Mittwoch, 17. Dezember 2014

AUS DER PRAXIS: Das Parental Alienation Syndrom, oder wenn verlasse Elternteile ihre Kinder als Waffe gegen den Expartner benutzen



Zum Wohl des Kindes gehört der Umgang mit beiden Elternteilen. Auch nach einer Trennung oder einer Scheidung, hat das Kind ein Recht auf das Zusammensein mit jedem Elternteil. Laut Gesetz sind beide Elternteile zum Umgang berechtigt und sogar verpflichtet. Für das Kindeswohl ist es daher immens wichtig, diese Beziehung nach einer Trennung aufrecht zu erhalten. Der Beziehungs- und Bindungserhalt ist ein wesentliches Kriterium des "Kindswohls". Das Kind ist somit bei einem Elternteil, der die Beziehung zum anderen wertschätzt und fördert, am besten aufgehoben. Kurz: Ein jedes Kind braucht Vater und Mutter, es hört ja nicht auf, beide nach der Trennung, zu lieben. Wo allerdings der Kontakt zu einem Elternteil fehlt, zum Beispiel zum Vater (was in der Realität viel öfter vorkommt als der Kontaktabbruch zur Mutter), bleibt das Kind im wahrsten Sinne des Wortes an der Mutter "kleben". Es kommt zu einer ungesunden inneren und äußeren Symbiose, die massive Folgen für die kindliche Persönlichkeitsentwicklung hat. Ungelöste Symbiose-Komplexe aus der Kindheit spielen bei vielen psychischen Erkrankungen im Erwachsenenalter eine erhebliche Rolle.

Mädchen und Jungen brauchen die liebevolle Zuwendung und das Vorbild von Mutter und Vater, um über positive Identifikationsprozesse ihre weibliche, bzw. männliche Identität zu entwickeln. Sie ist unabdingbar für ein gesundes Selbstkonzept und um später ein stabiles Beziehungs- und Bindungsverhalten entwickeln zu können. Verliert das Kind jedoch einen Elternteil wird seine psychische Struktur tiefgreifend erschüttert. Die meisten Scheidungskinder erleben den Verlust eines Elternteils als gegen sich selbst gerichtet. Sie fühlen sich schuldig und wertlos. Wertlos im Sinne von: “Ich bin es nicht wert, dass Mama, bzw. Papa bleibt.“ Schuldig im Sinne von: „Ich war nicht lieb oder nicht gut genug.“ Wird nun auch noch die Beziehung zu einem Elternteil abgebrochen, erlebt das Kind einen tiefen Schmerz. Es fühlt sich innerlich zerrissen und seine Seele erleidet einen irreparablen Schaden.

Kinder, die so empfinden, senden immer Signale. Innerer Rückzug, Schweigen, Abkapselung, aggressives oder dissoziales Verhalten, Depressionen und Ängste sind die häufigsten Symptome. Um die Situation irgendwie aushalten zu können, verdrängen betroffene Kinder ihren Schmerz oder spalten ihn ab. Nach außen merkt niemand mehr etwas. Erst Jahre später, oftmals auch erst als Erwachsene, tauchen diese verletzten Kinder in psychotherapeutischen Praxen auf.

Bedauerlicherweise werden die Signale des Kindes vom Umfeld in vielen Fällen nicht bemerkt oder nicht richtig gedeutet und so unterbleibt die notwendige Hilfe. „Als besonders gefährdet müssen Kinder gelten, die nach außen ein scheinbar völlig unauffälliges Verhalten zeigen. Sie passen sich an, sind verstummt und "weinen nach innen", ohne ihre Not noch äußern zu können, so dass sie auch nicht mehr gehört werden, schreibt der Kinderpsychoanalytiker Helmuth Figdor in seinem Buch "Kinder aus geschiedenen Ehen: Zwischen Trauma und Hoffnung".

Besonders fatal ist es, wenn das Kind einen Elternteil aus seinem Leben verbannt. Dazu kommt es, wenn ein durch die Trennung verletzter Partner beginnt das Kind zu instrumentalisieren um den anderen abzustrafen oder Rache an ihm zu üben. Ein Phänomen, das dies benennt, ist das sogenannte Parental Alienation Syndrom, kurz PAS-Syndrom.

PAS bezeichnet einen speziellen Bereich bei Umgangsproblemen nach Trennungen in Familien. Der Beziehungsverlust wird hier aktiv durch die Programmierung durch einen Elternteil verursacht.  In Folge kommt es beim Kind schließlich zur Kontaktverweigerung. Meist geht dieser Verweigerung eine lange Geschichte von Selbstmitleid und vor allem Hass oder Wut des verlassenen Partners auf den anderen voran. Das hat zur Folge, dass das Kind einen Teil von sich als negativ empfindet, mit anderen Worten: Eine Seite seines Wesens wird psychisch buchstäblich amputiert, mit entsprechend schweren Folgen für die Persönlichkeitsentwicklung.

