Donnerstag, 9. April 2015

Aus der Praxis – Vaterlos

Für das Kind ist die Mutter die Heimat, sie gibt ihm Sicherheit, Geborgenheit und bedingungslose Liebe. Im Kleinkindalter bestimmt das Kind, hat es die Möglichkeit, selbst den Radius, mit dem es sich aus dem Schutzk dieser Geborgenheit nach und nach herauswagt um die Welt und sich selbst zu entdecken. Das Kind muss, um sich zu einer eigenständigen Persönlichkeit entwickeln zu können, lernen Sicherheit und Halt außerhalb der mütterlichen Geborgenheit zu finden. Ein Prozess der für Mutter und Kind ein stetiges schrittweises Loslassens bedeutet. Gelingt dieser Prozess, hat das Kind erfahren, seine Sicherheit außerhalb des mütterlichen Schutzraumes zu finden, im besten Falle findet es Geborgenheit in sich selbst.

Welche Rolle fällt dem Vater zu?
Die Aufgabe des Vaters ist es diesen Prozess zu begleiten. Er ist es, der den Übergang in das eigenständige Leben begleitet. Es ist seine Aufgabe, das Kind aus der Mutter-Kind-Symbiose heraus, in die Welt und schließlich zu sich selbst zu führen. Man nennt das Initiation. Außerhalb unserer modernen westlichen Gesellschaft wurden und werden noch heute junge Männer von den älteren Männern in die Mysterien und Geheimnisse des Lebens eingeweiht, sie werden initiiert. Der hinreichend gute Vater hilft, diese Initiation, sprich den Übergang in die Erwachsenenwelt des Mannes, zu bewältigen. Er steht seinem Sohn bei, ohne es aber für ihn zu tun. Fehlt die väterlich-männliche Unterstützung und Orientierung, muss der Heranwachsende diesen Übergang alleine bewältigen. Das gelingt in den wenigsten Fällen. Die Erfahrung der Initiation macht einen Jungen zum Mann. Bedauerlicherweise gibt es in unserer westlichen Welt keine Initiationsriten mehr. Stattdessen gibt es jede Menge Pseudobilder die wir vom Mann haben.

Unsere Gesellschaft ist zwar voller Volljähriger, in Wahrheit aber ist sie voller unerwachsener, unreifer Menschen. Die meisten Jungen, Mädchen ebenso, hatten oder haben einen schwachen Vater, der zwar körperlich anwesend, dafür aber emotional und geistig abwesend war, weil er mehr damit beschäftigt war, alles andere zu erreichen, als seine Rolle als Vater zu erfüllen. Wie auch, er hat wie die meisten Männer ja selbst nicht erfahren, was Väterlichkeit ausmacht. Für viele Männer, die selbst Väter werden, hat eine Initiation niemals stattgefunden. Es gab keine Begleitung in die Welt ihrer männlichen Rolle, ja, sie haben nicht einmal eine Ahnung davon, was das ist, ein Mann sein. Die wenigsten Männer sind mit Vätern aufwachsen, die ihnen ein Vorbild waren.

