Samstag, 31. März 2012

am ende

einmal habe ich gedacht zu finden wenn ich suche
antworten auf meine fragen, die nie enden wollten.

einmal habe ich gedacht wenn ich den versuch die welt zu verstehen nicht aufgebe wird sie mich irgendwann verstehen lassen.
die welt
das leben ... ?

nichts ist zu verstehen
nichts erklärbar
alles ist spekulation.
so scheint es mir, als sei alles umsonst gewesen.
eine mühe ohne lohn.
am ende
ver       zweifeln?

Donnerstag, 29. März 2012

konstruktionen

es nutzt nichts nach dem warum zu fragen
und doch tun wir es 
uns fragen 
immer wieder 
nach dem warum
nach dem sinn von etwas 
nach dem grund der dinge
nach der ursache für wirkungen

wir bauen konstruktionen von antworten
wir bauen sie weil wir die ohnmacht der antwortlosigkeit nicht ertragen
und so macht jedes warum doch sinn.

Mittwoch, 28. März 2012

von guten ratschlägen ...

ratschläge sind schläge. 

diesen spruch haben wir alle schon einmal gehört. und trotzdem, wie bei allem, was wir schon einmal gehört oder sogar verinnerlicht haben, es nutzt nichts. 

es nutzt nichts im sinne von - wir machen es trotzdem. immer und überall werden ratschläge gegeben. mütter und väter raten ihren kindern, meistens von etwas ab, freunde raten freunden, meistens wie sie mit etwas umgehen sollen müssen.  gute ratschläge sind gut gemeint, aber sie helfen dem, der sie bekommt gar wenig oder gar nicht. 

warum? 

weil jeder mensch anders tickt. und weil keiner die empfindungen des anderen spüren kann. verstehen ja, spüren nein. das ist ein himmelweiter unterschied. auch mit noch so viel empathie gelingt es uns nicht das gefühl des anderen zu fühlen.

jeder von uns hat eine andere empfindung der dinge, bewertet erfahrungen und erlebnisse anders. was für den einen überhaupt kein problem ist, ist für den anderen eine belastung,  die die seele quält und ihn verzweifeln lässt.

da hilft es nichts, zu sagen: tief durchatmen und im moment bleiben!
eine sehr beliebte, aus der asiatischen kultur in die europäische moderne übernommene haltung. wer das mit dem im moment sein übt, kann das lernen, aber wer das nicht gelernt hat, kann das nicht.

der europäer ist eben kein asiate. er ist völlig anders strukturiert. wir europäer haben eine andere kultur. und jede kultur trägt ein anderes kollektives unterbewusstes in sich, heißt ein ahnengedächtnis, das tief verankert ist in jedem von uns, über generationen bis ins heute. in unserer kultur ist das mit dem achtsamsein und dem gewahrsein des moments nicht verankert. also funktioniert das auch bei den wenigsten.

auch ein: das wird schon wieder!  hilft dem verzweifelten nichts. darum mag ich solche sätze auch nicht. ich bin sogar allergisch dagegen, übrigens auch gegen den satz: alles wird gut! 

im moment ist eben für den, der das problem hat oder verzweifelt ist, nichts gut und das wird schon wieder zukunftsversprechen ändert diesen gefühlszustand in keiner weise. wir sind schließlich im moment, oder? 

tja, also all diese ratschläge sind erst mal für den a.....

es gibt auch diesen spruch: das leid ist so groß wie die schultern, die es tragen müssen. und der ist wahr, sehr wahr ist der.

manche sind eben nicht so hart im nehmen wie andere. wie hart einer im nehmen ist hängt nämlich von seiner resilienz ab. das ist die angeborene widerstandsfähigkeit (aus dem lateinischen -  abprallen) welche die toleranz eines systems gegenüber störungen bezeichnet. je höher die resilienz eines menschen ist, desto fähiger ist er bedingungen auszuhalten und zu durchleben, unter denen andere zerbrechen würden. dieser hoch resiliente mensch braucht auch keine ratschläge, er vertraut sich selbst und seiner fähigkeit die dinge zu durchleben, auch wenn sie schwer sind. übrigens wesentliche faktoren, die resilienz beeinflussen, sind: eine intakte familiensituation, ein gut ausgebildetes urvertrauen, emotionale intelligenz und die aktive einstellung zu problemen.
und das ist nicht jedem gegeben.

wer dies nicht hat, erträgt weniger als andere. 

zurück zum ratschlagen - ich lasse das und ich will auch keine haben. ich weiß aus erfahrung, dass damit sogar eine gegenreaktion erzeugt wird. der mit rat geschlagene wendet sich ab.

ein mensch, der verzweifelt ist, will ernst genommen werden, er will nicht, dass sein problem, seine angst, seine verzweiflung beratschlagt werden.

was dieser mensch will ist achtung vor seinem gefühl, annahme und trost.

tja, wir haben das achten und das trösten verlernt. denn das bedeutet nämlich sich wirklich um ein verstehen des anderen zu bemüen, sich dem anderen aufmerksam zuwenden, ihn ernst zu nehmen und in seinem leid anzunehmen. erst mal. das ist viel anstengender und zeitintensiver als ein guter ratschlag. und es dauert länger als einen moment.




Dienstag, 27. März 2012

einfach

manchmal rutscht mir das lächeln ab
einfach so
manchmal klatscht mir die wut ins gesicht
einfach so
manchmal laufen mir die tränen über die wangen
einfach so
manchmal steckt mir ein schrei im hals
einfach so
manchmal lähmt mich die hilflosigkeit
einfach so
manchmal überfällt mich die trauer
einfach so
manchmal packt mich die verzweiflung
einfach so

nein
nicht einfach so

so einfach ist es nicht

Sonntag, 25. März 2012

REFLEXION und DIALOG - über das Werk des Bildhauers ANDREAS KORIDASS

auf Wunsch einiger Menschen, die gestern bei der Vernissage dabei waren ... die Rede zum Lesen!


