Samstag, 31. August 2013

Gedankensplitter 56


der einsamste aller betrüger ist der selbstbetrüger. 
er lebt in der fragilität seines glashauses, 
stets in der angst, es kann bei der 
kleinesten berührung von außen,
zersplittern.






Mutterhäufchenelend

er hätte es doch leichter haben können, sagt sie, vor mir sitzend wie ein häufchen elend. mutterhäufchenlend, schoss es mir durch den kopf. aber, wissen sie, er hat es sich immer schwer gemacht. er ist nie den einfachen weg gegangen, immer hatte ich das gefühl, dass er sich die steine selbst aussuchte, die ihm im weg lagen. mit einem blick, als könne ich diejenige seine, die ihrem sohn die steine jetzt sofort wie durch einen zauberspruch aus dem weg räumt, sah sie mich an, hilflos und zugleich verweifelt fordernd. ich musste mich zurücklehnen um mir rückendeckung an der stuhllehne zu holen. wozu, glauben sie, macht er das, fragte ich sie. sie nestelte an dem altmodischen spitzentaschentuch herum, das sie die ganze zeit in den händen hielt und zu einem kleinen weißen ball formte um ihn wieder aufzurollen um dann das ganze von vorne zu beginnen.
ich weiß es nicht. warum, sagen sie es mir.
ich wiederholte die frage: wozu? wozu? pft! sie blies luft über die schmalen lippen. sie flatterten wie ihre angst, die in wellen zu mir herüberflatterte seit sie den raum betreten hatte. mein gott, das weiß ich doch nicht. aber sie wissen, wie er leichter haben könnte. ja, das weiß ich. wir haben ihm doch alles auf dem silbertablett serviert, brach es aus ihr heraus. schon als er klein war, hat er alles bekommen, was er wollte, wenn es probleme gab, habe ich sie gelöst, so gut ich konnte. ich habe ihn zu nichts gedrängt, er durfte immer machen was er wollte. ich habe mein bestes getan, auch wenn manches schief gelaufen ist. mein bestes, mehr konnte ich nicht. verstehen sie, ich konnte nicht mehr. aus ihren augen rollten dicke tränen. für einen moment war sie stumm. dann kam es dieses: ich habe versagt, das sie vergeblich ins taschentuch gerollte hatte.

ich sah sie an und fühlte das versagen. weil ich es kannte, weil ich mich damit herumplagte, weil es zu meinem mutterhäufchenlend gehörte. bleib bei ihr, ermahnte ich mich. was schwer genug war, wenn man das gleiche gefühl teilt mit einem anderen menschen. ich atmete tief durch. woher wollen sie das wissen? fragte ich sie?
na, weil es so ist. sonst würde er es sich jetzt leichter machen.
und woher wollen sie das wissen? sind sie der liebe gott?
sie schüttelte den kopf, was hat denn das mit gott zu tun?
nun, wenn sie gott wären, dann würden sie es sicher wissen, denn gott, sagt man doch, sieht alles und weiß alles. also da sie nicht gott sind, woher wollen sie das alles wissen? sie klammerte sich an ihr taschentuch. jetzt weiß ich gar nichts mehr.
sehen sie, sie wissen es nicht.
nein, ich weiß es nicht, sagte sie. aber das nützt mir nichts.
doch, erwiderte ich, das könnte ihnen sehr viel nützen.
und was? ich hörte die wut in ihr hoch kochen, die aus ihrem bauch in den hals stieg und ihre stimme schärfte. verdammt ich will ihm nützen und nicht mir.

ich beugte mich langsam zu ihr vor. sie haben meine frage gerade beantwortet.
sie sah mich verblüfft an. wieso? nein, nicht wieso, ich habe sie gefragt: wozu?
wozu tut er das, war die frage, erinnern sie sich?
sie nickte. in ihren augen sah ich ein langsames begreifen. hm, wozu? nun, vielleicht, damit ich endlich aufhöre ihm nützen zu wollen.
ja, sagte ich, das ist die antwort.

Mittwoch, 28. August 2013

Was ich brauche



ich brauche keinen tollen tag, keine wundervollen tage, keine großartigen tage.

ich brauche tage, die ruhig dahingleiten, an denen ich dem folgen kann, was ich liebe, ohne anstrengung und ohne steine, die mir andere auf den weg liegen. 
ich brauche tage, an denen mich spüre, an denen ich spüre, dass das leben mich bewegt wie ein ruhiger fluss, ohne stromschnellen und überflutungen. 
ich brauche tage, an denen ich weiß, was ich tue macht sinn über das eigene hinaus.
ich brauche tage, an denen ich fühle, denen, die ich liebe, geht es gut und ich muss mich nicht sorgen und anstrengungen machen, damit es ihnen besser geht. 
ich brauche tage, an denen kein unglück über die welt hereinbricht, dem ich nur hilflos zusehen kann und mir meiner ohnmacht bewusst werde. 
ich brauche tage, die mich nicht zum wettstreit herausfordern und zum kampf ums überleben. 
ich brauche tage, an denen ich tun kann, was getan sein will, aus mir heraus, ohne druck und erwartungen von aussen.
ich brauche tage, die mir ein lächeln schenken, das ich zurückgeben kann. 
ich brauche tage, die mir die schönheit des blauen himmels nicht verdüstern durch traurige blicke und graue gedanken und streit.

nein, ich brauche keinen tollen tag, keine wundervollen tage, keine großartigen tage.
ich brauche friedliche tage, innen und außen.