Wohin kann der Mann blicken, woran sich orientieren, wo findet er ein gesundes Vorbild für Männlichkeit? Es gibt kaum eines. Was es gibt, ist eine Gesellschaft voller ewiger Jünglinge
Der Psychoanalytiker C.G. Jung prägte den Begriff vom “Puer-Aeturnus-Komplex”, nach der Mythologie des gleichnamigen antiken Gottes, der in Ovids Metamorphosen beschrieben wird. Puer-Aeturnus bezeichnet Männer, die auch in der Mitte ihres Lebens innerlich nicht über die Reife eines Jungen hinausgekommen sind. Der ewige Jüngling ist nach Jung ein Mann, der in seiner geistigen und emotionalen Entwicklung innerlich ein Kind geblieben ist und nicht erwachsen werden will. Er kann es auch nicht, denn unbewusst hat er Angst Verantwortung für sich selbst und für andere zu übernehmen, er will haben ohne zu geben, er nimmt Einschränkung als persönliche Bedrohung wahr, er hat Angst vor Bindung oder klammert in Beziehungen, oder er sucht er rastlos seinen Platz im Leben ohne sich dessen bewusst zu sein, dass er ihn in sich selbst suchen muss. Im tiefsten Inneren sucht er in jeder Frau der er sich zuwendet die gute Mutter, die ihm all das gibt, wie einst die Mutter oder all das, was die Mutter ihm verweigert hat oder nicht geben konnte. Der ewige Jüngling hat keine Heimat, er hat nichts, was ihn von Innen hält, er hat keine Wurzeln. Wer keine Wurzel hat ist ein ewig Suchender. Unfähig, sich selbst ein Halt zu sein, ist er innerlich gespalten und zerrissen. Zum Einen sucht er die Heimat in der mütterlichen Frau, zum anderen eine starke Vaterfigur, an der er sich orientieren kann und die ihm Halt und Sicherheit gibt. Aber wo findet er diese Leitbild gebende Vaterfigur in Nachhinein, wo ist er, der den Lehrer, den er als Kind so nötig gebraucht hat? Was bleibt sind unreife unsichere Männer, die ihre in Ermangelung eines hinreichend guten Vatervorbildes die verlorene mütterliche Heimat in der Frau suchen, egal ob es eine gute oder eine unschöne Heimat war, Hauptsache sie ist bekannt und vertraut. 


Welche Frauen ziehen solche schwachen Männer an?
Die Bedeutung, die das Thema Vater und Mutter in der Kindheit und Adoleszenz für unser erwachsenes Leben hat, für unsere ganze Art und Weise durchs Leben zu gehen und Beziehungen zu knüpfen, wird immer noch bei vielen von uns verdrängt oder abgewehrt. Je bewusster sich ein Mensch mit seiner Biografie auseinandersetzt, desto klarer wird ihm, was er in der Gegenwart tief in sich fühlt und warum er wie handelt. Es ist so, wir sind das Kind unseres Vaters und unserer Mutter, ob wir das nun gut finden oder nicht, ob sie gut für uns waren oder nicht, und das wirkt sich auf allen Lebensbereichen und eben besonders in unseren Liebesbeziehungen aus. Die Kindheit hat uns geprägt und sie bestimmt nicht zuletzt auch unsere Beziehungsmuster, zu uns selbst und mit anderen.

