Dienstag, 31. März 2015

Aus der Praxis - Der innere Schweinehund, oder warum Unterdrücken krank macht


 

C. G. Jung schrieb: „Einen Menschen seinen Schatten gegenüberstellen heißt, ihm auch sein Licht zu zeigen. Er weiß, dass dunkel und hell die Welt ausmachen. Wer zugleich seine Schatten und sein Licht wahrnimmt, sieht sich von zwei Seiten, und damit kommt er in die Mitte.“

Aus Erfahrung weiß ich, er hat Recht. Die meisten Menschen sind nicht in ihrer Mitte. Sie sind zerrissen in sich selbst, sie sind sich ihrer selbst nicht sicher und je unsicherer sie sind, desto fester versuchen sie sich an das Bild zu klammern, das sie von sich selbst haben. In diesem Bild aber fehlt etwas, nämlich das, was sie an sich selbst nicht sehen wollen.

 Alles was wir an uns selbst nicht sehen wollen nennt man Schatten. Man könnte auch der innere Schweinhund dazu sagen. Je weniger wir bereit sind Schattenarbeit zu machen, sprich unseren inneren Schweinehund aufzuspüren, desto mehr geraten wir in Gefahr, dass uns der Schatten im Außen begegnet. Jeder äußere „Bösewicht“ ist ein Repräsentant des Schattens, mit dem wir uns nicht identifizieren und den wir abspalten. Er ist der äußere Träger des fehlenden, unausgelebten oder verdrängten Prinzips unseren vollständigen Wesens.

Je massiver ein Mensch verdrängt, desto massiver werden die projizierten Träger seines fehlenden Prinzips im Außen sichtbar. Mit anderen Worten: Je mehr und je öfter uns im Außen Menschen begegnen oder Erfahrungen zuteil werden, die wir verurteilen oder zutiefst ablehnen, desto massiver ist der Hinweis auf das, was es zu entwickeln gilt um ganz zu werden.
Je beharrlicher wir versuchen, unsere Schatten zu unterdrücken, desto wahrscheinlicher wird sich diese geballte unterdrückte Energie gegen unsere Lebendigkeit wenden. Wir werden starr, weil wir uns beherrschen und kontrollieren wollen, weil wir glauben, das, was da als innerer Schweinhund in uns lebt, kann uns nur schaden, also halten wir ihn schön an der Leine und damit binden wir nicht nur das, was wir auch sind, sondern kostbare lebendige Energie. Wir tun das, weil wir Angst haben die Kontrolle zu verlieren, ins Chaos zu stürzen, orientierungslos zu werden, den Halt zu verlieren oder weil wir uns schämen, dass es etwas in uns gibt, was nicht „gut“ ist und viele von uns haben Angst verlassen zu werden, wenn die Anderen sehen, wer wir auch sind.

Wenn wir unsere Schattenenergie beherrschen wollen, leben wir nicht alle Teile der Person, die wir sind. Wir unterdrücken etwas Wesentliches und trennen uns von dem, was auch zu uns gehört. Wir schneiden es ab. Das kostet immense Kraft und dieser Schnitt schmerzt dauerhaft. Er wird zu einer Wunde, die gärt und nicht heilen will. Jede Form von Unterdrücken, ganz gleich von welcher Qualität von Lebensenergie, wirkt wie ein Störfeld, das unseren Organismus durcheinander bringt. Es kommt zu psychischen und physischen Krankheiten.

Unsere Schatten hausen dort wo unsere tiefsten Ängste sitzen, dort wo wir immer wieder mit Gefühlen von Hilflosigkeit, Wut, Trauer, Verzweiflung, Ohnmacht oder brennender Sehnsucht konfrontiert werden. Gefühle, die wir vor uns selbst und anderen verbergen wollen, weil wir sie als schlecht empfinden und/oder weil wir glauben sie nicht aushalten zu können. Sie stören das Bild, das unser Ego von uns hat, sie stören die Rolle, die wir uns selbst und anderen vorspielen, sie stören das Leben in dem wir uns eingerichtet haben, ein Leben von dem wir glauben nur das Gute, das Saubere, das Moralische habe darin Platz. Aber das Leben schließt alles ein und ein Leben das ausschließt, schließt die Seele ein und damit das, was sie erfahren will - und das ist weitaus mehr als ein funktionierender Alltag, der in Gewohnheit, Pflicht und Routine vor sich hin plätschert und in dem Unwägbarkeiten nicht aufzutreten haben. Aber genau dort, wo wir spüren, da ist etwas schmerzhaft, finden wir das Geheimnis intensiver Lebendigkeit.