Dienstag, 27. August 2013




in den dunklen gassen
meiner suche
tanzen licht und schatten
umarmen einander
und sind eins

hommage á fernando pessoa



    ein hauch von musik oder traum, irgend etwas, das beinahe fühlen lässt, 
    irgend etwas, das kein denken erlaubt.
    fernando pessoa
wer nach dem fall den sinn begreift, 
hat gewonnen.

Montag, 26. August 2013

real life 1

heute fragte mich ein 16jähriger junge: sag mal, warum ist das alles so beschissen, ich hab jetzt schon angst, wenn ich ne lehrstelle brauche, das ich keine bekomme. und sag mal, es gibt doch so viel kluge leute, die wissen doch, wie man das alles gerechter machen könnte.
ich sagte: weil die, die ihr hirn abgegeben haben, in der überzahl sind.

Da bin ich mir sicher!


es gibt keine äußere sicherheit.
nichts und niemand lässt sich kontrollieren. das leben nicht und menschen nicht. trotzdem können die menschen es nicht lassen. sie brauchen kontrolle, sie brauchen sie immer und überall. sie brauchen gesetze und regeln und gesetzeshüter und all die, die ihnen zeigen wo ihre grenzen sind. eingesperrt in ihren selbstgewählten käfigen halten sie fest an ihrem sicherheits- und kontrollwahn und beschränken sich und das eigene leben. sie sind abhängige der illusion einer gesellschft, die ihren hirnen das selberdenken von kindesbeinen an abgewöhnt und das sicherheitsdenken angewöhnt hat.

nichts ändert der mensch schwerer als seine konditionierten gewohnheiten. er klammert sich daran, obwohl er im laufe des lebens oft begreifen muss, dass gerade das ideal der sicherheit und die eigene realität weit auseinanderklaffen.

was du festhälst wirst du niemals halten können, denn allein das festhalten bedeutet, du hast ein motiv es zu halten und das motiv des festhaltens ist immer die angst. alles was aus der angst heraus festgehalten wird kann uns nicht gut tun, denn angst tut nicht gut, auch wenn sie uns vor vielem bewahrt. das ist das einzig gute an der angst. ungut aber ist dieses ängstliche festklammern an sicherheiten, die es nicht gibt. wie oft eigentlich muss diese sorte menschen noch erfahren, dass sie mit ihrem sicherheits- und kontrolldenken einen weg geht, der ihnen an jeder zweiten kreuzung ein brett vor den kopf haut. der vater zum beispiel, der den sohn kontrollieren will, indem er ihn formen will nach seinem ideal, was heißt: du musst funktionieren, du musst was gescheites lernen, du musst ein nützliches mitglied der gesellschaft werden, du musst machen, was die lehrer sagen, du musst einen ordentlichen beruf ergreifen, und, und, und. aber der sohn will etwas ganz anderes, er will das menschlichste überhaupt - er will sich entfalten, seinen sehnsüchten, gaben und potentialen entsprechend. er will verdammt noch mal keine sicherheit und keine kontrolle, er will leben im eigenen rhythmus und schwimmen im eigenen fluss.

der, der den anderen ängstlich kontrolliert, damit er nur ja nicht tut, was er selbst gern täte und es sich verkneift, weil man ja funktionieren muss, damit man sich weiter im gefühl der scheinbaren sicherheit wiegen kann, lebt in einer welt der selbstentwertung. und die ist brüchig wie das leben selbst.

die, die kontrollieren, merken das zwar irgendwie, denn wirklich glücklich sind sie nie, aber sie haben diese gewohnheit längst so verinnerlicht, dass sie in ihrem engen, stickigen käfig sitzen bleiben und es würde absolut nichts nützen ihnen das dunkle loch aufzuschließen, sie würden es nicht wagen den schritt in die freiheit zu tun, denn die freiheit, gott bewahre, die kann man ja nicht kontrollieren, die macht was sie will und das geht beim kontrollmenschen gar nicht, der macht nämlich was man ihm ins hirn gebleut hat. wie gesagt - menschen ändern ihre gewohnheiten nun mal ums verrecken nicht, besonders die schlechten. apropos verrecken, all die sicherheits- und kontrollfreaks tragen dazu bei, dass die ganze gesellschaft verreckt in ihrem sicherheits- und kontrollwahn, der die ausgrenzt, die längst kapiert haben, dass wir alle kurz vor dem abgrund stehen.

uns geht es doch gut, denken die sicherheits- und kontrollfreaks, weil sie gar nicht mehr spüren, wie es sich anfühlt, wenn es ihnen wirklich gut geht, denn sie haben das menschlichste aller gefühle an die sicherheit abgegeben - das gefühl der inneren freiheit.

sie werden weiter am untergang der menschlichkeit arbeiten, weiter ihre kinder und ihre nächsten kontrollieren, weiter versicherungen abschließen und der wirtschaft ihr sauer verdientes geld in den gierigen rachen werfen, für alles, was ihnen sicherheit verspricht. geld, das dazu dient weitere käfige zu bauen für die nächste generation, die wieder gewöhnt wird an sicherheit und kontrolle als maxime des daseins. am ende werden alle schön kontrolliert in den sicheren untergang laufen, wenn kein wunder geschieht und die söhne und töchter dieser kontroll- und sicherheitsmenschen aufbegehren und ihnen ihre elende gewohnheit um die ohren hauen mit einem: fick dich alter, und sich abwenden um ihren ureigenen weg zu gehen, völlig unkontrolliert und frei. wenn das wunder geschieht wird sich die menschlichkeit über die gewohnheit erheben. da bin ich mir sicher!

nachtrag: der dringende wunsch nach sicherheit hört dann auf, wenn wir das vertrauen in uns selbst gefunden haben.

