ich alle diese Erfahrungen und Begegnungen brauchte, um das zu tun, was ich mit ganzer Liebe tue, um der Mensch zu sein, der in mir angelt ist von Anfang an. Ich bin meinem roten Faden gefolgt, auch wenn er mir manchmal scharf in die Seele geschnitten hat, immer im Bewusstsein – es macht Sinn, es ist eine Lektion, es ist ein Schritt auf deiner Lebenspur, den du da gehst, auch wenn du diesen oder jenen absolut und ums Verrecken gerade nicht gehen willst. Und so ist dieser Faden für mich absolut stimmig. Er hat mich geführt und ich habe ihn nicht abgeschnitten, ich habe mich nie von ihm losgelöst, indem ich mich den Erfahrungen eben nicht tatenlos ergeben habe, sondern immer alles getan habe um aus meinem Schicksal ein Machsal zu machen und das geht nur, wenn ich dem, was mir widerfährt Sinn verleihe. Und das werde ich weiter tun, egal was kommt, ich weiß, ich werde damit fertig.

Aber was wenn der, der sich selbst sehenden Auges zugrunde richtet, den roten Faden nicht sieht, niemals gesehen hat und ihn nicht sehen will oder kann? Was wenn er sich davon abschneidet, indem er tatenlos dabei zusieht, wie er in sein eigenes Unglück rennt? Was wenn ein Mensch immer wieder das Gleiche nicht Hilfreiche fühlt, denkt, tut oder eben nicht tut indem er das hilfreiche Tun unterlässt? Wenn er wie eine Marionette an seinem roten Faden hängt, immer kurz davor, dass er sich von ihm ablöst und ins Nichts stürzt oder in die Katastrophe? Sind das Abstürzen und das Fallen dann sein roter Faden oder eben doch sein Karma?
Und ist dann das Raushalten der Weisheit meines Verstandes letzter Schluss?
Steht es mir einfach nicht zu, das Leid meiner Mitmenschen zu verhindern, wenn sie meine Hilfe nicht annehmen? Und wenn es denn Karma gibt, ist es dann nicht so, dass alle Verhinderungsversuche sowieso nichts nützen können, weil der Plan es für diesen Menschen anders vorgesehen hat, der Seelenplan, der sich durchsetzt, egal wogegen? Und habe ich das mit dem Plan nicht verstanden, wenn ich anderen meinen Plan aufdrücken will, den nämlich, den ich für sie, aus meinen Erfahrungen heraus, für sinnvoll halte? 
Anderen helfen ist unsere menschliche Pflicht. Helfen ohne Ansehen der Person, helfen ohne zu bewerten oder zu urteilen, was diese Person ist oder was sie tut.
Ist da nur eine Mühe vergebens?
Und ist es nicht so, dass, wenn ich an dieses Karma dann doch glauben will, ein Mensch erst durch sein Verhalten all die karmischen Bedingungen erzeugt, indem er nämlich den roten Faden ignoriert oder ihn nicht sehen will.
Ist es nicht so, dass nicht das Karma das Leid und die Problem schafft, sondern der Mensch selbst in seiner ignoranten Denkhaltung, mit der sich unbewusst in die Katastrophe katapultiert? Ist nicht er es selbst, der in seinen destruktiven Gefühls, Denk -und Handlungsmustern gefangen ist und sich damit selbst im Wege steht? Ist es dann nicht doch unsere humane Pflicht immer und immer wieder unsere Unterstützung anzubieten, um ihm zu helfen, endlich aufzuwachen und seinen Teufelskreis zu durchbrechen und endlich hinzuschauen was er sich da antut?
Ich weiß es nicht, ich weiß oft nicht was richtig und was falsch ist. Ich weiß aber: Keine Mühe ist je vergebens, zumindest nicht aus karmischer Sicht für den, der sie sich immer wieder macht, falls es denn dieses Karma gibt. Na gut ich weiß eins: Das Unterlassen von Hilfe, wenn sie nicht gewollt ist, ist eine Option, aber sicher nicht der Weisheit letzter Schluss.



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