REFLEXION und DIALOG

„Der wahre Sinn der Kunst liegt nicht darin, schöne Objekte zu schaffen. Es ist vielmehr eine Methode, um zu verstehen. Ein Weg, die Welt zu durchdringen und den eigenen Platz zu finden“, schreibt der Schriftsteller Paul Auster

Kunst, ganz gleich ob die des Schreibens, des Malens oder die des Bildhauens, ist darüber hinaus eine Methode zur Persönlichkeitsentwicklung, eine Methode auf dem Weg der Suche nach dem Wesentlichen, was Menschsein ausmacht.  Und sie ist der Antrieb dieses Wesentliche auszudrücken und ihm Gestalt zu geben um - wie es Auster so treffend formuliert - die Welt zu durchdringen.

„Kunst“, sagte Andreas zu mir, „ist auch ein Stück Eigentherapie.“ Auster würde ihm Recht geben und auch ich sage: Ja.

Ja, im Sinne der griechischen Bedeutung des Wortes Therapie, nämlich: Dienen.

Kunst dient dem, der sie macht und denen, die sich damit auseinandersetzen – den Rezipienten.

Kunst ist Reflexion und Dialog - der Titel der Ausstellung.

Reflexion, ein prüfendes und vergleichendes Nachdenken, um in einen Dialog zu treten. So dialogisiert der Künstler Koridass mit dem Material und wiederum das Material mit dem Künstler und schließlich das fertige Werk mit dem Rezipienten.

Kunst dient dazu, Inneres ins Außen zu bringen und das Außen und seine Reaktionen ins Innere zu lassen.

Ein Eingehendes und ein Ausgehendes im Wechselspiel.
Der Eintritt einem Tor gleich, das sich öffnet und sich wieder schließt und immer - die Möglichkeit sich wieder zu öffnen.

Andreas Koridass hat eine starke Affinität zu Toren, sie üben eine magische Anziehungskraft auf den Künstler aus.  Sie beschäftigen den Bildhauer, den Zeichner, den Grafiker, den Fotografen, den Menschen seit über einem Jahrzehnt.

Tore, Türen und Portale, formal stark reduziert und in die Abstraktion getrieben, sind ein großes, immer neu variiertes Thema seines künstlerischen Schaffens ... und Wächter.

Türen, die sich durchschreiten lassen, hinter denen sich  Geheimnisse verbergen und ergründen lassen, Portale, die zum Betreten einer unbekannten Welt einladen, eine Welt voller Unwägbarkeiten, eine Welt des Fremden, des Numinosen - auch das.  Davor oder korrespondierend – Wächter als Hüter und Bewahrer und als Erinnerung an die Kultur unserer Ahnen.

Wir Menschen treten irgendwann, in einem Moment in der Zeit, in die Welt ein und irgendwann schließt sich diese Tür, die uns den Eintritt bot, wieder. Anfang und Ende. Geburt und Tod. Das ist Leben.
Das Thema Tod beschäftigt den Künstler ebenso sehr wie das Leben. „ Leben und Tod gehören für mich zusammen“, sagt er, „auch wenn wir da nicht gern hin schauen, weil uns unsere Sterblichkeit Angst macht.“

Der Bildhauer schaut hin und er macht uns sehen. Sehen was da ist, auch da ist. Eben auch die Angst als Teil des Menschseins. Schatten ist da wo Licht ist. Auch da, wo die Liebe ist, ist die Angst. Und sie ist nicht das Gegenteil, denn wer liebt hat Angst um den geliebten Menschen. Unsere Ängste abzuspalten und in das dunkle Schattenreich der Seele zu verbannen macht sie nicht kleiner.

Andreas Koridass weiß, durch beständige Reflexion, dass das Abspalten, das Trennen der Dinge kein Weg ist um Leben zu verstehen und es zu leben.

Er weiß ...
die gegensätze sind es, die leben ausmachen
die gegensätze sind es, die das ganze bilden
in uns
im aussen

wir sind welt
die welt ist in uns

jeder von uns ist ein mikrokosmos, der den makrokosmos reflektiert
spiegeln gleich
die gegensätze zeigen uns das ganze
in der welt
in uns

nur durch die gegensätze erkennen wir das eine und das andere
sie bedingen welt und uns
der makrokosmos trennt nicht
der mensch trennt

mit jedem trennen
trennen wir uns von uns
mit jedem abspalten spalten wir uns
mit jedem nein zu einem teil in uns verneinen wir das ganze
und damit uns

was wir abspalten geht ins außen
und kommt auf uns zurück vom außen
weil es wieder nach innen will
da hin wo sein platz ist

je mehr wir dem trennen macht geben
desto zerrissener fühlen wir uns
alles ist, alles darf sein
verbinden wir uns
sind wir eins mit uns und der welt

Verbinden wir uns mit dem, was in uns ist und mit dem anderen, unserem Nächsten, achten wir das Menschliche und das menschliche Miteinander und die Geschichte der Menschheit - das ist die wesentliche Botschaft, die uns in diesem Werk begegnet. Das ist die Philosophie, die Koridass bildhauerisches Werk kennzeichnet. In allem, was er schafft, findet sich die Polarität des Seins, finden wir das eine und das andere, das ohne einander nicht sein kann. Das duale Prinzip. Daran liegt ihm.

Da ist Die Liegende, die sich spannungsgeladen und aufstrebend nach oben reckt, harmonisch und geschmeidig in der Bewegung - scheinbar in sich ruhend. Aber da ist auch dieser Dorn, der spitz aus dem geölten Holz des Apfelbaumes ins Außen ragt.

„Ying und Yang“, sagt Koridass.
Hier sind das Weiche und das Harte, ja sogar das Aggressive  vereint in einer Figur. Der Dorn im eigenen Fleisch? Der Dorn, der nach außen dringt - um was zu tun? Im Zweifel um zu verletzen, achten wir nicht auf seine harte Spitze.

