Mittwoch, 11. Juni 2014

Aus der Praxis – Abhängige der Liebe


Emotional Abhängige hängen wir Kletten am anderen. Sie brauchen das Gefühl der Symbiose um sich lebendig zu fühlen und um sich selbst zu spüren. Der andere beherrscht ihr Denken, ihr Fühlen, ihr Selbstbild und ihren Alltag.

Die abhängige, auch dependente Persönlichkeit genannt, hat ein geringes Selbstbewusstsein, kaum Durchsetzungsvermögen, damit einhergehend eine geringe Fähigkeit zur Eigeninitiative und klammert sich an andere. Viele Dependente leben in einer depressiven Grundstimmung, beladen von Gefühlen der Schwäche und Hilflosigkeit. Anderen gegenüber geben sie sich passiv, sie sind unterwürfig und anhänglich, mit anderen Worten: Die Verantwortung für wichtige Bereiche des eigenen Lebens wird nicht selbst übernommen, sondern an andere abgegeben. Ihre eigene Meinung äußern sie oft nicht, aus Angst verlassen zu werden, ebensowenig wie sie die eigenen Bedürfnisse wahrnehmen, sondern sie denen anderer unterordnen. Alleinsein fällt Betroffenen extrem schwer, denn unbewusst haben sie die Überzeugung verinnerlicht: Ich kann nicht für mich selbst sorgen. Ihre größte Angst ist es verlassen zu werden und auf sich selbst angewiesen zu sein. Andererseits löst das Gefühl des Verlassenseins wie ein Trigger genau diese Angst aus.
 
Das Grundproblem der dependenten Persönlichkeit besteht darin, dass Ambiguitätstoleranz - ein steuerndes Regulativ der Aufnahme-, Verarbeitungs- und Speicherungsprozesse von Informationen in widersprüchlichen Situationen, um logische Bewältigungsformen von Widersprüchen situationsadäquat einzusetzen - schwach oder gar nicht ausgebildet ist. Daher kopieren diese Menschen nicht selten den Willen anderer und setzen ihn an die Stelle, wo der eigene Wille gefragt ist. Es geht also nicht, wie man denken könnte, um eine emotionale Bindung zu einem anderen Menschen, sondern im Grunde um die Hinwendung zu einem Objekt, das als Mittel zur Meinungsfindung gebraucht wird. Eine tiefe emotionale Bindung reicht bei diesen Menschen über die einer kindlichen Abhängigkeit von Bezugspersonen nicht hinaus. Viele emotional Abhängige leben in einem Zustand des Schwarz-Weiß-Denkens.