War der Vater in Kindheit abwesend oder emotional nicht erreichbar, ziehen Frauen, die ihr Vaterthema nicht verarbeitet haben später mit großer Wahrscheinlichkeit Männer an, die emotional nicht erreichbar sind, oder sie werden immer wieder verlassen. Frauen die einen schwachen Vater erlebt haben finden sich immer wieder in Beziehung mit dem ewigen Jüngling. Er fungiert quasi als Stellvertreter für den schwachen Vater, den sie als Kind, stärken, helfen oder sogar ‚retten’ wollten. Der schwache Vater lässt sie als Frau später, nach dem Gesetz der Resonanz schwache Männer anziehen, denen sie helfen will, Stärke und Größe zu finden, sprich ein Mann zu werden, den sie im Vater nicht finden konnte. Wer als Mädchen erfolglos versucht hat, die väterliche Schwäche auszugleichen, sucht sich als Frau genau jene Männer als Partner aus, die an irgendetwas schwächeln, z.B. an einer Sucht, einer Persönlichkeitsstörung, an einer Depression, an mangelndem Durchsetzungsvermögen, oder an einer tiefen Unfähigkeit ihr Leben eigenverantwortlich und proaktiv zu meisten. Sie tut bis zur Selbstverleugnung alles um diesen Mann aus seinem Dilemma zu befreien und ihn emotional zu füttern und zu versorgen. Was beim Vater nicht gelang, wird in einem endlosen Wiederholungsversuch nahezu zwanghaft bearbeitet, denn das Unbewusste ist noch immer davon überzeugt: Wenn es mir gelingt einen einzigen Mann zu retten, rette ich meinen Vater. Unsere Beziehungen sind, bis wir unsere Beziehung zu Vater und Mutter und ihre prägenden Muster erkannt und aufgelöst haben, der ewige Versuch  das Drama der Kindheit zu reinszenieren. Erst wenn eine Frau erkennt, dass sie sich noch immer in der destruktiven Kindheitsbeziehung zum schwachen Vater befindet, wird sie begeifen, dass sie den Mann durch ihr Retter-Verhalten nicht erlöst, sondern nur weiter schwächt und sich selbst auch, nämlich indem sie ihre Energie auf den untauglichen Versuch verschwendet, kann sie sich aus dieser destruktiven Verstrickung befreien. Die Befreiung unserer Selbst gelingt nicht, indem wir versuchen den Partner zu retten oder zu verändern, sondern indem wir uns uns selbst zuwenden und uns die Beziehung zum Vater und zur Mutter der Kindheit anschauen und schließlich versuchen diese Verstrickungen lösen. Für eine Frau, die sich immer wieder schwachen Männern zuwendet ist es hilfreich sich klar zu machen, was einen Mann ausmachen könnte. Das gilt ebenso für schwache Männer, die kein hinreichend gutes männliches Vorbild hatten. Und dann zu schauen, woran es im eigenen Leben an männlichen Atrributen mangelt und was wir beim anderen suchen und unbewusst in einem untauglichen Selbstheilungsversuch an inneren Mängeln und Sehnsüchten ausgleichen wollen. Die Welt ist voll mit Frauen, die Männer retten und voll mit Männern, die Frauen retten wollen. Retten wollen ist der infantile Wunsch des Inneren Kindes, der uns suggeriert: Wenn du den anderen rettest, rettest du deine unvollkommene Kindheit. Wenn wir uns in unserem Beziehungsverhalten verstehen wollen, kommen wir nicht umhin den Vater und die Mutter der illusionistischen Verklärung oder der wütenden Anklage zu entheben und ehrlich zu uns selbst zu sein und klar zu erkennen, was es war, was sie uns nicht geben konnten, denn das ist es, was wir in uns selbst zu entwickeln haben um aus den destruktiven Beziehungsverstrickungen in unserer  Gegenwart zu lösen. Der ewige Jüngling muss begreifen, dass es Zeit wird ein Mann zu werden und die Frau, die ihn stark machen will, muss sich das geben, was sie dem schwachen Mann vergeblich anträgt – inneren Halt.



Nachtrag: Nur wer sich selbst halten kann, kann andere halten. Hält einer den anderen, kann keiner mehr alleine und selbstbestimmt gehen. Das ist Verstrickung, die Menschen bindet und zwar nicht in reifer Liebe, sondern in kindlicher Abhängigkeit.




Kommentare:

  1. Sehr guter Artikel, den jeder gelesen haben sollte!

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  2. Sehr guter Artikel, aber eine Frage bleibt offen:

    Also wenn ich als Frau zu innerer Stärke finde und nicht mehr retten möchte, könnte ich ja mit einem "Jüngling" klarkommen oder etwa nicht.

    Wenn doch fast alle Männer Jünglinge sind, genügt es dann wenn die Frau aufhört zu retten und akzeptiert oder muss der Jüngling auch bereit sein, zu innerer Stärke zu finden?

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  3. Sehr guter Artikel, aber eine Frage bleibt offen:

    Also wenn ich als Frau zu innerer Stärke finde und nicht mehr retten möchte, könnte ich ja mit einem "Jüngling" klarkommen oder etwa nicht.

    Wenn doch fast alle Männer Jünglinge sind, genügt es dann wenn die Frau aufhört zu retten und akzeptiert oder muss der Jüngling auch bereit sein, zu innerer Stärke zu finden?

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  4. Sehr guter Artikel aber eine Frage bleibt offen. Wenn ich als Frau aufhören würde den Retter zu spielen, reicht das dann? Oder muss der Jüngling ebenso zur inneren Stärke finden?

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  5. Nachtrag: ich hatte einen abwesenden Vater, der immer viel gearbeitet hat, aber habe ihn NIE als schwach wahrgenommen. Im Gegenteil, mein Vater war das Oberhaupt und er war fair und respektvoll. Könnte mir keinen besseren wünschen. Auch heute noch sehe ich zu ihm hinauf, zu meiner Mutter ebenso.
    Trotzdem ziehe ich Jünglinge an. Bereits zum 3. Mal.

    Warum?

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  6. eine solche frage zu beantworten, ohne den menschen zu kennen, maße ich mir nicht an.

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