Erst wenn wir verstehen, dass alles auch eine dunkle Seite hat und diese als gegeben anerkennen werden wir ganz. Es ist wie mit dem Teufelchen auf der einen Schulter und dem Engelchen auf der anderen, beide sitzen da, ob wir es nun wollen oder nicht. Und der kleine Teufel bleibt sitzen, auch wenn wir ihn ignorieren.

Immer mehr Menschen fühlen sich niedergeschlagen oder depressiv. Ihr ganzen Denken ist auf die Frage ausgerichtet, wie sie ihr Leben verbessern können. Aber genau mit diesem „verbessern wollen“ fokusieren sie sich auf Etwas, das im Außen als besser anerkannt wird oder sie kleben an alten Überzeugen, die man ihnen als Kind beigebracht hat, darüber wie sie selbst und ein gutes Leben zu sein haben. Sie kommen gar nicht auf die Idee dort hin zu schauen, wo das Bessere ist, nämlich dort wo etwas in ihnen selbst fehlt. Auf dieses Weise schneiden sich immer mehr Menschen von ihrer wahren Tiefe ab. Sie klammern sich an ein illusionistisches Sicherheitsdenken und nehmen sogar Situationen als Probleme wahr, die sich ihnen als Lösungen präsentieren. Was wir suchen ist da, wenn wir aufhören uns dadurch selbst abzulehnen, dass wir uns verbessern wollen. Denn das bedeutet wir mögen uns so wie wir sind nicht, wir lieben uns selbst nicht bedingunglos – wir geben uns selbst nicht die Liebe, die wir uns so sehr ersehnen. Wie also wollen wir sie von anderen bekommen? Das größte Problem, das wir haben, ist der Widerstand gegen das, was in uns lebendig werden will.

Das Außen folgt immer dem Inneren. Alles, was wir im Außen wahrnehmen  und erfahren, sind die Manifestationen unseres Bewusstseins und unseres Unterbewussten. So ist jeder äußere Widerstand, der sich uns in den Weg stellt, sei es eine Krankheit, eine berufliche oder private Krise, immer ein Träger eines ungelebten, verdrängten Teils in uns, der uns zeigen will – hier ist etwas zu entwickeln und zu (er)lösen. Aber immer dann, wenn Lösungsprozesse sich in Gang setzen will, sträuben wir uns dagegen, um unseren Ängsten nicht ins Gesicht schauen zu müssen. Wir spüren nämlich, dass wir zuerst etwas Altes aufgeben müssen, um etwas Neues beginnen zu können. Wenn wir aber Wandlungsrufe mit aller Macht verdrängen, kann sich das auf allen Ebenen des Organismus ausdrücken. Darum ist es reine Energieverschwendung einen Wandlungsruf als ungut zu bewerten und gegen ihn anzukämpfen. Je mehr Aufmerksamkeit wir dem Widerstand schenken, je drängender unser Wille ist – das soll weggehen – desto stärker wird der Widerstand, denn er wächst genau in dem Maße wie wir unsere Kraft und unsere Energie gegen ihn wenden. Diese Energie fehlt uns dann auf allen anderen Ebenen unseres Lebens. Es ist wie mit einer Pflanze, die gedeiht, wenn wir ihr Aufmerksamkeit schenken. In Falle des Widerstandes wird jedoch eine Giftpflanze wachsen, die uns langsam von Innen heraus zersetzt. Gelingt es uns aber den äußeren Widerstand als einen Spiegel unseres inneren Widerstandes zu erkennen, werden wir dazu fähig uns eine Schattenseite bewusst zu machen und sie als Teil unseres Soseins anzunehmen. Das ist das Ja zu uns selbst.

