Donnerstag, 14. März 2013

Aus der Praxis - Vom weiblichen Selbstwert




Der Selbstwert eines Menschen steigt in der Regel im Laufe des Lebens an. Bei Frauen ist dieses Gefühl für den eigenen Wert allerdings meist niedriger als bei Männern, das ergaben psychologische Studien.

Viele Frauen reflektieren die Fragen ‘wer bin ich und ‘was kann ich’ zu wenig. Sich selbst nicht bewusst wahrzunehmen, nicht zu wissen, wo die eigenen Stärken und Schwächen, die versteckten Potentiale und Fähigkeiten liegen, führt zu einem unausgereiften Selbstkonzept und in der Folge zu einem wenig positiv besetzten Selbstbild.

"In der Regel verbirgt sich hinter der prächtigen äußeren Fassade ein emotional verwahrlostes, verzweifeltes Kind, das nach Anerkennung seiner wahren Identität hungert. Die Entdeckung des "wahren" Selbst ist der Ausgangspunkt der Genesung und erfordert eine geduldige, behutsame Pflege des "inneren Kindes", schreibt der Psychologe Dr. B. Wradetzky

Er spricht aus Erfahrung. In Gesprächen mit Frauen beobachte auch ich des Öfteren, dass kein oder nur sehr wenig stabiles Selbstwertgefühl vorhanden ist. Viele Frauen zeigen zwar nach Außen eine starke und selbstbewusste Fassade. Dahinter versteckt sich jedoch ein unsicheres, verletztes und sich minderwertig fühlendes Mädchen versteckt.

Durch Perfektionismus, besondere Leistungen, einen hohen Anspruch an sich selbst und körperliche Attraktivität versuchen diese Frauen einem Idealbild zu entsprechen, welches das Außen ihrer Meinung nach von ihnen erwartet. Über die Zeit hinweg bedeutet das eine unglaubliche körperliche, geistige und seelische Anstrengung.

Diese vermeintlich starken Frauen sind durch Kritik und Zurückweisung sehr schnell zu verunsichern. Die Selbsteinschätzung kippt beim kleinsten Angriff unmittelbar von "ich bin stark, gut und toll“ in ein Gefühl von Minderwertigkeit und endet in dem vernichtenden Glauben nicht wertvoll und nicht liebenswert zu sein.

Ein Schwanken zwischen Höhen und Tiefen bestimmt so das Leben. Die innere Balance ist ebenso fragil wie das äußere Bild, das mit zunehmendem Alter und unverwirklichten Träumen und Zielen zu bröckeln beginnt. Diesen Frauen gelingt es nur schwer oder kaum, sich über einen längeren Zeitraum gut und lebendig zu fühlen. Die Folgen dieser inneren Disbalance sind u.a. Depressionen, Burn Out oder Essstörungen wie Bulimie oder Anorexie. Die Ursache aber ist immer ein fragiles, falsches oder ein in der Kindheit zerstörtes Selbstbild. 

Es ist nicht neu, dass Frauen ihr Licht häufig unter den Scheffel stellen, während sich Männer eher überschätzen. Beide Einstellungen entfernen den Menschen von seiner inneren Realität. 

Trotz Emanzipation und finanzieller Unabhängigkeit gibt es noch heute intelligente, autonome Frauen, die sich dem Dominanzanspruch des Mannes unterwerfen, sobald sie eine Partnerschaft eingehen. Die Mutter, die meist zeitlebens abhängig war und vergeblich nach Anerkennung gedürstet hat, vermittelt und lebt vor - eine gute Frau soll dem Manne dienen. Dies und das Erfüllenmüssen notwendig geglaubter erotischer Stimulans für den Mann, fungieren unbewusst als eine Art Gegenleistung für Versorgung und männlichen Schutz.

Durch diese verinnerlichten Glaubensätze des vom Patriarchat gewollten kollektiven Bildes von Weiblichkeit befinden sich das weibliche Selbstbewusstsein und die innere Autonomie der Frau in einer bedenklichen Schieflage. „Die Frau sei dem Mann untertan ...“ (Eph 5,22 ff). lautet einer von vielen Frauen verachtenden Texten in der Bibel. 