Abhängigkeit von einem anderen Menschen bedeutet, dem anderen ausgeliefert zu sein. 
Sie geht mit einem Gefühl ständiger innerer Unruhe, Unsicherheit, Ängsten, depressiven Stimmungen und Getriebensein einher. Meist ist es dem Abhängigen gar nicht bewusst, dass er abhängig ist. Die Symptome der Abhängigkeit sind sehr unterschiedlich und zeigen sich auf vielerlei Ebenen. Ein Beispiel: Der Abhängige will vom Partner bedingungslos geliebt und wertgeschätzt werden und tut dafür alles, bis hin zur Selbstaufgabe. Eine weiteres Beispiel: Der Abhängige braucht die permanente Verfügbarkeit oder Nähe des Partners, er tut alles um die Verbindung permanent aufrecht zu erhalten. Nach dem Motto „hold the line“ muss er sich ständig vergewissern, was der andere tut, wo er ist und dass er für ihn erreichbar ist. Das ganzes Denken ist auf den Partner ausgerichtet. Wenn dieser sich entzieht und sei es nur gefühlt, überfällt den Abhängigen existentielle Verlustangst. 
Jeder Abhängige aber beutet in Wahrheit den Partner aus und missbraucht ihn als Objekt zur Kompensation seines inneren Mangels an emotionaler Autonomie. Allen Abhängigen ist eins gemeinsam – sie sind Abhängige einer falsch verstandenen Konstruktion von Liebe. Abhängigkeit in Beziehungen schwelt oft lange Zeit im Verborgenen, bevor es zu Dauerkonflikten und schließlich zur Eskalation kommt, die die Beziehung endgültig zerstört.
Warum werden Menschen abhängig von anderen?
Das Urmuster beginnt fast immer in der Kindheit. Kinder sind von den Menschen, die sie versorgen, existentiell abhängig. Wenn es aber in dieser Ur-Beziehung an gesunder Nähe und emotionaler Zuwendung mangelt, versucht das Kind dieses Defizit irgendwie auszugleichen. Besonders sexueller oder emotionaler Missbrauch erhöht dieses Zuwendungsdefizit weiter. Wird das Zuwendungsdefizit nicht ausgeglichen, bzw. fehlt dieser Ausgleich ganz, sucht auch das erwachsen gewordene Kind weiter nach diesem misslungenen Ausgleich. Emotionaler Abhängigkeit liegt also in den meisten Fällen eine traumatische Erfahrung im Kindesalter zugrunde, eine Situation, in der sich das Kind an Etwas anpassen musste, dem es kognitiv nicht gewachsen war.  Oft ist es eine Form der anhaltenden Demütigung, die das Kind durch Abspaltung als Form der Ich-Abwehr besser zu ertragen versuchte. Abhängige sprechen daher oft von einem Gefühl des Abdriftens in emotional belastenden Situationen. Menschen, die derart leidvolle Erfahrungen machen mussten, suchen sich später unbewusst einen Partner, der diesen früh erlebten Mangel quasi als Ausgleich nachliefern soll. Besonders wenn der kindliche Missbrauch tief verdrängt oder abgespalten ist, geraten Menschen in die Abhängigkeitsfalle.
Unbewusstes erkennt Unbewusstes.
Zu einer Beziehung gehören immer zwei. Partner, die sich als Versorger zum Ausgleich der unbewussten Zuwendungsdefizite zur Verfügung stellen waren in den meisten Fällen als Kind selbst emotional unterversorgt oder Opfer von Missbrauch. Sie suchen wie der Abhängige diesen Ausgleich beim Partner. Damit treffen zwei Bedürftige aufeinander. Es entsteht eine fatale Beziehungskonstellation. Keiner kann die kindlichen Bedürfnisse des Partners erfüllen, weil er ja selbst bedürftig ist. Das führt zu einem Dauerleiden in der Beziehung. Beide bleiben dort stecken, wo sie schon als Kind steckten, in der emotionalen Unterversorgung.
Jede Art von Abhängigkeit führt zu Leiden und schließlich zu einer emotionalen Auflösung des Selbst, das seit jeher keine Kontur und keine emotionale Stabilität hat.
Im Halt suchen beim anderen verliert sich der Haltsuchende im anderen und wird im Zweifel hörig. In seinem Gefühlsleben lebt das weiter, was er als Kind so schmerzlich empfunden hat: Die Unerreichbarkeit der Bezugsperson, die damals die für das Kind lebensnotwendige Beziehung nicht herstellen konnte. Emotional Abhängige leben oft, mit Unterbrechungen dieses Beziehungsmuster in den verschiedensten Variablen ein Leben lang, ohne sich dessen jemals bewusst zu sein. Verzweifelt versuchen sie bei jedem neuen Menschen anzukommen im Paradies symbiotischer Liebe, aus dem die Eltern sie verstoßen haben oder niemals hineinließen. Durchdrungen vom Gefühl ohne Zuwendung vom Leben abgeschnitten zu sein haben sie keinen Bezug zu sich selbst, kennen ihre wahren Bedürfnisse nur schemenhaft und sind emotional blockiert. Sie misstrauen sich selbst und damit auch dem anderen, am meisten aber misstrauen sie dem, was ihnen als Kind gefehlt hat, der Liebe. Im Grunde sind sie zu echter Liebe nicht fähig, weil sie diese nie gefühlt haben. Das einzige was sie kennen ist in der Tat Abhängigkeit von anderen, etwas, das sie dann für Liebe halten.
Abhängigkeit ist eine Entwicklungsaufgabe des Selbst.
Unternimmt der Abhängige nichts gegen die Ursachen seines neurotischen Musters wird jede Beziehung, die er eingeht in irgendeiner Form einen abhängigen oder ausbeuterischen Charakter haben. Er muss lernen (und das geht nicht ohne eine Therapie), dass Ich zu stärken und ein gesundes Selbst zu formieren. Hilfreiche Therapieansätze sind das ressourcenorientierte Vorgehen als auch die Arbeit mit dem Inneren Kind. Das bedürftige Innere Kind muss lernen, dass es alleine lebensfähig ist. Es muss lernen, seine Verlassenheitsgefühle auszuhalten, sich selbst eine gute Mutter, bzw. ein guter Vater zu sein, um seine innere Abhängigkeit von anderen Menschen auf ein gesundes Maß zu reduzieren. Wer lernt sich selbst und sein inneres Kind gut zu versorgen, muss das Zuwendungsdefizit nicht mehr von anderen fordern und ausgleichen lassen und findet so mit der Zeit zu echtem Selbstwertgefühl. Um irgendwann eine gelingende Beziehung zu führen, muss er begreifen, dass kein Mensch ihm jemals das geben kann, was er sich selbst nicht geben kann. Erst dann wird die neurotische Spirale der Abhängigkeit enden. 
Abhängigkeit von Menschen ist eine Sucht, es ist die Sucht geführt, gebraucht und geliebt zu werden.
Das ist die erste Wahrheit, die der Abhängige für sich selbst anerkennen muss. Und dabei genügt es nicht das Suchtmittel zu entfernen, also nicht darum, keine Beziehung mehr einzugehen, das wäre ein Irrglaube, denn das Suchtmittel ist er selbst. Es geht um eine Heilung von innen nach außen. Und dieser Weg beginnt innen.