Freitag, 23. August 2013

Liebe

wir waren früh aufgestanden nach einer kurzen nacht, in der wir wieder endlos lang geredet hatten.  ich ging in die küche und setzte kaffee auf. als er durchgelaufen war, nahm ich zwei tassen, goß ihn hinein und gab eine davon anna. sie öffnete die terrasssentür. müde und erschöpft von der verlassenheit ihres eigenen ichs blickte sie in das zögerliche licht des heranbrechenden tages.



es ist unerträglich nicht lieben zu können, dachte ich. das ist die grausame wahrheit, ihre wahrheit. ich ging an anna vorbei in den garten. die lauwarme erde dampfte in der kühle des morgens. getragen von einer lautlosen verzweiflung lief ich los. bei jedem schritt versanken meine füße im nassen gras. am apfelbaum blieb ich stehen. ich legte meine arme um seine glatte rinde. in mir schrie es: mutter, warum warst du nicht dieser stamm, an dem ich mich festhalten konnte, warum hast du mich abgeworfen wie ein welkes blatt, als ich an dir festwachsen wollte, was habe ich getan, dass du mir deinen schutz nicht geben konntest, was an mir war falsch, dass du mir deine liebe verweigert hast? du hast dir ein anderes leben gewünscht. warum hast du mich dann so unbedacht eingeladen aus dir zu kommen? weil es die pille damals noch nicht gab und das begehren für einen moment größer war als dein wunsch, deine träume zu leben? so will ich nicht sein und doch bin ich es. ich spüre den wunsch in dir und in mir das anhängsel eines anderen zu sein. was ist das für eine tiefe lüge zwischen männern und frauen, von der wir uns abhängig machen?

ich weinte um mich und um anna und um die liebe, die wir so verzweifelt suchten und niemals finden würden, weil wir sie niemals gefühlt hatten. ich verließ den baum und ging zurück ins haus. anna saß am küchentisch. sie hob den kopf und lächelte mich an: paul, ich liebe dich. nein, antwortete ich, du willst mich lieben und das ist nicht das selbe.

NEIN

die worte
manchmal erscheinen mir sie abgenutzt,
abgenutzt wie die wünsche, die an der vergangenheit kleben 
und nicht gegenwart wurden.

die worte 
manchmal reichen sie nicht aus,
sie, die beschreiben sollen, was ich fühle, 
weil alles längst gesagt ist.

die worte sind willig
und sind es, wenn ich will,
aber manchmal will ich nicht 
und will doch.

die worte
manchmal sind sie fade wie der geschmack der wirklichkeit, 
die sich mir entgegen stellt mit ihrem großen NEIN 
immer wieder.

die worte
manchmal verachte ich sie, 
weil sie nicht ausdrücken, das maß, dessen, was ich fühle.

die worte 
manchmal entgleiten sie mir, 
formlos 
wie die zeit, die mich entlang gleiten lässt,
an mir selbst.

Dienstag, 20. August 2013

Entwicklung ...




man ändert sich und seine gewohnheiten nicht allein und sofort durch das erkennen dessen, was falsch war oder nicht gut tut. erkennen bringt in eine entwicklung, aber es ist keinesfalls so, dass alles, was der kopf begreift, im bauch landet und sofort umgesetzt wird.
man lebt weiter mit den alten geschichten und konflikten und täglich kommen neue hinzu.
ent - wicklung eben.

Montag, 19. August 2013

Kleine Helfer ...


.... oder - ich habe immer noch meinen teddybär im bett

ZUVERSICHT

solange mir das lachen nicht vergeht
über die lächerlichkeit angeblicher wichtigkeit

solange mir die tränen nicht versiegen über die zum himmel schreiende ungerechtigkeit einer von vielen akzeptierten wirklichkeit

solange mir das mitgefühl nicht abhanden kommt für andere und mich selbst

solange ich die wahrheit herausfiltern kann aus der heuchelei und der lüge

solange ich die liebe nicht verliere in all der gleichgültigkeit

solange ich noch träumen kann vom sinnigen und unsinnigen

solange behalte ich die zuversicht
     

Gedankensplitter

wo die beanspruchung ins unermessliche wächst, 
wird das gefühl des verlorenseins zum alltagsgefühl für viele.



