Donnerstag, 3. Mai 2012

Aus der Praxis - Der Sündenbock oder das "böse" Kind

 





Das Gefühl von Schuld ist schwer aushaltbar und sucht daher immer nach einem Ventil.

Da ist es eine Entlastung für die Seele, wenn dieses schwer aushaltbare Gefühl auf einen vermeintlich Schuldigen abgewälzt oder verlagert werden kann - auf den Sündenbock, der an allem schuld ist.

Kein Mensch und keine Gesellschaft will sich schuldig fühlen. Das Abwälzen von Schuld auf andere ist so alt wie die Menschheitsgeschichte, es ist eine zutiefst menschliche Konstante, die sich durch alle Gesellschaften und Religionen zieht.

Sündenbock-Rituale sind uralt und dennoch gehören sie nicht der Vergangenheit an, bis heute werden sie gelebt.

Die Geschichte ist reich an Beispielen für die Suche nach Schuldigen, denen man alles Übel anhängen kann. In den Schlagzeilen begegnen sie uns auch heute noch Tag für Tag.

So postuliert der Kulturanthropologe René Girard, der sich dem Thema Sündenbock in seinem Werk ausgiebig gewidmet hat, gar die Existenz einer fundierenden Erfahrung, die gezeigt hat, dass die Gewaltspirale eines Kollektives durch die Opferung eines Sündenbocks unterbrochen wird.  „Wenn die Gewalt in einer Gruppe einen Punkt erreicht, in dem alle die Gewalt aller nachahmen und das Objekt, das die Rivalität ausgelöst hat, „vergessen“ ist, stellt das Finden eines als schuldig empfundenen Individuums eine einheitsstiftende Polarisierung der Gewalt dar.“

Begründung: „Die Tötung oder die Ausstoßung des  zum „Schuldigen“ erkorenen Sündenbocks reinigt die Gruppe von der Gewaltseuche, weil diese letzte – gemeinsam vollbrachte – Gewaltanwendung keine Rache mit sich bringt. Da auch das Objekt, das die Krise ausgelöst hat, vergessen ist, ist die Reinigung durch die Opferung des Sündenbocks vollständig. Insofern die Auswahl des Sündenbocks eine mutwillige oder auch zufällige ist, ist der Sündenbock austauschbar: Seine Bedeutung für die Gruppe besteht in der durch ihn wiederhergestellten Einmütigkeit. Gleichzeitig ist aber der vernichtete Sündenbock in seiner „heilbringenden Abwesenheit“ einzigartig und unaustauschbar.“


Kulturanthropologisch gesehen stammen wir also aus Zeiten, die Sündenböcke benötigt und benutzt haben.

Bedauerlicherweise haben wir nichts dazu gelernt. Die Moderne zeigt, der Mensch ist auch hier unveränderbar. Er ist nicht fähig die Verantwortung, nicht bereit Fehlbarkeit und Schuld auf sich zu nehmen, nicht fähig diese Gefühle auszuhalten. Er braucht den Sündenbock. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Einfach und bequem, denn so muss man erst gar nicht zulassen nachgewiesen bekommen oder gar selbst erkennen und akzeptieren, wo die eigene Verantwortung liegt.

So schreibt der Neurologe und Psychiater Ulrich Bahrke, stellvertretender Leiter der klinischen Ambulanz am Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt: „Grundsätzlich braucht es in menschlichen Gruppen ab und an Sündenböcke, damit auf diese Weise die erlittene Aggression durch eine Gegenaggression gemildert oder gesühnt werden kann.„Immer dann, wenn besondere Schmerz- oder Leid-Situationen auftreten, kommen bei den Betroffenen Aggressionen und Schuldgefühle auf, die irgendwo verortet werden müssen.“

Der Sündenbock muss also gefunden werden, damit  ein anderer stellvertretend für die eigene Schuld gestraft und „geopfert“ werden kann.  Nur so tritt eine Entlastung  der unaushaltbaren Gefühle ein.

Mit anderen Worten: Auf den auserwählten Sündenbock wird alles Schlechte des Eigenen projiziert.

Im richtigen Leben heißt das, wer einmal als Sündenbock auserkoren wird, hat schlechte Karten.

Im richtigen Leben neigen sogar Familien dazu sich, bewusst oder unbewusst einen Sündenbock zu erwählen und sei es das eigene Kind.

Dieses Kind, meistens, ein schwieriges Kind, das irgendwie „anders“ ist, dient als Spiegelfläche für negative Seelenzustände und traumatischen Erfahrungen der Erwachsenen, die diese nicht gelöst haben. 

Das Kind wird funktionalisiert um das eigene Verdrängte „Schlechte“ nicht anschauen und aushalten zu müssen. Es wird abgestempelt und erfüllt die Rolle des Sündenbocks.

Dem schwächsten Glied werden Gedanken, Gefühle, Eigenheiten und negative Verhaltensweisen eines oder mehrerer Familienmitglieder übertragen.

Nicht erst seit C.G Jung Beschäftigung mit den Schatten wissen wir: „Was uns an anderen missfällt oder was wir an anderen hassen ist fast immer das, was wir selbst uneingestanden sind oder haben. Und in der Tat, unbewusst gelebte Schwächen und Verhaltensweisen haben die Neigung von aussen zu uns zurückzukehren, mehr noch, wir ziehen diese geradezu an, nach dem Motto gleich und gleich gesellt sich gern.

So ist es, wie die Praxis zeigt, möglich, dass das Kind stellvertretend für das „Böse“ in einem oder mehreren Familienmitgliedern genau dieses „Böse“ auslebt und fatalerweise damit unbewusst  seine ihm auferlegte Sündenbockrolle erfüllt.

