Donnerstag, 2. Februar 2012

vergiss, vergiss ...

die vergangenheit. ein großes thema.

immer wieder lese und höre ich, dass wir sie vergessen sollen die vergangenheit, loslassen sollen, das zumindest, was an schlechten erinnerungen mit dieser vergangenheit verknüpft ist. loslassen, wenn sie an uns hängt wie ein schwerer rucksack, der uns wie ein bleiernes gewicht am weitergehen hindert, oder zumindest das gehen zur mühe macht.

loslassen, das zauberwort für das bis heute kein zaubertrank erfunden wurde. seltsam, wo wir doch unendlich viel erfinden, was unser leben leichter und besser macht.

nein, diesen zaubertrank gibt es nicht und auch kein anderes mittel, das uns vergessen lässt, ausser bruder schlaf. aber auch im schlaf blenden sich die bilder der vergangenheit in unsere träume, die wir, erinnern wir uns beim erwachen an die bilder der nacht, in unser neues morgen mit hinüber nehmen.

alzheimer, die krankheit des vergessens, ist das einzige mittel, der weg, den sich die seele wählt, um die vergangenheit stück für stück, jahr um jahr, in das dunkel des vergessens zu rücken. aber wer will schon alzheimer erleiden nur um endlich zu vergessen? keiner will das.

die wahrheit ist, solange wir leben, lebt diese vergangenheit mit uns, in uns, aus uns heraus. wie ein subtext, ein crawl legt sie sich unter das jetzt, oder darüber wie eine schwere decke, die wir nicht abschütteln können. die vergangenheit legt sich zu unserer gedachten zukunft, manchen von uns macht sie sogar das hineindenken in eine bessere zukunft unmöglich.

vergiss, vergiss ... vergessen geht nicht. es will nicht gehen. über das vergessen hat der mensch keine macht. auch wenn die mode glaubt, die macht der gedanken wäre zu allem fähig, sie irrt.

die gedankenmacht der vergangenheit ist um ein vielfaches trickreicher als die bewusste gedankenkraft. die schleichen sich ein, die splitter des gestern, unterwandern die gedankenkraft, legen sich als unbewusste gedanken hinter den gewollt gedachten gedanken und haben aus diesem untergrunddasein eine immense wirkung bis ins bewusstsein hinein und damit wirkung auf unser leben.

warum wundern sich viele menschen, wenn sie sich immer wieder, kraft der gedanken, eine vision ins leben rufen, ihr folgen, alles dafür tun und diese sich seltsamerweise dann doch nicht erfüllt?

womöglich stelllen sie fest, wenn sie ehrlich zu sich selbst sind - vergessen geht nicht, die vergangenheit kriecht von unten nach oben, immer wieder, ganz gleich, was wir dagegen zu setzen versuchen und boykottiert das jetzt.


wir sind machtlos gegen die sequenzen des vergangenen. machtlosigkeit, etwas, das der mensch nur schwer anzuerkennen bereit ist.

bisweilen sind sie gedanken an die vergangenheit so mächtig, dass sie manchen in den zustand der ohnmacht versetzen können. schwer traumatisierte menschen kämpfen ihr leben lang mit der vergangenheit, sie quälen sich mit dem vergessen wollen, weil die qual der erinnerung ihr leben zu einem dauerleiden macht.

das gehirn und die seele verweigern sich dem vergessen.
der ansatz vieler therapeuten und psychoanalytiker, wir müssten die vergangeheit bis zum urgrund aufarbeiten ist ein überwältigender gedanke. vergangenheitsbewältigungsarbeit ist schmerzhaft und bedarf eines jahrelangen prozesses der suche, sie bedarf unendlich vieler sitzungen, die altes wieder aufwühlen, unser jetzt mit altem überspülen und verzerren, denn das damals gefühlt erlebte vermischt sich mit dem heute gefühlten und dem heutigen erleben und lässt eindeutigkeit und klarheit schon von daher nicht zu. das ist als würde man die gegenwart zu einer wippe machen, auf der das alte und das neue um das oben sein kämpfen und nie in die balance kommen.

