Samstag, 22. November 2014

AUS DER PRAXIS – Narzissmus, oder die Fantasien der eigenen Großartigkeit



Der Mythos des Narziss von Ovid erzählt die Tragödie von dem schönen Sohn des Flussgottes Kephisos und der Leirope. Weil er so schön ist, wird Narziss von Männern wie Frauen umworben, die er jedoch allesamt verschmäht und grob abweist. Für sein herzloses Verhalten wird Narziss von der Göttin Nemesis mit einer unstillbaren Selbstverliebtheit bestraft. Da er niemand anderen zu lieben fähig ist, darf er nur mehr sich selbst lieben. Auch die Bergnymphe Echo verliebt sich in Narziss. Sie hat zuvor im Auftrag von Zeus dessen Frau Hera mit Geschichten abgelenkt, um Zeus Zeit zu verschaffen, sich seinen sexuellen Ausschweifungen hingeben zu können. Hera bestraft Echo, indem sie ihr die Sprache raubt und sie dazu verdammt, nur die letzten Worte, die an sie gerichtet werden, wiederholen zu können. Echo folgt Narziss, als dieser durch den Wald streift. Unfähig ihm seine Liebe zu gestehen, weil sie stumm ist, wird auch sie von ihm abgewiesen. Als Narziss sich eines Tages zum Trinken über einen Teich beugt, nimmt er seine Spiegelung wahr und verliebt sich in sein Spiegelbild, wobei er nicht erkennt, dass er es selbst ist, den er im Wasser sieht. Seine Liebe zu dem schönen Bild, das er im Wasser gespiegelt sieht, ist so groß und unerfüllbar, dass er aus lauter Verzweiflung darüber, dass das geliebte Gegenüber ihm keine Antwort gibt, Tag und Nacht am Teich verbringt um sich selbst zu bespiegeln. Am Ende ertrinkt Narziss im Versuch das geliebte Wesen im Teich zum umarmen. Nach seinem Tode wird er in eine Narzisse verwandelt.

Der Mythos des Narziss ist eine tragische Geschichte, die ambivalente Gefühle weckt. Zum einen empfinden wir Mitgefühl mit Narziss, zum anderen bleibt er uns fremd, denn jeder, der ein Herz hat, wird kaum begreifen können, wie man die Liebe so konsequent zurückweisen kann, wie es Narziss tat. 

Die wahre Tragödie des Narziss aber ist, dass er sich selbst nicht lieben kann, er liebt nur das Bild, das er vor sich hat. Er ist unfähig eine Verbindung zwischen seinem Selbst und diesem Bild herzustellen. Er bleibt beziehungslos, sich selbst und anderen gegenüber und geht daran zugrunde. 
Narzisstische Menschen gibt es heute noch und es scheint, dass unsere multimediale Konsumgsellschaft mehr von ihnen „produziert“. Der Philosoph Byung-Chul Han erklärt  in seiner Schrift die „Agonie des Eros“ die Symptome und Folgen unserer narzisstisch-erschöpften Konsumgesellschaft. Dieses Zitat des Autors trifft es im Kern: „Dem narzisstischen Subjekt erscheint die Welt nur in Abschattung seiner selbst. Das narzisstisch-depressive Subjekt ist erschöpft und zermürbt von sich selbst. Es ist weltlos und vom Anderen verlassen.“ 

Narzissten empfinden sich alle in irgendeiner Hinsicht als großartig oder als besonders. Im Tiefsten halten sie sich für einzigartig, sie überschätzen sich selbst und haben ein großes Bedürfnis nach Bewunderung. 
Durch ihr grandioses Selbstbild reagieren sie extrem empfindlich auf Kritik und erleben starke Stimmungsschwankungen, sobald etwas passiert, das ihre innere Welt ins Wanken bringt. Nun, eine gesunde Portion Selbstliebe braucht jeder von uns und ohne sie ist die Liebe zu anderen Menschen überhaupt nicht möglich. Schon die alten Griechen waren der Überzeugung, dass Selbstliebe gut sei und Sigmund Freud erkannte den Narzissmus als gesunden Mechanismus der menschlichen Selbsterhaltung. Ein wenig Narzissmus ist also keinesfalls ungesund, sondern ein Teil unseres Wesens, das uns fähig macht uns selbst und andere erst lieben zu können. 

Anders verhält es sich mit der Narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Hier ist die Gier, sei es nach Geld, Bewunderung oder Lebensvorteilen, der Kern der Störung.  
Der narzisstische Mensch ist seinem Wesen nach ein um Anerkennung ringender, im Innersten stark verunsicherter Mensch, der ständig zwischen dem Gefühl von Grandiosität und Wertlosigkeit schwankt. Getrieben von der Sehnsucht nach Bestätigung, versucht er alles um diese Grandiosität zu erhalten, sei es durch Konsum, Besitz, oder durch Handlungen, die ihm Bestätigung vermitteln. Diese Gier ist ein zentrales Symptom der narzisstischen Bedürftigkeit. So dramatisch wie im Narziss Mythos verläuft die Biografie moderner Narzissten allerdings nicht. Den meisten Betroffenen fällt ihre verzerrte Wahrnehmung von sich selbst nicht auf. Sie spüren nur ein tiefes Leiden, weil sie glauben, dass das Leben ihnen etwas schuldig bleibt, ohne zu wissen, was genau dieses schuldig bleiben ist. 

Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung sind Getriebene, sie fühlen eine innere Leere, die süchtig gefüllt werden muss, was ihnen aber niemals gelingt.  
Was ihnen fehlt, ist das gesunde Empfinden für das eigene Selbst, ihre realistischen Möglichkeiten und die eigene Mitte. Hin und her schwankend zwischen „Ich bin etwas besonderes, ich will dass das gesehen wird, und „Ich bin ein Nichts, wenn ich nicht gesehen werde“, leben sie in einem Zustand innerer Zerrissenheit. Die äußere Welt ist entweder Freund oder Feind, und Feind ist immer der, der ihre vermeintliche Grandiosität nicht erkennt. Mit anderen Worten: Die narzisstische Persönlichkeitsstörung gründet auf einer mangelhaften Anerkennung der eigenen Persönlichkeit. Der Narziss versucht dieses Defizit auszugleichen, indem er Bewunderung durch andere sucht. Wie bei anderen Persönlichkeitsstörungen sind einzelne Persönlichkeitsmerkmale in einer extremen Gravidität ausgeprägt. Dadurch werden Denk- und Verhaltensweisen starr und grobschematisch. Das zeigt sich in einer mangelnden Flexibilität ist im sozialen Verhalten. 


Der Narziss kann seine Umwelt nicht richtig verstehen. Er hat keinen echten emotionalen Bezug zu anderen, er empfindet die Welt überwiegend als feindlich und die Menschen als minderwertig und in extremen Fällen sogar als schlecht. 
Wenn er Beziehungen eingeht, tut er das nach dem Nutzen, den diese für ihn bringen. Er ist unfähig zu lieben und liebt sich selbst nur solange im anderen, solange der Andere ihm seine Besonderheit spiegelt. Tut ein Partner das nicht mehr, wird er abgewertet und es beginnt die Suche nach einem neuen Spiegel. Es ist wie mit Narziss und dem See. Die narzisstische Persönlichkeitsstörung bzw. der Narzissmus gehört zu den psychischen Störungen, die mit einer nicht anpassungsfähigen Persönlichkeit verbunden sind. Sie ist komplex und hat vielen Symptome. Mangelndes Selbstbewusstsein Minderwertigkeitskomplexe, die Angst kritisiert zu werden, das Gefühl von Beziehungslosigkeit, innere Leere und mangelnde Sozialkompetenz sind nur einige.

Die narzisstische Persönlichkeitsstörung ist die Folge einer Kindheit, in der die Eltern ihrem  Kind zu wenig Beachtung und kaum oder keine  Anerkennung vermitteln konnten. 
Unter diesen Bedingungen kann sich kein Gefühl für das eigene Selbst entwickeln. Um sich in diesem Umfeld, das ihm keine Resonanz für sein Wesen zurückgibt, zu behaupten, eignet sich das Kind ein maskenhaftes und schauspielerisches Verhalten an. Das traumatische Erlebnis der Nichtbeachtung für das, was das Kind ist, wird im Erwachsenenalter in mangelndem Selbstbewusstsein, fehlendem Selbstkonzept und eben dieser übersteigerten Suche nach Bewunderung, oftmals mit auch mit einem Gefühl von Leistungszwang, wiederholt. Leistet der Narziss in seinen Augen nichts Großes oder Besonderes, fühlt er sich nicht erkannt und innerlich vernichtet.

Die meisten Betroffenen sind sich ihres Verhaltens nicht bewusst, es geschieht nicht mit Absicht.
Die Tragik moderner Narzissten ist, dass ihre Selbstwahrnehmung unrealistisch ist und somit die Erwartungen an das Leben stets an der Wirklichkeit scheitern müssen. So produziert ein Mensch mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung permanent verzerrte Ansprüche an seine Umwelt. Der Sucht nach Bewunderung durch ihre Mitmenschen steht eine große Angst gegenüber: Der Narziss fürchtet stets die schlechte Meinung anderer. Misstrauen und Unsicherheit sind ebenfalls Anzeichen für die narzisstische Persönlichkeitsstörung. Die innere Spannung zwischen einem geringen Selbstwertgefühl und Grandiositätsfantasien führt zu einer hohen Verletzlichkeit. Hingegen ist die Fähigkeit, sich in andere Menschen einzufühlen stark reduziert. Unbehandelt führt die narzisstische Persönlichkeitsstörung in einen inneren Käfig. Nicht zuletzt deshalb entwickeln viele Betroffene daher nict selten eine Depression. 

Der Weg aus dem narzisstischen inneren Käfig in ein zufriedenes Leben ist beschwerlich und lang. Entscheidend für die Heilung ist der Wille sich selbst zu erkennen, als Mensch wie jeder andere und einen realitischen Bezug zu den wahren eigenen Anlagen und Möglichkeiten herzustellen, die im Wesenskern angelegt sind. Das Ziel ist, sich selbst geben zu lernen, was als Kind so schmerzlich vermisst wurde, ohne etwas Besonderes sein zu wollen. Ohne Hilfe allerdings gelingt dem Narzsissten dieser Weg nicht, er braucht den Spiegel eines Gegenübers, der ihm nichts verschönert, sondern ihn empathisch reflektiert und ihn aus seiner verzerrten Sicht von Welt langsam befreit. Und in dieser Welt ist viel mehr als er zu spüren vermag, solange er hinter den Gitterstäben seines Käfigs gefangen ist.  

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