Das eine, durch ein anderes Element ergänzt, erzielt eine beeindruckende Wirkung. Ein Baumstamm, der durch schneiden und hauen zu einer ausdrucksstarken Skulptur geformt wird. Jeder Stamm, jedes Holzstück ist immer eine Herausforderung für den Bildhauer. Es bedarf Erfahrung im Umgang mit dem Naturmaterial und dem zur Bearbeitung notwendigen Werkzeug wie Kettensäge, Flex und Stemmbeitel.
Und es bedarf Einfühlungsvermögen in das Holz.

„Ich habe eine genaue Vorstellung von dem was ich machen will, ich mache die Zeichnung, ich bin neugierig auf das Holzstück, das ich im Wald finde und dann fälle. Ich erprobe, ob es mitmacht, was das Blatt vorgibt.
Es funktioniert nicht immer“, sagt Koridass.

Das Holz muss wollen, auch wenn der Bildhauer meisterlich damit umzugehen versteht. 

Holz ist nicht gleich Holz, jedes hat seinen eigenen Charakter, den der Künstler achtet. Astlöcher, aufgeplatzte Rinde und Risse werden integriert und für die Gestaltung der Skulptur genutzt. Die Kombination mit Leder, Jute und Metall machen den besonderen Reiz der Arbeiten aus.
Reizvoll im Sinne des Wortes.

Ob in der Skulptur, den Zeichnungen oder den Fotografien, in jedem Exponat spiegelt sich ein Anliegen, geboren aus der Reflexion einer bewussten, nach Sinn strebenden Gedankenwelt eines großartigen Bildhauers, der Reize setzt um uns, den Betrachter zum Nachdenken anzuregen über die Komplexität von Welt und Mensch.

Diese Kunst ist klug und sie ist wahrhaftig. Sie ist die zu Gestalt gewordene innere Welt eines Künstlers, der weiß: Der Mensch trägt untrennbar immer seine eigene Geschichte und die Geschichte der Menschheit in sich, mit all ihrem Hell und ihrem Dunkel.

Apropos Geschichte: Die Bildhauerei ist eine der ältesten bildenden Künste der Kulturgeschichte -  für einen der sich den Ahnen verbunden fühlt, die mit Sicherheit stimmigste künstlerische Ausdrucksform.

© angelikawende, im märz 2012
















Samstag, 24. März 2012

kommunikation

miteinander reden
aufeinander achten
aufeinander zugehen

respektvoll

hinter worte blicken
um zu verstehen
über das gesagte hinaus

nicht beharren
die sicht wechseln 
durchsicht üben
rücksicht nehmen

sich zuwenden 
uns selbst 
über uns selbst hinaus
zum anderen hin

Mittwoch, 21. März 2012

wahrheit

die wahrheit liegt nicht da draussen
sie liegt nicht in einem anderen
nicht im wissen der bücher
sie liegt in uns selbst

zwischen licht und schatten
und irgendwann zeigt sie sich
und es entscheidet sich
ob sie dunkel oder hell ist

und dann beginnt etwas anderes
wenn wir ehrlich zu uns selbst sind.


Samstag, 17. März 2012

zu viel

sie kämpfte ständig gegen die vertreibung der bilder in ihrem überfüllten geist. sie hatte zu viele erinnerungen gespeichert. zu viele affekte, die dem erlebten eine bedeutung gaben. sie wusste, nur was uns nicht kümmert vergessen wir. wenn sie sich doch nur weniger gekümmert hätte, wenn sie durchlässiger gewesen wäre ...

Freitag, 16. März 2012

Totstellen

anna hatte beschlossen sich tot zu stellen.

das telefonkabel aus dem stecker gezogen, das handy ausgeschaltet. ihr e-mails las sie nicht mehr. sie musste wissen, wie es sich anfühlte, das totale sich aus der welt ziehen. sie musste zu sich selbst finden, es drängte sie dazu mit einer macht, wie sie sie noch nie zuvor gefühlt hatte. nicht, dass sie es nicht versucht hätte, es gesucht hätte, dieses selbst, das sie nur ahnte, irgendwie sogar fühlte und dem sie, wenn sie ehrlich zu sich selbst war, keine klare konturen geben konnte.

genau um diese klarheit ging es, jetzt oder nie. sie war spät dran. die zeit raste, überholte sie. sie dachte an die zeit als sie jung war und leicht und schön. das leichte war ihr abhanden gekommen, das schöne verblichen. sie hatte ihre zeit gehabt, zeit genug, und doch nicht genug um zu leben, was in ihr war und sich ausdruck suchte, in den dingen, die sie getan hatte und tat. sie lagen vor ihr wie bruchstücke eines fragwürdigen ganzen, das sich auf eine gewisse weise verband aber ohne konturen herumlag wie verstreutes. verstreutes leben, dachte anna. sie spürte das bittere lächeln um ihren mund.

sie lächelte nicht mehr oft. das war ihr aufgefallen. ihre träume waren dunkel, spiegelten ihr nacht für nacht vergangenes, das sie am tag verdrängte. die nacht, dachte anna, bringt die wahrheit ans licht. ihre wahrheit, die unteilbar war mit den wahrheiten der anderen. wozu auch, wen interessierte schon ihre wahrheit. sie war genauso unteilbar wie alles gefühlte.

an diesem morgen war sie allein aufgewacht. auch das gehörte zum totstellen. sie hatte es ihm gesagt, dass sie allein sein musste. alleinsein um ihre einsamkeit nicht mehr in ihm gespiegelt zu sehen, sondern da, wo sie ihren platz hatte, in ihrem inneren. er hatte es akzeptiert, enttäuscht und mit missmutiger, krampfhaft unterdrückter wut, die sie gefühlt hatte, die sie bedrängte wie seine erwartungen, die er nicht aussprechen musste, damit sie sie spürte.