my tribute to stendhal and harper lee

 

le rouge et le noir



                                                                   to kill a mockingbird

TARNKAPPE

ich habe mich zurückgezogen. rückzug seit sechs tagen, verzogen aus der welt da draußen in meine kleine welt drinnen. sechs tage hat mich kein mensch gesehen, ausser der verkäuferin im supermarkt, die mich eigentlich auch nicht gesehen hat, nur den code auf den paar lebensmitteln über die kasse gezogen und den gesehen. die nachbarn haben mich auch nicht gesehen, weder beim rausgehen noch beim reingehen in die wohnung. ich habe eine tarnkappe auf, gedacht und dass es sich angenehm lebt, so ungesehen. irgendwie wäre das genau die lebensform, die mir entspricht, das mit dem rückzug und der tarnkappe, die mich ungesehen macht und für keinen antastbar, für keinen verfügbar, für keinen erreichbar, für keinen nervbar, für keinen forderbar, für keinen zuständig und erwartbar. wie entspannend das ist und wie schön still. keiner plappert, keiner will was und ich muss auch nichts wollen und nicht plappern. ich kann in ruhe vor mich hin dümpeln und keiner sagt was, wenn ich um fünf uhr nachmittags immer noch im nachthemd am schreibtisch sitze und einfach in mich rein denke und aus mir raus schreibe und keiner, der seinen senf dazu gibt und meint, ich sollte doch mal wieder unter die leute sonst bestünde die gefahr, dass ich völlig vereinsame und das sei gar nicht gut. das sagen viele leute, die meinen, dass es draußen besser ist als drinnen. für mich sind das leute, die bei mir sowieso draußen bleiben.


die leute, wer ist das, frage ich mich und zähle an den fünf fingern einer hand ab, wieviel leute es gibt, für die sich das rausgehen lohnt und bin nach drei fingern schon fertig. die leute strengen mich an, die meisten jedenfalls, die den ganzen tag draußen verbringen und den abend auch noch, wenns geht, und das gut finden. eigentlich strengen mich gar nicht die leute an, sondern, das, was sie so sagen, wenn sie anfangen zu reden. das strengt mich an, weil es immer das gleiche ist und ich habe selbst genug vom immer gleichen, also brauche ich das andere gleiche nicht auch noch. mir ist alles gleich, könnte man jetzt denken, wenn einer über mich nachdenken würde, aber die mühe lohnt nicht, das kann ich dem gleich sagen. ich denke schon genug über mich selbst nach und das bringt mich auf keinen grünen zweig. vielmehr führt es dazu, dass ich an meinem eigenen ast säge. warum? weil, wenn ich noch länger nicht rausgehe, wird mir das geld ausgehen, das ich verdienen muss, um tagelang nicht rausgehen zu müssen, wenn mir danach ist. heute ist tag sieben und mir ist immer noch nicht nach rausgehen. ich muss aber raus unter die leute, damit mein zweig grün bleibt. ich weiß jetzt schon, das wird anstrengend, weil ich fast schon vergessen habe, wie man das so macht, ohne tarnkappe unter leuten da draußen.

lesen allein genügt nicht ...


ich sitze seit dem morgen am schreibtisch und denke und lese und lese und denke, immer schön abwechselnd, denn lesen ohne denken bringt nichts, das ist wie sich berieseln lassen und das erlaube ich nur dem fernsehprogramm und auch nur dann, wenn ich mich dafür entscheide. ich lese ein psychologisches sachbuch, in dem man seitenweise an fallbeispielen erfährt wie man sein volles potenzial entfaltet. als ob ich das nicht schon täte, man sagt mir das immer wieder, dass ich es täte und es fühlt sich auch manchmal so an, aber irgendwie denke ich immer, da ist noch mehr drin und entfalte was potenziell geht. also ich lese und bleibe an einer stelle hängen. ich lese die stelle noch mal. ich schlage zurück auf die kapitelbezeichnung. da steht: das neue selbst. hm, ich will kein neues selbst, ich bin nämlich echt froh mein selbst gefunden zu haben, annähernd jedenfalls. denke ich. aber was ich denke muss ja nicht stimmen. wer ein selbst hat, ist auch fähig zum selbstbetrug, fällt mir dazu spontan ein. aber das will ich nicht weiter denken, sonst komme ich noch vom eigentlichen thema ab, nämlich, das, was ich da gerade gelesenen habe und überdenke.

ich schreibs mal auf. zusammenfassend natürlich, sonst müsste ich abschreiben und das will ich nicht, denn ich will es verstehen, also schreibe ich das jetzt in meinen eigenen worten hier hin.

zusammenfassend ist zu sagen: psychologische studien haben ergeben, erniedrigende erfahrungen führen zu einem geringen selbstwertgefühl. dieses führt dazu, zu glauben, man verdiene schlechte erfahrungen. der grund: man gibt sich die schuld dafür, und zwar unbewusst. man glaubt demnach, dass man die erniedrigenden erfahrungen selbst herbeigeführt hat, also die ursache des übels ist.

puh, das wusste ich schon. darüber schreibe ich des öfteren mal, für manche vielleicht zu oft, aber ich habe da etwas noch nicht gelöst, also wird mich das noch eine weile beschäftigen, solange bis ich es gelöst habe. ich bitte um geduld, ich werde umgehend bescheid geben, wenn ich erleuchtung verspüre.

weiter: erniedrigende erfahrungen und das damit verbundene schuldgefühl der verursacher derselben zu sein, führen zu einem sich selbst verstärkenden prozess. und der sieht so aus: menschen mit geringem selbstwertgefühl erdulden mehr negative erlebnisse, die ihrerseits wieder das selbstwertgefühl abnehmen lassen. das führt am ende dazu, dass das kleine selbstwertgefühl negative erlebnisse geradezu herbeiruft. im klartext - man wird zum konditonierten versager oder wie man in der psychologie sagt, es führt zu erlernter hilflosigkeit.