In Wahrheit aber ist das „böse“ Kind das Symptom eines kranken Familienkonstruktes.

Je mehr das Konstrukt das „Böse“ verdrängt, desto mehr erfüllt das Kind dieses. Es hält dem Konstrukt den Spiegel vor. Ohne Worte, durch seine Taten und Verhaltensweisen schreit es: "Schaut hin, schaut in den eigenen Spiegel und tut etwas! Helft mir!“
 
Der stumme Schrei bleibt ungehört.
Die Spiegelfunktion wird nicht erkannt, sondern führt vielmehr dazu das „böse“ Spiel zu steigern. Der kindliche Spiegel wird „zerschlagen“, durch emotionale Misshandlung, Stigmatisierung oder im wahrsten Sinne des Wortes.

So bekämpft mancher Vater seine eigene Schwäche im Sohn, indem er ihn klein macht oder als schlecht bezeichnet, so kritisiert manche Mutter genau die Untugend an ihrer stehlenden Tochter, die sie gewiss nicht gestohlen hat. Auch Erwartungen,  die  Eltern ihren Kinder gegenüber hinsichtlich der Schullaufbahn oder hegen, beruhen nicht selten auf der Spiegelung eigener Wunschträume, die sich bei ihnen selber nicht erfüllt haben.

Wer einem Kind immerfort Lügen vorwirft, der nimmt es selbst mit der Wahrheit nicht genau. Wer in einem Kind nur  Schlechtigkeit sieht, trägt Schlechtigkeit in sich.
Wer ständig moralisierend über das eigene Kind den Stab bricht, dem fehlt es selbst es an Moral. Wer  sich ständig durch das aggressive Verhalten des Kindes angegriffen fühlt, trägt  Aggressionen in eigenen Unbewussten mit sich herum.

Der kindliche Sündenbock wird überflutet von stetiger Vorverurteilung, Schuldzuweisungen und Missgunst.

Das Kind kann sich nicht wehren und wehrt sich auf seine kindliche Art, indem es sich selbst verurteilt, sich für schlecht hält und genauso so handelt. Das Prinzip der sich selbst erfüllenden Prophezeiung beherrscht sein Leben.

Das Kind empfindet sich als Sünder und entwickelt  einen Sündenbock-Komplex. Egal was es tut, es erlebt sich durch die Reaktion und die Behandlung der Eltern immer wieder als das "schwarze Schaf", als der, der an allem die Schuld hat und trägt die Schuld auf seinem kleinen Rücken, im Zweifel, bis er bricht.

Es schämt sich seines Ichs, das den Erwartungen der anderen nicht genügt. Es ist einsam und verzweifelt. Es fühlt sich schlecht und wertlos. Soziale Kontakte zu Gleichaltrigen werden nicht gelebt, denn es hält sich für nicht wertvoll genug um mit den anderen sein zu dürfen, manche dieser Kinder werden zum Klassenkasper um überhaupt als Etwas wahrgenommen zu werden.

In nicht wenigen Fällen entwickelt sich so mit zunehmendem Alter ein delinquentes Verhalten.  
Der Sündenbock beginnt z.B. die gefühlte innere Leere mit Gegenständen zu füllen und beginnt zu stehlen oder er schlägt zu, weil er unbewusst versucht die unterdrückten Aggressionen gegen die übermächtigen Eltern durch Gewalt zu kompensieren, oder er entwickelt den Drang sich selbst auf die verschiedensten Arten zu verletzen um das von den Eltern konditionierte Muster von Schuld und Sühne an sich selbst zu vollziehen.

Alle Reaktionsweisen sind der verzweifelte Versuch, die unerträgliche Ohnmacht gegenüber den übermachtigen Eltern und das unaushaltbare Gefühl von Schuld zu wandlen um auf die „falsche“ Weise die eigene Macht als Mensch wieder zu erlangen.

Die Folge: Das „Problemkind“ wird zum massiven Problem der Familie.
In Wahrheit aber hat es ein Problem, das die Eltern ihm aufgeladen haben und symptomatisiert nur das kranke Konstrukt.

Fatalerweise gießt es damit  Wasser auf die Mühlen seiner „Richter“.  Es erfüllt und bestätigt unbewusst die ihm übertragene und erwartete Funktion des Sündenbocks. Es erfüllt sie, weil es nicht anders kann. Die Folge: Die anderen behalten Recht und müssen nicht bei sich selbst schauen und an sich selbst arbeiten, denn das Kind ist nicht ja das Problem, was sie ja schon immer wussten.

Das Böse, in den Sündenbock evakuiert, der als Behälter dient und entgiftend und reinigend wirkt, entledigt die anderen bei sich selbst zu beginnen und ihre eigenen Komplexe zu bearbeiten. Und es hält sogar durch die Übertragungsprojektion ein eigentlich zerstörtes Familienkonstrukt, das sich ohne den Sündenbock längst aufgelöst hätte, zusammen.

Wann aber endet das böse Spiel?
Es endet dann, wenn die Erwachsenen sich sich selbst und einander zuwenden, dann, wenn sie bereit sind zur Einsicht, dass das Problem bei ihnen liegt und das Kind nur eine Wirkung einer oder mehrerer Ursachen ist, für die es nicht verantwortlich zu machen ist.   

Es endet dann, wenn Erwachsene beginnen Eigenverantwortung für ihre „Schuld“ zu übernehmen.

Und der Sündenbock?
Ein Sündenbock ist dann kein Sündenbock mehr, wenn die Menschen sich seiner Unschuld bewusst sind.