sie hatte längst begriffen, dass sie nichts teilen konnte von dem was wesentlich war, wesentlich für sie. sie hatte das unteilbare zu akzeptieren versucht, was ihr nicht gelungen war. über das anerkennen kam sie nicht hinaus. das musste sie ändern, das mit dem akzeptieren, das über das anerkennen hinaus ging, das verinnerlichen war, ohne reue zu empfinden. ich bereue nichts, sang edith piaf. anna überlegte, ob das auch für sie galt. sie bereute manches, vor allem das, was sie anderen getan hatte und andere ihr, das ungute, das man tat, ohne es zu wollen. aber das nichtwollen machte das antun nicht kleiner.

sie wollte keinem mehr etwas antun und nichts mehr von keinem angetan haben. das ging nur, wenn sie keinem mehr nahe kam. das ging nur, wenn sie allein blieb. ob sie das wollte? auch das würde sie herausfinden im totstellen. eine übung im nicht mehr verfügbar sein, ein vorbereiten auf den verlust und den selbstverlust. vielleicht ging es darum, um ein sich auflösen. aber das hatte sie längst getan, sich aufgelöst im leben, das zu viel gefordert hatte und immer weiter forderte. so viel, dass das andere sich im übermaß in das ihre mischte. in ihr eine trübe flüssigkeit, die eins vom anderen nicht mehr unterscheidbar machte. sie musste sie klären und wusste nicht wie. verschlackte brühe, dachte anna und eine gewaltige wut legte sich zu der trauer es zugelassen zu haben, das vermischen. ihr würde übel.

einmal hatte sie ganz viel wasser getrunken um das trübe aus sich herauszuspülen, geholfen hatte es nichts, nur hilfloser hatte es sie gemacht und noch konturloser innen. das konturlose ist wie das aufgelöste, ein etwas ohne festen umriss, ein bild, das ihr der anblick ihres vergehenden körpers im spiegel zeigte, in den sie nicht mehr zu blicken wagte, weil es sie schmerzte. sie hasste die vergänglichkeit. schon als mädchen hatte sie es nicht ertragen, wenn blumen in der vase verwelkten. sie hatte sie herausgenommen und in den müll geworfen, bevor sie die blätter verloren. das war ein vernichten, ein vernichten dessen, was sie nicht lassen konnte, nicht loslassen konnte.

jetzt würde sie loslassen, loslassen von allem und sich totstellen und im totstellen das leben suchen, das nur ihr gehörte. es war ein untauglicher versuch, sie wusste es, aber irgendetwas in ihr sagte ihr, dass sie es tun musste - trotzdem.







Dienstag, 13. März 2012

Aus der Praxis: Warum Kinder stehlen - Nichtwissen und der Wunsch nach Aufmerksamkeit


Eignet man sich Dinge aus fremdem Besitz ohne die Zustimmung des Eigentümers an, dann spricht man von Stehlen. Das bedeutet, dass Diebstahl in sozialer, moralischer und ethischer Hinsicht erst dann existiert, wenn ein Kind bewusst zwischen mein und dein unterscheiden gelernt hat. Erst wenn es trotz diesem Wissen aus fremdem Eigentum Gegenstände nimmt, stiehlt es.

Normalerweise entwickelt sich das Bewusstsein für Fremd-und Eigenbesitz bei Kindern relativ spät. Bis sie etwa acht Jahren alt sind fehlt häufig die Unterscheidungsfähigkeit zwischen mein und dein. Erst wenn ein Kind sich trotz dieses Bewusstseins Dinge aus fremdem Eigentum aneignet, stiehlt es tatsächlich. Gelegentliches Stehlen von Süßigkeiten aus dem Kühlschrank oder eines Spielzeugs, das einem anderen Kind gehört, geschieht ohne nachzudenken. Das Kind nimmt sich einfach, was es gerade haben will. Es tut das unbewusst aus einem inneren Drang heraus ohne sich des Unrechts bewusst zu sein. Ob dies aber die wahre Ursache ist, kann in einem Gespräch herausgefunden werden, indem man das Kind nach Besitzzuordnungen fragt.

Fehlende Besitzvorstellungen findet man oft bei Kindern, die überbehütet sind, im Sinne von überversorgt. Kinder, die zu hause alles bekommen, was sie wollen. Sie erlernen quasi unmittelbare Bedürfnisbefriedigung, ohne etwas dafür tun zu müssen. 

Für diese überversorgten Kinder stellen der Kindergarten oder die Schule eine völlig neue Situation dar, in die sie sich erst einfinden müssen. Sie müssen lernen zu teilen und auf diese unmittelbare Bedürfnisbefriedigung zu verzichten. Schwer, wer das nicht zu hause gelernt und so völlig andere Erfahrungen gespeichert hat. Zudem gibt es Familien in welchen Eigentum sehr gering bewertet wird. Jeder nimmt sich alles von jedem. Kinder die auf diese Weise aufwachsen, empfinden das Stehlen nicht als solches, sondern sehen es als absolut normal und moralisch unbedenklich an, sich alles einfach zu nehmen. Sie haben Eigentumsvorstellungen schlicht und einfach nicht gelernt.

Die weit größere Ursache für kindliches Stehlen oder Stehlen im Jugendalter liegt im emotionalen Bereich. Hier geht es immer um Anerkennung, Zuwendung und Erleben von Selbstwertgefühl, das im Tiefsten fehlt.

Häufig beginnen Kinder, die einen Mangel an Aufmerksamkeit, Zuwendung oder Liebe erfahren, missachtet oder gedemütigt werden, irgendwann zu stehlen. Das unbewusste Ziel ist zum einen, endlich Aufmerksamkeit zu bekommen, zum anderen, die innere Leere zu füllen. Dabei spielt es bei einem emotional hungrigen Kind keine Rolle ob diese Aufmerksamkeit dann positiv oder negativ ist. Es will wahrgenommen werden und das um jeden Preis. Zudem können die gestohlenen Gegenstände als Liebesersatz fungieren, mit dem es den emotionalen Mangel auszugleichen versucht. Diese Kinder stehlen in der Tat um erwischt zu werden. Ein deutliches Signal für die innere Not, in der sie sind. Selbst Strafe nimmt das Kind in Kauf, nur um endlich beachtet zu werden.

Stehlen kann auch Gegenaggression sein.