ich lasse das mal wirken .................



da ist was dran. das leuchtet mir ein. es leuchtet mir mehr ein als der satz: was uns nicht umbringt, macht uns nur stärker. denn, das weiß ich aus eigener erfahrung, es macht uns nicht stärker, was uns nicht umgebracht hat, es macht uns allenfalls leidensfähiger und das ist keine stärke, das ist schwäche. leidensfähig sein, heißt nichts anderes als jede menge mist ertragen können und schon das wort ertragen klingt nach resignation. und dazu habe ich überhaupt keine lust. wer hat denn schon lust auf ein resigniertes lustloses leben in dem man sich zwar ständig einredet, dass man stark ist, weil man alles aushalten kann, aber was das leben angeht ziemlich auf dem holzweg ist, bei dem einem unter jedem schritt die füße weh tun. nichts da, ich denke, was ich da gelesen habe ist wahr, aber wahr ist auch, dass ich mich auch mit wenig selbstwertgefühl, jederzeit entscheiden kann, ob ich den wahnsinn der leidensfähigkeit weiter ertrage oder ob ich meine erfahrungen und mein selbstwertgefühl mal genau unter die lupe nehme und am ende gar herausfinde, dass ich nicht für alles im leben, was mir passiert, selbst verantwortlich bin. denn eins ist auch wahr: wir können erfahrungen nicht ändern und gewohnheiten nicht brechen, aber wir können sie durch neue erfahrungen und neue gewohnheiten ersetzen. und im umkehrschluss schaffen neue gewohnheiten neue erfahrungen. das steht in dem buch nicht. ich sags doch, lesen allein genügt nicht, man muss es auch überdenken.


du musst ...

du musst. ständig ist diese stimme im kopf, du musst. was muss ich müssen?, frage ich sie. sie antwortet ein bisschen weniger massiv, als ich sie gerade eben gehört habe: du musst funktionieren, arbeiten, dein leben organisieren, sein wie alle normalen leute, dich bemühen und was anständiges machen, viel geld verdienen, erfolg haben, was schaffen, was richtiges schaffen vor allem. kunst ist nichts richtiges, siehste doch, dass das nichts bringt, wann kapierst du das denn endlich? ich nicke schuldbewusst und trinke schluckweise schwarztee, den ich seit einer woche trinke, der mir nicht schmeckt, weil ich viel lieber kaffee trinke, aber das geht seit einer woche nicht, weil ich gastritis habe und nichts mehr normales verdauen kann, so was normales wie kaffee mit viel milch drin, zum beispiel. ich stecke mir eine zigarette an, wenn schon kein kaffee, dann eine rauchen, das ist dann wenigstens ein kleiner genuss zu dem labbrigen schwarztee, der mir aus dem hals heraushängt wie die übelkeit, die aus meinem bauch über meine speiseröhre in den mund kriecht und mir die sommertage versauert. ich rauche und denke, ich habe es satt, dieses müssen müssen und dass es mich keinen deut weiter bringt, schuldbewusst zu nicken, wenn die stimme mich zum tausendsten mal ermahnt.




ich will nichts mehr müssen, halte ich der stimme entgegen, die gerade zu einem lauten, das denkst auch nur du, anhebt. schnauze, sage ich, zugegeben es klingt ziemlich kleinlaut. ich ziehe den rauch in meine lunge, die wahrscheinlich genauso so grau ist wie mein gesicht heute morgen, weil ich vor magenschmerzen wieder nicht gut schlafen konnte. drauf geschissen, wer braucht schon schlaf. schlafen kannst du wenn du tot bist. dann musst du nichts mehr müssen, denke ich, und dass das auch der einzige vorteil am totsein ist, endlich ruhe im kopf und nichts mehr müssen.

wer redet dir das eigentlich ein und wie lange schon redet wer dir das ein, dass du musst, was du nicht müssen willst, frage ich mich und drücke die kippe in den noch jungfräulichen aschenbecher. also ich kann das nicht sein, sonst würde ich mich dagegen nicht so vehement wehren und meinem magen ginge es vielleicht auch besser. ich habe mein leben lang müssen müssen, da hatte ich gar keine andere wahl. wenn ich zurückblicke, gut getan hat mir das nicht wirklich, weil ich mit dem ewigen müssen auf der strecke geblieben bin. die anderen haben das natürlich nicht gemerkt, die müssen ja auch und die denken vielleicht auch nicht drüber nach, was sie alles zu müssen glauben und machen es einfach, so wie ich es auch gemacht habe, weil, es war eben so, und was eben so ist, darüber denkt man dann eben auch nicht nach. aber ich denke nach, schon eine ganze zeitlang denke ich nach. leider bleibt es beim denken, denn die stimme denkt auch und behauptet recht zu haben und verdammt, die kommt nicht von mir, ich weiß es ganz sicher. ich denke nur, dass sie von mir kommt und das gibt ihr die macht über mich. ich werde sie entmachten, beschließe ich und nippe am schwarztee, der in meinem magen ein lautes gurgeln verursacht, aber nichts besser macht. kein wunder, mit deinem kaputten magen musst du kamillentee trinken, das weiß doch jedes kind, meckert die stimme und ich sehe den erhobenen zeigefinger und den vorwurfsvollen blick meiner mutter. oha, jetzt weiß ich, woher die stimme kommt. weißt du was, sage ich, du hast keine ahnung, ich bin allergisch gegen kamillenblüten und ausserdem, ich muss gar nichts, nur weil du das meinst.