das ist anstrengend und zeitraubend - (er) lösung eine möglichkeit und keine garantie. auf diese weise wühlen wir uns, einem maulwurf gleich, unter die eigene erdung, zurück in den schmerz. auf diese weise bohren wir in der wunde, die unsere seele schließen will oder längst geschlossen hat, wir reißen sie auf, die wunde und am ende fließt frisches blut.

ist das sinnvoll?
ich bezweifle das.

wie aber, wenn wir dieses vergiss dem vergessen zuordnen? wie, wenn wir vergessen würden vergessen zu wollen?

eine möglichkeit.

wie, wenn wir uns das ganze einmal anders anschauen würden und, auch wenn es schwer ist, aus der betroffenenposition heraus eine beobachterhaltung einzunehmen versuchten, wenn wir den schritt wagen würden herauszutreten aus dem eigenen sumpf um von oben, von der seite, als aussenstehender, darauf zu schauen?

wie, wenn wir sagen würden: gut, das ist meine vergangenheit und ja, sie sieht schmerzhaft aus, sie fühlt sich schmerzhaft an - aber sie ist ein teil dessen, was mich zu dem macht, was ich jetzt bin, ein mensch, der gelitten hat, der aber immer noch da ist - am leben ... hurra!

wie wenn wir sagen würden: da steht ein mensch vor mir, der das alles geschafft hat, trotz der narben und wunden, die nicht verheilen wollen, oder gerade wegen dieser narben?

was, wenn wir sagen würden - meine vergangenheit ist ein segen? was wäre anders?


aus dem nein würde ein ja.
ein segnendes ja.
ein segen.
ein segen, der uns erstaunliche dinge gelehrt hat, uns tiefste gefühle hat fühlen lassen, ein segen, der uns neben all den negativen auch positive erfahrungen und botschaften geschenkt hat.

unsere wunden und unser schmerz sind unsere größten lehrer, wenn wir bereit sind sie als solche zu erkennen und anzunehmen.

alle negativen erfahrungen führen uns an orte an die wir freiwillig niemals gegangen wären, sie führen uns unter die oberfläche des oberflächlichen, hinab in die tiefe des eigenen lebens und die ist da, wo es dunkel ist und gruselig und schmerzhaft und angstmachend.


und das soll ein segen sein?
möglicherweise, wenn wir diese sicht der dinge zulassen. dann erkennen wir - wir sind zwar dort gewesen im dunkel, aber - wir sind da durch, wir waren stark und mutig, trotz der angst und dem schmerz und wir haben das überlebt, wir sind er wachsen.

wir sind tiefer geworden und wir haben die gabe gewonnen andere zu fühlen und zu verstehen, die auch in der tiefe des dunklen waren und aus ihr herausgestiegen sind.
wir wissen sogar wie das geht.


sollten wir das vergessen?
oder sollten wir, als der beobachter unserer eigenen vergangenheit, sagen - ja, das ist zwar wahrhaft etwas was ich mir nicht gewünscht habe, etwas, das ich meinem ärgsten feind nicht wünschen würde, aber ich habe das gebraucht, um der zu werden, der ich jetzt bin.

wenn wir dieses
ich durch seele ersetzen, fällt das noch leichter - möglicherweise hat unsere seele all das erfahren wollen.

die seele weiß mehr als diese kleine ich, denn sie ist der ort an dem die liebe wohnt, die erkenntnis, die wahrhaftigkeit und die weisheit. sie ist der ort in uns, den kein forscher jemals gefunden hat und wohl niemals finden wird. die seele lässt sich nicht greifen, aber sie begreift uns und alles sein, über die vergangenheit, das jetzt und die zukunft hinaus.

vergiss, vergiss ... kennt die weltenseele nicht.