Freitag, 29. Oktober 2010

Kreativität als Versöhnung mit dem Tod - Eine Reflexion

Kreativität ist wie das Leben Gegenpol zum Tod, der Gegenpol zur Nichtbewegung, zum Stillstand. Tot ist tot. Rein physisch gesehen. Das Sterben ist auch im Leben möglich: „Wer es nicht kennt dieses stirb und werde, ist nur ein trüber Geist auf dieser Erde“, so etwa, frei nach Goethe. Manch einer stirbt unzählige Tode. Um sich selbst immer wieder neu zu erschaffen?

Können wir sterben üben? Sicher nicht. Loslassen vielleicht. Auch das, eine schwere Übung. Tod ist: Nichts ist mehr. Ich glaube nicht an Himmel und Hölle, auch nicht an Wiedergeburt. Ich glaube an das Leben und den Versuch es so zu leben, dass ich am Ende sterben kann ohne sagen zu müssen: Ich hatte ein ungelebtes Leben. Ich weiß es gibt keinen Nachschlag. Deshalb glaube ich an Kreativität. Dadurch, dass sie Gegenpol zum Tode ist, bedingen Kreativität und Tod, besser das Gewahrsein des Todes, als letzte Instanz des Lebens, einander.

Im Ausleben des kreativen Potentials ist der Mensch selbst Schöpfer und damit ist er Gott am nächsten. Kreieren, etwas erschaffen, aus uns selbst heraus, entspricht dem schöpferischen Prinzip. Auf diese Weise versöhnen wir uns mit der Endlichkeit, besonders in jenen Zeitspannen, wenn wir im Flow sind. Erschaffen ist ein sich wiederholender Prozess, ein immer neuer Versuch des kreativen Menschen der Versöhnung mit dem Hineingeworfensein in sein Sein und sein Nicht mehr sein.


"Muss ich denn sterben um zu leben?", singt Falco, kurz vor seinem Tod, als habe er ihn geahnt. Der Tod, die Katharsis des Künstlers? Möglich.


Etwas erschaffen entspringt dem Motiv, sei es bewusst oder unterbewusst - etwas von sich selbst zu hinterlassen - nach dem Tod, ein mich Überlebendes. Ein Versuch des Geistes und der Seele dem Vergessen werden zu entrinnen. Ist Kreativität so nicht der lebenslang währende Versuch dem Tode die Stirn zu bieten? Ein Machtspiel mit etwas, das Größer ist als wir, ein Kampf mit einem unbezwingbaren Gegner. Der Tod ist absolut. Ob er somit vollkommen ist, wer weiß das schon? Er ist das große numinöse Etwas, das wie nichts anderes verbunden ist mit der Angst. Angst lähmt, Angst ist Starre, Tod ist Leichenstarre. Nicht der Schlaf ist der Bruder des Todes, auch die Angst.Die Angst vor dem Tod ist der Boden der Angst vor dem Ungewissen, sie ist vielleicht die Grundangst aller Ängste. Alles Ungewisse macht uns Angst. Der Tod ist das absolute Ungewisse und gleichsam die absolute einzige Gewissheit, die wir haben. Mit Gewissheit erreicht uns das Ungewisse des Todes. Er ist gewiss wie die Veränderung. Sterben und Tod sind die letzte Veränderung, die wir alle erfahren.


Was wissen wir vom Tod und was maßen wir uns an zu glauben. Alles Glauben und Denken in seine Richtung sind Krücken um dem Sensemann, der uns begegnen wird das schreckliche Antlitz milder zu malen. Kopfgeburten, nichts weiter.


Kreativität als Versöhnung mit dem Tod? Ein Agreement im besten Falle. Ein sagen können - ich habe gelebt, erschaffen, ich war Schöpfer meines eigenen Lebens. Und am Ende trete ich meinem Schöpfer entgegen, vielleicht. Ich akzeptiere meine Endlichkeit, weil das Werk darüber hinaus lebt.
Versöhnt das?

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