Donnerstag, 15. August 2013

Melancholie

die kraft der melancholie ist 
ihre sensibiltät
ihr ringen mit dem sinn 
ihr gespür für dessen fragwürdigkeit
ihre nie endende suche
ihre empathie
ihre liebe zur wahrhaftigkeit 
ihre sehnsucht nach dem schönen und guten
ihre versöhnlichkeit mit den schatten



das ist ihr geschenk an uns

Dienstag, 13. August 2013

Aus der Praxis - Und plötzlich sind sie weg, die großen Gefühle des Anfangs





Beziehungen zu führen, die von Dauer sind, ist eine hohe Kunst. Nur gibt es wenige, die diese Kunst beherrschen. Die meisten Menschen glauben nämlich, wenn nur Liebe da ist, ist alles gut. Das ist, wie die Erfahrung zeigt, ein großer Irrtum. Liebe ist, auf die Kunst übertragen, der Inhalt einer Beziehung, jedoch wesentlich um Kunst zu sein, bedarf es ebenso der Form. Der reine Inhalt, der sich in keine Form ergießt oder keine Form bildet, macht noch keine Kunst.

Liebe ist die Voraussetzung um sich überhaupt an einen anderen zu binden, aber sie ist nicht der Garant dafür, dass die Bindung hält. Bindung, darüber nachzudenken lohnt sich für alle Liebenden und die, die es sein wollen. In der Psychologie sprechen wir vom Bindungswillen. Es gibt die Bindungstheorie, die auf der Annahme beruht, dass Menschen ein angeborenes Bedürfnis haben, enge und von intensiven Gefühlen geprägte Beziehungen zu Mitmenschen aufzubauen. Ihr Gegenstand ist der Aufbau und die Veränderung enger Beziehungen im Laufe des Lebens. Die Bindungstheorie basiert auf der emotionalen Sichtweise der frühen Mutter-Kind-Beziehung eines In.dividuums

Und da fängt es an, das mit dem Gruseln. Der Erwachsene versucht nämlich genau dieses frühkindliche Mutter-Kind-Bindungsgefühl mit dem späteren Partner wieder herzustellen. Wenn diese frühkindliche Bindung gelungen ist, hat der Mensch im späteren Leben gute Chancen glückliche Bindungen zu erleben. Ist sie misslungen, versucht er sein ganzes Leben lang, das Misslungene zu wiederholen, sprich: Er reinszeniert das Erlebte in einer Art Wiederholungszwang, in der Hoffnung, dass es endlich gelingt. Das Fatale dabei ist: Er projiziert all seine in der Kindheit nicht erfüllten Wünsche nach Bindung auf den jeweiligen Partner. Ich wage zu behaupten, die meisten von uns tun das. Wir tun es unbewusst und erleben das immer Gleiche: Aber ebenso wie einst in der Kindheit, misslingt die Wunscherfüllung.

Liebe allein genügt also nicht für eine erfüllende Bindung, denn mit der Liebe stellen sich nach anfänglichem Schmetterlingsgefühl und rosarote-Brille-Syndrom, schon bald die ersten Unstimmigkeiten ein. Das Bild, das man sich vom anderen gemalt hat, mitsamt aller Projektionen, verliert seine Konturen, es weicht auf oder verblasst zusehends. Auch das eigene Bild, das man schön gemalt hat, um dem anderen zu gefallen, bekommt Patina. Das Deckmäntelchen der Liebe covert die Bilder nicht mehr. Was bleibt sind zwei Kinder, die erkennen müssen, dass ihre schön gemalten Bilder der Sehnsucht sich verlieren und zwar im endlosen Raum ihrer eigenen unerlösten Prägungen und den daraus resultierenden Mustern und Erwartungen.

Die Folge: Die Gefühle sind irritiert, Unsicherheit breitet sich aus, Fremdheit wäschst, ratlos blicken die einst glücklich Verliebten einander an. Habe ich mich so irren können? War alles eine Täuschung? Nein, war es nicht, denn Gefühle lügen nicht, die Täuschung ist, die eigenen Gefühle und deren Urgrund nicht zu kennen. Die Motive nicht zu kennen, warum man sich verlieben und binden will. Um seiner Selbst Willen nämlich und nicht weil man den anderen so sehr liebt. In diesem Sinne ist die erotische Liebe immer blind und narzisstisch. Sie sieht den anderen nämlich nicht. Sie sieht nur das eigene Bedürfnis, das eigene Heil, die eigene Sehnsucht, das andocken will am Objekt der Begierde, welches das Selbst befriedigen soll. Ein Selbst, das das alleine nicht kann und sich den Spiegel sucht, indem es sich zu finden glaubt.