Erlebt das Kind eine einengende, unterdrückende oder sogar aggressive Erziehung, kann Stehlen zum Ausdruck von Gegenaggression „benutzt“ werden. Das Kind rächt sich auf diese Weise, es wehrt sich, indem es der Mutter oder dem Vater etwas wegnimmt. Nimmt das Kind die eigentliche Person als übermächtigen Aggressor wahr, neigt es dazu Ersatzpersonen zu bestehlen. Es will sich auf diese Weise gegen die dominanten, erdrückenden, überstarken Widerstände in der Familie durchsetzen. Dieses Durchsetzen des eigenen kindlichen Willens spielt auch in der Peer Group eine Rolle: Kinder und Jugendliche suchen Anerkennung, die sie sonst nicht bekommen und versuchen sich durch gestohlene Dinge in die Gruppe einzukaufen.

Stehlen ist immer ein stummer Schrei nach Aufmerksamkeit und ein Notruf der Seele. Der Akt des Diebstahls ist ein symbolischer.

Das bedeutet: Ein Gegenstand dient als Ersatz für die Nähe oder die Aufmerksamkeit einer geliebten Person, meistens ein Elternteil. Das Kind symptomatisiert mit dem Stehlen, für alle sichtbar, ein krankes Familienkonstrukt. Ein systemisches Problem also ist die Ursache und daher kann das Problem nur systemisch gelöst werden, heißt: alle Beteiligten sollten daran arbeiten. Die Ursachen für das Stehlen finden sich in den überwiegenden Fällen nicht in der unmittelbaren Umgebung (Kindergarten, Schule), sondern wesentlich häufiger im Elternhaus und im Freundeskreis. Entscheidend ist es also die individuelle, emotionale und soziale Situationen des Kindes zu erkennen und zu verstehen.

Kontraproduktiv ist es, das stehlende Kind bloßzustellen. Strafe schützt nicht in diesem Fall nicht vor weiteren Diebstählen. Den Ursachen für das Stehlen sollte vorurteilsfrei und mit Empathie nachgegangen werden. Wie bei allen Formen des Diebstahls ist es sinnvoll, dem Kind die Möglichkeit anzubieten, den gestohlenen Gegenstand unauffällig zurückzugeben.

Entscheidend aber ist zu wissen, dass jeder kindliche Diebstahl ein Hilfeschrei ist. Ziel ist, diesen Schrei zu hören und nach den Gründen zu suchen, um das Fehlverhalten zu beenden.

Kein leichtes Unterfangen. Stehlende Kinder, hat man sie entdeckt, schweigen oft beharrlich zu den Gründen, warum sie stehlen. Meistens wissen sie auch nicht warum sie es tun. Dennoch schämen sie sich, haben Schuldgefühle und ziehen sich im schlimmsten Falle in sich selbst zurück. Dies führt wiederum dazu, dass sie, um die seelische Spannung und innere Einsamkeit zu kompensieren, erneut stehlen. Das Stehlen wird in der Folge zum Kick, zum paradoxen Selbsthilfeversuch, zum wiederholbaren emotionalen Ausgleich einer unter Konfliktspannung stehenden Psyche.

Fehlt dem Kind nur der Eigentumsbegriff, ist es möglich ihm diesen mit viel Geduld spürbar zu vermitteln. Nur so kann dieser entwickelt werden. In Gesprächen, bei jüngeren Kindern spielerisch, wird dem Kind klar gemacht, was mein und dein bedeutet. Wichtig ist auch, dass das Kind einen eigenen Raum hat, im besten Fall ein eigenes Zimmer oder einen eigenen Schreibtisch. Häufig lässt sich der Eigentumsbegriff auch über regelmäßiges und ausreichendes Taschengeld entwickeln, über welches das Kind absolut frei verfügen darf und über Ausgaben keine Rechenschaft ablegen muss. Älteren Kindern und Jugendlichen kann man durchaus nahe bringen, dass sie sich mit Diebstählen in eine Unrechtssituation begeben, die auch juristische Folgen haben kann.

Niemals aber sollte das Kind oder der Jugendliche abgewertet werden.

Kränkung und Demütigung helfen nichts, ebenso wenig wie Anklagen oder verbale Vernichtung. Im Gegenteil, das macht alles nur schlimmer. Das Kind, bzw. der Jugendliche fühlt sich abgewertet und empfindet sich im schlimmsten Falle als kriminell. Dies provoziert das Bewusstsein es auch zu sein und in Folge - danach zu handeln. Man sollte das Kind oder den Jugendlichen zwar auf sein „falsches Verhalten“ aufmerksam machen, ihm aber als Mensch Achtung und Respekt entgegenbringen und niemals verurteilen. Einer der stiehlt hat sowieso ein mangelndes Selbstwertgefühl, denn sonst würde er nicht stehlen.

Zusammenfassend ist zu sagen: Konsequenzen sind sinnvoll, strenge Bestrafung aber ist sinnlos, denn Kinder, die stehlen, wollen eine innere Leere füllen. Zuwendung, Lob, Anerkennung und das Gefühl von Liebe und Geborgenheit - diese Dinge sollten Eltern vermitteln, damit keine Diebstähle mehr nötig sind.

Montag, 12. März 2012

VOM KAUFEN DES GLÜCKES

heute morgen beim ersten kaffee las ich folgendes: amerikanische glücksforscher plädieren dafür, der mensch soll sein geld für erlebnisse auszugeben, anstatt für gegenstände.

der grund, so die psychologen: erlebnisse bleiben länger im gedächtnis.

damit haben sie erst mal recht, wenn es auch nichts neues ist. dank der hirnforschung wissen wir, dass alles erlebte sich im limbischen system verankert (das wird übrigens auch das herzdenken genannt) und dort wird es, je nach intensität, gespeichert, ein leben lang. egal übrigens, ob es ein schönes oder ein unschönes erlebnis ist.

und weil diese forscher das auch wissen, plädieren sie jetzt, ganz im sinne - selbst ist der glückliche konsument! dafür, dass mensch sein geld in erlebnisse investieren soll, anstatt in dinge. nun ja, dass dinge anhäufen nicht wirklich glücklich macht, wissen wir auch schon. also wieder nichts neues.

egal, die botschaft für alle unglücklichen lautet: wenn ihr nicht glücklich seid, fragt nicht euren arzt oder apotheker, zum beispiel nach käuflichen glückspillen, kauft nicht das neue ipad, sondern investiert eure kohle in den besuch im freizeitpark, investiert nicht in das neue auto, sondern in einen netten urlaub in der karibik. kurz, die glücksmessage der moderne mit garantierter nachhaltigkeit lautet: leute, kauft euch das glück, das euch das leben nicht schenken will!