Das PAS -Syndrom wurde erstmals 1984 von Prof. Richard Gardner, einem amerikanischen Kinderpsychiater, beschrieben. Dieser schätzt, dass PAS in etwa 90% aller strittigen Sorgerechtsfälle auftritt. 1992 erschien sein Buch zum Thema unter dem Titel "The Parental Alienation Syndrome". Gardners Verdienst ist die systematische Beschreibung dieses Syndroms, seiner Ursachen, Begleiterscheinungen und seiner schwerwiegenden Folgen für das Kind. Anstoß für Gardner war die eigene therapeutische Arbeit mit erwachsenen Scheidungskindern, bei denen sich die PAS-Problematik als wesentlicher Hintergrund für schwere psychische Probleme herauskristallisierte.

PAS bedeutet so viel wie "Eltern-Kind-Entfremdungs-Syndrom" oder "Eltern-Feindbild-Syndrom". Ein Phänomen, das durch die subtile Manipulation oder eine beständige negative Programmierung durch einen verletzten, rachesüchtigen Elternteil erzeugt wird. Diese Programmierung führt zu einer konditionierten unbegründeten, kompromisslosen Zuwendung des Kindes zu dem scheinbar "guten" Elternteil, der unschuldig verlassen wurde und mit dem es zusammenlebt. Andererseits entwickelt das Kind eine ebenso kompromisslose, feindselige Abwendung vom angeblich "bösen“ und "verhassten" Elternteil, der an allem schuld ist und mit dem es nicht mehr zusammenlebt.

Der scheinbar „gute“ Elternteil setzt das Kind unter Missbrauch seiner meist uneingeschränkten Einflussmacht, bewusst oder unbewusst  einer permanenten Beeinflussung aus, die beim Kind ein negatives Bild bis hin zur Verachtung des anderen Elternteils erzeugt, bis es schließlich nicht anders kann als diesen Elternteil zu hassen oder zu verachten und er zum Feindbild wird.

Da Kinder bis in die Adoleszenz hinein, aufgrund der natürlichen psychischen Entwicklung, noch über keine ausgereifte Differenzierungsfähigkeit verfügen, kann sich ein Kind nur an Extremen orientieren. Die Suggestion des negativen Fremdbildes des manipulierenden Elternteils dem anderen Elternteil gegenüber führt in der Seele des Kindes zu einem psychodynamischen Prozess,  der schließlich zum Selbstläufer wird. Das Kind hat am Ende keine Wahl mehr: Es wendet sich vom entfremdeten Elternteil ab, und weist jeden Kontakt mit ihm zurück, unbewusst um dem anderen Elternteil seine Loyalität und seine bedingungslose Liebe zu erweisen. Das Kind lehnt den außerhalb lebenden Elternteil aber in Wahrheit nur aufgrund von Gehörtem und suggeriert Übernommenem des manipulierenden Elternteils ab. Es ist zum Instrument eines emotionalen Krieges geworden, sprich es ist Ausführender des Vergeltungs- oder Rachebestrebens eines Elternteils, der es nicht verwindet verlassen worden zu sein. Das Kind lehnt den Verlassenden also nicht aufgrund von eigenen unguten Erfahrungen ab, sondern aufgrund einer Art Gehirnwäsche (von Gardner "Brainwashing" bezeichnet). Abgelehnt werden dabei ganz normale Elternteile, die ihre Kinder lieben und von diesen geliebt werden, bzw. wurden.

Das Leid das einem Kind auf diese Weise zugefügt wird ist Kindesmissbrauch. Ein Kind braucht Vater und Mutter und Vater, auch wenn beide kein Paar mehr sind. Es braucht für eine gesunde Entwicklung das Erleben beider Geschlechterrollen und Persönlichkeitsanteile, es braucht männliche und weibliche Anteile um ein stabiles und gesundes Selbst bilden zu können, es braucht als gemeinsames Kind, das nicht zuletzt die genetischen Anteile beider Elternteile in sich trägt, beide.

Wer als Elternteil einem Kind den Vater oder die Mutter entzieht, macht sich strafbar im Sinne der Menschenrechte, er macht sich strafbar am langsamen Sterben eines kindlichen Seelenanteils. Daher ist es nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht des abgestoßenen Elternteiles zu handeln um dieser Tat Einhalt zu gebieten und die Seele des eigenen Kindes zu schützen. Ich erinnere an den Anfang meiner Ausführungen: Laut Gesetz sind beide Elternteile zum Umgang berechtigt und sogar verpflichtet. Für das Kindeswohl ist es daher immens wichtig diese Beziehung nach einer Trennung aufrecht zu erhalten. Das Kind ist somit bei dem Elternteil, der die Beziehung zum anderen wertschätzt und fördert, am besten aufgehoben

Erster Ansprechpartner ist in diesen Fällen das Jugendamt.

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