Die erotische Liebe ist nichts für die Ewigkeit, schon gar nicht, bis das der Tod uns scheidet. Sehen wir uns die Scheidungstatistiken an. Die meisten Liebesbeziehungen schaffen es nicht einmal bis zur ersten größeren Schwierigkeit, geschweige denn bis zum Tod. Weit vorher tritt der Tod der Beziehung ein. Auch ein Tod, ein kleiner Tod, allerdings weniger schön, als der petit mort beim sexuellen Höhepunkt. Das Ende vom Lied ist Leid, Liebesleid. Aber Liebe tut nicht weh. Wahre Liebe tut nicht weh. Und von dieser Liebe, behaupte ich, haben wir Menschen keine Ahnung oder nur einen blassen Schimmer.

Zurück zur erotischen Liebe. Gefühle, die am Anfang groß und schön illusioniert wurden, halten genau diesem überhöhten Anspruch nach einer Liebe, die nicht schmerzt und auf ewig selig macht, selten stand. Gefühle kommen und gehen, man kann sie nicht festhalten, ebenso wenig wie die Liebe, denn die ist flüchtig. Und am schnellsten flüchtet sie, wenn wir sie festhalten wollen – sie (an) binden wollen.

Auch die erotische Liebe lässt sich nicht binden, sie ist. Und was sie ist, weiß bis heute kein Mensch. Wir spekulieren erfolglos. Wir haben ein Bild von der Liebe zwischen Mann und Frau, oder Mann und Mann oder Frau und Frau und dieses Bild ist ebenso vielschichtig und individuell interpretierbar wie ein Gemälde und für jeden ist es ein anderes, ein aus Prägungen und Wünschen zusammengesetztes Idealbild, ein Bild von bedingungsloser Liebe, das man den meisten von uns verwehrt hat, als wir Kinder waren, ein Wunschbild, das der Realität genau aufgrund dessen, selten standhält.

Nehmen wir der idealisierten Eros-Liebe die Überhöhung und betrachten die Form.

Was passiert wenn wir uns verlieben? Im besten Fall begegnen sich zwei freie und autonome Gegenüber. Zwei, die ihr Leben einigermaßen im Griff haben, die wissen, was sie tun und wissen was sie wollen. Jeder der Beiden hat sein Leben bis zu diesem Zeitpunkt irgendwie auf die Reihe bekommen und bis dato überlebt. Unbeschwertheit, Lockerheit, Souveränität und Unabhängigkeit haben Anziehungskraft.

Im Laufe der Beziehung geschieht Folgendes:
Das eine Leben vermischt sich mit dem Leben des anderen. Der Alltag kehrt ein. Das ganz normale Leben mit dem Funktionieren müssen, dem Geld verdienen müssen, dem Haushalt, dem Einkaufen und und und. Mit der Zeit kommen Konflikte und gegenseitige Verletzungen, denn in jeder Bindung binden sich nicht nur Menschen aneinander, sie binden auch ihre Mängel,ihre Erfahrungen und ihre Probleme aneinander. Es entsteht eine Melange, in der man plötzlich Gefühle hat, die einem bisher fremd waren, in der man Dinge erlebt, die einem nicht entsprechen, Kompromisse macht, die einem schwer fallen und alles um der Liebe willen, oder besser, um des Bindungswillen willen.

Plötzlich stehen sich zwei emotional Bedürftige gegenüber. Aus dem Begehren und der anfänglichen Leichtigkeit des Verliebtsein wird ein Brauchen. Die Wahrheit kommt an die Oberfläche, die ungeliebten Kinder, die im tiefsten Inneren wohnen beginnen sich mehr und mehr zu melden, der Partner soll ihnen endlich das geben, was sie niemals hatten:  Bedingungslose Liebe. Er soll sie bemuttern oder bevatern und alles gut machen. Aus der vermeintlichen Liebe ziwschen zwei Erwachsenen wird ein Brauchen. Beim einen mehr, beim anderen weniger. Denn meist ziehen sich Menschen an, die ihre eigenen Defizite im anderen instinktiv spüren, der sie dann an ihrer Stelle auslebt, damit sie sich nicht entwicklen müssen. Dass das ganze unterbewusst abläuft ist klar, denn wäre es bewusst, würde es anders laufen. 

Meist braucht der eine mehr und der andere weniger Nähe, der eine mehr, der andere weniger Bemutterung oder Bevaterung. Sobald von einer Seite das Gefühl kommt, dass er gebraucht wird, er eine Funktion hat, obwohl er ganz offensichtlich trotz Bindung seine inner und äußere Freiheit benötigt, kippt das vormals attraktive Gleichgewicht zwischen den Beiden in kritischer Weise. Es verwandelt sich in eine destruktive Schieflage.

Ab dem Moment, wo ein einigermaßen seelisch autonomer Mensch erkennt, dass sein Beziehungswunsch einer Forderung standhalten muss, nämlich der, gebraucht zu werden, werden seine Gefühle verschüttet. Und plötzlich sind sie weg, die großen Gefühle des Anfangs. Sie sind belastet mit dem Gefühl, der Grund dafür zu sein, dass Leben des anderen von ihm abhängt, von seinem Dasein, seiner Aufmerksamkeit, seiner Unterstützung und seiner Verfügbarkeit. Er hat das Gefühl, dass der andere ohne ihn unglücklich ist und leidet. Welch eine unerträgliche Last. Eine Last, die keine Liebe ertragen kann, denn, wie gesagt, die Liebe ist frei und will fließen. Das kann sie nun aber nicht mehr. Sie wehrt sich, sie kämpft um ihr ureigenes Wesen: Freiheit. Sie entwindet sich der Bindung und löst die Fesseln. Sie hat keine andere Wahl, denn bleiben wäre ihr sicherer Tod.
Zurück bleiben zwei traurige, enttäuschte, innerlich einsame Kinder.