Sich selbst erkennen heißt also der eigenen Wahrheit ins Gesicht zu blicken und sie sich selbst gegenüber schonungslos ehrlich auszusprechen. Das Ego mag das alles nicht sehen und es mag das auch nicht hören, es wird, je klarer wir werden, versuchen gegen uns zu arbeiten, es wird mit aller Macht die alten Denkmuster und Überzeugungen festhalten wollen, denn es fürchtet sich vor nichts mehr, als seine Macht zu verlieren. Was wenn das Bild, das ich über all die Jahre von mir aufgebaut habe zusammenbricht? Dann bin ich erledigt, sagt das Ego. Ja, dann sind wir erledigt und zwar als der, der wir nicht sind. Aber wir werden dann zu dem was wir wirklich sind – unser eigenes Hell und unser eigenes Dunkel, wir werden ganz. Der Schweinehund darf endlich los von der Leine, er darf leben, er darf ausleben, was wir ihm nicht erlaubt haben und damit wird gestockte Energie frei.

Der Weg der Schattenintegration ist lang und er ist schmerzhaft. Ich weiß aus der eigenen Erfahrung, es tut weh zu sehen, was wir in uns selbst auch haben und was wir nicht nutzen, denn nicht jeder Schatten ist „böse“. In jedem Schatten steckt zugleich auch großes ungenutztes Potenzial, wenn wir es nur sehen wollen.

Viele Menschen suchen ihr Heil in der Meditation. Sie begeben sich auf den sogenannten spirituellen Pfad, sie hoffen auf inneren Frieden und die Fähigkeit ihr Gedankenkarussell zu stoppen, manche erhoffen sich sogar damit seelische und körperliche Krankheiten zu heilen. Das ist an sich gut und schön, aber die Meditation trägt die große Gefahr in sich, sich in eine neue Illusion zu verhaften, sie hat das Potenzial die Verdrängung aufrechtzuerhalten oder sie sogar zu manifestieren. "Wenn Sie versuchen, zu meditieren, ohne Ordnung in Ihrem Leben geschaffen zu haben, werden Sie in die Falle der Illusionen tappen“, sagt der weise Krishnamurti und er hat Recht. Er hat Recht, weil das Leben ein Erkenntnisprozess ist, der sich mit der Zeit entfaltet. Wir können diesen Prozess nicht beschleunigen und schon gar nicht herbeimeditieren, nicht bevor wir den Kanal von Innen gereinigt haben, nicht bevor die eigenen Schatten erkannt und integriert wurden. Ignorieren wir die Dynamik dieses Prozesses in dem wir uns einen Weg der Abkürzung nehmen, bestätigen wir nur wieder das Ego, das will und nicht warten kann, das verbessern will ohne vorher aufzuräumen und aus dem Keller zu holen, was gesehen werden will.

Das Ego ist unfassbar trickreich, wenn es seinen Machtverlust spürt und es ist so schlau, dass es sogar spirituelle Konzepte dazu benutzt, sich zu stabilisieren und weiter zu „verbessern“. Die wahre spirituelle Reise führt uns wie die Helden im Märchen immer auch durch die Schattenwelt und zwar durch die eigene. Die spirituelle Reise unseres Lebens bedeutet nicht, dass wir an einen anderen Ort gelangen, wo etwas auf uns wartet, was besser ist als das, was ist und was wir glauben  nicht zu haben. Sie führt dahin uns in unserer ganzen Person zu begreifen und uns unserer Bestimmung bewusst zu werden. Und die liegt nicht im friedlichen Nirwana eines idealen Ortes irgendwo da Vorne, wie wir es gern hätten, sie zu finden ist ein Prozess der nach Innen geht und zwar nach Hinten in die Erinnerung an unsere wahres Wesen mitsamt dem, was wir verdrängen. Jeder der diese Reise gemacht, weiß, der Weg geht zuerst einmal durch die dunkle Nacht der Seele, denn nur an diesem Ende beginnt ein neuer Morgen.

Sich selbst erkennen heißt, sich an sich selbst erinnern und zwar an das, was von Beginn an in uns ist. Was du nicht lebst, lässt dich nicht leben, sagt eine alte Therapeutenweisheit. Ist diese Frage beantwortet, kann die Heilung beginnen.














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