Gerade in der Begegnung mit dem Mann wird die vermeintlich starke Frau schwach. 
Hier leben archetypische Muster auf und führen ihr Eigenleben. Frauen spüren intuitiv,dass sich der Mann nur dann stark fühlen kann, wenn sie sich schwach zeigen. Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel. Die Erfahrung zeigt zudem -  sobald Frauen selbstbewusst auftreten, gefährden sie das Selbstbewusstsein des Mannes. Sie greifen seine Überlegenheitsfantasien an, gelten als unweiblich und zickig, haben `Haare auf den Zähnen`.

Neben allen kollektiven Aspekten und Einflüssen auf das Frausein tragen mangelnde Anerkennung durch den Vater oder die Mutter zu einem weiblichen Selbstkonzept der Wertlosigkeit bei. Ganz zu schweigen von kindlichen Missbraucherfahrungen, egal ob sexueller oder verbaler Art. Missbrauch zerstört lebenslang das Gefühl des eigenen Wertes, er ist die Vernichtung des ganzen Seins. Eine solche Erfahrung führt zu Schuldgefühlen, dem Gefühl von Schlechtigkeit, Scham und Selbstverachtung. Missbrauch  macht Frauen zum lebenslangen Opfer wenn er nicht verarbeitet wird. Diese Opferhaltung drückt sich später vor allem in intimen Beziehungen aus und ist der Nährboden für Probleme in der Beziehung. Einerseits ist da die Angst, nicht als Mensch in der eigenen Ganzheit geliebt zu werden, andererseits die Angst, wieder von einem geliebten Menschen benutzt, verletzt oder verlassen zu werden, was paradoxerweise zum Klammern an den Partner führen kann. Eine Nähe, die sucht, was ihr eigentlich Angst macht.

Besonders unreflektierte Frauen, die sich mit ihrer Geschichte nicht auseinandergesetzt haben und immer funktioniert haben, um den äußeren Schein zu wahren und zu bedienen, suchen in einer Art Wiederholungszwang immer wieder  Männer, die das Defizit eines gesunden Selbstwertgefühls noch verstärken.
Für einen gesunden Selbstwert aber ist es entscheidend, sich ein liebevolles, anerkennendes und unterstützendes Umfeld bewusst und vor allem selbst wählen zu können, das einen bestärkt, man selbst zu sein und es sein zu dürfen. Also auch schwach sein zu dürfen vor sich selbst und anderen.

Wer um seinen Wert weiß, ist nicht auf die Bestätigung durch andere angewiesen. Er brennt im Job nicht aus, er ist auf Augenhöhe mit dem Partner, und lebt unabhängig von guten Ratschlägen von Familie und Freunden.

Der einzige Weg zu einem gesunden Selbstwert ist die Selbstreflexion. Ziel des Weges ist es, Eigenverantwortung zu übernehmen und sich damit aus der Opferrolle zu bewegen. Dazu gehört, die Ursachen für mangelndes Selbstwertgefühl zu analysieren. Und es gehört dazu, sich selbst zu beobachten und dann Schritt für Schritt alte Verhaltensmuster und innere Überzeugungen zu verändern. Der Weg zum eigenen Selbstbewusstsein hat immer auch einen philosophisch-spirituellen Aspekt. Es geht darum, sich des eigenen Wertes bewusst zu werden, sich selbst kennen zu lernen und sich anzunehmen, mit der eigenen Geschichte, die uns zu der macht, die wir sind. Es geht um Persönlichkeitsaufbau und um Authentizität, was nichts anderes bedeutet als dass Denken, Fühlen und Handeln übereinstimmen. Es geht darum, die Maske abzulegen, der eigenen Angst und Schwäche zu begegnen, sie anzuschauen und trotzdem zu handeln. Es geht darum ja zu sich selbst zu sagen, ja zum eigenen Wert. 
Es geht um das Spüren der eigenen Kraft und Würde.

 
 
(c) Angelika Wende








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