über diese credo wird sich sicher die eventindustrie freuen. auch die reiseveranstalter, die flugesellschaften und sonstige glücksfabrikanten werden sich die geldgierigen hände reiben. ob die das glücklicher macht? na, zumindest hebt es die umsatzzahlen und das ist doch schon mal was. also rein ins käufliche vergnügen. ha, da könnte mann sich doch auch das sexuelle glück kaufen, wenn es mit dem beziehungssexglück nicht klappt - das käufliche sexuelle erlebnisglück steht ja förmlich in jedem ort der welt auf der strasse.

auch wenn ich es nicht fassen kann, diese glücksforscher meinen es ernst und begründen ihre erkenntnis wie folgt: die regeln für ein glückliches erleben basieren auf der annahme, dass der mensch sich schnell an gegenstände gewöhnt und das macht eben nicht glücklich.

aha, gewohnheit macht also unglücklich? ich ahnte es. traurig, aber wahr: die gewohnheit tötet beim modernen konsumenten die freude an den dingen, die er sich so anschafft. das gilt übrigens auch für die liebe, die zwar kein ding ist, aber durch zuviel gewohnheit eben nicht glücklicher macht, sondern ihren reiz verliert. ja, auch der mensch ist ein konsumgut geworden, den kann man sich zwar nicht kaufen, aber in die wüste schicken und sich einen neuen anschaffen, wenn der alte nicht mehr zum glücke beiträgt.

da haben sie recht die glücksforscher. da die freude am gewohnten dinglichen oder menschlichen gut nur von kurzer dauer ist, wird mensch schnell unglücklich. die folge: sein gehirn schüttet weniger vom glückshormon serotonin aus und der frust steigt. da fallen mir doch wieder die käuflichen glückspillen ein, wie das in den staaten so beliebte fluctin. schluckt mensch die fleißig, hat er so viel glückshormone im körper, dass er immer und in jeder lebenslage mit einer rosaroten brille bestückt ist. die lust am sex lässt dabei automatisch auch nach und beruhigt so, quasi als nebenwirkung, den stress mit dem heischen nach dem beziehungsglück.

also fragen wir doch, wenn gar nichts mehr geht, den arzt oder den apotheker?

nein, denn die us bürger konsumieren von diesen glückspillen mehr als jedes andere volk und sind trotzdem nicht glücklicher, sonst erfände man ja nicht das käufliche erlebnisglück.

tja, gar nicht so einfach, das mit dem glücklichsein auf dauer. aber jetzt gibt es ja endlich eine alternative.

erlebnisse müssen her! und wenn uns die das leben nicht freiwillig schenkt, werden die bezahlt! das weitere credo der glücksforscher: gekauftes erlebtes, am besten noch mit anderen geteilt, ist eines der größten glücksquellen überhaupt. was solls, investieren wir halt den schnöden mammon, mensch will doch endlich glücklich sein, um jeden preis.

weckt mich bitte auf aus diesem albtraum!

wo ist der mensch hingekommen in seinem vergeblichen jagen nach dem glück? ist es tatsächlich schon so weit, dass man uns empfiehlt es uns zu erwerben?

es ist soweit! glück, das kostbarste was mensch erleben kann, abgesehen von der liebe, die wie gesagt, in den meisten fällen leider auch kein dauerhaftes glück in sich trägt, wird ab sofort selbst geschmiedet, ganz im sinne von "jeder ist sein glückes schmied", vorrausgesetzt allerdings, der geldbeutel macht mit.

die reichen haben da die besten karten, die armen haben wieder einmal pech gehabt.

ja, das glück scheisst immer auf den größten haufen, das wusste schon meine oma. die wusste sogar noch mehr, nämlich wie man kostenlos erlebnisglück herstellt.

meine oma hat jeden sonntag morgen eine wunderbaren kuchen gebacken und ihre kinder und enkelkinder am nachmittag damit verwöhnt, sie hat sich liebvoll um die nachbarin gekümmert, wenn es der schlecht ging und ihr ein lächen aufs gesicht gezaubert mit ihrer ansteckenden lebensfreude. wenn ich unglücklich war ist sie mir in den wald gegangen und hat mich auf die sonnenstrahlen, die kleine muster auf die blätter der bäume malten, aufmerksam gemacht und auf das zwitschern der vögel und das tun all der kleinen tierchen, die da so rum kreuchten und fleuchten und dann haben wir ein picknick gemacht und es gab mein lieblingsessen, das sie gekocht und in einer blechdose warm gehalten hatte. wir haben eine decke auf dem waldboden ausgebreitet und es gemeinsam verputzt und sie hat mir märchen erzählt, so lange bis ich wieder glücklich war.

das war ein erlebnis!


Sonntag, 11. März 2012

Aus der Praxis: Zwangspresse LIEBE


Eine gesunde Partnerschaft wird durch eine klare Außen- und Innengrenze definiert. Das bedeutet: Ein Paar grenzt sich gegenüber anderen Personen ab, es fühlt sich als Paar, es gestaltet sein Leben gemeinsam, es schaut in die gleiche Richtung. Gleichzeitig führen die Partner, jeder für sich, ein eigenes Leben.