Montag, 12. August 2013

was ich bin



ich habe meine geschichte
aber ich bin nicht meine geschichte
sie ist nur ein teil dessen, was ich bin
ich bin viel mehr als diese geschichte
ich bin das, was ich bin 
abseits dieser geschichte.


Sonntag, 11. August 2013

glücksstress


sie hoffen auf das glück

jagen ihm hinterher

ist nicht die dringlichkeit des jagens indiz für verzweiflung
geboren aus dem fehlen von sinn?

sie jagen ihm hinterher 
in verbissenem streben

und schon im jagen verscheuchen sie es


Freitag, 9. August 2013

Ans Ufer




 

ich weiß nicht wer ich bin, wer ich wirklich bin. ich bin einmal das und einmal das und auch wieder das, und das eine und das andere. was ich bin ist viel und verschieden, es hängt vom kontext ab, von den rolle, die ich spiele, von den stimmungen, in denen ich bin und meinen befindlichkeiten. es ist wie ein hin und herschwimmen in einem riesigen meer. das ufer ist der ort, wo ich wohlbehalten ankomme. das wäre doch dann ich, ich meine ich, die, die ich wirklich bin, ganz tief drinnen. 

am ufer ankommen, am ufer des eigenen wahren wesens, das treibt mich an, das lässt mich schwimmen durch die gezeiten, durch stürme, durch hohe wellen und in leiser see.

ich bin nicht die einzige und sicher bin ich nicht die beste schwimmerin. ich halte mich über wasser und hin und wieder tauche ich tief hinein in seinen grund, um wieder aufzusteigen und mein gesicht der warmen sonne entgegenzuhalten. so schwimme ich ein halbes jahrhundert schon auf der suche nach dem ufer. 

manchmal begegnete mir ein anderer schwimmer, einer von meiner art, wie ich dachte, denn nur solche von meiner art schwimmen im selben meer, dachte ich, und wir sahen uns an und erkannten einander und nickten uns zu in gegenseitiger sympathie und wir schwammen eine ganze weile nebeneinander her und beobachteten uns. weil uns gefiel, was wir sahen, beschlossen wir gemeinsam weiter zu schwimmen, seite an seite durch alle gezeiten. 

eine lange weile tat es gut, nicht mehr alleine zu schwimmen. die angst vor den stürmen und den untiefen wurde kleiner. das meer schien das zu spüren. es lag unter uns in ruhiger glätte und trug uns wie ein warmer schoß. das abtauchen in seine tiefe wurde seltener, die sehnsucht nach ihr weniger dringlich. den blick auf den anderen gerichtet, am anderen haftend, im anderen sich verlierend, wurde das eigene plötzlich klein und kleiner und es schien vergessen. eine lange weile tat das gut. die veränderung geschah schleichen. in ruhigen zügen, kreise um mich selbst ziehend, sah ich es wieder, mein gesicht, gespiegelt im glatten blau des wassers. und meine augen blickten in mich hinein und sie erkannten mich wieder und sie fragten mich - wer bist du?

den blick auf den anderen gerichtet, hatte ich das eigene aus den augen verloren. das gefühl, das etwas fehlt, wuchs nach dieser frage, die eine antwort wollte. versunken im anderen war da so viel des fremden, dass das eigene nicht mehr fassbar war. 

ich erinnerte mich, wie ich es gespürt hatte, immer wieder, wenn der andere etwas schneller schwamm als ich oder wenn er hinter mir zurückblieb, weil ich schneller wurde. so schwammen wir, eins, in diesem endlosen meer.

dann, an einem morgen, als die glatte oberfläche des meeres im licht der glitzendern sonne hell aufleuchtete, war sie da, die antwort auf die frage. sie kam aus der tiefe herauf zu mir: du hast dich verloren. mein blick war abgeschweift. er hatte mich selbst nicht mehr wahrgenommen, nicht mehr auseinanderhalten können, was das meine war und was zum anderen gehörte. ich hatte vergessen, warum ich wirklich schwamm in diesem großen meer. und ich erinnerte mich: ich wollte ans ufer kommen.


nachtrag: das das unbewusste weiß sehr wohl, wer wir sind. es weiß sehr wohl, was wir wollen, es weiß, wie wir leben möchten. die prägungen lehren uns, nicht uns selbst priorität zu geben, sondern dem außen. wir sind so konditioniert, dass wir erst im außen suchen, anstatt innen zu beginnen. das ist teil der kollektivneurose, die alle individuellen neurosen nach sich zieht.



das größte geschenk ist, von mir selbst gesehen, gehört, verstanden und berührt zu werden - wenn dies geschieht, entsteht echter kontakt mit mir und dem anderen.


in den kindern werden noch heute nicht anlagen und gaben ausgebildet und gefördert, sondern das funktionieren im sinne des kollektivs. und deshalb müssen wir wohl alle schmerzhafte umwege machen, bis wir der sind, der in uns angelegt ist.