Mehr zum Thema: Melody Beatty: Die Sucht gebraucht zu werden. Heyne Verlag 1990.

Kommentare:

  1. Anke: Das macht mich sehr betroffen, das bin ich. Abhängige, Bedürftige, ziehe Helfer magisch an, um mich dann dagegen zu wehren, nicht immer, aber manchmal. Von außen betrachtet, sehe ich es, stecke ich aber in so einer Phase, bin ich verzweifelt, blind, Panik uberfällt mich. Hinterher kann ich wieder sortieren, fühlen, verstehen.
    Ich mag auch den Text über das innere Kind sehr!

    AntwortenLöschen
  2. ich wünsche dir DICH selbst.

    herzlich, angelika

    AntwortenLöschen
  3. Ich bin auch traumatisiert durch sexuellen und emotionalen Missbrauch als Kind. Ich hatte auch vor 15 Jahren totale Angst mich auf eine Beziehung einzulassen, Angst vor zu viel Nähe, Angst vor Liebe (ich wusste ja nicht mal was Liebe heißt). Ich bin nicht die die wie eine Klette an meinem Mann hängt, er darf für sich auch was tun, er muss nicht immer nur bei mir sein. Ich bin eher die die alles für das Wohl der Anderen tut um geliebt zu werden. Immer diese Angst im Hinterkopf wie das kleine Kind von damals "Man hat mich lieb wenn ich das tue und so bin wie die Anderen es von mir wollen". Ich habe eher Angst vor zu tiefen Bindungen aus Angst vor Enttäuschungen. Weil wer mich näher kennen lernt lernt auch meine schwache verletzliche Seite kennen und das ist gefährlich.Ich bin nach der Geburt meines ersten Kindes in eine tiefe Krise gestürzt, die gleichwertige Beziehung wurde plötzlich anders, ich habe meinen Job aufgegeben um für die Kinder da zu sein, und irgendwo war ich dann ja abhängig von meine Mann zumindest finanziell das tat und tut mir gar nicht gut. Aber nun muss ich da durch bis ich es schaffe neben den Kindern wieder selber zu arbeiten und muss mit der Situation irgendwie klar kommen. Diese Art von Abhängigkeit macht mir so verdammt Angst und ich möchte das nimmer haben, dadurch fühle ich mich wieder wie dieses Kind von damals welches von der Mutter abhängig war und ich habe mir geschworen nie wieder von jemanden Abhängig zu sein.

    AntwortenLöschen
  4. "Abhängigkeit von Menschen ist eine Sucht, es ist die Sucht gebraucht und geliebt zu werden. Das ist die erste Wahrheit, die der Abhängige für sich selbst anerkennen muss. Und dabei genügt es nicht das Suchtmittel zu entfernen, also nicht darum, keine Beziehung mehr einzugehen, das wäre ein Irrglaube, denn das Suchtmittel ist er selbst. Es geht um eine Heilung von Innen nach Außen. Und diese beginnt innen."
    Was nichts anderes heißt, als dass eine äußere Autonomie, also sein eigenes Geld verdienen, dieses Gefühl nicht wegmacht. Was Sinn macht, ist das Trauma zu verarbeiten. Abhängigkeit ist per se ist nichts schlechtes, wir alle hängen von einander ab, aber wenn äußere Abhängigkeit uns das "alte" Gefühl" gibt ist das wie ein ständiger Trigger. Dann müssen wir etwas tun um da raus zu kommen. Es ist gut jemanden zu finden, der uns auf diesem Weg begleitet. Ich spreche aus Erfahrung. Alles Liebe für Dich!

    AntwortenLöschen