Das ist kurz gefasst die Basis einer gesunden Beziehung, getragen von Liebe, Zuneigung, Verständnis, Respekt und der Achtung der Grenzen des Anderen: Sie ist eine Union zweier Menschen, in der eine ausgeglichene Balance zwischen Nähe und Distanz, Geben und Nehmen herrscht und in der beide sich individuell entfalten können und doch miteinander wachsen.

Viele Beziehungen verlaufen jedoch anders.

Die meisten Menschen werden von zwei großen Lebensängsten begleitet: Zum einen von der Angst vor innerer Isolation und Verlust, zum anderen von der Angst vor der Nähe, dem Verschlungenwerden, dem Ich-Verlust.

Bei manchen Menschen ist eine der beiden Ängste besonders ausgeprägt, bei anderen beide gleichzeitig. So entsteht in vielen Beziehungen oft ein Spannungsfeld zwischen dem Bedürfnis nach Nähe und dem Wunsch nach Distanz, entweder zwischen zwei Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen in Hinblick auf Nähe und Distanz oder als innerer Konflikt einer der Partner. Beides wird im Verlauf der Beziehung zum alles beherrschenden Thema.

So ist, was für den einen Liebe, Selbstlosigkeit und Aufopferung ist, für den anderen Zwang, Druck und Kontrolle.

Nichts ist erdrückender als eine Liebe, die klammert und einengt. 
Klammernde Liebe ist in Wahrheit keine Liebe. Liebe basiert auf Freiheit, darauf dem anderen sein Sein zu lassen und ihm den Raum zu geben, den er braucht, um sich zu entfalten. Klammernde Liebe ist Selbstzweck, sie ist das Gegenteil, nämlich ein Mangel an Liebe, die im eigenen Ich nicht vorhanden ist und deshalb am anderen festgemacht wird. Der andere wird zum Objekt der eigenen Bedürftigkeit und Befriedigung. Dies basiert auf unbewussten Besitzansprüchen und zeigt sich darin, dass der Partner sein Liebesobjekt vereinnahmt und selbst zum lebenden Schatten des anderen mutiert. Die Folge ist, dass seine Liebe den anderen nicht atmen lässt, er nicht zulassen kann, dass eigene Interessen des Partners auch ohne ihn gelebt werden.

Klammernde Liebe, die in Folge den anderen auffrisst, hat nichts mit Liebe zu tun, sie ist das egoistische Besitzenwollen eines innerlich einsamen, leeren Menschen, der in sich selbst nichts findet, was ihn erfüllt. Dieser Mensch strebt aus mangelnder Selbstliebe, Verlust- und Isolationsangst nach einer symbiotischen Beziehung, in welcher er sich im Paarsein als eine Person empfindet. Er lebt und atmet quasi durch den anderen. Er saugt so dem anderen im wahrsten Sinne des Wortes den Lebensatem aus.

Liebe erdrückt nicht, niemals, wenn es erdrückt, ist es keine Liebe.

Menschen, die den Partner mit übermäßiger Aufmerksamkeit und hohen Erwartungen überschwemmen, ohne dabei die Grenzen und die tatsächlichen Bedürfnisse des Partner zu sehen und so zu wahren, Menschen, deren Gedanken und Wünsche ständig um den Partner oder das Zusammensein mit ihm kreisen, haben kein gesundes Selbstkonzept. Sie fühlen sich, ist der andere abwesend, allein und verlassen, sie verlieren sich in einer inneen Leere, die sie bedroht. Weil sie diese Bedrohung nicht aushalten können, kontrollieren sie den Partner, verfolgen ihn geradezu mit Aufmerksamkeit und drücken ihn auf diese Weise mehr und mehr in eine Zwangspresse. 

Diese klammernde Liebe hat ihre Ursachen in der Kindheit. Wenn ein Kind von seinen Eltern nicht die Aufmerksamkeit und Liebe bekommen hat, die es gebraucht hätte, oder wenn es nicht fähig war zu nehmen, was die Eltern ihm an Liebe zu geben hatten, bleibt es unversöhnt mit seinem Anspruch an  Geborgenheit. Diese Menschen tragen die Wunde des Ungeliebten in sich. Sie versuchen ein Leben lang im Nachhinein, den in der Kindheit erlebten Mangel zu beheben und die Leere, die die gefühlte oder erlebte Lieblosigkeit hinterlassen hat, durch einen anderen Menschen zu füllen. Mach mich voll!, ist ihr tiefstes inneres Bedürfnis.

Diese Aufgabe weist ein "Ungeliebter" unbewusst dem Partner zu. Mach mich glücklich!, ist die weitere Erwartung und „Du musst mich doch lieben, schau, was ich alles für dich tue!“, die nächste.

Das sind unerfüllbare Erwartungen, sagt uns der gesunde Menschenverstand. Das Unterbewusstsein des Verwundeten lässt sich dadurch aber nicht beeindrucken. Wie ein Selbstläufer spult es sein Programm der Bedürftigkeit ab – es erwartet, es will - und zwar immer zu viel.

Unangemessen hohe Erwartungen an eine Beziehung werden zum Problem, denn der Partner kann das in der Kindheit entstandene Loch niemals füllen. Er ist damit schlichtweg überfordert. Zum einen kann keiner den inneren Mangel des anderen ausgleichen und zum anderen hat auch das eigene bedürftige innere Kind Wünsche und will vom anderen etwas haben. Freiraum zum Beispiel. Die Erwartungen der Partner kollidieren also.

Liebe bedingt nicht nur die Balance zwischen Nähe und Distanz sondern auch die Balance zwischen Geben und Nehmen. Der Partner, der den anderen mit seiner Liebe überschwemmt ist in der Regel auch ein Geber. Er gibt über die Maßen mit dem Ziel geliebt zu werden. Aber es ist weitaus mehr: Im Geben fühlt er sich groß und überlegen. Damit kompensiert er sein mangelndes Selbstwertgefühl und seine geringe Selbstliebe.

Er will, indem er ständig gibt, meistens mit der Aussage: ich erwarte nichts, in Wahrheit nichts anderes als die Kontrolle über den anderen. Er will ihn abhängig machen, aus Verlustangst heraus.

Dadurch aber entsteht eine Polarisierung. Der Eine gibt aus dem extremen Bedürfnis nach Geborgenheit und Zusammengehörigkeit heraus über die Maßen viel, der Andere rutscht automatisch in die Position des Nehmers. Das kann sich über alle Bereiche ziehen - finanziell, in Geschenken, in einem ständig für den anderen da sein, emotional oder sexuell.

Jede Geste der Liebe, alle Liebesworte, jedes Kompliment, jede Unterstützung für den anderen wird zur Gabe. Dahinter steckt: „Schau, was ich für dich tue, du musst mich doch lieben!“

Wer nun ständig die dargebotenen Gaben des anderen annimmt, verfängt sich im Käfig der inneren Schuld, die er ausgleichen muss. Er will dem anderen nichts schuldig bleiben, denn alles Geben beinhaltet das Bedürfnis nach Ausgleich, das in jedem Menschen angelegt ist. Ganz gleich ob der Geber sich dessen bewusst ist oder nicht – er will belohnt werden. Und der andere spürt das. Im Nehmen aber wird der Andere klein, bedürftig und schließlich abhängig. Er ist ständig in der Rolle sich bedanken zu müssen, es wieder gut machen zu müssen, zurückzugeben, was er bekommen hat.

Es beginnt ein Teufelskreis: Der Geber weckt beim Partner mehr und mehr Schuldgefühle, um ihn bewusst oder unbewusst gefügig zu machen. Das Schuldgefühl des Partners führt dazu, dass er irgendwann klein beigibt um sich nicht als schlechter Mensch zu fühlen. Er meint die überzogenen Bedürfnisse des anderen nach Geborgenheit und Nähe erfüllen zu müssen. Die Folge ist, dass er dies nicht mehr aus freiem Willen und gern tut, sondern weil er sich dazu gezwungen fühlt. Jedes Geschenk, das ihm gemacht wird, wird zum giftigen Geschenk. Giftige Geschenke aber vergiften jede Beziehung. Sie haben eine zersetzende Wirkung und führen letztendlich dazu, dass sich die Beziehung auflöst.

Was also für den einen hingebungsvolle Liebe und Aufopferung ist, ist für den anderen Vereinnahmung, Zwang und Kontrolle. Er fühlt sich unter einen nicht aushaltbaren Druck gesetzt. Das Fatale an dieser Konstellation ist zudem, dass durch dieses Übermaß an Geben eine Art Eltern-Kind-Beziehung entsteht. Wer will eine erotische Beziehung zu seiner Mutter oder zu seinem Vater? Mit anderen Worten: Die sexuelle Atraktivität des Gebers geht gegen Null.

Energetisch gesehen bedeutet das: Der Strom der Liebe fließt nur in eine Richtung. Aber es ist noch komplizierter: die bedürftige Liebe des Gebers ist eine selbstbezogene. Sie ernährt sich von der Aufmerksamkeit und Liebe des anderen. Sie saugt sie aus dem anderen heraus. Da sie aber nicht zu stillen ist, will sie immer mehr. Sie saugt den anderen am Ende energetisch völlig aus.

Nichts ist schlimmer als eine Liebe, die die Balance verloren hat, nichts ist erstickender und tödlicher als eine Liebe, die klammert, fordert und einengt.

Vereinnahmen hat nichts mit Liebe zu tun, Vereinnahmen wird zum lebenden Schatten eines unerfüllten Selbst, der im wahrsten Sinne des Wortes jedes Gefühl überschattet. Klammernde Liebe ist das narzisstische Bedürfnis eines Menschen, der sich selbst im anderen sucht und lieben will, weil er sich nie geliebt fühlte. Sie ist die narzisstische Schwester der Liebe - das "Haben wollen" eines vermeintlich geliebten Menschen. Ein Fass ohne Boden. Diese Liebe verbrennt sich selbst. Sie erstickt im Keim und verglimmt schließlich zu Asche. Wie ein Feuer braucht die Liebe Luft zum Atmen.

Die traurige Ironie: Wer klammert, wer zuviel gibt, überzogene Besitzansprüche stellt und ständig die Aufmerksamkeit des Partners einfordert, erreicht genau das, was er befürchtet: Er wird verlassen.
Denn wie soll der andere soll er sich noch anders abgrenzen ohne den ewig erwartenden Partner zu verletzen? Wie kann seine Liebe sich entfalten, wenn der Bedürftige ihm das Gefühl gibt, er mache sein ganzes Glück aus?

Nur wenn Nähe und Distanz, Geben und nehmen in der Balance sind schwingt das Band der Liebe.
Zuviel vom einen oder anderen zerreist es.

Wo ist der Weg aus diesem Teufelskreis heraus?

Der Bedürftige sollte sich, wenn er den Partner nicht verlieren will, bewusst werden - ganz egal wonach sein inneres Kind schreit - dass er den anderen nicht pausenlos und in jeder Lebenslage in Anspruch nehmen kann. Dazu hat er kein Recht.

Er sollte sich auf den Weg machen sich selbst spüren zu lernen, sich füllen und lieben zu lernen. Er sollte lernen zu begreifen, dass Liebe da beginnt, wo sie keines anderen bedarf, nämlich in sich selbst. 

Ein erster Schritt in diese Richtung ist, etwas zu finden, was von innen hält, etwas was einem selbst gut tut, eine kreative Beschäftigung oder eine Aufgabe – möglichst eine, die selbstlos ist und nicht wieder den Zweck hat, sich aus der Energie anderer zu nähren. Ein langer Weg, der oft, ohne professionelle Unterstützung, beim besten Willen, nicht gelingt.


Liebe heißt, Wärme auszustrahlen,
ohne einander zu ersticken.
Liebe heißt, Feuer zu sein,
ohne einander zu verbrennen.
Liebe heißt, einander nahe zu sein,
ohne einander zu besitzen.
Liebe heißt, viel voneinander zu halten,
ohne einander festzuhalten.
Phil Bosmans